Archiv für den Monat Juni 2012

Asynchrone Simultanität

Nahezu das gesamte 20. Jahrhundert definierte die Moderne mit dem technischen Niveau und der technischen Durchdringung von Gesellschaften. So ist es kein Wunder, dass der Begriff der Moderne lange Zeit als Synonym für den Industrialismus galt. Etymologisch gab er das nicht her, metaphorisch schon. Wie das so ist mit der menschlichen Psyche und ihrer Fähigkeit, sich zu verändern, sind die emotionalen Halbwertzeiten menschlichen Handelns anders als dessen kognitive. So kommt es, dass wir uns gedanklich oft bereits in anderen Welten bewegen, während wir emotional und vom Verhalten noch in einer zurückliegenden wandeln. So erklärt es sich zum Beispiel, dass die Börsianer der Wall Street, die heute das Spiel des post-industriellen, post-finanzkapitalistischen, globalisierten Spekulationskapitalismus verkörpern, vor der Börseneröffnung in der 10. Straße in ein Frühstückshaus gehen, und sich dort ernähren wie die auf dem Feld arbeitenden Farmer des 18. Jahrhunderts.

Bizarr wird die Betrachtung dieser Kluft zwischen Ratio und Emotion, wenn wir den Begriff der Moderne selbst betrachten. Obwohl wir uns bereits in anderen Lebenswelten bewegen, ist das Gros unserer Zeitgenossen immer noch geneigt, die Moderne, oder besser formuliert, Modernität als eine Frage technischer Innovation zu verstehen. Aus kulturkritischer Sicht kann ein derartiges Verständnis allerdings nur als hoffnungslos sozialromantisches Phänomen verstanden werden.

Technische Verfahren ihrerseits sind unter ihrer humanen und sozialen Wirkungsweise vor allem seit der Digitalisierung eher Prozesse, die entmündigen und extrem vereinfachen und sie tragen nicht dazu bei, archaische Muster zu überwinden. Die politisch erfolgreichen Systeme der Gegenwart sind nicht gekennzeichnet durch Modernität im Sinne spiritueller Innovation, sondern durch die Verfügbarkeit und den Zugriff auf immense Ressourcen bei Mensch und Natur. Und wer die bürgerliche Autonomie des Individuums in den sozialen Netzwerken ohne Gegenleistung preisgibt, muss sich das Urteil gefallen lassen, praktisch mit den Rechtszuständen vor-bürgerlicher Gesellschaften zu kokettieren.

Andererseits erleben wir seit unserer zeitgenössischen Epoche der Globalisierung keine territoriale Dominanz mehr für spirituelle Innovation und Inspiration. Der Diskurs über die Zukunft der Welt mag in feuerländischen Holzhäusern ebenso inszeniert werden wie in Glaspalästen in Shanghai. Die digitale und globale Vernetzung ermöglicht dieses, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass an den physischen Orten gedanklicher Erneuerung lebensweltliche Spannungsfelder liegen, die das eigentliche Wesen der diskursiven Weltgesellschaft ausmachen.

In Wirklichkeit bedeutet Modernität heute nicht eine Zone relativer entwicklungsspezifischer Homogenität, wie wir es vielleicht zuletzt in den Industriegesellschaften beobachten konnten. Modernität heute bedeutet in der Regel, Simultanität von High-Tech und Windrad, von Demokratie und Despotismus, von zivilisatorischer Toleranz und Barbarentum, von archaischen Verhaltensmustern und Schwarmintelligenz. Die große Herausforderung besteht darin, diese Simultanität des Asynchronen zu steuern und zu Ergebnissen zu steuern. Und die Fragen an die heutige Moderne lauern hinter diesem Unterfangen.

Teófilo Francisco Stevenson Lawrence

Gehen sie zu Ende, die Biographien, die sich ausnehmen wie ein einziger Abenteuerroman? Zumindest heute ist es wieder vorbei mit einer der herzzerreißenden Romanzen des freien Willens. Teófilo Stevenson, genauer gesagt Teófilo Francisco Stevenson Lawrence, der Mann mit dem Namen, der allein für den Kolonialismus stehen könnte, Teófilo Stevenson, das Pendant der Dritten Welt zu dem sagenhaften Muhammad Ali, ist gestern im Alter von 61 Jahren in Havana de Cuba an Herzversagen verstorben.

Seinen ersten Kampf bestritt er 1966 mit Vierzehn und verlor. Von seinen ersten zwanzig Kämpfen unterlag er in vierzehn. Und dann war er da, mit sechzehn Jahren zum ersten Mal Juniorenmeister in Kuba. Es folgten 11 kubanische Meisterschaften, 7 Siege in den Kämpfen über die Boxherrschaft im Schwergewicht in der Karibik, drei Weltmeisterschaften (1974, 1978, 1986) und drei olympische Siege (1972, 1976, 1980). Teófilo Stevenson war das Sportidol der Dritten Welt und der Bewegung der Blockfreien, ein hoch politischer Mensch, der großen Wert darauf legte, Amateur zu bleiben. Er boxte wie ein erstklassiger Amateur, d.h. seine Technik war brillant, sein Tempo atemberaubend und seine Bewegungsabläufe choreographisch. Dennoch verfügte er über den Punch, der alles entscheidet.

Schnell wurde sein Name als der einzig möglich ebenbürtige gegenüber Muhammad Ali genannt. Beide zollten sich großen Respekt und waren einer sportlichen Auseinandersetzung nicht abgeneigt. Die vor allem US-amerikanischen Boxpromotoren wollten Teófilo Stevenson unbedingt ins Profilager locken und boten ihm horrende verlockende Summen. Letztendlich scheiterte der mögliche Kampf gegen Ali an der Weigerung Stevensons, seinen Amateurstatus aufzugeben.

Stevenson war überzeugter Patriot im revolutionären Kuba. Quasi in das Kuba Fidel Castros und Che Guevaras hineingeboren, kannte er noch den Status seines Landes als Spielcasino und Bordell der USA. Er selbst hatte seinen eigenen Aufstieg vehement der Sport- und Erziehungsreform des Neuen Kuba zu verdanken. Trotz der großen Probleme seines Landes, die zwar immer mal wieder anders gelagert, aber nie geringer wurden, blieb er seinem Land gegenüber bis zu seinem gestrigen Tod loyal und ließ sich nicht durch das große Geld locken. Das machte ihn zum Vorbild mehrer Generationen.

Sein wohl berühmtester Satz ist die Antwort auf die Frage, warum er die verlockenden Angebote aus den USA stets abgeschlagen hatte. Bis zum heutigen Tag besitzt dieser Satz nahezu den Status einer Präambel zur kubanischen Verfassung:

„Was ist eine Million Dollar gegen acht Millionen Kubaner, die mich lieben?“

Konstitutionsprinzipien zahnloser Kunst

Haselbach, Klein, Knüsel, Opitz. Der Kulturinfarkt. Von allem zuviel und überall das Gleiche

Um gleich mit einem Lob zu beginnen: Es gehört mittlerweile große Courage dazu, sich mit den Subventionsbranchen der Republik anzulegen. Die da wären der Sozialsektor, die Integration, rudimentär die Bildung und last not least die Kultur. Allesamt wurden seit der Reformepoche der frühen siebziger Jahre des letzten Jahrtausends systematisch ausgebaut und gefördert. Das alles geschah aus der ehrlichen Überzeugung, damit die Gesellschaft gerechter und lebenswerter zu machen. Leider, und das stellen die Autoren zurecht fest, haben die subventionierten Sektoren zunehmend eine eigene Bürokratie und eine Eigendynamik entwickelt, die sie immer weiter von ihrem eigentlichen Auftrag entfernt haben. Dafür sind sie zu einer Meinungsmacht geworden, die Politik maßgeblich beeinflusst.

Das Buch Kulturinfarkt. Von allem zuviel und überall das Gleiche hat bei seinem Erscheinen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen und die Autoren Haselbach, Klein Knüsel und Opitz wurden angefeindet und diffamiert wie man es aus den Subventionsbranchen gewohnt ist. Ihre Hauptthese ist bereits in der Überschrift lesbar und daher erübrigte es sich für viele, das Buch erst zu lesen. Es empfiehlt sich dennoch!

Die Autoren beschreiben anhand zahlreicher Beispiele und immer mit Zahlenmaterial unterlegt, das Volumen öffentlicher Mittel für das Produkt Kunst. Sie zeigen auf, in welcher Dimension sich die Zuwendung abspielt und setzen das in Kontrast zu der Qualität der erhaltenen Leistung. Letzteres lässt aus Sicht der Autoren zu wünschen übrig, weil es, und da fehlt die Erklärung, vielleicht auch, weil die Autoren, die die Kulturbranche gut kennen, es einfach voraussetzen. Der öffentlich finanzierten Kunst fehlen nämlich Schock und Affront, sie ist verkommen zu einem Sammelsurium affirmativer Etüden, die kaum noch interessieren. In ausführlichen Kapiteln jedoch beschreiben die Autoren den Weg, wie es dazu kam. Hoch interessant ist das Kapitel über die seltsame Genese des Kulturstaatsgedankens, einerseits immer protegiert vom Bildungsbürgertum seit der Weimarer Klassik und dann unterfüttert von Adorno höchstselbst, in dem er die Kulturindustrie als frivoles Herrschaftsinstrument diffamierte und die staatlich geförderte Kunst als autonom bezeichnete!

Die Forderung, die Mittel kultureller Förderung schlichtweg zu halbieren, ist von der Dramaturgie her mutig und hat zu den zahlreichen, allerdings wenig geistvollen und eher polemischen Diskussionen geführt, weil jeweils die Empfänger auf den Podien sitzen und viel zu selten diejenigen, die das Geld verteilen. Da eben begänne der eigentlich wichtige Diskurs über den Zweck von Kunst und Kultur. Die Hinweise der Autoren, wie in Zukunft der Handlungsbedarf an den Schnittstellen aussehen muss, läuft auf eine Effektivierung der Subvention hinaus, was den anfänglich provokativen Gedanken konterkariert. Insofern ist das Buch vielleicht doch ein Hinweis von Beratern, die wissen, wie man es besser macht?

Nichtsdestotrotz sind die formulierten Gedanken eine grundlegende und notwendige Bereicherung für eine Diskussion, die längst überfällig ist: In Anbetracht der Anzahl der Nutznießer öffentlich geförderter Kunst ist das Ausmaß der Förderung schlichtweg ungerecht, weil es Eliten trifft, während notwendige Investitionen in Bildung auf der Strecke bleiben. Die gezeitigte Qualität lässt zu wünschen übrig, die Quantität lenkt gar vom Wesentlichen ab. Und der beamtete Apparat des Kulturstaates ist zu weit weg vom Gedanken der Befreiung, jenem Urknall des deutschen Idealismus, dessen Tradition wir nun wirklich nicht leugnen sollten.