Archiv für den Monat August 2011

Die Pazifizierung der jungen Männer

Sozialisation ist klassenspezifisch. Daran hat sich nichts geändert. Wer in den Familien und Vierteln aufwächst, die durch Armut und Arbeitslosigkeit geprägt sind, wird anders aufwachsen als diejenigen, die schon mit drei Jahren in mehrsprachig angelegte, musisch orientierte Kindergärten gehen und dorthin von der Mutter mit einem SUV der gehobenen Klasse gebracht werden. Jungs und Mädchen aus dem so genannten Prekariat haben es schwer. Ihre Zukunft ist sehr früh belastet mit gesundheitlichen Problemen und einer verunglückten Bildung. Familiäre Gewalt wie die Gesetze der Straßenkriminalität prägen sehr früh ihren Alltag und determinieren ihre Perspektiven.

Im Gegensatz dazu hat sich eine breite Mittelschicht formiert, die einen mehr als merkwürdigen Spagat vollzieht: Sie investiert horrende Summen in die Bildung ihres Nachwuchses, beraubt ihn aber zunehmend der körpereigenen Abwehrmittel, um sich im wahren Leben durchzusetzen. Besonders betroffen sind die Jungs und angehenden jungen Männer, die fast ausschließlich durch die pädagogischen Hände von Frauen gehen und deren biologische Anlagen, die spätestens mit der Pubertät offen zutage treten, tabuisieren und als etwas gesellschaftlich nicht Erwünschtes stigmatisieren. Ob in Kindergarten oder Schule, Jungs bekommen statistisch nachgewiesen, dass sie weniger intelligent sind als Mädchen und vorgehalten, dass ihre Neigung, sich im Notfall auch physisch zu wehren, eine primitive, unzivilisierte Eigenschaft ist.

Durch die gesetzten pädagogischen Anreizsysteme wird die natürliche Wehrbereitschaft von jungen Männern gleichgesetzt mit Militarismus und Kriegstreiberei. Dieser Akt, der sich ideologisch hinweg setzt über gattungsspezifische Biologismen, stellt eine der dramatischsten Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte dar. Und immer, wenn das fatale pädagogische Konzept ein Desaster hervorbringt wie zum Beispiel die fast zum Alltag gewordenen Amokläufe, lenken die Ideologen systematisch von der Ursache ab und reden von Verstärkung der Polizei, einer technischen Sicherung von Schulen, dem Verbot von Videospielen oder der Verschärfung des Waffengesetzes. Die tatsächlichen Ursachen werden ausgeblendet. Stattdessen findet eine Stigmatisierung statt, die den Kampf und die Gegenwehr, den physischen Abbau von Aggression und den Erwerb eines Selbstwertgefühls für den heterosexuellen Mann, zum Ziel hat.

Man sollte die Entwicklungslinien im Auge behalten: Die durchsetzungsfähigen Exemplare des maskulinen Nachwuchses werden zunehmend im Prekariat aufwachsen. Sie werden sich nicht als die Bündnispartner der politisch korrekt ausgerichteten und effeminierten neuen Führungselite eignen. Neben den sozialen Gegensätzen sind extrem unterschiedliche Rollenvorstellungen zu verzeichnen und es kommt mangels gemeinsamer Sprache wie Symbolik die Unfähigkeit hinzu, miteinander zu kommunizieren. Man könnte zu der Spekulation verleitet werden, die Mittelstandselite mit ihrer Pazifizierungsideologie hätte bereits den Zeitzünder gezogen, der die Detonation einleitet.

Der Faschismus und die Amöben

Das politische Leben des Heiner Geißler bietet fürwahr viele Angriffsflächen. Und im Umgang mit Zitaten hat er, zumindest in anderen, früheren Phasen seines Wirkens, durchaus bewiesen, dass er das Zeug zum Demagogen hat. Es sei nur an seine wagemutigen und diskreditierenden Erklärungen erinnert, als er während der politischen Debatten um den NATO-Doppelbeschluss der Friedensbewegung vorwarf, ihr Defätismus hätte den Faschismus erst ermöglicht. Das war jenseits der polemischen Grenzen und veranlasste keinen geringeren als Willy Brandt dazu, ihn in die Nachfolge der politischen Propaganda seit Goebbels zu stellen.

Umso erstaunlicher ist die Entwicklung dieses Politikers, der sich im Laufe der Jahre immer mehr von der offiziellen Politik der CDU entfernte, aber stets ihr Mitglied blieb und dennoch in Foren wie ATTAC auftauchte und mitarbeitete. Und bei der Auseinandersetzung von Stuttgart 21 tauchte er gar auch in den Augen der Gegner als Lichtgestalt und geliebter Schlichter auf. Dass es bei einem antagonistischen Widerspruch kaum einen Kompromiss geben kann, war wohl von vornherein allen Beteiligten klar. Und so wartete man ab, bis die Katze aus dem Sack war. Nun, wo es soweit ist und deutlich wurde, dass die Befürworter von Stuttgart 21 und ihre Argumentation zunehmend begünstigt sind, wenden sich die Gegner vom Verfahren ab und suchen nach Begründungen.

Und siehe da, wie aus dem Nichts taucht eine Formulierung Geißlers auf, die er nach einem zehnstündigen, aufreibenden Verhandlungsmarathon gebraucht hat und historisch aus dem Munde eben jenes Joseph Goebbels stammt, in dessen Tradition Willy Brandt ihn vor einem Vierteljahrhundert gesehen hatte. In jener berühmten Sportpalast-Rede vor ausgesuchten Parteimitgliedern hatte Goebbels die euphorisierte Menge gefragt, ob sie den totalen Krieg wolle. Totaler und radikaler als je zuvor. Jubelnd hatten die Besucher des Berliner Sportpalastes diese Frage bejaht und die Szene wurde als Propagandamaterial während des Krieges von den Nationalsozialisten verwendet.

Bei Heiner Geißlers Formulierung handelt es sich also tatsächlich um ein Zitat, das seiner gesamten Generation geläufig ist, weil sie damit konfrontiert wurde. Der Gebrauch des Zitates kann allerdings schwerlich als suggestive Frage des Stuttgart 21-Schlichters gewertet werden, auf die er eine euphorische Befürwortung erwartete, sondern er benutzte die Formulierung nachweislich, um eine totale Konfrontation als schlechteste aller Lösungen zu zeichnen.

Der Versuch, den Schlichter nur wegen eines historischen Zitates zu diskreditieren, welches er alles andere als politisch verwerflich benutzt hatte, hat eine gewisse Analogie zu totalitären Propagandamethoden. Indem Texte aus dem historischen Zusammenhang herausgerissen werden, werden sie semantisch entstellt und führen zu kalkulierten Fehlschlüssen, die dem Betroffenen schaden sollen. Das kann nur bei ahistorischen Wesen wie Amöben wirken. Das völlig abgeschmackte Vorgehen ist ein Plädoyer für historisches Wissen. Wer sich von solchen Tricks verführen lässt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Lokaler Rassismus und zentralstaatlicher Durchgriff

Mississippi Burning. Regie: Sir Alan Parker

Das Jahr 1964 verweist in den Chroniken der USA auf fulminante Entwicklungen. Ein Jahr nach der Ermordung John F. Kennedys stellte sich der demokratische Interimspräsident Lyndon B. Johnson aus Texas in regulären Wahlen. Sein Gegenkandidat war der aus Arizona stammende Republikaner Barry Goldwater, der für alles zu stehen schien, was der demokratische Aufbruch hinter sich zu haben glaubte. Letztendlich gewann Johnson mit einem phänomenalen Ergebnis, Goldwater holte lediglich neben Arizona fünf weitere Staaten des tiefen Südens. Dort, vor allem im Bundesstaat Mississippi, herrschte erbitterter Widerstand gegen die Aufhebung der Rassentrennung und der para-faschistische Klu Klux Klan.

Vor diesem Hintergrund bewegen sich die Bilder des Films Mississippi Burning, der die Situation in vielen Facetten einfängt. Nach einem Mord an drei jungen Bürgerrechtlern, von denen einer schwarzer Hautfarbe war und einer lax und interessenlos geführten Untersuchung seitens der lokalen Behörden, wird eine Kommission des FBI aus Washington geschickt. Das untersuchende Duo sind ein junger, von den demokratischen Institutionen der USA überzeugter Ermittler, dargestellt durch Willem Dafoe und ein in Mississippi aufgewachsener Haudrauf und Skeptiker, exzellent mit Gene Hackman besetzt. Allein dieses Paar besticht schon durch die Rivalität der Vorgehensweisen: der Eine rigoros und nach dem Buchstaben des Gesetzes, der Andere mit dem interkulturellen Switch und der individuellen Interpretation des Rechts.

Die lokale Gesellschaft ist eine letzte Aufblendung des alten Südens, oder zumindest dessen, was davon übrig geblieben ist. Eine rechtsextreme, elitäre weiße Minderheit, die zwar von der Hautfarbe in der Majorität ist, aber in ihrem angelsächsich-protestantischen Bezug und ihrem Rassismus eine militante Sekte bildet. Zu sehen sind die Mitläufer, die in ihrem Stumpfsinn und ihrer ritualisierten Monotonie die Demütigung der schwarzen Bevölkerung als Gesellschaftsspiel und Affront gegen das Washington der amerikanischen Modernisierung betrachten. Und zu sehen sind die Weißen, die dieses Spieles überdrüssig sind, die die endlosen Schleifen der Gewalt nicht mehr ertragen und den Wandel zu einer demokratischeren Gesellschaft wollen.

In fulminanten Bildern, mit starken Charakteren und einer dramatischen Handlung gelingt es dem Film Mississippi Burning, sowohl die konkrete Handlung als auch den Konflikt zwischen dem Bundesstatt Mississippi und der Bundesbehörde sowie deren zentralstaatlichem Eingriff spannungsgeladen zu gestalten. Obwohl der Film bereits vor 23 Jahren gedreht wurde, hat er nichts von seiner zeitgemäßen Inszenierung eingebüßt. Ganz im Gegenteil: er weißt Züge auf, die eine andere Dimension der Kritik zulassen, als dieses heute oftmals üblich ist. Und er zeigt, wie wichtig zentralstaatlicher Durchgriff sein kann, wenn es in der Provinz basisdemokratisch völlig aus dem Ruder läuft!