Archiv für den Monat März 2011

Frisierte Bilanzen

Für manche Zeitgenossen ist es ein ganz bequemes Unterfangen: Es gehört dazu, über die korrekte Formulierung informiert zu sein, diese anzuwenden und die Welt ist in Ordnung. Vieles haben wir hinsichtlich der immer wieder neu kreierten Formulierungsübungen über uns erhegen lassen müssen. Die Welt verändert haben sie nicht. Gemeint ist hier die groß angelegte, von bestimmten Kräften politisch inszenierte Fälschung einer politisch desaströsen Bilanz in Bezug auf Unterdrückte und Minderheiten. Die tatsächlich stattgefundene und stattfindende Ausgrenzung, von Frauen bis zu Einwanderern, Homosexuellen und Ethnien, hat die Emanzipation dieser Zielgruppen auf das politische Programm gebracht, sonderlich viel Zählbares ist leider nicht dabei herausgekommen.

Neben der Erreichung formaler Rechte und dem Schutz gegen Diskriminierung, die gesetzlich festgeschrieben sind und als politischer Erfolg keineswegs geringschätzt werden sollten, hat sich dieses Regelwerk nicht signifikant auf die tatsächliche Teilhabe ausgewirkt. Integration, so lehren uns die Länder, die darin gewaltige Erfahrungen und Erfolge haben, Integration ist keine Frage der Verbalisierung, sondern kurz und knapp die erfolgreiche persönliche Karriere entsprechend der eigenen Fähigkeiten. Und obwohl wir in unserem Land über fähige Frauen, grandiose Manager aus Einwandererfamilien und Prototypen globaler interkultureller Kompetenz verfügen, sind sie nur rudimentär in Vorstandsgremien, Politikräten oder an der Spitze von Verbänden anzutreffen. Die Gravitationskraft der Tradition wirkt nach wie vor.

Die Gründe dafür sind vielschichtig, einer der vielleicht größten Fehler derer, die sich für die Emanzipation stark gemacht haben, war wahrscheinlich die irrsinnige Behauptung, die Gruppen des Diversity seien besser als der Rest. Damit haben sie, ganz aktuell und quantitativ vor allem den Frauen, einen Mühlstein um den Hals gehängt, mit dem sie als Gruppe unter gegangen sind. Mit der idiotischen Behauptung, Frauen seien besser als Männer, haben sie allen Frauen, die in Leitungspositionen kamen, eine Hypothek mitgegeben, an der sie scheitern mussten. Etwas weniger wäre da mehr gewesen, einfach ein gleiches Recht abzuleiten und es aus einem Demokratieverständnis oder Menschenrecht zu begründen, hätte völlig genügt.

Und so ist es kein Wunder, dass gerade die Exemplare der Emanzipationsbewegung, die am meisten auf der political correctness herumreiten, als Negativwerbung in den medialen Kanälen posen und dafür sorgen, dass sich manch einer, der sich durchaus für das Prinzip der Gleichberechtigung erwärmen kann, durch und durch schütteln muss, wenn diese Hohepriester der verbalen Inquisition ihren nicht vorhandenen Charme zur Schau stellen. Ob eine Katze weiß oder schwarz ist, pflegte der chinesische Kommunist Deng Hsiao Ping zu sagen, ist unerheblich, Hauptsache, sie fängt Mäuse. Er war mit dieser Betrachtungsweise sehr erfolgreich.

Die Rettung des Dogmatismus in die Post-Moderne

Die post-traumatische Entwicklung des vom Faschismus wieder genesenden Deutschland hat eine sehr verwinkelte Entwicklung hinter sich. Zunächst, nach dem Krieg und der Teilung der Nation, konnte sich der Westen dank einer fürsorglichen Behandlung vor allem durch die USA der Verdrängung widmen, bis die nachwachsende, nicht im Krieg sozialisierte Generation die Diktatur der Doppelmoral so nicht mehr respektierte. Während im Osten der geistige Totalitarismus der Nazis durch eine neue, autoritäre und monomatische Variante abgelöst wurde, bewegte sich der Westen auf etwas zu, das absurder nicht sein konnte.

Die rebellierende Jugend des Westens, die sich zunächst anti-autoritären Modellen verschrieben hatte, migrierte mit Zielsicherheit auf Denkschulen und Ideologien zu, die nicht minder autoritär und anti-demokratisch waren wie die spirituellen Refugien der Väter. Die neuen Lehren mussten nur die Vertreter der Alten genug schocken, um geeignet zu sein. So entstand eine Rebellion gegen die autoritären Muster der Vergangenheit mit autoritären Mustern aus anderen Bezugswelten. Der wahre Bruch mit der autoritären Dominanz und die Stiftung einer selbstbestimmten, souveränen Reflexion gegen die Unterdrückung fanden nicht statt.

Nach der autoritären Ideologisierung der so genannten 68iger Bewegung und der Etablierung undemokratischer Bewegungen regte sich abermals Widerstand, nun gegen den Dogmatismus der Gegen-Väter-Rebellion, der vielen nicht mehr geheuer war, weil er genau das replizierte, was einstmals als das Übel schlechthin galt. Statt der Lobeshymnen auf den alten Militarismus wurden nun terroristische Großereignisse wie die chinesische Kulturrevolution ebenso gefeiert wie die Massenvernichtungszüge des kambodschanischen Monsters Pol Pot. Da blieb nicht mehr viel von der einst so ersehnten Menschlichkeit in einer demokratischen Welt.

Die Abkehr von dieser Ideologisierung wiederum fand ihren Ausdruck in der Gründung der GRÜNEN, die nicht nur bewusst der politischen Ideologie den Rücken kehrten, sondern auch den Formen der politischen Organisation und Koalition. Der ostentativ zur Schau getragene Anti-Dogmatismus war jedoch mit das erste, was sich wieder aufzulösen schien. Früh fiel auf, dass wie in allen vorherigen Bewegungen auch, das Ideal des Zusammenlebens und der Umgang miteinander so gar nicht mit der Praxis korrespondierten.

Der so genannte gewaltfreie Diskurs wurde immer brachialer zur Etablierung eines dogmatischen Kanons, der nun wiederum im Raum steht und konstruktiven Disput unmöglich macht. Wieder feiert der Dogmatismus fröhliche Urstände und der Verdacht liegt nahe, dass die Protagonisten ebenfalls durch einen die eigene Biographie begleitenden Verdrängungsprozess es nicht vermocht haben, sich von den autoritären Denkweisen der großen dunklen Vergangenheit zu lösen. Da wundert es dann gar nicht zu sehen, wie die einstigen Anti-Dogmatiker mit ihrem Hexenhammer der modernen Inquisition das gesellschaftliche Leben vergiften.

Vom Heroismus zur moralistischen Diktatur

Nein, es geht nicht um die Verteidigung des Ministers der Verteidigung. Der hat seinen Rücktritt erklärt und damit eine Konsequenz aus den Kampagnen gezogen, die gegen ihn gefahren wurden. Und er hat durch seine eigene Lebens- wie Amtsführung dazu beigetragen, dass Opposition gegen ihn aufkommen musste. Von der skrupellosen Art und Weise des Medieneinsatzes, in dem ganz bewusst mit Volksempfinden und Starletauftritten der Ehefrau gespielt wurde, bis zu Amtshandlungen, die ihm ein großes Boulevardblatt nahe gelegt hatte und schließlich dem Vorwurf, in einem wissenschaftlichen Verfahren bewusst getäuscht zu haben. Berechtigte Vorwürfe gab es genug, um diesen Minister zu kritisieren. Wie jeder Mensch muss auch er damit klar kommen, wie selbst verursachte Probleme auf das eigene Leben zurück schlagen.

Viel interessanter ist jedoch die Frage, was in der Massenpsychologie der posttraumatischen Heroengesellschaft Deutschland in diesem Fall zu illustrieren wäre. In der positiven Reaktion auf den adeligen Minister zu Guttenberg fiel auf, dass große Teile der Bevölkerung, obwohl nicht einer monarchistischen Nostalgie verdächtig, gerade in der Unabhängigkeit dieses Ministers von den existenziellen Nöten des Bürgertums einen unschätzbaren Vorteil sahen. Auf der Folie gerade unzähliger Erfahrungen der persönlichen Bereicherung im Großen wie im Kleinen allzu vieler Politiker attestierte man dem Abkömmling altbayrischen Adels eine große, unabhängige Geste, die dem privaten Überfluss entsprang. Zudem brachte der Mann Jugendlichkeit und eine Versiertheit auf den Bedeutungsparketten mit sich, gegen die viele Parvenüs des Politgenres wie Bauerstenze wirkten.

Wer solche Wirkungen erzielt, dem ist der Neid gewiss. Hinzu kam, dass zu Guttenberg die größte Reform der Bundeswehr seit ihrem Bestehen vor sich hatte, was Macht- und Ressourcenkämpfe großen Ausmaßes nach sich zieht und dem Initiator einer solchen Reform Feindschaft bis ans Ende aller Tage garantiert.

So fielen sie wie die Hyänen über ihn her, als er seine ersten Fehler machte. Nach bewährter Manier seit der Inquisition wurde eine Prozessdramaturgie gewählt, die martialischer nicht hätte sein können und die vor allem moralisch ausgelegte Kritik der lautesten Schreier und Diffamierer legte nicht selten die alte Weisheit nahe, dass moralische Empörung zumeist eine Art Eifersucht im Heiligenschein darstellt. Wenn Politiker, die in ihrer eigenen Amtszeit als Minister mit dem Dienstjet zu Muttis Geburtstag nach Spanien geflogen sind, nun mit dem Indexfinger brüllend auf den Angeklagten zeigten, so legten sie mehr Zeugnis ab über sich als über den in die Enge Geratenen.

Es scheint ein Fluch zu liegen über den Seelen dieses Landes. Er rührt aus den Zeiten des großen Diktators und den in seinem Namen begangenen Verbrechen. Seit der großen Niederlage, die dem großen Wort der Weltherrschaft folgte, herrscht das große Trauma. Und alles, was als Erfolg allzu rein erscheint, muss in einer massenpsychotischen Übereilung vernichtet werden. Die Moral, derer man sich bei diesen radikalen Vernichtungszügen befleißigt, die stammt jedoch aus den Anfängen der Zeit, derer man sich erwehren will. Nur ist es kaum jemandem bewusst.