Archiv für den Monat Dezember 2011

Wie einst auf dem Chitlin‘ Circuit

Tommy Castro presents The Legendary Rhythm & Blues Revue

Der nach dem Soulfood benannte Chitlin´Ciruit war eine Route von Clubs im Süden der USA, die es während der Rassentrennung den schwarzen Musikern erlaubte, ohne Schikanen aufzutreten und vor den eigenen Leuten zu spielen. Das waren Ochsentouren, die aus unzähligen Gigs bestanden, jeden Abend auf einer anderen Bühne und wenig Schlaf in verwanzten Hotels oder klappernden Bussen. Jimi Hendrix lernte auf diesen Touren als Rhythmusgitarrist bei Solomon Burke und James Brown holte sich dort den Rückenwind für seine Funkrevolution.

Der in Kalifornien geborene Tommy Castro, der das große Glück hat, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, die zumindest die offizielle Rassentrennung hinter sich gelassen hat und in der es für Musiker normal ist, in Ethnien keine Grenzen, sondern eine Bereicherung zu sehen, steht insofern in der Tradition des Chitlin´Curcuit, als dass er zu den wohl härtest tourenden Musikern seines Genres gehört. Ca. 150 Auftritte pro Jahr und zumeist mit einem Konzept, das den alten Roadshows gleicht. Zumeist reist Tommy Castro mit anderen Vertretern und Bands des Blues Labels Alligator Records durchs Land und beschert dem Publikum eine bunte Show.

Auf dem Live Album Tommy Castro presents The Legendary Rhythm & Blues Revue kommt man in den Genuss eines solchen Auftritts, der das Spektrum des sehr auf die Pflege des Blues bedachte Alligator Label sehr gut abdeckt. Neben Tommy Castro, der in bekannter und explosiver Form Wake Up Call, Gotta Serve Somebody, Painkiller und Serves Me Right To Suffer präsentiert, findet sich Michael Burks mit einem klassischen Blues namens Voodoo Spell, der legendäre Joe Louis Walker mit It´s A Shame in der mit Bläsern untermalten Tradition des Rhythm & Blues und einer atemberaubenden Sista Monica Parker mit dem Song Never Say Never, mit dem sie unterstreicht, dass sie schon lange zu den großen Frauen des Blues gehört, ohne sich in der Vermarktungsmühle zum Serienprodukt verramscht zu haben.

Rick Estrin, Fog, Janiva Magness, Theodis Ealey und Debbie Davies sind die anderen, die bei dieser Revue noch ihre Pfunde in die Waagschale werfen und alle einen Beitrag zu schillernden Facetten beitragen, die das Gesamtbild einer grandiosen Bluesnacht ausmachen, wobei Theodis Ealeys mit This Time I Know die große Referenz an den Süden und die Wurzeln des Soul gibt und Debbie Davies allen Männern das Herz in Stücke reißt.

Das Konzept, nicht nur mit einem Interpreten, sondern einem ganzen Ensemble unterschiedlicher Künstler auf Tour zu gehen, ist eine großartige Idee, von der vor allem das Publikum profitiert. Momentan stehen sowohl in den USA als auch in Europa die die Zeichen auf einen Sinneswandel in der Showperformance und man schlägt diese Richtung ein, die dazu beitragen kann, dass wieder große Feste anlässlich der Konzerte gefeiert werden. The Legendary Rhythm & Blues Revue Tommy Castros vermittelt einen Eindruck, was passieren kann, wenn ein Konzert zu einer turbulenten Party wird.

Schuldnerberatung statt Rating Agenturen

Die Skandalisierung des Verhaltens amerikanischer Rating Agenturen ist nahezu stereotyp: Etwas Anti-Amerikanismus vermischt mit einer Nebelkerze, ein Manöver, das verhindern soll, sich Gedanken über das zu machen, worum es eigentlich geht. Das Kerngeschäft von Rating Agenturen besteht in einer gutachterlichen Einschätzung der Kreditwürdigkeit einer Firma, einer Organisation oder eines Staates. Es gibt verschiedene Kategorien, die das Risiko ausdrücken, sollte man den potenziellen Kreditnehmern den Kredit gewähren. Zugrunde gelegt werden vorhandene Werte, Infrastruktur und Potenziale und diese wiederum in eine Beziehung gesetzt zu der Verwendung der Kredite. Investitionen, die wertsteigernd sind, wie z.B. der Ausbau der Infrastruktur oder die Etablierung von Forschungs- und Bildungseinrichtungen, sind anders zu bewerten als Kredite, die rein konsumtiv sind und lediglich der Befriedung sozial virulenter Verhältnisse dienen.

Dass Staaten, und um die geht es hier, die sich in eine Schuldenschleife katapultiert haben, die wegen der vielen Nullen nicht nur große Verwirrung auslösen, keinen Plan haben, wie sie diesen enormen Summen tilgen wollen, nach dem hälftigen Schuldenerlass Griechenlands nicht unbedingt mehr zu den ersten Adressen gehören, denen man gerne Geld leiht, ist noch eine der wenigen natürlichen Regungen in dem an Eigendynamik und Computerisierung strotzenden Geschäft. Und dass Staaten wie Deutschland, die nicht nur die eigenen strukturellen Defizite wie die Massenarbeitslosigkeit, sondern auch noch überbewertete Nationalökonomien anderer Länder stützt, und zwar mit Krediten, sollte nicht dazu führen, sich auf der solventen Seite zu fühlen.

Private Kreditnehmer werden, wenn es mit rechten Dingen zugeht, von jedem Kreditinstitut danach gefragt, wozu der Kredit dient und wie er wieder zurückgezahlt werden kann. Das ist ganz normale geschäftliche Vorsicht. Staaten, die mit den Krediten fast ausschließlich konsumtiv unterwegs sind und zudem keinen, aber überhaupt keinen Plan haben, wie sie sich entschulden, sollten sich nicht darüber aufregen, dass Rating Agenturen das tun, was sie immer tun: Sie warnen vor unsicheren Kantonisten.

Der Vorschlag, sich als Europäische Union selbst eine eigene Rating Agentur zu basteln, in der dann Ergebnisse produziert werden, die zur weiteren Kreditvergabe stimulieren, dokumentiert eindringlich, dass niemand in den Regierungsetagen der EU im Traum daran denkt, endlich den Weg der Überschuldung zu verlassen und die eigenen Finanzen zu konsolidieren. Zu wichtig ist die Absicherung der Märkte für die Exportgiganten und zu wichtig ist die Massenkorruption, mit der die sozialen Missstände übertüncht werden.

Nähme nur eine Regierung der Europäischen Union die gegenwärtige wirtschaftliche Situation ernst, dann schlüge sie die Etablierung einer eigenen, europäischen Schuldnerberatung vor, die darauf hinwiese, was konsumtiv und was investiv ist und die den wohlstandsverwahrlosten Regierungen einmal aufzeigte, was sie sich leisten können und was nicht.

Von Wölfen und Hunden

In seinem Roman Sonnenfinsternis beschrieb Arthur Koestler die Diskrepanz zwischen Parteilogik und menschlichem Gerechtigkeitsgefühl in ihrer ganzen Tragik. Die inhaftierte Figur, der der in den Moskauer Prozessen verurteilte und dann hingerichtete Revolutionär Bucharin Pate stand, räsoniert in der Todeszelle über das Wahrheitsempfinden des Individuums und die große, historische und natürlich gerechte Mission der Partei, die zwar irren mag, zuweilen sogar brutal irren mag, aber immer Recht behalten wird. In der Einsicht, falsch gehandelt und der Partei schwer geschadet zu haben, schließt letztendlich ein hoch intellektueller Mensch seinen Frieden mit dem Treiben einer organisierten Barbarei um ihn herum.

Die Diskrepanz zwischen der programmatischen Ausrichtung einer Partei, einer Organisation oder eines Staates und der inneren Befindlichkeit des einzelnen Individuums ist kein Spezialproblem der kommunistischen Weltbewegung, sondern eine quasi archetypische Angelegenheit des zivilisierten Menschen. Immer schon, über Jahrtausende und Regierungsformen hinweg, lag ein Unterschied zwischen dem Glücksempfinden des Individuums und der kalten Räson des Staates. Und immer schon barg das Interesse der übergeordneten Organisation ein großes Potenzial an Erpressung und Nötigung. Im Namen abstrakter Ideale sollten die Individuen dazu bewogen werden, aus ihrer Sicht Dinge zu tun, die keiner Ratio und keinem Humanismus mehr entsprachen.

Vom Empfinden her sind die Mitglieder einer Gesellschaft oder Organisation zumeist immer auf der richtigen Seite, d.h. sie haben ein Gespür für die Wahrheit, wenn es sich um Fragen des Lebens handelt. Trotz aller Unterschiede in Bildung und Teilhabe kann man den Beherrschten in den meisten Phasen der Menschheitsgeschichte einen ausgewiesenen Instinkt bescheinigen, wenn es um Verletzungen der Moral, der Ethik oder des Zivilisatorischen geht. Denn das, was von anderen propagiert werden kann, die sich aufgrund von Privilegien nicht daran zu halten brauchen, wird von denen, die nichts haben, gelebt werden müssen, so sie überleben wollen. Wer sich als Wolf gebärdet, muss damit rechnen, dass er gefressen wird.

So ist es kein Wunder, dass die Sollbruchstelle zwischen sozialem Glied und Kette dann zum Vorschein kommt, wenn die innere Befindlichkeit des Einzelnen ein tiefes Unbehagen spürt angesichts der konkreten Aktionen der Organisation und wenn die programmatische Ausrichtung nicht mehr mit dem Empfinden des Einzelnen und den eigenen Taten übereinstimmt. Dann ist die Zeit gekommen für diejenigen, die das tatsächliche Wohl des Ganzen im Auge haben, sich gegen den Strom zu stellen und das Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis anzuprangern. Nur wenn die Organisation Einzelne hervorgebracht hat, die in der Lage sind, sich diesem Konflikt zu stellen, werden es Ziele gewesen sein, die es wert waren, verfolgt zu werden.

Diejenigen, die mit den Wölfen heulen, werden bekanntlich allenfalls als Hunde überleben. Und diejenigen, die das Wort erheben gegen die Fälschung, werden ihre Unabhängigkeit und Würde bewahren.