Das Format der Zeitgeschichte, so sagt man, wird in erheblichem Maße dokumentiert durch die Hauptdarsteller auf der politischen Bühne. Dabei neigt der Betrachter in der Regel allzu schnell zu einer Glorifizierung der Vergangenheit und zu einer überkritischen Revue des Gegenwärtigen. Die Ohs und Ahs bei Namen wie Kennedy, De Gaulle, Adenauer, Brandt, Mitterand, Thatcher oder Kohl versprühen den Schmant der Nostalgie und bei genauerer Besinnung fallen auch dort Makel auf, die etwas zu tun haben mit der menschlichen Dimension der Akteure. Das macht sie eher sympathisch, und nur ganz wenige halten dem Ansehen stand, was das Wesen ihres Wirkens ausmacht. Wir, die Heutigen, sind wie alle vor uns Zwerge auf Schultern von Riesen, wir sehen weiter und besser, was das Vergangene, aber wir sind genauso fehlbar, was das Hier und Heute betrifft, wie diejenigen, die wir in der Vergangenheit begutachten.
Bei der Revue der zeitgenössischen Akteure zum Beispiel auf der europäischen Bühne sind wir allerdings mit Phänomenen konfrontiert, die in dieser Konzentration zumindest in der jüngeren Geschichte des Kontinents nicht ihresgleichen finden. Um dieses zu verdeutlichen, betrachte man als erstes den französischen Präsidenten Sarkozy, der seinen politischen Siegeszug mit einem ökonomischen Rigorismus begann, der bedacht auf seinen Migrationshintergrund verwies, sich medial bis zur Demonstration seines Bettlakens inszenierte und mit seiner intendierten Alliance Mediterranee ein historisches Großformat napoleonischer Dimension bemühte. Der zweite im Bunde wäre Silvio Berlusconi, Präsident der Republik Italien, Medienzar und Besitzer eines Mailänder Renommierclubs, Rechtspopulist mit imperatorischer Geste und rassistischer Neigung, umgeben von käuflichen Frauen und Richtern. Auch er verdankt seinen kometenhaften Aufstieg der medialen Inszenierung und verhinderte seinen Fall durch die Schändung der Legislative. Beide, Sarkozy wie Berlusconi, aktivieren jenes berühmte Zitat von Karl Marx im Hirn, das nämlich besagt, in der Geschichte passiere alles zweimal, einmal als Tragödie und einmal als Farce.
Die dritte im Bunde des europäischen Großformats müsste eigentlich Angela Merkel sein, doch sie passt nicht zu den beiden anderen, dazu ist sie zu bieder, bodenständig und protestantisch. Ihr Streben nach Macht verschafft der absurden Dramaturgie jedoch Zugang auch in ihre Aktionen, und um der reinen Macht willen durchschreitet sie angewidert die politische Unterwelt der beiden Euro-Latinos. Wer allerdings vorzüglich in das Ensemble der sich inszenierenden Großmannssucht passen würde, wäre der neue deutsche Außenminister, der um des Effektes willen, den auch er mehr liebt als das solide Ergebnis, bereit ist, jede Schandtat zu begehen.
Sarkozy, Berlusconi, Westerwelle, das wäre eine Troika, mit der Europa die an es gestellten Anorderungen im Sinne einer geopolitischen Neuordnung der Welt wohl kaum in Angriff nehmen könnte. Da kommen tatsächlich Assoziationen auf, die an das späte Rom und die Abwegigkeiten seines Untergangs erinnern. Doch die europäischen Demokratien sind zu stark, als dass diese Farce zu lange anhielte.
