Archiv für den Monat März 2011

Broker der Angst

Dass es sich mit der Atomkraft um eine existenziell virulente Angelegenheit handelt, wissen wir seit dem Abwurf der ersten beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Die Menschheit war durch das Erei9gnis geteilt. Der Erleichterung über das Ende des II. Weltkrieges wich bald der Sorge über die ungeheure Vernichtungskraft, die sich hinter der Verstrahlung verbarg. Dennoch versuchten sich die Atommächte an der Technologie und in den sechziger Jahren war die Erde aufgrund überirdischer atomarer Tests weitaus mehr belastet als heute oder zu Zeiten von Tschernobyl. Die Ereignisse von Fukushima haben nicht die Frage erneut aktualisiert, ob Kernenergie gefährlich und für die Zukunft unvertretbar ist. Das wissen wir seit einem halben Jahrhundert. Wenn wir die Gelegenheit beim Schopf packen wollen, um daraus etwas zu lernen, muss es die Frage sein, was politisch dazu geführt hat, dass diese Einsicht nicht zu praktischen Konsequenzen geführt hat.

Seit Ende der siebziger etablierte sich in Deutschland eine Anti-AKW-Bewegung, die sich vehement gegen die Errichtung der ersten Atomkraftwerke hier wandte und zu den zeitnahen Vorläufern der Grünen zählte, die sich kurz danach formierte. Die wesentliche Programmatik dieser neuen Partei bestand in einem Plädoyer für den Atomausstieg und einem radikalen Anti-Militarismus. Alles andere entwickelte sich später, Emanzipations- und Diversity-Strategien kamen hinzu. Mit der Regierungsbeteiligung und der Übernahme von Verantwortung zwischen 1998 und 2005 war die Stunde gekommen, um der Programmatik praktische Taten folgen zu lassen. Zur Verwunderung nicht weniger Wähler bestand die Morgengabe der neuen sozialdemokratisch-grünen Bundesregierung darin, mit einer überaus perfiden Propagandamaschinerie eine militärische Intervention auf dem Balkan vorzubereiten und es kann als das Gesellenstück der ersten grünen Außenministers dieser Republik gesehen werden, dass später Bomben auf Belgrad fielen. Und wer auf einen sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie gewartet hat, der sollte bitter enttäuscht werden.

Angesichts dieser Bilanz mutet es schon eigenartig an, dass bei den bevorstehenden Wahlen gerade die Politiker, die sich als nicht durchsetzungsfähig und nicht konsequent erwiesen haben, eine Atmosphäre für sich auszunutzen in der Lage sind, die eher das pathologische Interesse wecken muss. Denn Hamsterkäufe für Sencha Tee und Geigerzähler in allen Winkeln der Republik dokumentieren nicht gerade die politische Reife, die man sich für eine zivile Gesellschaft wünscht.

Wie sehr, so fragt man sich, muss es um die Charaktere derer bestellt sein, die eine politisch derart desaströse Bilanz aufzuweisen haben, wenn sie sich nun, nach Mobilisierung aller Angstpotenziale, als eine Alternative zum Bestehenden preisen? Und wie sehr, so fragt man sich selbst im Gefühl der Bestürzung, muss es um den Verstand derer bestellt sein, die auch noch gierig nach dem bereits geplatzten Wechsel greifen? Bei allen politischen Programmen und ihrer durchaus diskursiven Güte: Wenn es an Charakter, Haltung und Verstand fehlt, wird es schwierig, Weichen für die Zukunft zu stellen.

Die emotionalen Verwicklungen der Emigration

Colm Tóibín. Brooklyn

Der in der Nähe von Wexford aufgewachsene Ire Colm Tóibín ist sowohl von seiner eigenen Biographie als auch seiner Nationalität her geeignet wie kaum ein anderer, sich des Themas der Emigration anzunehmen. Er selbst verließ schon als junger Mann Irland, um für einige Jahre das Glück in Barcelona zu suchen, bevor er wieder zurückkehrte. Und Irland selbst gehört neben Italien zu den beiden großen katholischen Kulturnationen, die entscheidend zu dem Charakter der heutigen USA beigetragen haben, auch wenn dieser Aspekt bis heute allzu sehr von der anglikanisch-protestantischen Seite beleuchtet wird. Mit dem Roman Brooklyn erzählt Tóibín die Geschichte der jungen Eilis Stacy, die 1950 ihrer irischen Heimat den Rücken zuwendet und sich ins ferne Brooklyn aufmacht.

Das Besondere an dem Roman ist das Unspektakuläre. Eilis findet keine Arbeit, wohnt im Hause der Mutter zusammen mit der geachteten und erfolgreichen Schwester Rose, während der Vater bereits verstorben ist und die Brüder in England arbeiten. Rose arrangiert ein Treffen mit einem irischen Geistlichen aus der Brooklyner Gemeinde, der zu Besuch ist und Rose verspricht, für die Schwester Eilis sowohl Arbeit als auch ein berufliches Weiterkommen in der Neuen Welt arrangieren zu können. Dem stimmen Mutter wie die ältere Schwester zu, ohne dass Eilis besonders gefragt würde.

In Brooklyn angekommen, wird Eilis aktiver Teil einer Integrationsgeschichte: Sie bekommt Kost und Logis in einem Haus mit anderen Immigrantinnen, sie bekommt eine Anstellung in einem italienischen Modehaus, sie geht in einen Abendkurs mit anderen Immigranten aus unterschiedlichen Nationen. Sie behält ihren irischen Bezugspunkt in der Gemeinde, lernt jedoch auf einem Tanzabend einen jungen Mann kennen, der wie ein Amerikaner wirkt, sich aber als ein italienischer Einwanderer der zweiten Generation entpuppt.

Während Eilis sich zunehmend an den Lebensrhythmus und die Gepflogenheiten der neuen Heimat gewöhnt, stirbt unverhofft Schwester Rose. Auf einem Besuch bei der Mutter, die nun versucht, die Tochter zurück in die alte Welt zu ziehen, wird der emigrierten Eilis schmerzhaft bewusst, dass sie nicht mehr zurück kann. Ihre innere Entscheidung für das neue Leben ist gefällt und sie macht sich auf den Weg zurück nach Brooklyn, auch wenn es der Mutter das Herz bricht.

In einer dezent geschilderten Erzählung über eine irische Allerweltsgeschichte lässt Tóibín mit epischer Kompetenz die Erkenntnis Thomas Wolfe´s, You Can´t Go Home Again, in die Handlung einfließen, ohne dass er Klischees und emotionales Inflationsmaterial bemühen müsste. Er kommt gänzlich aus ohne das Drama, obwohl die Handlung dramatischer nicht sein könnte für die junge Eilis, deren Geschichte stellvertretend für Hunderttausende steht, die Nation und familiäre Bindungen hinter sich ließen, um in einer fremden Welt zu überleben.

Eine Renaissance des Revisionismus

Unter dem Begriff Revisionismus können sich in der Regel nur jene Zeitgenossen etwas vorstellen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Biographie ein größeres Veränderungsvorhaben direkt miterlebt haben. Letztere bringen es nämlich mit sich, dass sie das Gegenwärtige jeweils richtig ins Wanken bringen und den Zustand derer, die sich in dem Kraftfeld der Veränderung befinden, gravierend beeinflussen. Viele müssen Macht und Einfluss abgeben und verlieren an Ressourcen, andere wiederum sind die Nutznießer. Ein derartiger Prozess bringt vieles aus dem gewohnten Lot und neben der anfänglichen Euphorie, die das Neue begleitet, macht sich mit Sicherheit auch irgendwann ein Gegengefühl breit, das Ängste schürt, vieles schwarz malt und zur Umkehr mahnt. Nicht selten sind das die Stimmen des Gestern, derer, deren Einfluss schwindet, aber eben nicht immer. Manchmal sind es einfach nur Unsicherheiten, die aufgrund gezielter Kommunikationsdebakel derer, die nichts mehr zu verlieren haben, entstanden sind. Manchmal sind es auch nur Anpassungsdepressionen. Für diejenigen, die einen solchen Prozess zu verantworten haben, sind es die Momente der Wahrheit.

Ein immer wieder zu beobachtendes Muster in dieser beschriebenen Veränderungskrise ist das folgende: Die Veränderung schreitet voran und hat bereits den eigentlich kritischen Punkt sogar überschritten. Es beginnt eine an Hysterie grenzende Kritik an den Protagonisten der Umgestaltung. Die Auftraggeber distanzieren sich von den Protagonisten, in dem sie zuwarten oder lediglich moderieren. Wie aus dem Nichts steigen eine neue Terminologie und ein neuer Begründungszusammenhang auf, die sich von der Philosophie des Wandels kaum unterscheiden, aber ihren Geist dennoch revidieren. Alle, die unter der Veränderung gelitten haben, atmen befreit auf, die Agenten des Wandels werden zum Teufel gejagt. Das ist die Stunde des Revisionismus.

Betrachten wir uns die wenigen Prozesse, die gegenwärtig in Deutschland grundlegende Veränderungen zum Ziel haben, dann ist auffällig, dass diese fast allesamt diesem Schema gefolgt sind oder folgen. Die mediale Begleitung dieser Machtkämpfe gleicht in vielen Fällen einem psychologischen Setting, das in den Hauptzügen totalitären Tribunalen entspricht. Ein über die Internetforen mobilisierter Mob, der zumeist den Diskussionen in ihrer Komplexität nicht folgen kann, reduziert diese in kleine, gierige Bisse. Eskortiert wird das Ganze von einer zunehmend entgleitenden Berichterstattung der großen Fernsehanstalten, wo die Akteure mit der Qualität und dem Ethos eines kritisch-unabhängigen Journalismus längst in die Minderheit geraten sind.

Von der Bundesanstalt für Arbeit bis zur Bundeswehr, von der Agenda 2010 bis zu Fußballvereinen ist das Muster der Abwendung von einem überfälligen Paradigmenwechsel zur Genese einer umgreifenden Renaissance des Revisionismus geworden. Das immer wieder laut vernehmliche kollektive Aufatmen gleicht dabei eher dem finalen Stoßseufzer der Kreatur, die vom Leben nichts mehr erwartet und an die Zukunft nicht mehr denken mag.