Archiv für den Monat Dezember 2011

Gefahr von der libyschen Grenze

Monsieur Hassim erzählt von seinem Sohn, der eine Mittelohrentzündung hatte. Ja, sagt er mit erschütterter Miene, das war eine schlimme Zeit. Monsieur Hassim nahm Urlaub, um seinem Sohn nahe zu sein. Aber nun, so berichtet er erleichtert, Alhamdullilah, haben wir das Schlimmste hinter uns gebracht. Herr Hassim erzählt, während er an seinem zuckersüßen, mit Pinienkernen veredelten Pfefferminztee schlürft, wie stolz die Tunesier sind, ihre Revolution gemacht zu haben. Wir waren die ersten, strahlt er, und wir waren friedlich. Uns ist es gelungen, aus der jahrzehntelangen Dunkelheit zu treten.

Viele, so lässt Monsieur Hassim weiter seine Gedanken über den belebten Platz schweifen, sind jetzt ohne Orientierung. Ewige Zeiten war es stockfinster, und jetzt plötzlich herrscht grelles Licht, daran müssen sich die Augen noch gewöhnen, viele sind noch blind und sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Wir brauchen noch mindestens zehn Jahre, bis wir hier ein neues, funktionierendes Regierungssystem gefunden und gefestigt haben, das den Namen Demokratie verdient. Und wir werden dabei unseren eigenen Weg gehen. Das braucht Zeit, aber was ist das schon, im Vergleich zu dem, was hinter uns liegt. Da, und nun wird Monsieur Hassim impulsiv, wundere ich mich schon, wie schnell man in der internationalen Presse unsere Chance als vertan darstellt, nur weil in einigen wenigen Monaten nicht alles geregelt ist. Europa hat zweihundert Jahre gebraucht, und uns gibt man nicht einmal ein Jahr?

Von der neuen Regierung, die erst im Oktober gewählt wurde, ist Monsieur Hassim angetan. Die erste Handlung war, drei Paläste des früheren Herrschers Ben Ali zu verkaufen. Das war schon einmal gut. Wir brauchen Geld für wichtigere Dinge als den Luxus. Und wir brauchen Zeit für eine gute Verfassung, da sind die geplanten zwei Jahre schon sehr ehrgeizig.

Während Monsieur Hassim seine Gedanken schweifen lässt, ruft der Muezzin laut und melodisch zum Mittagsgebet. Im Café lädt ein Mann seine junge Freundin zu einem Stück Kuchen ein, eine Mutter buchstabiert laut mit ihrem kleinen Sohn die Speisekarte und ein junger Mann liest, immer wieder von lautem Lachen unterbrochen, einen französischen Roman.

Natürlich, fährt Monsieur Hassim fort, bleiben da noch eine Menge Probleme. Die Jungen brauchen Geduld, wir haben viele gut ausgebildete Menschen, die dürfen nicht die Nerven verlieren und womöglich das Land verlassen. Wir werden sie hier benötigen, um unseren Traum zu erfüllen. Im Moment ist es ruhig im Land, trotz der Enttäuschung in den Städten über das Wahlergebnis, es drückt das aus, was im Volk vor sich geht. Und es gibt einen Konsens: Wir sind alle aufgewacht, und eine neue Diktatur wird es nicht geben.

Die Grenze zu Libyen ist das, was Monsieur Hassim zur Zeit am meisten beunruhigt. Libyen, so Hassim, ist ein ganz anderer Fall. Da geraten die verschiedenen Stämme an einander und Gaddafi hat das Land mit Waffen und mit Drogen in Schach gehalten. Zwischenzeitlich mussten wir ja aus Selbstschutz die Grenze schließen. Da kommen täglich Leute, die zum alten Regime gehören, und wollen ihre Kasse mit dem Verkauf von Waffen und Drogen aufbessern. Wir müssen wachsam bleiben, sagt Monsieur Hassim, lehrt seinen Tee, verbeugt sich würdevoll und verschwindet in der Menschenmenge.

Ein Symbol für Tunis

Eine zweistündige Verspätung kann die fast ausschließlich tunesischen Passagiere auf dem Flug nach Tunis nicht aus der Ruhe bringen. Bis auf einen Expat, der glaubt, seine Zeit sei die teuerste der Welt, bleibt man gelassen. Alles geht seinen Weg und als das Flugzeug abhebt, ist alles in Ordnung. Nachdem der Flugkapitän sich für die Verspätung entschuldigt und allen einen guten Flug gewünscht hat, steckt er sich erstmal eine Zigarette an, aus seinem Cockpit dringt der Qualm bis zu den Passagieren. Nach nur zwei Stunden landet die Maschine in der winterlichen Abendsonne von Tunis. Noch auf dem Flughafen fällt auf, dass Europa zwar geographisch nicht weit, aber kulturell woanders liegt. Überall werden die Zigaretten entzündet und mit ausgelassener Ruhe werden die Prozeduren vollzogen.

Tunis hat das Erscheinungsbild einer typischen Metropole von Schwellenländern. Minarette und hohe Bürotürme leuchten in der frühen Nacht, Verkehrsstaus, wohin das Auge reicht, an den Verkehrstangenten unzählige Baumärkte. Die Stadt wirkt jung, blutjung. In Horden laufen die jungen Menschen herum und es scheint, als warteten sie auf etwas, dass passieren muss, obwohl sie wissen, dass sie keine Zeit haben. Da drängt sich schon eine Ahnung vom Biologismus der Revolution auf. Wer einer radikal verjüngten und sich stetig verjüngenden Bevölkerung das ausschließlich Statische bietet, spielt mit dem Feuer und ist irgendwann dem Untergang geweiht. Stabilität ist hier kein Wert an sich, Veränderung das, worauf alle hoffen. Umkehrschlüsse für Europa liegen auf der Hand, sind hier aber nicht das Thema.

Später, im Restaurant, tauchen Kellner in prachtvoll verschlissenen Kapitäns- und Admiralsjacken auf und ihre Ränge spiegeln die Ordnung in der gastronomischen Hierarchie wieder. Zu Tintenfischsalat und sautierter Leber spielt im Hintergrund ein Jazz Trio. Der Saxophonist hat einen guten Ton, das Repertoire klingt eigenwillig, orientalisch, obwohl die Musiker mit ihrer Spielweise verraten, dass sie auf eine lange Tradition des modernen Jazz zurückgreifen. Zum Schluss, als längst der zuckersüße Pfefferminztee auf dem Tisch steht, spielen sie Now Is The Time von Charlie Parker. Der Saxophonist, darauf angesprochen, lächelt dankbar, und erzählt, dass das seit einem Jahr sein Stück sei, wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit? Fragt er, und verströmt eine Aura von Glück.

Mannoubia Bouazizi, deren Sohn Mohammed sich vor gut einem Jahr verbrannte und damit die Revolution in Tunesien auslöste, steht mit einem Zitat in einer Zeitung, die auf dem Hotelzimmer liegt. „Mohammed musste viel leiden. Er arbeitete hart. Als er sich selbst anzündete, war das nicht wegen seiner Waage, die sie konfiszierten. Es war wegen seiner Würde.“ Die Polizei hatte dem jungen Akademiker, der in seinem Beruf keine Arbeit fand und als Straßenhändler Obst und Gemüse verkaufte, die Waage konfisziert und vor den Passanten ins Gesicht geschlagen.

Und Sayda Al-Manahe, deren Sohn Hilme während einer Protestaktion in Tunis am 13. Januar 2011 von der Polizei erschossen und am Tage von Ben Alis Flucht aus Tunesien zu Grabe getragen wurde, formuliert ihre Sicht der Dinge so: „Mein Sohn ist nun ein Symbol, ein Symbol für Tunis. Er gab sein Leben, damit wir die Freiheit bekamen.“

Auf dem Weg nach Tunis

Das Schöne an der Existenz ist die Relativität der Welt. Nichts, so können die unruhigen Geister feststellen, bleibt so, wie es war und nichts kehrt so zurück, wie es verlassen wurde. Selbst das so wahre, aber auch befremdende Sprichwort aus Frankreich, dass man immer wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehrt, ist nichts anderes als ein zur Realität erhobener Schein. Der Amerikaner Thomas Wolfe hatte es auf den Nenner gebracht: You can´t go home again hatte er seinen großen, fragmentarischen und gar nicht so gelungenen Roman genannt, damit aber eine Kernbotschaft formuliert, die den Mitgliedern dieser phänomenalen Siedlergesellschaft aus den Herzen sprach.

Das Phänomen, sich dessen sicher sein zu müssen, nicht mehr sicher sein zu können, die Tatsache, Attribute, die morgens gelten, am späten Abend schon nicht mehr verwenden zu können, hat die Menschen in Zustände versetzt, die als starr und heimatlos zugleich beschrieben werden müssen. Die Starre ist ein Festhalten an den vergangenen, fernen Welten, die längst versunken sind, aus denen viele aber eine Stabilität zu schöpfen glauben, die es ebenso wenig noch gibt. Und die Heimatlosigkeit ist das Fanal derer, die den Schein des Beständigen tausendmal durchschaut haben und daraus eine Schlussfolgerung gezogen haben, die unerträglicher nicht sein könnte. Denn die, die an nichts mehr glauben, sind nicht glücklicher als jene, welche sich falsche Gewissheiten wählen.

Hier, im selbst erkorenen Land der Weltmeister aller Art, von der Innovation bis zum Export, vom Fußball bis zur Ordnung, wähnt man sich in der Beständigkeit des Erfolges. Das Suggestive überstrahlt zuweilen das Subterrane, die unübersehbaren Tendenzen des Niedergangs durch Verzehr der Substanz werden ausgeblendet, die Philosophie des Gelingens in eigener Sache ignoriert den Elan anderer Kulturkreise und Lebenszusammenhänge, in der mehr Energie und Kraft dem Neuen gewidmet werden. Wehmut und Dekadenz sind die Attribute, die das Jetzt mehr treffen als alle Placebos, die das Großartige suggerieren.

Die Regionen dieser Welt, die man als rückständig und verschlafen wähnt, haben bereits zivilisatorische Sprünge vollzogen, die in ihrer Dimension alles Europäische weit übertreffen oder sie bereiten sich darauf vor, in Welten vorzustoßen, die bis dato zu den unvorstellbaren zu zählen sind. Es drängen sich Bilder auf, die in den Hochphasen der europäischen Aufklärung immer wieder bemüht wurden. Nur beschreiben sie dieses Mal die Europäer selbst, die durch das Neue überwältigt werden. Da sprach man von müden Riesen, die auf ihren Lagern schlummerten und von agilen Zwergen, die nächtens Berge versetzten. Heute wiese man den Riesen noch Sklerotisches zu, um ihre Schwäche zu verdeutlichen und den Zwergen akkumulierte Adrenalindepots, um ihrer wachsenden Agilität Ausdruck zu verleihen.

Angesichts dieser Betrachtungen ist es dann gar nicht mehr so verwunderlich, wenn man sich entscheidet, die friedlichen Tage des Jahres nicht im London der angelsächsischen Hütchenspieler und russischen Ölbarone verbringen zu wollen, sondern sich im milden Tunis mit den Shisha rauchenden Trägern einer Revolution auszutauschen, die mitten auf dem Weg zwar ratlos geworden sind, aber weder den Willen noch den Mut verloren haben.