Archiv für den Monat September 2011

Brennstoff für die Korruptionsmaschine

Die Bundesrepublik Deutschland ist seit langem keine auf der Marktwirtschaft basierende Gesellschaftsordnung mehr. Kaum ein in diesem Land hergestelltes oder in Kooperation mit Produzenten in diesem Land entwickeltes Produkt ist entstanden ohne die Intervention von Politik. Einiges von dieser Entwicklung lässt sich historisch erklären, als man im Windschatten des US-Protektorates frei war von Leistungen, für die eine unabhängige Nation hätte aufkommen müssen. Und früh, gerade aufgrund von Mitteln, die ansonsten nicht zur Verfügung gestanden hätten, hat man in den Kreislauf der Wertschöpfung injiziert, um politisch zu steuern. Vor allem die Erhebung von Steuern wurde immer wieder als Mechanismus gesehen, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse zu steuern. Die Subvention wurde so allmählich zum vermeintlichen Allzweckinstrument der politischen Gestaltung.

Dass dabei alles verwischt wurde, was zur Transparenz beiträgt, war eine Nebenwirkung, die heute fast den Stellenwert einer tödlichen Krankheit bekommen hat. Das Dickicht des Subventionismus hat mittlerweile alles überlagert und niemand ist mehr in der Lage, den tatsächlichen Preis einer entstandenen Leistung überhaupt noch beziffern zu können, weil direkte und indirekte Steuern, offene und versteckte Subventionen und Abschreibungsfinessen jedes Produkt und jede Leistung beeinflussen. Wir wissen nicht nur nicht, wie teuer uns eine Leistung tatsächlich kommt, wir haben dadurch auch keinen Überblick mehr, ob diese Leistungen zu dem realen Preis ihrer Entstehung auch noch abgefragt würden.

Von der Wiedervereinigung bis zur Weltfinanzkrise im Jahr 2008 wurde aus einem Staat, der überparteilich von dem Konsens getragen wurde, durch Subventionsinterventionismus Stimuli für die wirtschaftliche Entwicklung setzen zu können, ein ausgewachsener Staatsmonopolkapitalismus. Das Ergebnis der Krise war vor allem eine desaströse Spekulationsattitüde in erster Linie staatlicher Banken. Der Schrei nach mehr Verstaatlichung kann nur noch mit einem hohen Grad von Verwirrung oder einem demagogischen Unterfangen erklärt werden, denn keine Bank war derartig zügellos und risikobereit wie die staatlichen, die sich der Sicherheit durch Steuergelder wähnten.

Mittlerweile ist die Bundesrepublik mit einer Staatsverschuldung von 1,9 Billionen Euro belastet. Bei den gegenwärtigen Zinssätzen beläuft sich diese Belastung auf eine reine Zinslast von ca. 40 Milliarden Euro per anno. In diesem Kontext prescht nun der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hervor und präsentiert ein – wie sollte es anders sein – Steuerpaket, das die so genannten Besserverdienenden, die Erben und die Aktienbesitzer mehr belasten und dessen Ertragssumme sich auf 37 Milliarden Euro belaufen soll. Er bezeichnete dieses Steuerprogramm als die Vorbereitung seiner Partei für die Regierungsübernahme im Jahr 2013 und als patriotische Tat, weil es unbequem sei und fordere, und zudem nicht beschönige.

Nun lässt sich wiederum spekulieren, ob der Vorschlagende die Komplexität seines Handlungsrahmens nicht mehr erfasst, oder ob er einfach nur auf ein Sümmchen von 37 Milliarden setzt, um seine Klientel wiederum mit Subventionen und Vergünstigungen für sich einnehmen zu können. Was immer auch die Erklärung sein mag, defizitär für die Rolle einer politischen Gestaltung ist sie allemal. Wenn Politik überhaupt noch in dieser übersteuerten, staatsmonopolistisch strukturierten Republik irgendwo Vertrauen gewinnen will, dann muss sie bei der Wahrheit bleiben. Ferdinand Lasalle, einer der Urväter der SPD, formulierte es einmal so: Der Beginn großer Politik beginnt mit der klaren Benennung der Wahrheit, die Vertuschung ist das Produkt von Kleinmut.

Zitatenballade aus einer versunkenen Welt

Walter Kempowski. Tadellöser & Wolff

Wenn es sich um gelungene Literatur handelt, ist es immer ein Zugewinn, sie nach einigen Jahren oder gar Jahrzehnten noch einmal zur Hand zu nehmen und zu sehen, ob die vergangene Begutachtung immer noch so gut ausfällt wie damals oder ob durch den eigenen Reifungsprozess gar Aspekte hinzugekommen sind, die vor Jahren noch keine Rolle spielten. Als im Jahr 1978 Walter Kempowskis Roman Tadellöser & Wolff erschien, gelang ihm damit der Durchbruch. Er hatte bereits in eiserner Chronologie die Geschichte seiner Familie in aufeinander folgenden Geschichten beschrieben. Bei Tadellöser & Wolff, übrigens eine schräge Ausdrucksart seines Vaters, eines Rostocker Reeders, um alles Gute zu beschreiben, im Gegensatz zu Miesnitzdörfer & Jansen für alles Schlechte, handelt es sich um ein Werk, das bei seinem Erscheinen eine sehr große, positive Resonanz von allen bekam, die den Krieg miterlebt hatten, die Nachkriegsgeneration, die sich unter der Chiffre der Aufarbeitung in einen neuen ideologischen Stellungskrieg begab, blieb reserviert und skeptisch, weil die neuen, lieb gewonnenen Klischees nicht bedient wurden.

Der später auch erfolgreich verfilmte Roman wird getragen durch eine ungewöhnliche Erzählweise und Erzähltechnik. Zum Einen berichtet Kempowski als Walter und Jüngster der Familie aus seiner Perspektive, obwohl er selbst objektiviert wird. Zum Anderen ordnet kein über allem stehendes erzählerisches Ich die Handlung, das erklärt, kommentiert oder inszeniert. Wie ein reißender Strom drängen sich hingegen die Zitate durch die Zeit, die im Jahr 1938 beginnt und auf den finalen Punkt des Kriegsendes 1945 zustrebt. Die Leser lernen die verschiedenen Haltungen und Positionen der tragenden Figuren kennen, die vor allem aus den Familienmitgliedern bestehen und deren Weltbild verdeutlichen. Die direkte und unzensierte Rede der Beteiligten stellen eine Authentizität her, die heute noch erfrischend und betörend zugleich ist, vor allem, wenn man diesen Roman mit vielem vergleicht, das den gleichen Zeitraum als Handlungsrahmen hat. Das Unsägliche der Nazi-Zeit, wie es einst Ernst Bloch nannte, verliert seine Beklemmung, wenn Vater Kempowski vom Leder zieht, Mutter Kempowski die Welt kommentiert oder Bruder Kempowski Jazzplatten hört und kommentiert.

Bei der Lektüre muss man nicht selten laut auflachen, teils, weil so manche Redewendung der Idiosynkrasie des eigenen Vater entsprang, teils, weil es nicht treffender gesagt werden kann. Wenn Mutter Kempowski den Kindern den niedergeschlagenen Vater erklärt, der sich aus Patriotismus zum Militär melden wollte und die Ablehnung erhielt – welche später unter dem Druck der vermeintlichen Siegesserie rückgängig gemacht wurde – mit der Begründung, er sei Mitglied einer Freimaurer Loge. Mein Gott, so Mutter Kempowski, da wurde doch nur gesoffen, da trafen sich doch die Kaufleute. Solche Stellen treffen sich immer wieder und sie machen deutlich, dass der Autor nicht nur aus dem Unendlichen schöpft, sondern auch durch eine vermeintliche Naivität gnadenlos die Herrschaftsideologie der Epoche demontiert.

Die Familie Kempowski ist der Prototyp eines Mittelstandes, der mit dem Faschismus untergegangen ist. Seine Signés waren Leistungsethik, Standesdenken, Nehmerqualitäten, Lebensfreude und eine große Staatsloyalität. Mit dem Großen Krieg ging diese Klasse unter. Historisch gingen viele mit dieser untergegangenen Welt sehr überheblich um. Angesichts der Egozentrik und des Hedonismus der so genannten Neuen Mitte unserer Gesellschaft ist es sehr empfehlenswert, in die Annalen des Alten Mittelstandes noch einmal einen Blick zu werfen. Tadellöser & Wolff ist dazu mehr als geeignet.

Diversity an sich!

The Chancellor is female, the Minister of Foreign Affairs is gay and the Health Minister an Asian – and you think, America is the country of opportunities? Mit diesem Slogan wirbt die Bundesregierung auf großen Plakatwänden überall in Washington DC und möchte auf die Offenheit und Durchlässigkeit der bundesrepublikanischen hinweisen. Diversity als Qualitätsmerkmal für eine Gesellschaft, die in Bezug auf ihren internationalen Ruf immer noch glaubt, mit den Maßen der Vergangenheit, die sich auf die nationalsozialistischen Gräueltaten beziehen, gemessen zu werden. Das Anliegen ist löblich, missachtet jedoch zweierlei.

Zum Einen wird die Bundesrepublik längst nicht mehr nur in der Welt für die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 gemessen. Das ist gut so, denn nach mehr als sechs Jahrzehnten hat sich die Welt gedreht und vieles, was es zu bekämpfen gäbe, hat heute einen höheren Stellenwert. Das, was in Deutschland geschehen ist, sollten wir nicht vergessen, aber wir sollten uns davor hüten, uns von den Zeremonienmeistern einer neuen dogmatischen Welterklärung immer wieder in eine Ecke des Verdachts stellen zu lassen, die ihre eigenen politischen Ziele, die undemokratisch und zweifelhaft sind, begünstigen.

Zum Anderen ist Diversity nicht ein Wert an sich. Diversity ist wohl eher die Beschreibung des Zustandes, in dem sich zumindest Gesellschaften wie die unsere, die sich als demokratisch und permissiv definieren, befinden. Die ethnisch reine, durch die Herrschaft einer besonderen Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe gekennzeichnete Gesellschaft, ist eine Schimäre, die es schon lange nicht mehr gibt. Globalisierung heißt Durchmischung und es gehört zu den großen Aufgaben der Zeit, sich damit gedanklich wie politisch konstruktiv auseinanderzusetzen. Das demokratische System und die in ihm lebenden Menschen stehen vor Fragen, die sich mit der gegenseitigen Toleranz, der kulturellen Andersartigkeit in einem gemeinsamen, als konkordant zu definierenden Gemeinwesen zu beschäftigen haben. Das sind große Herausforderungen, die nicht mit dem dogmatischen Hammer gelöst werden können, sondern nur durch einen Diskurs, der sich nicht hinter Tabus versteckt und mit der Keule der politischen Korrektheit vor unbequemen Fragestellungen zu stützen sucht.

Wird dieser Diskurs nicht geführt, dann steht die Konstatierung der Diversity als Qualität an sich vor einem Fiasko. Womit, bitte schön, ist der Frauen- und Schwulenbewegung oder den Immigranten denn geholfen, wenn als ihre Signets Politikerinnen und Politiker verkauft werden, die das politische Elend eher beschreiben als lösen. Die Kanzlerin gilt auch international als die Jongleurin der Macht schlechthin, unabhängig von der Qualität eines politischen Programms. Der Außenminister ist ein propagandistisch ehemals gewitzter, an seiner jetzigen Funktion allerdings völlig überforderter Parvenü und sein jetziger Parteivorsitzender ein Nischenprodukt, das außer der Parteikarriere noch nicht allzu viel vorzuweisen hat. Das ist eher erbärmlich als dazu angeraten, für eine Sache zu werben, die man gerne hätte, von der man aber meilenweit entfernt ist.

Die Frauen in der Bundesrepublik haben es noch nicht in dem Ausmaß in die Chefetagen geschafft, wie ihnen das zusteht und die Migrantinnen und Migranten ebensowenig, lediglich Homosexuelle haben in Politik und Medien bestimmte Positionen erobert. Als Qualität an sich kann man das alles nicht verkaufen und die momentanen Diskussionen um das Thema Diversity verkehren sich in das Gegenteil, wenn es dabei bleibt.