Archiv für den Monat Juni 2012

In Zeiten der Raserei

Es gibt Phasen, die nennt man Hochsaison. Gemeint ist damit nicht der Urlaub, sondern die Zeit davor. Je nach Bundesland, zumeist aber zwischen Pfingsten und den Sommerferien, da kommen die politischen Systeme noch einmal so richtig ins Rollen. Ursache dafür sind die Sitzungspausen, die mit den Schulferien korrelieren. Grund dafür ist der Löwenanteil der Beamten in den Parlamenten. Und, so kurz vor der Sommerpause, da fällt dann vielen von ihnen ein, dass sie ein Mandat haben und dieses auch durch Entschlusskraft zeigen müssen. Folglich wird so richtig Druck erzeugt auf die Verwaltungen, bis pünktlich zum Ferienbeginn alles noch auf den Tisch zu bringen, was entschieden werden muss.

Das Seltsame bei der, gelinde gesagt berufsgruppenspezifischen Stresssituation, ist die Tatsache, dass eine gewisse immanente Hysterie sich auf das gesamte Sozialsystem ausweitet. Immer dann, wenn in unseren Breitengraden die Tage am längsten sind und eigentlich die Zeit wäre, über das Dasein zu reflektieren und mit Distanz auf die zivilisatorischen Beschleunigungsprozesse mit etwas Muße zu schauen, bricht der Sturm der operativen Geschäftigkeit aus und es wird das verhindert, was die Gesellschaft im Zeitalter der digitalisierten Prozesskontrolle am dringendsten braucht: der entspannte Blick auf die Subjekt – Objekt – Beziehungen.

Was wie eine lästige Marotte eines freizeitorientierten Berufsstandes, dessen Ferienzeiten in Stein gemeißelt zu sein scheinen, erscheint, entpuppt sich, sei es nun eine Koinzidenz oder eine Kausalität, als die gezielte Verhinderung einer notwendigen Kritik. Denn eine Gesellschaft, die sich derartig gezielt die Zeit stehlen lässt und eine Gesellschaft, die derartig unbewusst mit ihren Zeitkontingenten umgeht, ist meilenweit von kritischer Selbstbestimmung entfernt.

Fast sehnt man sich nach den rauschgetriebenen 2000 Lightyears from Home zurück, in denen es möglich war, die irdischen Zwänge einfach beiseite zu schieben. Und groß ist der Schrecken, den die uns täglich begegnenden Individuen verursachen, die mit gehetztem Blick, absurder Argumentationslogik und zitternden Gesten, die zwischen Panik und finalem Zusammenbruch angesiedelt zu sein scheinen. Menschen, die ansonsten einen vernünftigen Eindruck vermitteln, sind in diesen Zeiten der Hochsaison ein verhuschter Schatten ihrer selbst. Getriebene, Unglückliche, Willenlose.

Stünde das alles, d.h. die ganze Hast und das ganze Unglück, in irgend einer Relation zu einem reichen Ertrag, so wäre die Deutung erlaubt, man zahle einen hohen Preis für ein Gut, das über allem anderen stehe. Bei näherer Betrachtung jedoch fällt sofort und ohne jeden Zweifel auf, dass diese Wechselwirkung jedes Jahr von Neuem auf nichts als auf einer Illusion beruht. Nach der Hochsaison steht nicht einmal die Leere, oder die Anpassungsdepression, nein, es geht so weiter wie bisher, es gibt keine Ernte, sondern nur den Horror vor der nächsten Hochsaison, die wiederkehrt wie das Thema in einem Rondo, immer die gleichen Motive, immer die gleiche Trivialität und immer das gleich dünne Ergebnis.

Von Walter Benjamin stammt das kluge Wort, Revolution könne auch manchmal bedeuten, die Notbremse zu ziehen. In einem System der unreflektierten Beschleunigung, die idiotischerweise auszukommen scheint ohne eine Nennung des Ziels, scheint diese Maxime eine sehr kluge zu sein. Die programmatische Diskreditierung, wer nicht mitfahre, sei ein Fortschrittsfeind, kann fadenscheiniger nicht sein. Auch da kommt eine kluge Sichtweise in den Sinn, wie sie auf einer Skulptur in Leipzig zu lesen ist: Natürlich kann man Subjekte dem Prozess opfern. Aber immer nur das eigene!

Die Talfahrt des politischen Journalismus

In einem Land, in dem seit drei Jahrzehnten lediglich drei Kanzlerschaften erlebbar waren, kann man wahrlich von stabilen Verhältnissen sprechen. In diesen drei Jahrzehnten gewöhnte sich das Wahlvolk daran, dass programmatische Aussagen vor den Urnengängen, wie sie vorher üblich waren, aus der Mode kamen. Helmut Kohl, der es auf 16 Jahre brachte, war zu gewieft, um sich durch konkrete Zielaussagen messbar zu machen. Er führte die Metapher (Blühende Landschaften, Europa der Brüderlichkeit) ein, um seine politischen Zielsetzungen zu umschreiben. Und Angela Merkel, die letzte in der Reihe, übertrifft ihren Lehrmeister noch, in dem sie das subjektive Erleben von Politik in ihre Verkündungsgebete einfügt. Eigenartigerweise war Gerhard Schröder der einzige, der es wagte, Zielsetzungen sehr konkret zu beschreiben und danach auch seine praktische Politik auszurichten. Honoriert wurde das allerdings von niemandem, nicht einmal von seiner eigenen Partei.

Und selbst bei einer Betrachtung der nebulös formulierten politischen Reiseziele fiele eine Evaluierung dessen, was tatsächlich Zählbares am Ende einer Legislaturperiode steht, nicht sonderlich berauschend aus, weil die Regierenden in den meisten Fällen dazu tendieren, auf das demoskopische Datenmaterial zu starren und sich in der Kunst des Lavierens zu verbessern.

Als im Jahre 2008 der erste schwarze amerikanische Präsidentschaftskandidat, Barack Obama, seinen Hut in den Ring warf, erfrischte er hiesige Beobachterinnen und Beobachter allein dadurch, dass er seine Vorstellungen sehr konkret formulierte und sich nicht im Medium der esoterischen Prosa bewegte. Klipp und klar forderte er, dass es in der auf Liberalismus basierenden Siedlergesellschaft endlich eine gesetzlich verpflichtende und garantierte Krankenversicherung für alle geben müsse. Des Weiteren kündigte er an, dem internationalen Top-Terroristen Osama Bin Laden das Handwerk legen zu wollen. Eine weitere Ansage galt der Belebung der Wirtschaft und der damit verbundenen Schaffung von mehr Jobs. Und letztendlich beschrieb er das Projekt, die hegemoniale Rolle der USA in der globalen Weltgesellschaft neu definieren und mit Leben füllen zu wollen. Letzteres war etwas abstrakt, liegt aber in der Natur der Sache.

Die Bilanz, die sich nach vier Jahren aufdrängt, ist folgende: 1. Eine gesetzliche Krankenversicherung ist etabliert, 2. Osama Bin Laden existiert nicht mehr, 3. es gibt mehr Jobs, noch nicht genug, aber angesichts der Weltfinanzkrise, die in den USA ihren Anfang nahm, eine erstaunliche Leistung. 4. Die Lehren aus der Finanzkrise wurden gezogen, Gesetze zur Beschränkung der Spekulation durch Banken, von denen Europa nur träumen kann, wurden verabschiedet. 5. Die USA werden weltweit bereits nicht mehr als säbelrasselnder Polizist wahrgenommen, wiewohl die Neudefinition dieser Macht und ihrer Rolle noch nicht abgeschlossen ist.

Nun, im vierten Jahr von Obamas Regentschaft und angesichts des bevorstehenden US-Wahlkampfs, wollte wohl der SPIEGEL als erstes die Bilanz dieses Präsidenten in den deutschen Politjournalen ziehen. Was unter dem Titel Obamas traurige Präsidentschaft allerdings auf den Markt kam, dokumentiert entweder eine schwere Wahrnehmungsstörung, die durch die Entwöhnung positiver Bilanzen im eigenen Lande zustande gekommen ist, oder ein demagogisches Manöver, das sich gegen die Provenienz des US-Präsidenten richtet oder schlichtweg den Verlust politischen Sachverstandes. Einerlei! Da es sich bei dem Journal um ein ansonsten als veritabel angesehenen Blattes der deutschen politischen Journalismus handelt, fragt man sich, ob auch dort, quasi dem demokratischen Über-Ich des demokratischen Diskurses, die Freude am Versagen größer ist als der Mut zur Veränderung?

Wie dem auch sei. Dort, wo die Musik in diesem Falle spielt, in den USA, werden derzeit heftige Auseinandersetzungen um die Zukunft der westlichen Demokratie geführt. Die Galionsfigur für das auch nicht parteigebundene demokratische Lager ist Barack Obama. Und es ist sehr zu wünschen, dass er die bevorstehenden Wahlen gewinnt.

Das große Konkurrieren möglicher Welterklärung

Jochen Hörisch. Theorie-Apotheke

Das Desaster der zeitgenössischen Intellektuellen äußert sich augenscheinlich in dem Nicht-Stattfinden im öffentlichen Diskurs. Dort, wo sie im letzten Jahrhundert nicht wegzudenken waren, sitzen heute Sprechblasenproduzenten, deren theoretisches Fundament weit hinter dem Basalen zurück bleibt. Bevor man zu ergründen sucht, wieso das so ist, bietet sich eine andere Methode an, der der Mannheimer Wissenschaftler Jochen Hörisch nachgegangen ist. Inspiriert von Hans Magnus Enzensberger machte er sich daran, die human-wissenschaftlichen Theorien nach einem zugegeben skurrilen, bei näherem Hinsehen aber gar nicht so abwegigen Denkschema aufzulisten, was im sozialen Kokon der Universitäten an Theorien entstand.

Ausgangspunkt der Betrachtungen ist die Feststellung, dass nach dem Tod der großen, vor allem in Deutschland so verehrten philosophischen Systeme, die mit dem Anspruch daher kamen, alles zu erklären, was die Welt hervorbrachte, ein Phase der Philosophiegeschichte kam, in der der Heilungsaspekt gesellschaftlicher Symptome überwog. Folgerichtig und mutig greift Hörisch zu der Metapher der Apotheke und präsentiert dieses Buch mit dem Titel Theorieapotheke. Eine Handreichung zu den human-wissenschaftlichen Studien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen. Folgerichtig gibt er in sehr pointierter Weise zu jeder Theorie, die er kurz vorstellt, ein Resümee unter dem Titel Wirkungen, Risiken und Nebenwirkungen.

Und man glaubt es kaum, Hörisch kommt bei seiner Auflistung auf insgesamt 32 Theorieansätze, die er für würdig hält, näher betrachtet zu werden, weist aber gleichzeitig darauf hin, wie viele er nicht berücksichtigen konnte. Dennoch erfahren die Leserinnen und Leser etwas über die Analytische Philosophie, Derridas Dekonstruktion, Foucaults Diskurstheorie, die Hermeneutik, Watzlawicks Kommunikationstheorie, den Kritischen Rationalismus, die Frankfurter Schule und Blumenbergs Metaphorologie bis hin zu Luhmanns Systemtheorie und der Zivilisationstheorie von Norbert Elias. Kurz und prägnant und mit dem Witz des Überlebenden fasst der Autor die wesentlichen Thesen zusammen und gibt Hinweise auf die zeitgenössische wie spätere Rezeptionsgeschichte.

Es ist zu empfehlen, die einzelnen Beiträge nachzuschlagen, wenn Interesse besteht, weil eine chronologische Lektüre das hervorbringt, was Hörisch mit einem Augenzwinkern in Form eines Wittgenstein-Zitats dem Ganzen voranstellt: Die Methode des Philosophierens ist es, sich wahnsinnig zu machen, und den Wahnsinn wieder zu heilen. Um sich jedoch mit den einzelnen Theorien näher zu befassen, empfiehlt es sich wie immer, die Originaltexte zu lesen.

Was sich bei der Lektüre aufdrängt und als epistemologische Beigabe quasi genossen werden kann ist die Erkenntnis, dass die Kritikfähigkeit einer Branche existenziell abhängig ist von den kodifizierten und textlich formulierten Theoremen, von der sie ausgeht. Und rein phänomenologisch wird sehr schnell klar, dass eine große Epoche human-wissenschaftlicher und sozial-philosophischer Welterklärung im letzten Jahrhundert hinter uns liegt und wir uns derzeit in einer kritisch-spirituellen Wüste befinden. Letztere ist ein Symptom für die Implosion des Intellektuellen als gesellschaftlich relevanter Kraft. Während in dem vom Autor erfassten Zeitraum große Verwirrung über das Konkurrieren unzähliger Möglichkeiten der Welterklärung vorherrschte, wird heute zumeist leeren Blickes auf Hirnforschung oder Kybernetik verwiesen.

Das Buch ist als Utensil, welches durchaus von Nutzen sein kann, zu betrachten. Und es fördert die Inspiration auf der berühmten Meta-Ebene zu reflektieren, woher nach der Sprachverwirrung dieser Jahre das große Verstummen kam.