Archiv für den Monat August 2011

Hic transit gloria mundi

Da zitiert der Herausgeber der großen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Organs des Bürgertums schlechthin, einen melancholischen Briten, der angesichts der Krawalle und Plünderungen in den Inselmetropolen in eine kritische Reflexion über die herrschende Klasse in England verfallen ist. Und er knüpft den Faden weiter, betrachtet die Lage in Europa allgemein und fragt sich, ob die Linke nicht doch Recht gehabt habe, was ihre Kapitalismuskritik betrifft. Selbstsucht, asoziales Verhalten, Ellenbogenmentalität, Missachtung des Gemeinwesens, Egozentrik, Hedonismus und was alles noch wird den Akteuren bescheinigt. Wohlgemerkt, bezogen auf die herrschenden Eliten, und aus dem Munde von einem Konservativen. Eine schlimmere Kritik an den herrschenden Zuständen kann es nicht geben, das Sinnieren über den eigenen Untergang ist der Superlativ des Inneren Verfalls.

Nicht, dass an den beschriebenen Erscheinungen sehr viel korrigiert werden müsste. Seit langem ist deutlich, wie sehr sich die Eliten von dem entfernt haben, was die Lebensrealität des Volkes genannt werden kann. Wie unter einer Gasglocke leben sie in ihren Biotopen, frönen ihrem Hedonismus und faseln immer undeutlicheren Wirrwarr in die medialen Schüsseln. Den um Wertschöpfung Kämpfenden wie den endgültig Ausgegrenzten ist das alles längst nicht mehr erträglich. Sie blenden den Circus, der eigentlich das Volk erheitern soll, angeekelt aus oder, und das ist die eigentlich schlimme Entwicklung, sie erleben ihn als Lehrstück für das eigene Leben.

Das Stück, welches die Eliten im Alten Europa seit Jahren aufführen, ist dank der medialen Propagandamaschinerie, die die Effizienz und Intensität derselben in manch vorgelebter Diktatur bei weitem übersteigt, das eigentliche Problem. Die ungezügelte Gier, das Asoziale und Statusgeile, diese Chiffren unzivilisierten Verhaltens sind mutiert zu regelrechten pädagogischen Programmen, die bis zum Erbrechen über die magischen Kanäle laufen und den armen Geistern auf den Müllhalden der Gesellschaft suggerieren, mit dem Kopieren dieser Dekadenz kämen sie nach Oben.

Und die von den prominenten Konservativen zitierte Linke, die allem Anschein nach mit ihrer Kapitalismuskritik doch im Recht gewesen sei, diese Linke hat nur einen Fehler: sie reproduziert das kritisierte System in den eigenen Reihen. Keine der Parteien, die mit einer generellen Gesellschaftskritik angetreten ist, weist heute Protagonisten auf, die nicht in das gleiche Schema passten wie das beklagte. Platt, selbstbezogen, demagogisch, ungebildet, dafür aber gierig und statusorientiert kritisieren sie ihre eigentlichen Vorbilder. Nie, nie vorher traf das Argument der Herrschenden mehr als in Moment: die Kritiker sind getrieben von Neid und Missgunst, und nicht von einer tieferen Einsicht oder einer qualitativ anderen Vision.

Die regelrecht elegische Stimmung im Lager der Konservativen ist insofern sympathisch, als dass sie ein tatsächlich empfundenes Entsetzen über eine Entwicklung dokumentiert, das bei den Zynikern der Opposition, die schon immer alles gewusst, aber nichts besser gemacht haben, noch nicht angekommen ist. Das Desaster des Konservatismus ist bereits eingetroffen. Das der Linken steht noch bevor.

Social Media und politische Opposition

Es ist eine alte Tradition: Sobald neue Medien das Leben zu durchdringen beginnen, werden ihnen Wunderdinge nachgesagt. Ihre Dimension geht dann immer schnell in die Bildung, die Selbstbestimmung und letztendlich die Emanzipation. Das war mit dem Radio so, dann mit dem Fernsehen, es folgte der Computer an sich und jetzt sind es Social Media. In der ersten Stufe wird dafür geworben, die Hardware zu vertreiben und zu nutzen, um Informationen und Bildung verbreiten zu können. Dafür werden ungeheure, staatlich subventionierte Summen aufgewendet. Wenn das Equipment dann in jedem Haushalt steht, warten die anfangs so euphorisierten Investoren vergeblich auf das große Bildungsergebnis: Es folgt zumeist kultureller Trash und Indoktrination pur.

Heute, nachdem die Hardware längst in den Industrienationen des Alten Europa zum Standard geworden ist und jeder ein Handy oder Blackberry besitzt, haben sich auf dieser Grundlage die so genannten Social Media Bahn gebrochen. Fast alle bewegen sich auf Portalen wie facebook und prompt entstand ein neues Branding: die Generation facebook ward geboren. Vor allem in Ländern mit autoritären oder gar autokratischen Regimes wird immer dann in den hiesigen Medien gerne von dieser Generation berichtet, wenn sich eine Opposition herausbildet und dem Schurkenstaat die Stirn bietet. Da ist es dann die Generation facebook, die sich nichts mehr bieten lässt, der man keine Informationen mehr vorenthalten kann und die Dank des via Internet freien Zugangs zu Informationen nicht mehr ideologisch verblendet werden kann. Das mag auch in den arabischen Ländern in der jüngeren Vergangenheit zugetroffen haben, in China wirkt es nicht, denn da funkt der Staat schon mal in die Kabel- und Satelliteninfrastruktur und verhindert die freie Kommunikation.

Und im Herzen der ach so freien Welt, in der Londoner Downing Street, da überlegte der britische Premier Cameron, ob er nicht auch, wie seine chinesischen Amtskollegen, während der Krawalle der letzten Wochen, die Netze zu blockieren, um den freien Fluss der Daten zu unterbrechen. Das gepriesene Phänomen der freien Informationswelt verlor ihren Wert mitten in der westlichen Welt und angesichts der schweren Ausschreitungen protestierten unsere Korrespondenten gegen die Versuche der britischen Regierung, den Datenfluss zu unterbrechen, überhaupt nicht wie bei ähnlichen Situationen in der arabischen Welt.

Und wieder haben wir etwas gelernt: Die Ideologie, die sich hinter dem Begriff der Generation facebook verbirgt, hat einen affirmativen Charakter, d.h. sie greift nur dann, wenn die Subversion in das eigene Weltbild passt. Richtet sie sich gegen die lausigen Zeiterscheinungen in der eigenen Lebenswelt, dann haben wir es plötzlich mit Schurken im eigenen Lager zu tun. dann sind nicht mehr die Regierenden die Verbrecher, sondern die Regierten. Massenarbeitslosigkeit, Ausgrenzung, Kriminalisierung, das alles sind Signets für die Ungerechtigkeit von Schurkenstaaten. Und die Diffamierung des Widerstandes dagegen ist plumpe Propaganda und von Aufklärung Lichtjahre entfernt.

987 Seiten Weltrevolution

James Joyce. Ulysses

Von der Konzeption mit keinem geringeren Anspruch als dem der klassischen Odyssee, vom Sujet so profan wie es nur geht. James Joyce legte seinen großen, alles Maß in Frage stellenden und die Welt der Literatur revolutionierenden Roman dort an, wo er sich auskannte: Im dreckigen, versoffenen, erzkatholischen und doppelmoralischen Dublin. Ein Tag, der 16. Juni des Jahres 1904, reichte aus, um der Handlung einen zeitlichen Rahmen zu geben. Die Hauptfigur, Leopold Bloom, Anzeigenakquisiteur einer Dubliner Tageszeitung, streunt durch sein Dublin und reproduziert in seinen alltäglichen Gedanken und Motiven den ganzen Kosmos von Geist und Zeichen, Spiritualität und derber Fleischlichkeit. Einzelnen Szenen dieses Romans, wie die blutige Leber im Turm oder der syntaxlose Traum der Molly Bloom, werden weltweit seit seinem Erscheinen im Jahr 1922 kolportiert, das Ganze, die Konzeption Joyce, vermag kaum einer verständlich zu erzählen.

Der bürgerliche Roman mit seiner Erzählung von der Bildung und Emanzipation des Individuums, eingebettet in ein übersichtliches soziales Feld und eine überschaubare Handlung, die Perspektive des Ausschau-Haltens, wurde von dem fast blinden, siebensprachigen Linguisten und Etymologen James Joyce, der in Dublin groß geworden war, ersetzt durch eine gewaltige Dimension der Introspektion, der Beobachtung und des Horchens nach Innen, um dem Leben auf den Grund zu gehen. Von der Struktur und den einzelnen Kapiteln der klassischen Odyssee Homers folgend, breitet Joyce die gedankliche Textur eines Tages aus. Dabei spielen nicht die finalen Botschaften, sondern die assoziative Entstehung von Sinn und Sprache die zentrale Rolle. Es sind Erzähllinien, die in hohem Maße verstören, aber auch Türen aufstoßen, durch die wir heute, im 21. Jahrhundert, fast ein Jahrhundert später, zum ersten Mal zu blicken wagen. Die Entstehung der Sprache im Mutterleib, von Joyce in Ulysses rekonstruiert als eine Evolution vom Altsächsischen zum zeitgenössischen modernen Englisch, wird nicht zu einem individuell biologischen Akt, sondern zu einer historischen Entwicklung der ganzen Spezies. Die Stränge der Erzählung, so brachial sie erscheinen und so fraktal sie angelegt sind, sind eine Reise durch den Korpus der menschlichen Erkenntnis.

Das Revolutionäre von Ulysses ist die Durchbrechung des pars-pro-toto Prinzips, die Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze, und die Entdeckung des mikrokosmischen Erkenntnisprogramms. Joyce entdeckt die Konstitutionsprinzipien der modernen Großstadt mit ihren Brüchen, Brücken und sinnlosen Übergängen als das Modell der Erkenntnis in der Moderne. Mit diesem Werk war der bürgerliche Roman als Konzeption tot. Er legte den Grundstein für zahlreiche Versuche, die großen Metropolen als Erzählung zum Deutungsmuster zu erheben. Dos Passos´ Manhattan Transfer und Döblins Berlin Alexanderplatz wären ohne Ulysses genauso undenkbar wie der analoge philosophische Entwurf von Walter Benjamins Passagenwerk. James Joyce Ulysses ist die Weltrevolution der Erkenntnis. Das sollte bei der Lektüre beruhigen. Zu ihr braucht man mehr als einen Tag, und selbst ein ganzes Leben wäre nicht zuviel.