Archiv für den Monat Februar 2011

Archivarische Analysen

Peter Scholl-Latour. Koloss Auf Tönernen Füßen. Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak

Peter Scholl-Latour hat die Krisengebiete dieser Welt bereist wie kaum ein anderer. Durch seine eigene, sehr bewegte Biographie ist es ihm immer wieder gelungen, in verschiedene, für uns Mitteleuropäer verborgene Kulturkreise einzutauchen. Sehr früh brachte ihn seine militärische Karriere über die alte Kolonialmacht Frankreich nach Indochina und später eröffnete ihm das Studium einen exzellenten Zugang in die arabisch-islamische Welt. Ein Mann, der nunmehr sechzig Jahre die Welt als politischer Journalist bereist, hat natürlich auch aus der historischen Perspektive etwas zu sagen zu den Versuchen der USA, ihre Stellung als Supermacht zu konservieren. Da ist ein Buch, das auf die Zeit eines George W. Bush mit seinen großen Irrtümern gemünzt ist, dem Verdacht ausgesetzt, in der Amtsperiode eines Barack Obamas nicht mehr ganz a jour zu sein. Wäre da nicht das phänomenal Archiv eines Peter Scholl-Latour.

Die Gliederung des im Jahr 2006 erschienen Buches macht deutlich, dass Scholl-Latour sich bei der Analyse der äußerst prekären hegemonialen Lage der USA für die historische Dimension entschieden hat. Es fällt auf, dass die beiden herausragenden Kapitel sich mit Korea und Vietnam befassen, während die Auseinandersetzung mit dem Irak eher wie ein Appendix wirkt. Was aus Aktualitätsbezogenheit zunächst als Nachteil wirken könnte, entpuppt sich jedoch bei der Lektüre als ein unschätzbarer Vorteil.

In dem ihm eigenen Stil verbindet der Autor eine aktuelle Reise mit dem ständigen Verweisen auf frühere Erlebnisse in den gleichen Ländern. Was feuilletonistisch wirkt, ist eine historische Vielschichtigkeit, die nur wenigen Historiographen gelingt. So erfahren wir sehr viel über die Komplexität des Korea-Konfliktes, von der hegemonialen Rolle Chinas, dem insurrektiven Potenzial im Norden sowie die gleichzeitige Skepsis beider Seiten, Süd wie Nord, angesichts der Erfahrungen in Deutschland, die von dort sehr genau beobachtet wurden. Entscheidend jedoch ist das Ausbleiben der Lehren innerhalb der USA aus der Kriegsgeschichte, dort wie in Vietnam. Auch in diesem Kapitel blitzen viele Details aus dem furchtbaren Krieg gegen den Vietkong auf, aus dem die USA genauso ramponiert herausgingen wie sie aus dem Irak herausgehen werden.

Eine Frage, die sich in kritischer Hinsicht auf das in historisch-dokumentarischer Hinsicht ungemein lesenswerte Buch stellen lässt, ist die, ob die tendenzielle Reduktion auf die kriegstaktische Dimension amerikanischen Handelns als hinreichend erachtet werden kann. Sowohl Ökonomie als auch Bündnispolitik sind Dimensionen, die das Wesen der Supermacht USA im 20. Jahrhundert ebenso ausgemacht haben wir das Militärische, und es sind auch die Kategorien, die über die Zukunft in erster Linie entscheiden werden. Dennoch ein lesenswertes Buch für alle, die den historischen Bezug als unabdingbar erachten.

Change-Prozesse als Wette auf die Zukunft

Ob momentan in Tunesien und Ägypten, ob in den USA oder im eigenen Betrieb: So genannte Change- oder Umgestaltungsprozesse hängen von vielen Faktoren ab und sie entspringen unterschiedlichen Quellen. In Ägypten und Tunesien entstand über Jahrzehnte ein Unmut gegen Rechtlosigkeit und Verarmung, in den USA entsprach der Wille zur Umgestaltung der Erkenntnis, die Machtkarte der alleinigen Hegemonie nicht mehr so spielen zu können wie in der Vergangenheit und in vielen Betrieben etabliert sich die Vision von etwas Neuem durch die Reflexion der eigenen Chancen im Vergleich zur Konkurrenz.

Gut und günstig verlaufen Change-Prozesse, wenn sie von Mehrheiten getragen werden. Länder, die sich im Aufbruch befinden, setzen ungeheure Produktivkräfte frei, es entsteht eine Atmosphäre der Liberalität und des Aufbruchs und für einen kurzen Moment glaubt eine Nation an die eigene wie die ewige Jugend. Eine etablierte Macht hingegen muss sich bei einem initiierten Wandel neu erfinden und das Neue muss gegenüber dem Alten wesentlich attraktiver sein. Diejenigen, die Macht verlieren und abgeben sollen, kämpfen verbissen für die alten Verhältnisse, wie es sich momentan exzellent an der innenpolitischen Auseinandersetzung in den USA illustrieren lässt.

In Unternehmen oder Organisationen ist es ähnlich. Eine Aufbruchsstimmung wie bei einer Revolte ist nahezu unmöglich. Da Change-Prozesse in Organisationen immer etwas Proaktives haben, d.h. sie sich für eine Veränderung aussprechen, obwohl vieles noch gut funktioniert, sind sie in hohem Maße erklärungsbedürftig. Es geht nicht nur um den Verlust von Macht und Prestige, es geht auch um Sinn. Letzterer ist letztendlich eine Wette auf die Zukunft. Die Initiatoren müssen erklären und beweisen, dass ihre Konzeption für die Zukunft besser geeignet ist als die jetzige, durchaus erfolgreiche Konstitution.

Sind bei Wirtschaftsbetrieben die Direktionsrechte noch sehr mit dem Zugriff auf die Ressourcen verbunden und dadurch das Gewicht eines Kommandowechsels gesichert, so entspringt der Öffentliche Dienst einem Milieu, der durch politische Interessen und öffentliche Diskussionen durchsetzt ist. Analog geht es Verbänden oder Vereinen, die in der Öffentlichkeit eine hohe Beachtung finden. Deren Wandlungsfähigkeit hängt in hohem Maße ab vom Klima einer Gesellschaft. Befindet sich letztere allgemein im Aufwind, so existiert eine reformfreundliche Atmosphäre. Sind hingegen die Verteilungskämpfe in vollem Gange und die Perspektiven für die Zukunft durch Partikularinteressen zugestellt, erleben alle veränderungswilligen Organisationen eine Art ritueller Hinrichtung mit inquisitorischem Charakter.

Betrachtet man die Bundesrepublik in ihrem gegenwärtigen Zustand, so sticht letzteres doch sehr ins Auge. Change-Prozesse, die versuchen, eine gute Option auf eine Zukunftswette zu bieten, werden mit einer emotionalen Vehemenz denunziert, die ihresgleichen sucht. Kein gutes Testat für den Zustand der Nation!

Kongeniale Dialoge

thelonius monk quartet with john coltrane at carnegie hall

Als Thelonius Monk im Spätherbst 1957 den Saxophonisten John Coltrane zu einem gemeinsamen Konzert in der Carnegie Hall in New York City einlud, hatten beide bereits einen Namen. Monks Ensemble galt als routiniert, Musiker des Monk Quartetts wie Ahmed Abdul-Malik (bass) und Shadow Wilson (drums) hatten sich bereits durch alle Clubs in Harlem wie im Village gespielt und das Publikum erwartete nichts anderes als ein rauschendes Fest. Diese Erwartung wurde, wie sollte es anders sein, noch weit übertroffen. Wer auch beim Hören mit dem Wissen, wie die Entwicklung des Jazz weiterging, diese Aufnahmen heute genießt, wird sich doppelt freuen, weil nichts, aber auch gar nichts von dem zu verspüren ist, wie es in der epigonalen Folge der ersten Stunde des Bebop oft zu beklagen war, verspürten diese Giganten des Genres keine Notwendigkeit, ihre technische Brillanz und ihre Schnelligkeit zu demonstrieren, sondern sie konzentrierten sich auf das Wesentliche.

Thelonius Monk hatte als Gastgeber ausschließlich seine von ihm selbst komponierten Stücke auf die Playlist gesetzt. Der Revolutionär Monk, dem die eigenen kompositorischen Eskapaden zuweilen selbst ein Rätsel blieben, weil er die Größe hatte, seiner Intuition für das Verblüffende zu folgen. Die Herausforderung für den Virtuosen Coltrane bildete eine Improvisation, die nicht zentrifugal auf das Reflektorische von Monks Melodien wirkte, sondern sich als eine Art kontrapunktische Lyrik einfügte, ohne den eigenen Charakter zu verlieren.

Und genau diese Kombination, die als ein kongenialer Dialog noch lange nach dem Hören im Gedächtnis bleibt, ist den Musikern gelungen. Da wirken Stücke wie Monks Mood, tausendfach interpretiert und variiert, wie die einzige Version, die den Tiefsinn so inszeniert, dass man glaubt, die einzige Form der Interpretation gefunden zu haben. Bei Evidence, einem Stück, das immer den Eindruck erweckt, als sei es alles, nur nicht offensichtlich, wirkt der Diskurs zwischen der Monkschen Melodieführung und Coltranes Akkordfolgen nicht anders. In Crepuscule With Nelly, Monks Hymne auf seine Frau, in der die ganze Dankbarkeit des exzentrischen, von den profanen Lebensumständen irritierten Geistes zum Ausdruck kommt, reminisziert Coltrane nur die Melodie mit einem Zartgefühl ohne improvisatorisches Beiwerk, weil er eine wohlverstandene Auffassung von der innigen Botschaft hatte. Bei Nutty hingegen wird die große Stärke des Bebop, wie sie auch von Charlie Parker so meisterhaft beherrscht wurde, evident. Aus einer einfachen Melodieführung, die alles mitbringt, um als Kinderlied zu bestehen, entwickelt Coltrane einen atemberaubenden Improvisationsteil, den Monk anfänglich mit markigen Akkorden eskortiert, ehe er ihn einfach fortfliegen lässt, bevor er ihn wieder einfängt, um aus einem Schwindelgefühl zurück zum Thema zu führen. Blue Monk wiederum wird strikt enthymnisiert und zu einem schwungvollen, aber nüchternen Blues, den Coltrane in die Umlaufbahn des Bebop schleudert.

Kurz, in insgesamt neun Stücken erleben wir eine Sternstunde des Jazz, beherzt, genial, einfühlsam, kurzweilig, und, ganz im Sinne des göttlichen Mönches, jenseits der Gravitationskräfte des Alltags!