Archiv für den Monat Juni 2011

Soviel Weisheit, soviel Feuer

Don Carlos in Mannheim

Unter dem Motto Macht Geschichte wurden am 2. Juni die jährlichen Schillertage in Mannheim eröffnet. In der Stadt, in der die Räuber uraufgeführt wurden und der deutsche Idealismus seine erste Sternstunde feierte, pflegt man diese Tradition, auch in Zeiten, in denen die Ideale des bürgerlichen Hochgefühls längst verschwommen sind. Mit der Neuinszenierung des Don Carlos wurde in diesem Jahr ein Thema gewählt, mit dem der Autor Friedrich Schiller vom Sturm und Drang zur Klassik reüssierte.

Die zeitgenössischen Gepflogenheiten bei der Inszenierung klassischer Sujets sind mit relativ wenigen Ausnahmen schnell auf den Punkt gebracht: Man versuche das Opulente des historischen Interieurs zu reduzieren auf das Feng Shui der modernen Büros und arbeite ein wenig mit phonetischen Arrangements und Lichteffekten, man transportiere etwas Hochtechnologie in die Veranstaltung und die so genannt moderne Inszenierung hat ihr Signet. Insofern hat der Mannheimer Don Carlos keine neuen Maßstäbe gesetzt. Was hingegen glänzt ist ein lakonischer Stil, der in der Intonation des klassischen Textes genau das leistet, was die optischen Inszenierungsversuche nicht mehr vollbringen: er transportiert den Text in einer Klarheit, die verblüfft.

Schillers Text aus dem Jahre 1787 ist die wohl rasanteste Referenz an die universale Konfliktlinie von individueller Emotion und dem Handeln der Macht, beides antagonistisch verschärft in dem Unterschied der Generationen und der Aporie in der Beurteilung von Gut und Böse, verursacht durch die fluoreszierende Linie unterschiedlichster Motive. Und gerade diese textliche Qualität kommt zum wuchtigen Vorschein durch die lakonische, nicht wie sonst euphorische Proklamation des idealistischen Textes. Die Reduktion des Interieurs auf das profane Erscheinungsbild des XXI. Jahrhunderts, die Stereotypie der Boss Anzüge und die quälende Präsenz von Laptops konfigurierten die Aufführung zu einem Deutungsangebot für die Welt der Broker und Berater wie für die Blaupausenwerkstätten politischer Entscheidungen.

Was die flandrische Unabhängigkeitsbewegung mit der Liebe des spanischen Thronfolgers zu seiner französischen Stiefmutter, der Königsgattin Elisabeth von Valois
zu tun hat oder die Heilige Inquisition mit der Prinzessin von Eboli auf dem Bettlaken des spanischen Königs Philipp II. sind die Schlüsselverstrickungen, die aus Don Carlos eine Folie machen, die das Nachdenken über die Motivationslagen im Lager der Mächtigen so anreichert. Der Irrglaube, das nachfolgende Zeitalter der Vernunft hätte das Spiel der Macht der Emotion und der individuellen Begehrlichkeit entledigt, entpuppt sich als Illusion erster Klasse.

Schillers Don Carlos ist nicht nur einer der Schlüsseltexte des deutschen Idealismus, die Inszenierung anlässlich der Mannheimer Schillertage trägt dazu bei, den Urtext als Quelle zu einem besseren Verständnis der Verstrickungen von Macht in der Moderne wirken lassen zu können.

Strukturalistisch geprägt und beunruhigend

Gustave Le Bon, Psychologie der Massen

Wer glaubt, im Zeitalter der verdichteten Innovationen auf den historischen Rekurs verzichten zu können, der unterliegt der Verblendung seiner eigenen Zeit. Einen besseren Beweis für diese These ist kaum zu finden als in der von dem Ethnologen, Soziologen und Psychologen Gustave Le Bon bereits 1909 veröffentlichten Schrift Psychologie der Massen. Das Buch zeigt zweierlei: die frühe Affinität der Franzosen für den Strukturalismus und die relative Renitenz psychologischer Phänomene gegen technologische Halbwertzeiten.

Ist man gefeit gegen die Unwissenheit und die Borniertheit der politischen Korrektheit und braust nicht bei jeder Formulierung auf, die heute unüblich ist und ist man sich stattdessen bewusst, dass ein historischer Text in seiner geistesgeschichtlichen Relativität gelesen und verstanden werden muss, dann öffnet dieser Text nach über einhundert Jahren noch Horizonte. Le Bon ist es durch seine Vorgehensweise gelungen, indem er zunächst beschreibt, bevor er analysiert und wertet, das vor allem für das deutsche Publikum durch die Faschismustraumatisierung heikle Thema der Massenpsychologie zu einer rational erörterbaren Angelegenheit zu machen.

Die mit zahlreichen Beobachtungen hinterlegte These, dass die Masse die einzeln in ihr existente Individualisierung aufhebt und eine eigene, spezifische Handlungsweise und Reaktion hervorbringt, mündet zum Beispiel in der Feststellung, dass die Masse als solches eher träge und veränderungsresistent ist, aber auf der anderen Seite ein sehr feines Gespür aufweist hinsichtlich der moralischen Qualität der handelnden Protagonisten. Die These muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ehe man sich erlaubt, die Aktualität allein dieser Aussage durch einige Beispiele aus der Alltagswelt zu verifizieren.

Die zentrale Funktionsweise massenpsychologischer Wirkung umschreibt Le Bon mit einer kausalen Folge, die beginnt mit der Behauptung, die durch Wiederholung gestützt und einen Nimbus abgesichert wird und letztendlich durch Übertragung auf die Masse wirkt. Diese Erkenntnis wird bis heute von erfolgreichen Werbeagenturen bis hin zu den Wahlkampfteams der politischen Parteien adaptiert und es macht regelrechten Spaß, anhand selbst gewählter Beispiele, das Modell anhand zeitgenössischer Modelle zu rekonstruieren.

Ein anderer Fall ist das durch den Strukturalismus begünstigte Denken des Autors, dass es so etwas wie eine Volkspsyche gäbe, die deterministisch wirkt und die unabhängig von einzelnen Staatsformen wirkt. Bei der Aversion gegen so genannte Klischees wird sich das deutsche Publikum mit diesen Teilen der Schrift schwer tun, obwohl es ratsam wäre, sich auch damit auseinanderzusetzen, weil bestimmte Hinweise auf den Nationalcharakter manchen Irrweg verstellen würde. Ebenso wertvoll ist le Bons Deklarierung der Vorstellung, vernunftgetriebene Argumentation könne das Agieren der Masse beeinflussen, als Illusion.

Ist Management Kunst?

Die Erkenntnis, in einem Zeitalter der instrumentellen Vernunft zu leben, kommt so manchem Chronisten bereits aus den von Wurmstich befallenen Ohren heraus. Und die Überprüfung der aus der Erkenntnis abgeleiteten These ist eine leichte frühsportliche Übung. Die Vorstellung, unsere Welt zu gestalten, wird im Allgemeinen gleichgesetzt mit der Wahl der Instrumente, die man dazu zu benötigen glaubt. Das Verhältnis von Ziel und Mittel ist reichlich durcheinander geraten und es gilt als durchaus schick und smart, die Kausalität von beidem zu leugnen und auf den zweifelsohne vorhandenen Doppelcharakter von beidem zu pochen.

Management, dessen Begriff sich aus dem italienischen menagere ableitet, was soviel bedeutet wie im Kreise herum führen, konditionieren, domestizieren und zivilisieren, gilt als beliebig. Dabei handelt es sich um einen komplexen Prozess, der zweifelsohne mit dem Begriff Führen überschrieben werden kann. Es ist aber nicht nur das direkte, auf soziale Interaktionspartner abzielende Führen, sondern auch das Hinführen einer ganzen Organisation zu bestimmten Zielen. Letzteres setzt den Willen und die Fähigkeit voraus, Entscheidungen zu treffen und deren Konsequenzen zu tragen.

Die Verwissenschaftlichung unserer gesamten Lebenswelt hat den Trugschluss genährt, man könne quasi für jede Situation im Leben ein Instrument finden, dass es einem ermöglicht, die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles ist planbar und so genannte Frühwarnsysteme ermöglichen es, aufkommende Gefahren frühzeitig zu identifizieren und sich entsprechend zu verhalten. Je weiter man den Markt der Managementinstrumente sondiert, desto tiefer dringt man ein in mathematisch operierende Systeme, die letztendlich quasi von selbst das erledigen sollen, wofür der Manager eigentlich da ist.

Das Wesen von Menschen in Führungsverantwortung wird jedoch nicht daran abgelesen werden können, inwieweit sie dem Determinismus von Instrumenten folgen, sondern ob es ihnen gelingt, in konkreten Situationen abzuwägen, zu vergleichen und zu handeln. Letzteres hat etwas mit Mut, strategischer Kompetenz, Erfahrung, Wille und Charakter zu tun. Je mehr diese Eigenschaften schwinden, desto größer der Bedarf nach Instrumenten, die das Fehlende ersetzen sollen.

Das Führen und Entscheiden jenseits der Arithmetrik ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar, da ohne Instrumente und helfende Ordnungsprinzipien die eigentliche Kür nicht zum Tragen kommt. Letztere ist die praktische Entscheidung in einer konkreten Situation, die nicht mehr alleine von handwerklich Erlernbarem bestimmt, sondern getragen wird von einer Vision über Zukunft, einer Vorstellung von strategisch wirksamen Faktoren und einem Gespür für die zu erwartende Resonanz, im positiven wie im negativen Sinne. Diese Form von Management, die eigentliche, ist hohe Kunst, weil sie jenseits der Übung geprägt wird von existenzieller Verpflichtung und individueller Note.