Archiv für den Monat Juni 2012

Domestizierte Kunst

Wenn die Subvention das Entree zur Entmündigung darstellt, so muss die Frage erlaubt sein, wie ist es dann um die Kunst in der Republik bestellt. Alles wird gefördert, die Angebote werden ausgedehnt, und es ist längst nicht mehr erlaubt, nach den Kriterien für die Förderung zu fragen. Kaum ein Bereich erfährt soviel finanzielle Zuwendung, ohne das geklärt wäre, wofür. Die Antworten sind unpräzise und schwammig, es wird ins Blaue fabuliert. Da ist die Rede von so genannter kultureller Hoheit, da geht es um ein Erbe, das es zu bewahren gilt und da wird von einer Erziehung schwadroniert, deren Ziele im Ungewissen bleiben. In keinem Ressort wird die Wirkung geklärt, die erzielt werden soll.

Die Tradition, von der geredet wird, stellt ein eigenartiges Konglomerat von gesellschaftlichen Interessen dar, die zu entschlüsseln eher Erkenntnisse über Besitzstandsverhältnisse bringt als über einen Gesellschaftsentwurf, den man vorgibt zu verfolgen. Das Interessante dabei ist der Schulterschluss von Bildungsbürgertum und der ehemaligen Linken. Dass das Bürgertum seine Kunstformen als Diskurs über die eigene Befindlichkeit finanziert haben möchte, ist seit dem 19. Jahrhundert gesetzt, dass aber die Epigonen der Frankfurter Schule und selbst die historischen Protagonisten der Kritischen Theorie den Staat als den Garanten der Hohen Kultur ausmachten und die diffamierte Kulturindustrie als Feind Nummer Eins diskriminierte, weist auf den Nationalcharakter der Deutschen hin. Der Übervater Staat als Großer Erzieher hier, die Skepsis gegenüber dem Massengeschmack und den unkontrollierbaren Regungen des kritischen Subjektes dort.

Kunst konnte in ihrer historischen Dimension immer zweierlei bewirken. Sie konnte den Glanz und die Macht der Herrschaft illustrieren und die Befindlichkeit der herrschenden Klassen manifestieren oder sie wirkte revolutionär. Ersteres geschah aufgrund von Auftrag und Subvention, letzteres aus dem Prekariat und dem Untergrund. Kunst, die innovativ wirkte, kam nie aus den Arealen der Erbhöfe und der Staatsbürokratien, zu denen die öffentlich geförderte Kunst mehrheitlich verkommen ist, sondern sie kam aus den aufstrebenden Teilen einer Gesellschaft, die Herrschaft entlarvte und neue Dimensionen des Zusammenlebens konturierte.

Gegenwärtig fällt auf, dass nahezu jede Regung künstlerischen Schaffens, die noch nicht über öffentliche Förderung kontrolliert wird, förmlich danach schreit, in den Genuss der Subvention zu kommen, was letztendlich auch diese Segmente als affirmativ, das Bestehende bedienend enttarnt. Das ist ein schlechtes Zeichen. Denn eine Gesellschaft, die seitens der Produktion von Waren, seitens der geopolitischen Konstellationen und seitens der konstitutiven Werte derartigen Innovationsschüben ausgesetzt ist, wie das in der letzten Dekade zu verzeichnen war, benötigt dringend Inspiration und spirituelle Impulse. Staatlich bezahlte, verbeamtete und im Korsett von Laufbahnregelungen eingezwängte Träger der Kunstinstitutionen sind dafür nicht geeignet. Keine Subvention produziert einen couragierten Geist, der das Bestehende in Frage stellt.

Sieht man sich die Produkte und Leistungen dessen an, was im letzten Jahrzehnt aus den Beamtenapparaten der staatlich geförderten Künste hervorgebracht wurde, so lassen sich bestimmte Tendenzen feststellen, die unter den Überschriften Individualisierung, Defätismus, Pathologisierung und Pessimismus gut Platz finden. Kein Theaterstück hat den gesellschaftlichen Diskurs befeuert, kein Roman die Gemüter erhitzt, keine Skulptur den Konsens schockiert, kein Musikstück die Rezeptionsgewohnheit auf den Kopf gestellt. Staatliche Förderung und Subvention sind Garanten für die Friedhofsruhe auf einem Terrain, deren Bevölkerung sich als Kulturnation wähnt. Wer den Dreck nicht kennt, der schafft nichts Großes, und wer im bürokratischen Apparat seinen Speck verzehrt, produziert gepflegte Langeweile.

Subvention und Bevormundung

Die Bundesrepublik Deutschland stand von Beginn an immer vor dem Spiegel der anderen Variante. Wenn Kapitalismus hier, so hieß es, dann geht eben auch Sozialismus dort. Beide, wie man im Deutschen so beliebt zu sagen „Systeme“ beargwöhnten sich von Anfang an. Auffällig war immer, dass der Kapitalismus des bundesrepublikanischen Westens immer eine Light-Version war. Das, was in den angelsächsischen Ländern, den USA, aber auch in den meisten romanischen Ländern als normal galt, nämlich, das Rentabilität sich selbst erwirtschaften müsse, erfuhr in der Bundesrepublik immer noch einen Zusatz. Wer scheiterte, dem musste geholfen werden, um soziale Härten zu vermeiden. Man wollte dem östlichen Voyeur keinen Anlass geben, sein Bild vom brutalen Kapitalismus bestätigt zu sehen.

Eine zweite Besonderheit des westdeutschen Kapitalismus war die früh in der Politik florierende Vorstellung, durch gezielte Intervention in wirtschaftliche Prozesse oder gesellschaftliches Verhalten den Gesamtprozess auf ein bestimmtes Ziel hin steuern zu können. Das war gedanklich nicht nur ein Derivat aus der östlichen Planwirtschaft, sondern auch die Geburtsstunde etatistischer Intervention in Prozesse, die genuin nicht Sache des Staates sind. Die Mittel gehen von fiskalischen Anreizen bis hin zu direkten Subventionen. Beides, so hat uns die Geschichte gezeigt, bewirkt in der Regel das Gegenteil des Intendierten. Fiskalische Stimuli reizen zu Missbrauch und Subvention zu Müßiggang.

Letzteres hat wie ein Ölfilm mittlerweile die gesamte Gesellschaft erreicht. Überall fließt die Subvention und wirkt auf einen tödlichen Widerspruch in sich selbst hin. Die Gruppe derer, die von der Subvention leben, wird ständig größer und die Gruppe derer, die ihre Existenz selbst erwirtschaften und noch etwas abzugeben in der Lage sind, schmilzt dahin wie der Schnee in der Märzsonne.

Das, was ursprünglich gut gemeint war, das nach einer bestimmten Vorstellung von Gerechtigkeit versuchte Steuern von Prozessen, ist zu einem Verteilungskampf um Pfründe geworden, die an die falsche Adresse gegangen sind. Nicht, dass der eine oder andere Empfänger nicht der richtige gewesen wäre. Aber um diese Empfänger herum haben sich regelrechte Industrien aufgebaut, die ihrerseits dafür sorgen, dass das Elend virulent bleibt, weil sie sonst überflüssig würden.

Die Vertreter dieser Industrien sind bestens in Lobbys organisiert und bestimmen durch ihr parlamentarisches Antichambrieren den Fluss der Mittel, die politisch beschlossen werden. Die Subvention ist in übergroßem Anteil die Zuwendung an das Konservieren von Missständen, nicht an Initiativen zu dessen Beseitigung. Und jede staatliche Intervention hinsichtlich eines Aspektes, den man zu steuern gedenkt, ruft aufgrund der Verflechtung und Komplexität eine Unzahl von Nachbarlobbys auf den Plan, die nach dem zu verteilenden Schmierstoff namens Subvention rufen.

Die Bilanz gesellschaftlich geflossener Subventionen ist desaströs. Ob im Sozialen, bei der Integration oder der Bildung, kalt gerechnet wurden die Probleme nie gelöst, sondern potenziert und verlagert. Die nunmehr – zumindest das bleibt eine verlässliche Größe – zyklisch wiederkehrenden Krisen könnten ein Fingerzeig für die Notwendigkeit eines Strategiewechsels sein. Sind sie aber nicht. Sie verstärken den Glauben an Staat und Intervention. Alles deutet darauf hin, dass zumindest hier, in Deutschland, niemand mehr auf eignen Beinen stehen will. Die Subvention ist das Gift der Entmündigung. Und es wirkt exzellent.

The Sound Of Tears

Charlie Mariano, Philip Catherine, Jasper van‘ t Hof. The Great Concert

Es gibt kaum einen Jazz-Musiker des letzten Jahrhunderts, der internationaler und welt-zugewandter war als der Italo-Amerikaner Charlie Mariano. Geboren als Sohn italienischer Einwanderer aus den Abruzzen, wuchs er in Boston auf. Dort studierte er Musik und begann seine Karriere als Alt-Saxophonist, die ihn sehr bald zu den Größen des amerikanischen Jazz führte. Selbst beeinflusst von Jonny Hodges und John Coltrane, fand er selbst seinen eigenen Sound, der immer wieder als der lyrischste Ton des Jazz bezeichnet wurde. Niemand geringerer als Charles Mingus nannte diesen Ton den Sound of Tears. Mariano, Jahrgang 1923, suchte schon bald nach dem II. Weltkrieg neue Einflüsse außerhalb der USA zu finden.

Seine Reisen und Aufenthalte führten ihn nach Europa, zunächst in die Niederlande und nach Belgien, dann immer wieder nach Asien, dort vor allem Indien und Japan. Selbst in Malaysia verbrachte er ein Jahr, um Musiker eines Radio-Orchesters auszubilden. Seit 1986 lebte er dann in Köln, wo er 2009 85-jährig starb. Seine verschiedenen Ensembles und vielseitigen Zugänge zu künstlerischen Herausforderungen sind Legende. Er vertonte in Zürich Peter Weiss´ Bühnenstück Marat/Sade, spielte bei der Band Embryo, war prominentes Mitglied des United Jazz & Rock Ensembles, spielte mit Herbert Grönemeyer und fand sich immer wieder zusammen mit zwei kongenialen Musikern, dem Gitarristen Philip Chatherine und dem Pianisten Jasper van´t Hof. Mit diesen trat er immer wieder auf. Wie auch am 2. Mai 2008 in Stuttgart, wo Mariano häufig zu sehen war, um, obwohl bereits 84-jährig und von einem Krebsleiden attackiert, unter dem Titel The Great Concert eine Vorstellung zu geben, die seine letzte sein sollte. Mariano starb ein Jahr später in Köln.

Das Trio präsentierte auf dem Gott sei Dank unter professionellen Bedingungen mitgeschnittenen Auftritt insgesamt sechs Stücke, die wie ein Vermächtnis dieses großartigen Musikers nachklingen. Chrystal Bells als Auftakt verrät den intuitiv gefühlten Abschied, Charlie Mariano brilliert mit seinem lyrischen, von Melancholie durchtränkten Ton, dem Catherine mit dissonanten Akkorden jeden Anflug von falschem Pathos nimmt und den Jasper van´t Hof in eine unvergessliche Erzählung einbettet. The Quiet American, von Van´t Hof eingeleitet wie ein letzter Akt, macht deutlich, dass die Auswahl dieses Stückes mehr ist als eine Koinzidenz. Randy wiederum ist eine große Lektion, wie sich ein Saxophonist Thema wie Verfremdung nähert, es ist Musik, die keinen Zweifel darüber lässt, was letztendlich zählt: neben Butter und Brot ist es die Fähigkeit, zu erkennen, zu lernen und zu üben. Mute wiederum weist auf die große Erfahrung hin, dass das Nicht-Tun und Auslassen zuweilen eine eigene Qualität großer Musik ist. Und mit L´Eternel Desir und Plum Island, das dieses großartige Konzert abschließt, gelingt diesen Musikern ein Ausklang, der dem gesamten Auftritt in Stuttgarts Theaterhaus würdig ist.

Mit dieser CD ist ein Stück Jazzgeschichte festgehalten worden. Und es ist eine wunderbare Erinnerung an Charly Mariano. Der Mann, der dazu in der Lage war, die Welt für einen kurzen Augenblick anhalten zu lassen.