Sie verletzen dich zu Hause und sie schlagen dich in der Schule, formulierte John Lennon im Working Class Hero, sich hassen dich, wenn du klug bist und sie verachten den Dummen, bis du so wirr im Kopf bist, dass du ihren Regeln nicht folgen kannst. Einfach, aber wohl kaum treffender kann der Zusammenhang zwischen offizieller Moral und der tatsächlichen Teilung der Gesellschaft nicht beschrieben werden. Die Entmystifizierung des Gebäudes, welches die Dichotomie von Oben und Unten unweigerlich in sich birgt, ist ein Unterfangen, dem sich seit Menschengedenken Philosophien und politische Programme widmen. Eine der Sentenzen, die der Enthüllung stets entgegen gesetzt wird, ist der Hinweis auf die Komplexität der Welt. So einfach, heißt es immer wieder, könne man das Ganze nicht sehen. Alles sei viel komplizierter und verwobener, und letztendlich läge es am einfachen, einzelnen Individuum, sich durch die Milchstraßen der sozialen Diversifikation zu manövrieren.
Letztendlich stimmt wohl beides. Es gibt ein Oben und ein Unten, und es kommt auf jede Existenz an. Die Frage, die sich stellten muss ist die nach der Möglichkeit einer eigenen, emanzipativen Auflösung. Oder anders herum, wie schafft es das einzelne Individuum, sich selbst zu bestimmen? Zunächst individuell, mental und auf das eigene Bewusstsein konzentriert. Was kann ein Mensch machen, um sich seiner Potenziale und Perspektiven zu vergewissern, seinen Willen, ohne den nichts geht und seine Ziele, ohne die keine Richtung zustande kommt, zu finden? Die Offerten an den Einzelnen sind abstrakt. Sei strebsam, qualifiziere dich und verhalte dich sozial. Wie schön. Es mutet denen, die nicht erfahren konnten, was das heißen mag, an wie eine zynische Floskel.
Sollte man ein Genre nennen, in dem die menschliche Natur einen Bezug zu ihrer Kreativität, Ausdrucksfähigkeit und ihrer Willensbildung bekommt, so muss die Poesie genannt werden. Diejenigen, die es aus gesellschaftlich nicht vorgeprägten Positionen geschafft haben, sich innerhalb des Gefüges eine halbwegs gerechte Existenz erkämpft zu haben, verweisen eigenartigerweise oft auf den glücklichen Umstand, auf einen Lehrer oder eine Vertrauensperson getroffen zu sein, die sie an die Dichtkunst geführt haben und sie selbst darin bestärkt haben, sich zu versuchen. Der große Reiz der Poesie besteht in einer an materiellen Werten gemessenen Welt in der Unmöglichkeit, sie in das Wertesystem zu integrieren. Ihre Freiheit liegt in der Immaterialität wie dem Axiom, Grenzen überschreiten zu müssen, um dem eigenen Maß gerecht werden zu können. Den Gesetzen der Metrik wohnt dabei exklusiv die Aufgabe inne, die Idee über einen Rhythmus zu vermitteln, der sich in der Welt der Emotionen materialisiert.
Um zu sehen, wie hilflos die von Algorithmen durchtränkte positivistische Welt, genauso wie die Epochen von Theokraten, Diktatoren und konstitutionellen Herrschaftssystemen, gegenüber der Macht poetischer Realisationsformen sind, kann die Probe aufs Exempel folgen. Man rezitiere den durch einen Film wieder entdeckten William Ernest Henley und sein Poem Invictus, das schließt mit den Zeilen „I am the Master of my Fate, I am the Captain of my Soul“ und warte einfach darauf, was passiert.
