Die Bundesrepublik Deutschland stand von Beginn an immer vor dem Spiegel der anderen Variante. Wenn Kapitalismus hier, so hieß es, dann geht eben auch Sozialismus dort. Beide, wie man im Deutschen so beliebt zu sagen „Systeme“ beargwöhnten sich von Anfang an. Auffällig war immer, dass der Kapitalismus des bundesrepublikanischen Westens immer eine Light-Version war. Das, was in den angelsächsischen Ländern, den USA, aber auch in den meisten romanischen Ländern als normal galt, nämlich, das Rentabilität sich selbst erwirtschaften müsse, erfuhr in der Bundesrepublik immer noch einen Zusatz. Wer scheiterte, dem musste geholfen werden, um soziale Härten zu vermeiden. Man wollte dem östlichen Voyeur keinen Anlass geben, sein Bild vom brutalen Kapitalismus bestätigt zu sehen.
Eine zweite Besonderheit des westdeutschen Kapitalismus war die früh in der Politik florierende Vorstellung, durch gezielte Intervention in wirtschaftliche Prozesse oder gesellschaftliches Verhalten den Gesamtprozess auf ein bestimmtes Ziel hin steuern zu können. Das war gedanklich nicht nur ein Derivat aus der östlichen Planwirtschaft, sondern auch die Geburtsstunde etatistischer Intervention in Prozesse, die genuin nicht Sache des Staates sind. Die Mittel gehen von fiskalischen Anreizen bis hin zu direkten Subventionen. Beides, so hat uns die Geschichte gezeigt, bewirkt in der Regel das Gegenteil des Intendierten. Fiskalische Stimuli reizen zu Missbrauch und Subvention zu Müßiggang.
Letzteres hat wie ein Ölfilm mittlerweile die gesamte Gesellschaft erreicht. Überall fließt die Subvention und wirkt auf einen tödlichen Widerspruch in sich selbst hin. Die Gruppe derer, die von der Subvention leben, wird ständig größer und die Gruppe derer, die ihre Existenz selbst erwirtschaften und noch etwas abzugeben in der Lage sind, schmilzt dahin wie der Schnee in der Märzsonne.
Das, was ursprünglich gut gemeint war, das nach einer bestimmten Vorstellung von Gerechtigkeit versuchte Steuern von Prozessen, ist zu einem Verteilungskampf um Pfründe geworden, die an die falsche Adresse gegangen sind. Nicht, dass der eine oder andere Empfänger nicht der richtige gewesen wäre. Aber um diese Empfänger herum haben sich regelrechte Industrien aufgebaut, die ihrerseits dafür sorgen, dass das Elend virulent bleibt, weil sie sonst überflüssig würden.
Die Vertreter dieser Industrien sind bestens in Lobbys organisiert und bestimmen durch ihr parlamentarisches Antichambrieren den Fluss der Mittel, die politisch beschlossen werden. Die Subvention ist in übergroßem Anteil die Zuwendung an das Konservieren von Missständen, nicht an Initiativen zu dessen Beseitigung. Und jede staatliche Intervention hinsichtlich eines Aspektes, den man zu steuern gedenkt, ruft aufgrund der Verflechtung und Komplexität eine Unzahl von Nachbarlobbys auf den Plan, die nach dem zu verteilenden Schmierstoff namens Subvention rufen.
Die Bilanz gesellschaftlich geflossener Subventionen ist desaströs. Ob im Sozialen, bei der Integration oder der Bildung, kalt gerechnet wurden die Probleme nie gelöst, sondern potenziert und verlagert. Die nunmehr – zumindest das bleibt eine verlässliche Größe – zyklisch wiederkehrenden Krisen könnten ein Fingerzeig für die Notwendigkeit eines Strategiewechsels sein. Sind sie aber nicht. Sie verstärken den Glauben an Staat und Intervention. Alles deutet darauf hin, dass zumindest hier, in Deutschland, niemand mehr auf eignen Beinen stehen will. Die Subvention ist das Gift der Entmündigung. Und es wirkt exzellent.
