Archiv für den Monat August 2011

Neue Atlanten! II.

Kompetenzfelder jenseits messbarer Rationalität

Der große Vorteil, an den wir alle glauben, entspringt der Gewissheit, dass nur wir es wären, die lang andauernde Mangelperioden überleben würden. Grundlage dieser Idee ist unsere tatsächlich vorhandene Kompetenz der Ressourcenökonomie und der Fähigkeit, sich unter strategischen Gesichtspunkten einzuschränken. Das basiert auf einer durchaus realen Selbsteinschätzung. Die Täuschung ergibt sich erst aus dem zweiten Aspekt: Wir nehmen an, dass es so etwas wie ein weltweites Belohnungssystem für diese Tugenden gibt. Das hieße, wer sich diszipliniert, seine Ressourcen einteilt und an die Zukunft denkt, der hat im globalen Lauf die Nase vorn, während die Mundräuber der Weltwirtschaft irgendwann aufgrund ihres unverantwortlichen und irrationalen Handelns scheitern müssten.

Wenn jedoch ein Trugschluss im Abendland existiert, dann ist es dieser. Seit dem frühen Imperialismus und der Etablierung von Kolonialreichen hat sich der Westen für die neuere Periode der Geschichte die Erde untertan gemacht und sie anhand seiner Maßstäbe gemessen und gewogen. Der Reichtum dieser Welt, auch wenn er in entfernten Regionen liegt, wird bewertet und weltweit wiederum in den Umwandlungsprozess der Produktion und des Handels eingebracht.

Die politische Herrschaft über natürlichen Reichtum oder Ressourcen wird nicht abgeleitet von der Qualität einer Regierungsführung oder dem Maß an politischer Legitimation. Zu oft hat uns die Geschichte gezeigt, dass gerade dort der natürliche Reichtum überwiegt, wo sich die Despoten auszuhalten pflegen. Das ist kein Zeichen göttlicher Fügung, sondern eher ein Indiz für den Zwang zur Rationalität aus der Kargheit und dem Mangel heraus und den Hang zu Libertinage und Irrationalität aus dem Überfluss.

Die moralisch tief empfundenen Ungleichheiten auf dieser Welt entspringen einem als ungerecht empfundenen System, das den schlecht Bedachten das Instrumentarium der Wissenschaften und des elaborierten Denkens zur Verfügung stellt, während die im Überfluss Stehenden sich jede Torheit leisten können, ohne vom Schicksal dafür bestraft zu werden.

Die emotionale Spaltung der Welt beruht auf diesem Prinzip und es wurde vor allem getrieben von den protestantischen Rationalisten des Westens, die den satten Süden und Osten dieses Planeten als Garten der Lüste und der Sünde diffamierten, weil dort nicht die protestantische Leistungsethik, sondern die Natur an sich für großen Wohlstand gesorgt hatte.

Die große Kompetenz derer, die von der Natur in diesem Sinne gesegnet waren, bestand nicht in einer produktiven Rationalität, sondern in einer distributiven Genialität. Die versierten Händler und Kaufleute, die nicht jede Unze registrierten, sondern die soziale Beziehung mit in den Handel einrechneten, bezogen diese Kompetenz aus dem natürlichen Überfluss und dem Wissen, einer notwendigen Zirkulation von Reichtum. So wurden Produktion und Handel zu zwei Domänen, die um die Weltherrschaft rangen.

Geographische Ursachen unterschiedlicher Kernkompetenzen

Jeder Kulturkreis unterliegt einer ausgeprägten Tendenz zum zentristischen Weltbild. Die Maßstäbe für das eigene Denken und Handeln sind zurächst auch diejenigen, mit denen der Rest der Welt, zumindest in einem ersten Stadium, betrachtet wird. Der jeweilige Blick auf die Restwelt ist jedoch sehr unterschiedlich, da die Schaffung der Lebensbedingungen und die vorgefundenen natürlichen Rahmenbedingungen verschieden sind. Wüstenvölker haben eine andere Vorstellung von dem Weg zur Prosperität als die der Tropen, und in den gemäßigten Zonen ist die Perzeption der Weltbildung wiederum eine andere.

Der Ressourcenökonomie und Rationalität des Westens steht ein Konzept gegenüber, dass sich nicht auf die Produktion von Wert, sondern auf dessen bestmögliche Distribution konzentriert. Vom levantischen Händler zum arabischen Investor, vom singapurischen Broker bis zum javanischen Goldhändler ist in der östlichen Hemisphäre eine Kernkompetenz zu verorten, die aus Ressourcenreichtum oder der Kenntnis und/oder dem Besitz der Handelswege, sprich der Infrastruktur resultiert. Mit dem Aufenthalt auf den verschiedene Kulturen und Produktionszonen durchschreitenden Handelswegen entstand eine tiefe Kompetenz der interkulturellen Interaktion. Reichte es im Westen, die durchaus ergiebigen Märkte mit einer perfekten Produktion und einem transparenten Zahlenwerk zu befriedigen, so hatte ein Großteil der östlichen Hemisphäre die Märkte mit der Verheißung zu bezaubern.

Es entwickelte sich eine Klasse von Händlern, die in der Lage sind und waren, aus den Essgewohnheiten ihres jeweiligen Gegenübers die Religion, aus den Geschichten, die sie erzählen, ihr Wertesystem und aus dem Umgang mit Fremden ihre Vorstellung geglückter sozialer Beziehungen zu entschlüsseln. Was dem westlichen Händler, den es natürlich auch gibt, völlig fremd zu sein scheint, ist denen des Ostens in Fleisch und Blut übergegangen: Sie rechnen nicht im Detail, sondern sie setzen auf den Ausbau der sozialen Beziehung, ihr Handel schließt ein vereinbartes Verhalten auf anderen Feldern wie dem der Politik ein, und ein geglücktes Geschäft entsteht nur aus einem gemeinsam als angenehm empfundenen Prozess.

Aus diesem Unterschied heraus lassen sich sehr viele gescheiterte Dialoge zwischen Ost und West entschlüsseln, das jüngste Debakel der USA unter der Bush Administration im Irak und dem gesamten Nahen Osten dokumentieren das gänzliche Unverständnis gegenüber einem Kulturkreis, in dem ein Handel von anderen Fakten dominiert wird als von geldmessbaren Größen.

Die Fokussierung von Kompetenzen auf geographische Komplexe, die ihrerseits unterschiedliche Bedingungen von Produktion und Ressourcenverfügbarkeit aufweisen, kann nicht bei dem Unterschied von Mitteleuropa und Zentraleuropa aufhören, auch wenn es aus unserer Sicht zu einem der spannendsten Komplexe der Neuzeit gehört, denn bei genauerem Hinsehen wird deutlich, in welchen Hirnen dilettantischer Kaufleute des Westens des Antisemitismus des XX. Jahrhunderts entstehen konnte.

Grundlagen interkultureller Kommunikation

Produktionsbedingungen und Ressourcenverfügbarkeit scheinen eine wichtige Konstituante für das Rollenverständnis der Akteure eines Wirtschafts- und Kulturkreises zu sein. So, wie die cartesianische Begriffswelt des Westens die Messbarkeit der Dinge in ihrer technischen Präzision zu einer Kollektivsymbolik entwickelt hat und damit die Verhaltensmuster beschreibt, so tun dieses auch andere Regionen gemäß ihrer materiellen Lebensvoraussitzungen und –weisen. Die Welt des Handels aus den östlichen Kulturen definiert sich über die soziale Beziehung und den Prozess. Wenn diese beiden, der Einfachheit hier genannten Komplexe aus Ost und West miteinander kommunizieren wollen, sind viele Faktoren zu beachten, die Bedingung einer gelungenen interkulturellen Kommunikation sind.

Das Maß an Missverständlichkeit wird bestimmt durch die eigene Ignoranz für die Andersartigkeit der anderen Seite. Messen, Zählen, Bewerten, das geschriebene Wort, der definierte Zeitrahmen und der quantifizierte Aufwand sind in der Regel die westlichen Grundlagen für Verhandlungen, die zu Vereinbarungen führen sollen. Atmosphäre, Gruppendynamik, persönliches Wohlbefinden, Respekt, Nonchalance, Gastfreundschaft und Zeit hingegen gehören zu den wesentlichen Vorstellungen der östlich-merkantilen Welt.

Nun sollte man nicht meinen, angesichts reichlich konträrer emotional-semantischer Voraussetzungen sei ein gelungener Dialog mit einem gemeinsamen Ergebnis nicht möglich. Dies trifft jedoch nur solange zu, wie beide Seiten nicht bereit sind,aus ihrem psychosozialen Kokon zu schlüpfen. Das Verständnis des Gegenübers resultiert aus einem Dialog über die jeweilige Vorstellungswelt. Es ist die Investition, die von beiden Seiten verlangt werden muss, um einen dauerhaften Diskurs zu ermöglichen.

Der Westen muss wissen, dass der zentrale Terminus der östlich-merkantilen Denkweise der Respekt ist, der wiederum mit verschiedenen Attributen wie Familie, Kollektiv, Tradition, Würde, Fürsorglichkeit und Wohlbefinden konnotiert wird. Genauso ist der Osten falsch beraten, die reflektierte, auf Aufklärung, Individualität, Freiheit, Transparenz und Zeitlichkeit von Macht basierende Denkweise des Westens nicht als ein zu respektierendes Faktum zu begreifen.

Die Geschichte missglückter Dialoge im Nahen Osten ist die Geschichte beiderseitigen mangelnden Respekts, der sich manifestiert in der nicht zur Kenntnis genommenen Andersartigkeit der Gegenseite. Die Aufhellung der Welt ist dem östlichen Fundamentalismus genauso suspekt wie dem westlichen Fundamentalismus die Marktresistenz durch Tradition.

Interkulturelle Kommunikation, die gelingen will, leitet sich aus einem Verständnis für die jeweils andere Seite eines grundsätzlich unterschiedlichen Denkens und Wirtschaftens ab. Verständnis ist beidseitig und resultiert aus einer Investition in das Wissen um die andere Seite. Die Frage touchiert auch den Komplex der Integration, ist jedoch im Weltmaßstab noch virulenter, weil es jenseits des cartesianischen Westens und merkantilen Ostens noch andere Entitäten existieren, die in Betracht zu ziehen sind.

Neue Atlanten!

Plädoyer für eine Weltkarte der Kernkompetenzen, Teil I

In einem Zeitalter, das sich durch eine gewaltige Globalisierungswelle definiert und in dem der Ruf nach interkultureller Kompetenz so laut geworden ist wie nie zuvor, muss es irritieren, dass die Frage nach der Herkunft in der praktischen Konversation ziemlich aus der Mode gekommen ist. In unseren Breitengraden gilt es mehr als eine unredliche Penetrierung der Intimsphäre als an ein Signal aufrichtigen Interesses, sich nach dem Herkommen des Gegenübers zu erkundigen. Und dieses sowohl im geographischen und sozialen Kontext wie hinsichtlich der historischen Tradition. Irgendetwas scheint verstellt zu sein im Blickfeld des Reisenden, der zunehmend den Durchschnittstypus des 21. Jahrhunderts auszumachen scheint.

Aufgrund von Dogmen der Political correctness und eine sich in exzentrische Vermeidungsstrategien gesteigerte Konfliktscheue ist etwas abhanden gekommen, das in früheren Epochen das Tor der Erkenntnis immer sehr weit aufgestoßen hatte: Die Neugierde auf das Unbekannte, das Wissen-Wollen in Bezug auf eine fremde Welt und das Austarieren dessen, was das Fremde an Bereicherung mit sich bringt.

Von den oralen Gesellschaften bis zum europäischen Mittelalter, von den fahrenden Handwerksgesellen bis hin zu den Handelvertretern des frühen 20. Jahrhunderts haben sich die Europäer viele ihrer Erkenntnisse durch die mündliche Weiterreichung von Erfahrungsberichten erworben. Das Ritual, welches diese Art von Bildung eröffnete, quasi die Initiationsfrage war dabei immer: Woher kommst du, Fremder?

So scheint es nicht verwunderlich zu sein, dass wir, der heutige antike Westen, uns eine Erfahrungsquelle verschlossen haben, die auf anderen, von Energie sprudelnden Kontinenten wie dem asiatischen vitaler ist denn je. Die Blockierung der Neugierde aus Furcht, man könne etwas Falsches fragen, führt zu einer Provinzialisierung der eigenen Erfahrungswelt mit schrecklichen Folgen. Bis auf das abstrakte Informationsagglomerat aus dem Netz verfügen wir über immer weniger unmittelbare Erfahrungen. Letztere, so lehrt uns auch die historische Anthropologie, sind jedoch der Humusboden für eine Lebenspraxis, die tatsächliche Aussicht auf Erfolg hat.

Und schlimmer noch: In dem Maße, in dem wir die Frage nach der Herkunft den Anderen nicht mehr stellen, in demselben Maße geht uns die Reflexion über die eigene Existenz verloren. Nur der Vergleich mit dem Dasein des Gegenübers ermöglicht es, den eigenen biographischen Verlauf zu bewerten. Wir müssen leider lernen, dass die immer geringer werdende unmittelbare Erfahrung hinsichtlich der Identität und Lebensgeschichte der Menschen, denen wir begegnen, zu einer stetigen Verarmung an profundem Wissen über uns selbst folgt.

Wir sind an einem Punkt, an dem die Kommunikationswissenschaft ohne die Perspektive der Anthropologie nicht mehr auskommt. Kulturen, die sich die Neugierde nach dem Befinden des Reisenden bewahrt haben, gelten als die Biotope, in denen das, was wir heute die interkulturelle Kompetenz nennen, in einer beneidenswerten Blüte steht.

Kollektive Identitäten

Jenseits der Biologie existieren in einer jeden Gesellschaft Muster, die historisch geprägt sind und zur Identifikation beitragen. Bei aller Diversität der modernen Massendemokratie sind diese relativ eindeutig zu bestimmen und zu definieren. Mag ihre Deutung auch im Bereich eines heftigen Diskurses liegen, so sind die Fixpunkte in der Regel nicht Gegenstand der Auseinandersetzung.

In Deutschland könnte man historische Daten wie die so genannte Völkerschlacht bei Leipzig 1815, die Frankfurter Paulskirche 1848, den deutsch-französischen Krieg 1870/71, die beiden Weltkriege, den Mauerbau 1963 sowie die Wiedervereinigung 1990 nehmen. Das Problem historischer Ereignisse ist jenseits der tatsächlichen Zäsursetzung jedoch, dass sie von heftigen Disputen umgeben sind. Daher ist es, auch im Kontext weiterer Betrachtungen, nicht ratsam, der historischen Zeitleiste zu folgen.

Bei der Identitätssuche bieten sich andere Felder an, die die Gesellschaft radikal in ihrer Entwicklung beeinflusst haben und folglich nicht gleich einer großen Deutungsauseinandersetzung ausgeliefert sind. So könnte man sich sehr gut vorstellen, das jüngere Deutschland durch Überschriften wie Industrialisierung, Verwissenschaftlichung, Militarisierung, Traumatisierung und Sensibilisierung zu umschreiben. Die so bezeichneten Phasen bilden Ablagerungen in unserem jeweiligen Bewusstsein, zwar aufgrund der Generationenzugehörigkeit unterschiedlich nuanciert, aber überall vorhanden.

Die gesellschaftlichen Entwicklungsphasen haben mit der Industrialisierung die Tür zur Moderne aufgestoßen, mit der Industrialisierung kam eiserne Disziplin, Massenerziehung und Warenreichtum. Die Verwissenschaftlichung etablerte das methodische, reflexive und lösungsorientierte Denken. Mit der Militarisierung wurde die Industrialisierung pervertiert, die Effizienzmaschine vollzog die Irrationalität des Mordens und schuf die Vorbedingungen für eine kollektive Traumatisierung, die durch den kollektiven Schuldkomplex als Folge des Nationalsozialismus in eine mehrere Generationen erfassende Dimension gehoben wurde. Die Befriedung des Aggressors führte letztendlich zu einer starken Sensibilisierung, die zu einer Weltherrschaft in der Deutung der negativen Seite einer Errungenschaft heranwuchs.

Sollte man den gegenwärtigen Zustand Deutschlands in Bezug auf die hier benannten groben Phasen beschreiben, so sind wir wohl auf dem Weg in eine Art Postsensibilisierung, d.h. wir beginnen zu reflektieren, wie der von uns praktizierte systemische Skeptizismus, wie historisch er auch begründet sein mag und wie sehr er uns auch genützt hat, wie eben dieser Skeptizismus uns alle Kräfte zu rauben beginnt, die für die Entwicklung zukunftsfähiger Strategien erforderlich sind.

Trotz einer degressiven Bilanz über das letzte Jahrhundert können wir bei der Rekapitulierung der Frage, woher wir kommen, eine Reihe von Attributen anführen, die zu strategischem Optimismus berechtigen.

Das Tafelsilber des Westens

Die Stärken des Westens, Europas und Deutschlands sind zurückzuführen auf eine karge Natur und den frühen Zwang, durch Disziplin und Rationierung zu existieren wie der europäischen Aufklärung. Die zunächst bizarr erscheinende Nebeneinanderreihung materieller Lebensbedingungen und einem geistigen Befreiungsschlag mag verwundern, löst sich aber auf, wenn wir den Mut aufbringen, alles das einmal aufzureihen, was als Stärke im Vergleich zu anderen Weltkulturen und Weltökonomien identifiziert werden kann.

Unsere Gesellschaft basiert auf kodifiziertem Recht, das einklagbar und sanktioniert ist. Wir verfügen in unserer Konstitution über ein selbst referentielles Ich, das geschützt ist und zur Verantwortung gezogen wird. Unser Denken ist wie selbstverständlich geprägt von einer Orientierung auf Ziele und wir beherrschen das Messen, Wiegen Zählen und Buchführen. Die Staatsform, in der wir uns bewegen, ist eine Demokratie.

Die geistigen Grundlagen für unser ökonomisches und politisches Handeln entstammen aus einer ausdifferenzierten Wissenschaft, die über eine mächtige moralische Lobby verfügt. Der Mangel hat uns zu einer Planungsintelligenz verholfen, die einzigartig ist und außer Konkurrenz steht. Wir handeln anhand wissenschaftlich erprobter Methoden und entwickeln die hoch differenzierte Methodologie stetig weiter. In hohem Grade folgen wir einer in unser Denken und Handeln tief eingepflanzten und historisch gewachsenen Ressourcenökonomie, die uns letztendlich auch zu dem Feld der Ökologie geführt hat, das wir politisch beherrschen, auf dem wir uns technisch Vorteile verschaffen können und das uns in die Lage bringen kann, neue Quellen des Reichtums zu erschließen.

Wir verfügen über ein kritisches Ich, das uns in die Lage versetzt, unser eigenes Handeln einer Bewertung zu unterziehen und Fehler unabhängig von moralischen Komplikationen zu ergründen. Zudem verfügen wir über eine Infrastruktur, die es uns ermöglicht, schnell zu sein. Bis dato gesellen sich zu den Vorteilen sogar noch Wohlstandsreservoirs, die uns vor Zornphilosophien schützen und das Handeln aus einer gesicherten Existenz in großem Maße erleichtern.

Die globale Dominanz des Westens resultiert aus der Emanzipation der Philosophie von der Religion, aus der Individualisierung der Verantwortung, aus der Kodifizierung von Recht und aus der Legitimation durch Verfahren. Sie ist das Produkt einer Versachlichung der Welt und ihrer Befreiung von Mythen. Der Doppelcharakter dieser Art von Aufklärung ist hinreichend beschrieben worden, die positiven Ergebnisse jedoch sind nicht von der Hand zu weisen.

Das Tafelsilber des Westens ist mit der Qualität kritischen Denkens und mit dem Bild der physischen Vernetzung, sprich mit Bildung und Infrastruktur am besten zu beschreiben. Es hat noch beträchtlichen Wert, wird allerdings zunehmend unter Kurs verspielt.

Kontexte der Sozialisation

Bei der Bestimmung wesentlicher Einflussfaktoren auf unsere Persönlichkeitsstruktur finden sich nicht nur die direkten Interventionsgestalten wie das Elternhaus, die Schule oder der Betrieb wieder. Wir sind zudem geprägt von einer bestimmten spirituell und kulturell zu definierenden Schwingung, die wir oft profan den Zeitgeist nennen. In der psychosozialen Dimension sind wir heute sehr geprägt von den Phasen der Traumatisierung als Kriegsfolge und der überprägten Sensibilisierung, die sich in Skeptizismus und Defätismus äußert. Unabhängig davon existierten und existieren bei unserer Sozialisation weiterhin positive Kraftfelder, die sich aus den Assets unseres Kulturkreises speisen.

Das, was als das Tafelsilber des Westens bezeichnet wurde und mit den großen Überschriften von Bildung und Infrastruktur benannt werden kann, wird komplettiert durch die Vorteile des sich selbst reflektierenden Ichs in seiner aufgeklärten Disposition. Neben der Selbstverständlichkeit einer physischen Infrastruktur und der ebenso vorhandenen Gewissheit, einen Zugang zu Bildung zu bekommen, haben sich Denkweisen in die Individualität westlicher Menschen eingepflanzt, die keiner Sozialisationsinstanz direkt gutgeschrieben werden können, sondern als kulturell-nationale Identitäten verstanden werden müssen.

Kein Mensch in der globalen Sphäre ist so von einer Zielorientierung geprägt wie der westliche. Das Denken in Zielen sowie in Mittel-Zweck-Relationen ist ihm quasi von der Wiege her mitgegeben und prägt den gesamten existenziellen Rhythmus. Bis zur Herausbildung einer eigenen Disziplin, der Teleologie, hat sich der westliche Kulturkreis mit dem Zweck der Dinge, mit den Mitteln zu seiner Erreichung, was sich in der Methodologie ausdrückt, intensiv beschäftigt. Von der Beherrschung handwerklicher Technik bis zur Handhabung der Macht wurde die Relation von Zweck und Mittel verwissenschaftlicht und somit einer moralischen Kontrolle enthoben. Die Kritik an letzter Entwicklung wurde in dem Vorwurf der Technokratie und des Utilitarismus manifest, dem die Kritik an einer rein technisch definierten Form der Beherrschung und der Befreiung jeglicher gesellschaftlicher Moralität innewohnt.

Eine ähnliche Form der Weltherrschaft wurde durch einen weiteren Sozialisationskontext bewirkt. Das Wissen in den gemäßigten Zonen um die Begrenztheit und Endlichkeit von Ressourcen führte seit archaischen Zeiten zu einer eisernen Disziplinierung und einer Perfektionierung des ressourcenökonomischen Denkens. Vorratsbildung, Rationierung und Sparsamkeit sind Tugenden, die nicht aus einem abstrakten Ethos, sondern aus Jahrtausenden bitterer Erfahrung abgeleitet wurden, und die in Bezug auf die Güter der Vergangenheit vielleicht nicht mehr so aktuell sind, aber durch Komplexe wie Natur, Energie und Umwelt heute und in der Zukunft abgelöst werden.

Um in dem Feld einer globalen Komparatistik zu bleiben: Zielorientierung und Ressourcenökonomie sind aus den Sozialisationskontexten des Westens generierte Denk- und Verhaltensweisen, die bis dato andere Kulturkreise zu dominieren in der Lage sind, sofern sie nicht in ihren Hochburgen erodieren.

Das Luzide der Weißen Nächte

Jazz Pa Ryska. Jan Johansson

Bereits im Jahr 1968 war alles vorbei. Der erst 37jährige, junge schwedische Jazzpianist raste mit seinem Auto in einen Bus und war tot. Dabei war der Mann aus dem Hohen Norden so vielversprechend gestartet. Er studierte noch Elektrotechnik, als man ihn bat, den legendären Stan Getz auf einer Schwedentournee zu begleiten, bei Oscar Pettiford galt er schon als gesetzt. Inspiriert und ermutigt, brach Johansson sein Studium ab und machte sich in den Jazzclubs von Paris einen Namen. Er glänzte als der Stern des nordischen, skandinavischen Jazz. Dann goss er schwedische Volkslieder in das Maß eines luziden Swing. Er galt als Skandinaviens Hoffnung des Jazz und wurde diesem Namen gerecht, weil er rastlos nach Neuem suchte.

Ein Dokument nicht enden wollender Inspiration ist das Album Jazz Pa Ryska, in dem er sich – analog zu dem schwedischen Experiment – zahlreiche russische Volksweisen vornahm und in seiner eigenwilligen, hellen und leichten Weise in Jazzinterpretationen verwandelte. Dabei gelang Johansson etwas, was nicht unbedingt kleine Größen des Genres immer wieder scheitern ließ: Johansson konservierte die Melancholie der russischen Weisen, verstand es aber, ihnen auch das Lebensfrohe und Selbstironische zu entlocken. Wie sonst nur an wenigen Stellen bei Dostojewski, vermehrt bei Chechov, aber durchgängig bei Bulgakow in der Literatur, wird die Melancholie als Ausrede für Lebensbejahung und Veränderung das Spöttische, Provozierende entgegengehalten.

Beim Wolgalied wird durch die Inszenierung der Blockakkorde, die mit einem Staccato der Percussion in einem Dialog stehen, ganz einfach der Eindruck vermittelt, dass es an dem Gang der Wellen, am Fluss in eine Richtung, sprich am Lauf der Dinge nichts zu beklagen gibt. Das Kosakenlied hingegen kommt ohne das Schmissige und Militärische aus und wirkt eher verträumt, als die weltfremde Spekulation eines Orientalen. Und die Moskauer Nächte wirken weitaus großstädtischer als in allen vorherigen Interpretationen, mit seinem makellosen Swing kratzt Johansson quasi die Lebkuchenhülle der Metropole herunter und zeigt die Kälte der Millionenstadt, die trotzdem das Angebot der Verlustierung bereit stellt. Insgesamt 18 russische Volksweisen erfahren so eine Interpretation, die einfach genial ist, weil sie mit keinerlei Ideologie daherkommt und es der Autonomie des Hörenden überlässt, daraus etwas zu machen.

Jazz Pa Ryska ist ein wunderbares Album, es sprüht vor Inspiration und Vertrautem, es lässt die Seele reisen über weite Flächen, Birkenwälder und Flüsse, es lässt vortrefflich träumen von der Unendlichkeit des Sommers, der doch merklich zur Neige geht und die Endlichkeit des Daseins deutlich macht. Jan Johansson war ein großer, genialer und gefühlvoller Pianist, der das Genre des Jazz beherrschte und die Seele des Nordischen nie aufgab. Das machte ihn einzigartig. Und wer noch einmal träumen will in diesem Sommer, der sollte sich das anhören.