Archiv für den Monat März 2011

Weißer Schnee, schwarze Macht

American Gangster. Regie Ridley Scott

Dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer wieder Geschichten aus der eigenen Historie zum Vorschein bringt, die einfach unglaublich klingen, ist eines der großen Assets der dortigen Filmindustrie. Für den Streifen American Gangster wurde eine solche Geschichte ausgegraben. Dabei geht es um den Vietnamkrieg, das große Geschäft, das organisierte Verbrechen und die Verwicklung der Politik. Nichts ist unmöglich und dennoch scheint vieles unglaublich.

Die Geschichte beginnt im Harlem des Jahres 1968 und dem plötzlichen Tod des schwarzen Paten der größten Black Community New Yorks. Frank Lukas, sein Adjutant, hat viel von ihm gelernt und beginnt auf seine Weise das Imperium neu zu organisieren. Dabei ergreift er eine Chance, die sich ihm bietet. Er umgeht die Lieferkette von Opium und Heroin, die aus dem Golden Triangle während des Vietnamkrieges über Bangkok in die Staaten geht, wo sie regelmäßig von Polizeisonderkommissionen beschlagnahmt, gestreckt und auf den Markt gebracht wird.

Frank Lukas, in seiner Geschäftstüchtigkeit und abstrusen Leistungsethik gut von Denzel Washington dargestellt, fährt daraufhin selbst nach Bangkok und mittels eines Cousins in der Army in das Golden Triangle, wo er eine direkte Geschäftsverbindung zu einem Opiumhändler knüpft, der damit den Guerillakrieg gegen die US Army finanziert. Von nun an ist der reinste Stoff in den USA zu haben und der ungekrönte, sich perfekt in der Mittelmäßigkeit tarnende Frank Lucas regiert weit über den Köpfen der italienischen Mafia.

Sein Gegenspieler, ein ein bisschen vertrottelt wirkender Cop, der an der Abendschule Jura studiert, Richie Roberts (Russel Crowe), kommt irgendwann dem genialen Plot auf die Schliche und webt sein Netz. Er bildet eine Sonderkommission, sammelt Indizien und Beweise, bis er die Schlinge zuzieht. Kein Wunder, dass dieses geschieht, als die US Streitkräfte ihre Niederlage eingestehen und fluchtartig Saigon verlassen. Nach der Festnahme mach Roberts Lucas ein Angebot, ihn wieder nach einigen Jahren frei zu bekommen, wenn er mit ihm kooperiert und die korrupte Polizeimaschinerie in Einzelteile zerlegt, was auch geschieht. Lucas wandert für fünfzehn Jahre in den Knast, insgesamt 150 Polizeibeamte werden rechtskräftig verurteilt. Der Film endet mit Lucas Entlassung, vor dem Knast wartet sein Anwalt, der ehemalige Cop Ritchie Roberts.

Der Film schafft es, das komplizierte Geflecht von Kriminalität und Politik transparent zu machen, ohne den Zuschauer zu verwirren. Ganz im Gegenteil: Es ist ein eher episches Werk, das darauf verzichtet, mit besonderen Grausamkeiten oder speziellen Effekten zu brillieren. Zu spannend ist die Erzählung: Die USA gehen in einen post-kolonialen Krieg, die dortige Guerilla setzt auch Drogen ein, die gleichzeitig über die Logistik der US Armee in die USA geliefert werden und deren Vermarktung die korrupte Polizei übernimmt. Bei diesem Teufelsspiel kann ein anständiger Krimineller wie Frank Lucas nur stören!

Texanische Blitze am nächtlichen Ruhrgebietshimmel

Johnny Winter Rockpalast: Blues Rock Legends Vol. 3

Als in den frühen Morgenstunden des 22. April 1979 in der Essener Grugahalle der damals 35jährige Texaner die Bühne betrat, gehörte er in den USA längst zu einer nicht ausblendbaren Bluesgröße. Trotz seines Auftrittes in Woodstock war er bis dahin vielen Europäern unbekannt, weil sein Auftritt aufgrund eines Streits seines Managers mit den Produzenten kurzerhand wieder herausgeschnitten wurde. Aber der unter einer schweren Pigmenterkrankung leidende und als Albino bezeichnete Gitarrist hatte längst Alben mit Muddy Waters aufgenommen und war zum Lonestar des texanischen Blues geworden.

Mit dem schlurfenden, jedes Wort verschmierenden und dennoch schnell dahin gerasselten Akzent des Texaners betrat er die Bühne und gab mit Hideaway einen kurzen Einblick in seine atemberaubende Art, mit texanischem Drive den Blues immer entlang den Ufern von Rock und Rhythm & Blues entlang zu treiben, ohne aufkreuzende Boogies auszulassen. Was sofort beeindruckte, war seine Virtuosität, die ihm später gar den Namen Guitar Slinger einbrachte, aber nie gekünstelt oder deplaziert wirkte. Schnell, virtuos und trotzdem lässig, voll aus dem Bauch mit einem Groove, der an einen leichten Trab erinnert, weckte er den nach mehreren Gruppen schon erschöpft wirkenden Saal wieder auf. Bei dem alten Standard Messin With The Kid setzte er dann seine hell-raue Stimme mit ein, die so gar nicht in die Klischees des Genres passte, aber zu den Steppen, aus denen diese Art von Blues kam. Und spätestens bei Mississippi Blues war das Auditorium nicht nur wach, sondern fest davon überzeugt, dass es Zeuge eines ganz großen Auftrittes eines absoluten Könners geworden war.

Mit den Rock-Evergreens Jonny B. Good und Suzie Q. holte Johnny Winter dann zwei weitere Asse aus dem Ärmel, die wiederum das Besondere an der texanischen Art, Musik zu machen, dokumentierten: So gefühlvoll und duldsam die Bluesnummern daherkommen, so aggressiv und kompromisslos, wie bei einem Showdown nach Wahl der Waffen, detoniert der Rock. Die Stimmung war schon nach kurzer Zeit auf dem Siedepunkt und Johnny Winter wäre kein Amerikaner, wenn er nicht gewusst hätte, wie er das halten kann. Er beruhigte das Publikum mit I´m Ready und Rockabilly Boogie, ehe er zum letzten Schlag ausholte. Quasi als Brücke diente ein Medley, ehe er das Konzert beschloss mit der wohl legendärsten Interpretation von Jumpin Jack Flash, mit einem Tempo, einer röhrenden und zitternden Gitarre und einem Gesang, der wie eine Urschreitherapie wirkte.

Das hier dokumentierte Konzert weist viele Tücken der damaligen Zeit auf, teils zu lange Soli, teils eine gänzlich aus der Mode gekommene Aufnahmetechnik. Aber es ist eines der ganz großen Rockkonzerte auf deutschem Boden. Zeiten kann man nicht zurückholen. Bestimmte Momente schon.

Das Tal des Trainers

Matthias Eckoldt. Letzte Tage. Boxerroman

Mit der Vereinigung Deutschlands im Jahr 1990 bekam der Boxsport einen neuen Schub. Tausende exzellent ausgebildete Amateurboxer aus der ehemaligen DDR und später aus anderen osteuropäischen Ländern suchten ihr Domizil in deutschen Boxställen, um eine Karriere im Profisport zu beginnen. Viele davon hatten Erfolg, eine direkte Übertragung ihrer Erfahrungswelten fand jedoch nicht statt. Die saubere, institutionalisierte Schule der ehemals sozialistischen Länder brachte einen anderen Typus des Boxers hervor, als das vorher im Westen, vor allem im durch die USA geprägten Profisport der Fall war. Sauber kämpfende, aus durchaus normalen sozialen Verhältnissen stammende Boxer, die von Training und Einstellung her exzellent eingestellt waren, stießen auf Underdogs, die aus dem Ghetto kamen und immer noch etwas hatten, das man in Fachkreisen denen aus dem Osten absprach: Killerinstinkt.

Matthias Eckoldts präzise und schnell daher kommender Roman gewährt einen Einblick in das Universum der sozialistisch geprägten Boxwelt, die im Westen Fuß fasste und durchaus große Erfolge aufzuweisen hat. Das Besondere an Eckoldts Roman ist jedoch, ihn aus der Perspektive des Trainers zu erzählen. Die Handlung ist einfach und das Problem schnell ausgemacht: Toni, ein ehemaliger DDR-Boxer und jetziger Trainer, hat zwei Schützlinge, die er beide nach oben bringen will. Alex aus gutem Hause, der als Halbschwergewichtler schon Erfolge erzielt hat und durch das schnelle Geld ins Schlingern geraten ist und Rico, der quasi als Weise in Tonis Hände kam und eigentlich zwei Klassen unter Alex boxt. Als der, wie sollte es anders sein, skrupellose Boxmanager Bornemeyer, natürlich ein typischer Westler, Toni anbietet, Alex durch einen Kampf gegen Rico wieder aufzubauen und damit egal bei welchem Ausgang die Option zu haben, weiter Geld zu verdienen, kommt Toni in einen Konflikt, der letztendlich ihn, den Trainer, zu Boden schickt.

Trotz großer Zweifel entscheidet sich Toni für die Betreuung Alex, der im ungleichen Kampf Rico den Unterkiefer bricht. Als die Ecke Ricos, seinerseits unterstützt durch einen Trainer aus der Bronx, nicht ans Aufgeben denkt, wirft der bereits alkoholisierte Toni das Handtuch, um Rico zu retten. Toni verliert den Vertrag und erliegt dem Suff, allein gelassen von seiner Frau und den ehemaligen Schützlingen. Eine Perspektive gibt es nicht, es waren seine letzten Tage.

Eckoldts Roman ist ein gelungener Versuch, das heutige Boxen aus überalterten Klischees zu holen und ihm einen der Entwicklung entsprechenden Realismus zukommen zu lassen. In seiner technischen Perfektion entspricht er aber auch dem Bild, das aus der osteuropäischen Amateurwelt stammt, das Fundamentale, Existenzphilosophische, hat darin keinen Platz mehr, was viele Bedauern werden, deren Faszination gerade sich aus dieser Perspektive speist. Sehr gut geschrieben, wenig Seele.