Archiv für den Monat Dezember 2011

Virtuose Dekonstruktionen

Cannonball Adderley; Somethin‘ Else

Der Mann aus Florida, den sie alle aufgrund eines Versprechers Cannonball nannten, war ein Aktivposten bei den berühmtesten Jazz-Alben aller Zeiten. Im Dialog mit John Coltrane brillierte er kongenial auf Miles Davis´ Kind of Blue, jenem Album, von dem sich die Behauptung hält, man könne es sich in jeder Großstadt der Welt beim Nachbarn ausleihen. Dennoch, obwohl Julian Edwin „Cannonball“ Adderley mit den Top-Jazzern seiner Zeit spielte und selbst großartige Musik gemacht hat, erscheint er bis heute nicht auf den großen Schlagzeilen. Das muss nicht weiter stören, denn bei jenen, die sich an den phänomenalen Entwicklungen erfreuen, die Bebop und Hardbop hervorgebracht haben, steht Cannonball, Adderley ganz oben auf dem Zettel.

Das vorliegende Album Somethin´ Else, 1958 im Van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey, aufgenommen, zählt zu den Marksteinen des Hardbop. Das liegt zum einen an der Besetzung, die sich liest wie das Who is Who jener Zeit, mit Miles Davis (trumpet), Hank Jones (piano), Sam Jones (bass) und Art Blakey (drums) hatte Adderley Musiker an seiner Seite, die als Solisten zu den besten ihres Faches gezählt werden mussten und intellektuell in der Lage waren, ihm in jede Region der Improvisation zu folgen.

Das Interessante an Somethin´ Else ist unter anderem, dass Cannonball Adderley, von dem es zahlreiche fulminante Eigenkompositionen gibt, auf diesem Album teilweise die Konzentration auf die Interpretation von längst etablierten Standards setzte. Ein Album jener Zeit mit einem Gassenhauer wie Autumn Leaves zu eröffnen, setzte sehr große Chuzpe voraus und wäre nicht das Werk der zitierten Musiker, wenn daraus nicht etwas geworden wäre, das man sich nicht oft genug anhören kann. Während Hank Jones die ersten Akkorde wie zu einer Moritat intoniert und Miles Davis mit einer schaurig epischen Tonführung untermalen lässt, wartet Adderley mit seiner Interpretation der Melodieführung, bis Blakey einen Rhythmus unterlegt, der das Regelmaß des Verfalls zum Ausdruck bringt. Das ist die Dekonstruktion eines Standards auf allerhöchstem Niveau, da entsteht eine Aussage, die die Textblöcke eines bekannten Aufbaus außer Kraft setzt und keinem neuen Gedanken den Zugang versperrt.

Und in dem berühmten Cole Porter Song Love For Sale übernimmt Miles Davis wieder den klassischen Part der Melodieführung und überlässt Cannonball Adderley die Demontage der alt bekannten Weise, was diesem mit einer Fulminanz gelingt, die dadurch befremdet, weil die Häresie hier etwas Leichtes und Beschwingtes verströmt. In Somethin´ Else, der Miles Davis Komposition, fordert Davis Adderley zu einem Duell, das leichtfüßiger nicht daher kommen könnte. Und in der Komposition One For Daddy-O von Adderleys Bruder Nat wird man in kristalliner Form noch einmal Zeuge der ganzen Virtuosität dieses Altsaxophonisten, dessen Spielweise wohl für alle Zeiten eine Herausforderung für die Musiker dieses Instrumentes sein wird.

Somethin´ Else ist ein Album, das wegen der Qualität seiner musikalischen Botschaften in die große Diskographie des Jazz unbedingt gehört. Und Cannonball Adderley wird trotz seines viel zu frühen Todes noch viele herausfordern, die meinen, das Altsaxophon sei ein cooles Instrument.

Volkssport Massenkorruption

Es mutet schon reizend an, wenn man sich die Anstrengungen von Wirtschaftsbetrieben und Verwaltungen anschaut, die unternommen werden, um eine möglichst transparente und korruptionsfreie Entscheidungslandschaft zu dokumentieren. Nie waren die Regelungen strikter, nie war das Bewusstsein der Handelnden kritischer. Die berühmte Flasche Wein in der Vorweihnachtszeit nimmt kaum noch jemand an, aus den oft gut gemeinten Zuwendungen von zufriedenen Kunden oder dankbaren Bürgern werden Tombolas gemacht, deren Erlös einem gemeinnützigen Zweck zugeführt werden. Diese Entwicklung ist zwar etwas kalt von ihrer Philosophie und wahrscheinlich aus der Protestantisierung des aktuellen Kapitalismus zu erklären, aber sie ist natürlich auch löblich, weil die Grenzen zwischen sozialer Wärme und unbeherrschbaren Manipulationen fließend sind.

Interessant dagegen ist das Phänomen, wie im Großen, nämlich in der Politik, geradezu das Funktionsprinzip der Zuwendung an Klientel zum nahezu einzigen durchgängigen Handlungsmotiv geworden ist. Sind es bei den einen die Apotheker, Freiberufler und Hotelbesitzer, bei den anderen die Energiewirtschaft und die mittelständischen Betriebe, so sind es bei den anderen die Sozial- und Integrationsindustrie oder die über Geldwerte verfügenden Akademiker mit moralischem Verwertungsanspruch.

Die Partikularinteressen der verschiedenen Klientelgruppen stehen sich nicht selten unvereinbar gegenüber und sie verkörpern von den Grundbedürfnissen zunehmend zwei große Gruppen in der Bevölkerung, die zwar durchaus anders konturiert, aber von der Grundauffassung sich über das Staatswesen und seine Aufgaben einig sind. Da wundert es kaum, dass wir in den letzten Jahren immer wieder vor einem politischen Patt oder dem Stillstand stehen und wenn dieses nicht der Fall ist, dann verläuft die Politik nach dem Jojo-Effekt: Legislaturperiode A begünstigt das Klientel der einen, und Legislaturperiode B das Klientel der anderen Seite. Das Tragische daran ist allerdings der summarische Stillstand und die strategische Verarmung. Denn wer die Vertreter des Status Quo bedient, tut sich schwer, die Akteure der Zukunft zu identifizieren und zu deren Nutzen Weichen zu stellen.

Hinter dem ewigen Gezänke um die Verteilung der verflüssigbaren Ressourcen verbirgt sich eine Philosophie des Mundraubs. Die wachsende Vorstellung, dass den zukünftigen Generationen die Zukunft durch eine Überschuldung verhagelt wird, trifft zwar zu, ist aber nur die eine Dimension des sehr beschränkten Handelns. Das ebenso, wenn nicht gar schwerer wiegende Verhängnis, liegt in der nicht vorhandenen Vorstellung über die Gestaltung und Entwicklung des Gemeinwesens. Wir sind täglich Zeugen von Verteilungskämpfen, aber wir können keinen Streit über die die großen Linien der einzuschlagenden Richtung beobachten. Wer sich dazu äußert, wird kollektiv ausgegrenzt. Eine Gesellschaft, die keine Visionen besitzt, hinterlässt in der Regel eine Generation ohne Perspektive.

Voll auf Mescalin

Die aus mexikanischen Kakteen gewonnene Droge hat längst ihre großen Zeiten auf dem illegalen Markt in unseren Zonen hinter sich. Man sagte ihr nach, dass sie den Konsumenten zunächst eine ungeheure Beschleunigung bescherte, die abgelöst wurde durch intensives Farberleben, um in einer tiefen, nahezu religiösen Empfindung zu enden, bevor dann die katastrophalen Nebenwirkungen einsetzten, die das Nervensystem nachhaltig zerstörten und gleichzeitig Herz und Kreislauf irreparable Schäden zufügten.

Die Abfolge der psychedelischen Wirkungszustände des Mescalin hingegen weist eine erstaunliche Analogie auf zu dem, was wir in der Vorweihnachtszeit in deutschen Landen erleben. Je näher das Fest des Friedens rückt, desto mehr beschleunigen sich die Prozesse. Alles muss noch erledigt werden, selbst die unter normalen Umständen als eher unbedeutend bewertete Petitesse erlangt dramaturgisches Potenzial und ist dazu geeignet, den Kollaps des gesamten Systems zu attestieren, wenn man sich ihrer nicht noch vor dem Fest annimmt. Und so wie die Vorgänge beschleunigt werden und an Wichtigkeit dramatisch zunehmen, verhält es sich auch mit den Sozialkontakten. Im alten Jahr, da muss man sich unbedingt noch einmal sehen, und sei es auf einen abgehetzt heruntergestürzten Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Hauptsache, das Treffen fand statt, wenn auch ohne Tiefe und Substanz.

Der Akzeleration folgt, wie eben beim Mescalin, dass plötzlich, nach der ersten Erschöpfungssequenz, das ganze Drama in schillernden Farben erscheint, purpurn und golden wird die Welt in der Erschöpfungsromantik, und manchmal, wenn das Glück mitspielt, kommen noch olfaktorische Bereicherungen dazu, wie Zimt und Nelke, ja, die deutsche Weihnachtsdroge überholt in mancher Hinsicht sogar das Mescalin.

Letztendlich, wenn die Vorgänge abgeschlossen, die Treffen abgehakt, die unter Farbspielen eingeholten Geschenke im Sack sind und die lang ersehnte Ruhe einkehrt, die nicht anderes ist als die Vorbotin einer gründlichen Ohnmacht, dann legt sich so etwas wie eine spirituell sanktionierte Ermattung auf das Bewusstsein, Sentimentalität, Dankbarkeit und Reue.

Der Ruhezustand dauert in der Regel nur wenige Stunden, um von einer Dumpfheit abgelöst zu werden, die ein bis zwei Wochen dauert und am besten als post-traumatische Regungslosigkeit beschrieben werden kann. Danach geht es langsam wieder los und die Planungen für den nächsten Trip können beginnen.

Das Relikt einer einstmals gelebten religiösen Zeremonie ist die Simulation einer Drogenwirkung geworden, die in einem Zwischenstadium ein religiöses Gefühl nur noch suggeriert. Und alle machen mit, und alles ist legal. Und der Schein inszeniert das Ritual. Und das Mescalin ist die Metapher!