Archiv für den Monat August 2011

Politische Hermeneutik

Unter Hermeneutik versteht man in erster Linie das Auslegen und Deuten von Texten zur Erfassung ihres tieferen Sinnes. Im übertragenen Sinn kann man diese hochentwickelte und auf tiefem Sprachverständnis basierende Disziplin auf andere Texturen anwenden. Der Begriff des Textes selbst lässt sich sprachgeschichtlich auf ein Gewebe zurückführen. Das Weben und Verweben von Botschaften in sprachlichem Sinn findet in allen Gesellschaften in den unterschiedlichsten Bereichen statt, vor allem aber in der Politik. Ob es nun bewusst ist oder nicht, ist der Versuch, politische Texturen zu entschlüsseln, ein Akt der Hermeneutik.

Sieht man sich die gegenwärtigen Erklärungsversuche der Brandschatzungen und Plünderungen in England an, die von der dortigen Politik und den dortigen Medien kommen, dann wird man überwältigt von kaltem Grausen. Derartig flach und hohl einen Massenausbruch zu verharmlosen, das ist bereits ein Indiz für Ansätze der eigenen Verwahrlosung, die ihrerseits vielmehr als Erklärung für das Desaster geeignet wäre. Fast exklusiv bescheinigen die englische Politik wie die englischen Medien den Triebkräften der Unruhen exklusiv kriminelle Motive. Eine sozialpsychologische Deutung der politischen Textur findet nicht statt. Stellvertretend für die existenzielle Krise der Insel steht Premier Cameron, der zu glauben scheint, Polizeipräsenz allein löse das Problem.

Eine selbstkritische Reflexion über die Entwicklung Großbritanniens findet in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht statt. Und da gäbe es einiges, worüber man sinnieren könnte. Nämlich dass der vermeintliche Sieg im II. Weltkrieg das anachronistische Klassenmodell konserviert hat. Letzteres besaß keine Reformfähigkeit, gebar rigide Trade Unions und starre Manchesterkapitalisten, die sich solange gegenüberstanden, bis seit der Ära Thatcher in den achtziger Jahren der Neoliberalismus und die Couponschneiderei eine Epoche einläuteten, die die Schere zwischen Arm und Reich immer größer werden ließ, die Armen über die Grenze des Randes hinaustrieb und den reichen Eliten in einen dekadenten Hedonismus zugestand, der sie für alle Zeiten unglaubwürdig und handlungsunfähig gemacht hat. Setzt man das Puzzle zusammen, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die Situation in England noch viel aussichtsloser ist, als es gegenwärtig erscheint. Da steht ein Land am Abgrund.

Anhand der gepflegten politischen Hermeneutik kann man sehen, wie es um die Gesellschaft bestellt ist, aus der sie kommt. Es ist quasi die Erklärung eines Zustandes der Gesellschaft anhand der Erklärungsqualität, die sie selbst hervorbringt. Sehen wir uns also die Erklärungsmuster hier in Deutschland an, die angesichts der englischen Ereignisse hervorgebracht werden, dann können wir feststellen, dass sie immer noch weit kritischer und reflexiver sind als die dortigen, aber auf gutem Wege, Anlass und Ursache nicht mehr auseinanderhalten zu können. Es mehren sich doch tatsächlich die so genannten Analysen, die die sozialen, psychologischen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründe des Ausbruchs ausblenden und alles auf das kriminelle Delikt reduzieren. Neben dem Entsetzen über die Dekadenz der englischen Elite sollte uns auch zunehmend die Sorge umtreiben, ob wir nicht bereits dabei sind, uns gegen gesellschaftliche Wahrheiten zu imprägnieren.

Heißsporne in Tottenham?

Es begann in Tottenham, da wo die Hotspurs zuhause sind. Tottenham als Initial für Krawalle ist nichts Ungewohntes. Schon in den achtziger Jahre brachen hier bei einem Aufstand die Ordnungsmechanismen zusammen. Heute reagiert ein Großteil der schwarzen Bevölkerung auf den Tod eines jungen Mannes, der bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei erschossen wurde. Es war der Anlass, nicht die Ursache. Was in Tottenham begann, weitete sich schnell auf andere Stadtteile Londons aus, und nicht nur solche, wo das Prekariat zuhause ist. Besonders beachtenswert sind Plünderungen und Brandschatzungen in Camden, einstmals proletarisch, heute ein Domizil der Creative Class. Es könnte sein, dass neben dem Flächenbrand, der sich auch in klassische Hochburgen der Unterschicht wie Birmingham und Liverpool ausgedehnt hat, Botschaften an die Politik der Gentrifizierung folgen werden.

Großbritannien und seine Kernlandschaft England waren der große europäische Laborversuch des unzensierten und unbeschnittenen Liberalismus, auch wenn lange Zeit die Regierung eines Tony Blair den Ton angab, nach der Revolte der konservativen Iron Lady Maggie Thatcher regierte der Liberalismus, egal unter welcher traditionellen Parteicouleur. Nirgendwo in Europa wurden so gnadenlos die Institutionen der sozialen Sicherung beschnitten, nirgendwo derartig brutal die Gewerkschaftsbewegung zerschlagen, nirgendwo die soziale Ausgrenzung so konsequent vollzogen, nirgendwo das öffentliche Bildungssystem derartig vernachlässigt und nirgendwo dafür die Ordnungsorgane stattdessen aufgerüstet.

Und nirgendwo wurden die so genannten Yuppies derartig gepeppelt wie in England. Nirgendwo wurde bezahlbarer Wohnraum so rigoros umgewandelt wie in London. Alles, was irgendwo etwas industriellen Flair hatte, wurde zu exklusiven Lofts umgewandelt, die nur noch von Millionären bezahlt werden können. London wurde zum Mekka der europäischen Börsenspekulanten, hier entstand das Epizentrum für die spekulativsten aller Börsengeschäfte, hier trafen sich die windigsten Unterhändler des Finanzkapitals und die fettesten Vertreter der russischen Öloligarchie.

„Der Krieg der Armen gegen die Reichen.. wird im ganzen und direkt in England geführt werden. Es ist zu spät zur friedlichen Lösung. Die Klassen sondern sich schroffer und schroffer, …, die Erbitterung steigt, die einzelnen Guerillascharmützel konzentrieren sich zu bedeutenderen Gefechten und Demonstrationen, und ein kleiner Anstoß wird bald hinreichen, um die Lawine in Bewegung zu setzen. Dann wird allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: „Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ – dann wird es aber zu spät sein, als dass sich die Reichen noch in acht nehmen könnten.“

Man sollte nicht den Fehler begehen, den gegenwärtigen Flächenbrand als eine politische Qualität aufzuwerten. Es ist eher ein Ausdruck für die Auswirkungen einer Politik, die vieles weit in die Vergangenheit katapultiert hat und dokumentiert, wie rückwärtsgewandt der ungetrübte Liberalismus doch wirkt. Die zitierte Beschreibung stammt aus dem Jahre 1845 und ist entnommen aus Friedrich Engels Schrift „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“! Es wird interessant sein, wie der Liberale und Liberalist Cameron, der schockiert seinen Urlaub in der Toskana abbrach, um ins brennende London zurückzukehren, der Entwicklung begegnen wird. Erste Anzeichen sprechen für Krieg, nicht Einsicht. Und in deutschland sei die Prognose erlaubt, das die Sozial- und Integrationsindustrie vor einer Entwicklung al la Tottenham warnen wird, um ihre Budgets zu erhöhen. Same old story?

Die Höllenlogik der bipolaren Welt

Thirteen Days. Regie: Roger Donaldson

Das, was sich im Jahre 1962 abspielte und unter dem Namen Kubakrise in die Geschichtsbücher einging, kann heute als eines der herausragenden Beispiele für die Eskalationsgefahren des Kalten Krieges gelten. In einer Welt, die dominiert wurde von den eigentlichen Siegermächten des II. Weltkrieges, nämlich der Sowjetunion und den USA, hatte sich der Kampf um die Vorherrschaft zunehmend in atomaren Bedrohungsszenarien abgespielt. Obwohl sich beide Seiten immer darüber bewusst waren, dass eine Eskalation vom Planspiel zum Ernstfall möglich war, wirkte das tatsächliche Eintreten der Echtsituation wie ein weltweiter Schock. Die Sowjets hatten damit begonnen, Raketen mit Atomsprengköpfen auf Kuba zu installieren und damit getestet, wie der Gigant USA mit einem solchen Bedrohungspotenzial vor der Haustür umgehen würde.

Der Film Thirteen Days beschreibt in eingehenden Bildern und einer sehr an eine Dokumentation angelehnten Dramaturgie die tatsächlichen politischen Manöver und Planspiele. Die Hauptfiguren sind Präsident John F. Kennedy und sein Bruder Bobby sowie der Freund und Präsidentenberater, dargestellt durch Kevin Costner, aus dessen Perspektive die psychologisch angespannte und als Krise letztendlich gemanagte Situation geschildert wird. In sehr gekonnt arrangierten Schnitten werden die verschiedenen Szenarien und Argumentationsmuster kontrastiert.

Da gab es natürlich die Logik Falken im Militär, die mit ihrer Theorie der preemptive strikes vollendete Tatsachen schaffen wollten. Da gab es die Zauderer und zum Appeasement neigenden Tauben und natürlich die Versuche John F. Kennedys und seiner engsten Berater, sich in die logischen Bezugsfelder der Sowjetadministration zu denken und ein Kommunikationsmodell zu erarbeiten, mit dem die Interaktion mit den Sowjets letztendlich beginnen konnte, was im Film an einer dramatischen Stelle vom Darsteller des Robert McNamara verbalisiert wird. Und andererseits begegnen wir noch einmal einer sehr selbstbewussten und teilweise zynischen UdSSR, die im Vollbesitz ihrer Kräfte den momentanen Stand der hegemonialen Bezüge austariert.

Das Wertvolle an dem Film ist nicht nur seine Treue zu den historischen Abläufen, sondern auch das Vermögen, die innere Widersprüchlichkeit der handelnden Akteure glaubhaft darzustellen und insofern nicht der Versuchung einer Heroisierung zu verfallen. J. F. K. ist nicht der heute so oft glorifizierte Held, sondern ein geschickter Taktiker, der alles mit ins Kalkül zieht, worauf ein Politiker bis heute achten muss: die Verhinderung der tatsächlichen Gefahr, die Pflege seiner Lobby und seiner Klientel und die emotionale Reaktion der Wählerschaft. Zudem wird grausam deutlich, wie nah die Abschreckungslogik der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges am welthistorischen Untergang angesiedelt war.