Archiv für den Monat April 2010

Ordnung und Tradition oder Geist und Inspiration?

K.-H. Kleinbaum. Dead Poets Society

Kann und sollte man sich befassen mit einem Buch, das viel bekannter durch seine Verfilmung geworden ist und selbst dessen Erfolg schon fast zwei Dekaden zurück liegt? Ganz besonders, muss die Antwort lauten, wenn es sich um eine Thematik handelt, die von ihrer Aktualität her kaum zu überbieten ist. Denn es geht um Erziehung und Bildung und die Frage, welches Konzept am besten geeignet ist, die Persönlichkeitsbildung junger Menschen zu unterstützen. Kleinbaums Club der Toten Dichter ist eine handliche Skizze zum Paradigmenstreit über die Konstitutionsprinzipien einer erfolgreichen Pädagogik.

Die Handlung, eine sehr komprimierte Ausführung über das Leben von Schülern, die sich meist durch das Elternhaus bestimmt in einem traditionsreichen Internat eingefunden haben, um die notwendigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere zu schaffen. Sie finden eine prinzipienorientierte, traditionsbewusste und disziplingesteuerte Pädagogik vor, deren Ziel es ist, diese drei Kerneigenschaften bei den Heranwachsenden weiter herauszubilden und zu prägen. Dort, an der Ostküste, wo der angelsächsisch, weiß und konservativ ausgerichtete Oberklassenamerikaner seine geographischen Wurzeln hat, kommen keine liberalen oder gar libertären Experimente in Frage. Mit einer durch einen Zufall ausgelösten Ausnahme: Einem Lehrer schottischer Herkunft, der selbst einmal Schüler in diesem Internat war und neu verpflichtet wurde. Er weckt im Fach Englisch die kreativen Kräfte der Schüler, er fordert sie auf, zu dichten, und vor allem ihren eigenen Weg zu gehen, wie unwirklich er auch klingen mag. Einer beginnt heimlich als Schauspieler, ein anderer deklamiert seine Phantasien beim Sport und ein dritter vertont seine Gedanken in einer Höhle, die schon dem Lehrer als Refugium des Clubs der Toten Dichter gedient hatte. Und es kommt, wie es kommen musste: Der heimlich schauspielernde Junge wird von seinem strengen Vater nach einer Aufführung gemaßregelt und bekommt ein Verbot, worauf sich dieser erschießt und die Schulleitung den Lehrer mit seinen unkonventionellen Methoden als Verantwortlichen identifiziert und entlässt. Der Schulbetrieb geht weiter, der Lehrer und der Club der Toten Dichter verkommt zu einer Episode in einer Welt, die weiterhin dominiert wird von Regeln, Tradition und Disziplin.

Bei der Lektüre des Buches wird deutlich, wie sehr die kreativen Potenziale der Schüler sich entwickeln können, wenn die Didaktik sich nicht beschränkt auf das Lernen, Wissen zu konservieren, sondern wenn sie sich darauf fokussiert, erworbenes Wissen und existente Gefühle anzuwenden oder auszudrücken. Die Frage, mit der sich auch unsere Gegenwartspädagogik so fürchterlich quält, nämlich, wie es gelingen kann, aus einem Lernprozess etwas nie endendes und immer wieder Spaß machendes zu erleben, wird hier mit spielerischer Leichtigkeit skizziert. Szenen wie auf dem Sportplatz, wo die Schüler Gedichtzeilen rezitieren und dabei mit sich den anderen eine regelrechte Battle liefern oder die dialogische und interpretatorische Poesie mit ihrer rhythmischen Übersteigerung in der Höhle sind eine Fundgrube für alle, denen eine graue Theorie, die Lebendiges verspricht, nicht ganz geheuer ist. Lesenswert, mehr denn je!

Zinksärge im Ministerjet

Nein, die Verantwortung für den Tod der drei Bundeswehrsoldaten im fernen Afghanistan trägt der Minister nicht. Das ist eine andere Geschichte, die zu suchen ist in der Frage, inwieweit sich die Industriemacht Bundesrepublik in geopolitischen Kontexten zu militärischem Engagement verpflichtet fühlt. Da gehen die Meinungen auseinander und eine schlüssige Position für die dortige Präsenz deutscher Truppen liegt bis heute nicht vor. Mit Menschenrechten ist das nicht zu erklären, auch wenn viele das gerne so sähen. Da gäbe es andere Konfliktherde auf dieser Erde, die sich ebenso empfehlen würden, von denen aber niemand spricht, weil dort zumindest die ökonomisch-imperialen Interessen nicht bedient würden. Aber irgendwie muss es dem Volk erklärt werden, und so irgendwie wird es dann auch gemacht.

Dirk Niebel, der Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel weilte aus einem anderen Grunde in Afghanistan. Er leitet das von ihm selbst initiierte Projekt, die deutsche Entwicklungszusammenarbeit auf andere Füße zu stellen, als das bisher der Fall war. Bevor er antrat, vertrat er vehement die Position, dass das gesamte Ministerium eigentlich überflüssig sei. Nun, da er demselben Ministerium vorsteht, will er einen Paradigmenwechsel. Er will nicht nur die Arbeit verschiedener von der Bundesrepublik beauftragter Gesellschaften effektivieren, indem er sie fusionieren will. Das kann man machen, da geschieht tatsächlich einiges, was mit den Worten der strukturellen Redundanz und des Unkoordinierten beschrieben werden kann. Des Weiteren sieht der Minister vor, die Arbeit der Organisationen für Entwicklung und Technische Zusammenarbeit näher an das Interesse der Privatwirtschaft zu führen. Letzteres ist ein vehementer Eingriff in alles Bisherige, da frühere Regierungen immer sehr großen Wert darauf gelegt haben, ein Vertrauen jenseits der direkten wirtschaftlichen Verwertbarkeit aufzubauen. Diese Politik war über viele Jahrzehnte sehr erfolgreich und sie hat in vielen Fällen der Bundesrepublik strategische Vorteile gegenüber den USA oder Australien gebracht. Man legte Wert auf die Vermittlung von Know How, technisch, ökologisch, rechtlich und in der Regierungsführung. Viele Länder haben dieses der Bundesrepublik gedankt und so mancher Auftrag von Schwellenländern, der heute an deutsche Unternehmen geht, ist der Ertrag dieses hergestellten Vertrauens. Niebels Pläne, dieses zu ändern, haben ihm daher bereits nach wenigen Monaten den Namen Abrissbirne der deutschen Entwicklungszusammenarbeit eingetragen.

Der noch weiter gehende Plan allerdings, die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in militärische Engagements einzubetten, kommt der Liquidierung aller bisherigen Sinnstiftungen gleich. Er diskreditiert die Position der vertrauensvollen Zusammenarbeit und reduziert sie auf einen Appendix von Kampftruppenpräsenz. Der Minister des BMZ war daher nicht zufällig in Afghanistan. Er wollte sehen, wie er das Projekt der Einbettung vorantreiben konnte. Und dann fielen zeitgleich drei Bundeswehrsoldaten in Kampfhandlungen. Und der Minister lässt es sich nicht nehmen, die Heimreise der Zinksärge in seinem Flugzeug vorzunehmen. Das ist ein Symbol, das weltweit wahrgenommen werden wird. Eine bessere Gelegenheit hätte sich kaum finden lassen können, um die Pläne zu verdeutlichen. Und wohl keine schlechtere, um die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bisherigen Zuschnitts zu diskreditieren.

Die Metrik des Widerstandes

Sie verletzen dich zu Hause und sie schlagen dich in der Schule, formulierte John Lennon im Working Class Hero, sich hassen dich, wenn du klug bist und sie verachten den Dummen, bis du so wirr im Kopf bist, dass du ihren Regeln nicht folgen kannst. Einfach, aber wohl kaum treffender kann der Zusammenhang zwischen offizieller Moral und der tatsächlichen Teilung der Gesellschaft nicht beschrieben werden. Die Entmystifizierung des Gebäudes, welches die Dichotomie von Oben und Unten unweigerlich in sich birgt, ist ein Unterfangen, dem sich seit Menschengedenken Philosophien und politische Programme widmen. Eine der Sentenzen, die der Enthüllung stets entgegen gesetzt wird, ist der Hinweis auf die Komplexität der Welt. So einfach, heißt es immer wieder, könne man das Ganze nicht sehen. Alles sei viel komplizierter und verwobener, und letztendlich läge es am einfachen, einzelnen Individuum, sich durch die Milchstraßen der sozialen Diversifikation zu manövrieren.

Letztendlich stimmt wohl beides. Es gibt ein Oben und ein Unten, und es kommt auf jede Existenz an. Die Frage, die sich stellten muss ist die nach der Möglichkeit einer eigenen, emanzipativen Auflösung. Oder anders herum, wie schafft es das einzelne Individuum, sich selbst zu bestimmen? Zunächst individuell, mental und auf das eigene Bewusstsein konzentriert. Was kann ein Mensch machen, um sich seiner Potenziale und Perspektiven zu vergewissern, seinen Willen, ohne den nichts geht und seine Ziele, ohne die keine Richtung zustande kommt, zu finden? Die Offerten an den Einzelnen sind abstrakt. Sei strebsam, qualifiziere dich und verhalte dich sozial. Wie schön. Es mutet denen, die nicht erfahren konnten, was das heißen mag, an wie eine zynische Floskel.

Sollte man ein Genre nennen, in dem die menschliche Natur einen Bezug zu ihrer Kreativität, Ausdrucksfähigkeit und ihrer Willensbildung bekommt, so muss die Poesie genannt werden. Diejenigen, die es aus gesellschaftlich nicht vorgeprägten Positionen geschafft haben, sich innerhalb des Gefüges eine halbwegs gerechte Existenz erkämpft zu haben, verweisen eigenartigerweise oft auf den glücklichen Umstand, auf einen Lehrer oder eine Vertrauensperson getroffen zu sein, die sie an die Dichtkunst geführt haben und sie selbst darin bestärkt haben, sich zu versuchen. Der große Reiz der Poesie besteht in einer an materiellen Werten gemessenen Welt in der Unmöglichkeit, sie in das Wertesystem zu integrieren. Ihre Freiheit liegt in der Immaterialität wie dem Axiom, Grenzen überschreiten zu müssen, um dem eigenen Maß gerecht werden zu können. Den Gesetzen der Metrik wohnt dabei exklusiv die Aufgabe inne, die Idee über einen Rhythmus zu vermitteln, der sich in der Welt der Emotionen materialisiert.

Um zu sehen, wie hilflos die von Algorithmen durchtränkte positivistische Welt, genauso wie die Epochen von Theokraten, Diktatoren und konstitutionellen Herrschaftssystemen, gegenüber der Macht poetischer Realisationsformen sind, kann die Probe aufs Exempel folgen. Man rezitiere den durch einen Film wieder entdeckten William Ernest Henley und sein Poem Invictus, das schließt mit den Zeilen „I am the Master of my Fate, I am the Captain of my Soul“ und warte einfach darauf, was passiert.