Archiv für den Monat Dezember 2011

Ein transatlantischer Dialog der Klassik

Duke Ellington and His Orchestra. Such Sweet Thunder

Das Markante und Außergewöhnliche der US-amerikanischen Kulturgeschichte ist ihre Reibung an den Wurzeln des europäischen Erbes. Interessant dabei ist der Umweg, den das Land ging, um sich seine Position in der Entwicklung zur Klassik zu erkämpfen. Nicht die Pflege der europäischen Klassik und eine daraus abgeleitete Genese einer amerikanischen Identität, sondern ein langer, vehement geleugneter Umweg war erforderlich, um Ausdrucksformen in einer künstlerischen Komplexität zu erreichen, die den Anforderungen einer klassischen Dimension entsprachen.

Die Musik Nordamerikas ist das beste Indiz für die formulierte These und niemand sonst als Duke Ellington gehört zu den Lichtgestalten, die den Weg zu einer US-amerikanischen Klassik fanden. Seine eigene Biographie folgte den Verlaufsformen afro-amerikanischer Schicksale, und dennoch gelang ihm die Emanzipation über seine gewaltige musikalische Begabung und seine extraordinäre Fähigkeit des orchestralen Arrangements. Zusammen mit seinem kongenialen Kollaborateur und Saxophonisten Billy Strayhorn schuf Ellington eine Anzahl von Suiten, die formal dem klassischen Vorbild folgten, sich thematisch zumeist auf die eigene Geschichte konzentrierten und vor allem mit dem Blechinstrumentarium der Straße arbeitete.

Mit dem Auftrag, zum Stratford (Ontario) Shakespeare Festival im Jahre 1956 eine Suite abzuliefern, machte sich das Duo Ellington/Strayhorn daran, dem großen europäischen Arrangeur und Improvisator der Bühne eine Hommage zu konzipieren. Es gelang ihnen außerordentlich gut, weil die Konstitutionsprinzipien des shakespeareanischen Theaters und des zeitgenössischen amerikanischen Big Band Jazz Analogien aufweisen, die selten Gegenstand der Reflexion sind. Beide fanden in der Regel aus Anlass einer Festivität statt, beide hatten etwas streng Formales, das permanent gesprengt wurde durch etwas Improvisatorisches, beide basierten auf einer professionellen Hochleistung der Akteure und wiesen folglich eine individuelle Virtuosität auf, die es nicht selten schaffte, zum Zitatenkanon ihrer jeweiligen Zeit zu gelangen und beiden haftete während ihrer Hochzeit das Stigma an, etwas Plebejisches, Derbes, Burschikoses zu sein.

Die vorliegende Suite, die den Titel nach ihrem ersten Stück, Such Sweet Thunder, erhielt, ist eines der markantesten Dokumente für die These, dass es unabhängig vom Epigonalen im Verhältnis zur europäischen Klassik eine ebensolche US-amerikanische gibt. In insgesamt zwölf Teilen werden die Protagonisten des Shakespearschen Oeuvres mit musikalischen Konnotationen aus der Moderne bedacht, die lange nachwirken und es zulassen, die Charaktere aus ihren historischen Beziehungsfeldern zu entreißen und in neue Bedeutungszusammenhänge zu stellen.

So wird in Such Sweet Thunder (Cleo) die Melodramatik des historischen Stoffes in die Orchestrierung einer Kriminalstory transponiert, ohne eine epische Kontinuität und Seriosität dabei zu vergessen. Im Sonnet For Caesar wiederum begegnen wir einer eher lyrischen und melancholischen Reflexion des Daseins, die alles Imperiale vergessen lässt. Und in Madness In Great Ones (Hamlet) wird die Leichtigkeit der Entgleisung der Mächtigen deutlich, wenn sich ihnen nicht mehr die Widerstände eines realen, beschwerlichen Lebens entgegenstellen.

Such Sweet Thuner ist eine Extravaganz des amerikanischen Jazz, die in den Archiven einer großen Tradition lagert, deren Wirkungsmöglichkeiten längst nicht gehoben sind und deren Konstitutionsprinzipien immer noch funktionieren.

Ein Leben ohne Horizont?

Der von der Integrationsindustrie wie Pest und Cholera geliebte Samuel P. Huntington, damals noch Mitherausgeber des strategischen Blattes Foreign Affairs, hatte nach seinem so falsch übersetzten wie umstrittenen Buch The Clash Of Civilizations noch einen Schritt weiter gedacht und mit der Publikation Who Are We? The Challenges to America´s National Identity fast ein Jahrzehnt später eine konstruktive Diskussion in Gang gesetzt. Hatte der Clash vor allem in Deutschland die Gemüter erhitzt, war die Fragestellung nach den Gemeinsamkeiten einer nationalen Identität hier völlig ignoriert worden.

Letzteres kam nicht überraschend, denn das Deutschland des 20. Jahrhunderts gehört zu den größten Zerstörern der Weltgeschichte und die Traumatisierung durch eine militärische Niederlage und die Befreiung vom Faschismus durch andere ist nachhaltig. Nichtsdestotrotz ist es jetzt an der Zeit, nach genau genommen 66 Jahren seit der Kapitulation, einer Zwei-Staaten-Periode, die auch vor nunmehr 20 Jahren beendet wurde, die Frage zu stellen, was uns, d. h. die Bewohnerinnen und Bewohner der Bundesrepublik Deutschland, ausmacht, wie wir uns definieren und worin unsere politische Vision besteht.

Nämlich irgendwie, so bestätigen uns diejenigen, die zwischenzeitlich einmal in fremden Ländern gelebt haben und erst recht diejenigen, die aus anderen Staaten zu uns kommen, scheint es einen breiten Konsens darüber zu geben, was wir nicht wollen und wogegen wir sind. Gefragt nach der positiven Identität jedoch sind die Antworten unbefriedigend. Die Diskussion über die momentane Identität ist mehr als überfällig und die Frage nach der Kontur der vor uns liegenden Zukunft ebenso.

Vielleicht sollten wir auch die Messlatte nicht gleich so furchtbar hoch legen und einfach mit Fragestellungen wie der Beschreibung unserer Gesellschaft mit drei Adjektiven beginnen. Das wäre schon einmal ein Einstieg, der vieles aussagen und anzeigen würde. Sind wir skeptisch, schlecht gelaunt und neigen zur Panik, oder trifft es eher zu, uns als innovativ, gewissenhaft und zuverlässig zu beschreiben? Oder wäre es vielleicht passender, uns als staats- und politikverdrossen, subversiv und defätistisch zu umschreiben? Oder doch eher human, demokratisch und treu?

Die skizzierte Diskussion müsste mit einer solchen Fragestellung beginnen, da wir das Niederschwellige mittlerweile aus dem FF beherrschen. Aber es dürfte nicht dort stehen bleiben, sondern nach der Attributierung des Status Quo sollten wir uns auch Gedanken machen über die Zukunft. Auseinandersetzungen in der Heftigkeit und dem Ausmaß der Verwerfung wie bei dem Projekt Stuttgart 21 dokumentieren, wie tief der Riss ist, der durch die Gesellschaft geht, wenn Vorstellungen über die Zukunft virulent werden.

Es spricht vieles dafür, dass die notwendige Debatte um die Zukunft politisch erst dann geführt wird, wenn deutlich wird, dass es tatsächlich ein Bedürfnis ist, die Strategie des Landes zu gestalten und zu kennen. Der opportunistische Reflex, mit dem Politik im Allgemeinen auf Tendenzen reagiert, stimuliert dazu, mit bestimmten Diskussionen einfach zu beginnen.