Archiv für den Monat November 2009

Bildung wird zur Existenzfrage

Zwischen der Regierungserklärung und dem SPD-Parteitag in Dresden lagen nur wenige Tage. Bei ersterer gab die wiedergewählte und mit einer neuen Koalition regierende Bundeskanzlerin ihren Kurs für die Zukunft bekannt. Den Thesen von der Notwendigkeit anti-zyklischer staatlicher Investitionen nach dem britischen Ökonomen Keynes folgend, entwarf sie ein Konzept von Steuererleichterungen auf Kosten einer höheren Staatsverschuldung. Dieses eine Mittel stellte sie exklusiv in den Mittelpunkt ihrer Perspektive und blieb somit ohne strategische Ausrichtung. Der neue SPD-Vorsitzende Gabriel verkündete auf dem Dresdener Parteitag, die SPD müsse wieder sozialdemokratischer werden und stellte als hartes Faktum der neuen Politik die Widereinführung der Vermögenssteuer in das Zentrum zukünftiger Programmatik. Auch das war wenig strategisch. Beide Signale verdeutlichen, dass trotz vieler Lippenbekenntnisse die notwendigen Zukunftsinvestitionen in dem Ausmaß ausbleiben werden, das erforderlich wäre. Angesichts dieser Standpunkte scheint es wahrscheinlich, dass beide Lager, Regierung wie Opposition, mit dem gegenseitigen Vorwurf des klassischen Klientelismus nicht falsch liegen werden.

Die Autonomie klassischer Nationalökonomien galt so lange, wie solide Binnenmärkte und eine internationale Arbeitsteilung, die aus einem unterschiedlichen Stand der weltweiten Produktivkräfte resultierte, als gesichert gelten konnten. Mit der jetzigen Phase der Globalisierung haben sich diese Sicherheiten aufgelöst. Staaten, die im internationalen Vergleich erfolgreich agieren wollen, haben sich auf allen Stufen des wirtschaftlichen Gefüges einer globalen Konkurrenz zu stellen. Zwar existieren noch bedingt strategische Vorteile wie der Eigenbesitz von Rohstoffen, was jedoch die artifiziellen Prozesse einer jeden Wirtschaft anbetrifft, sind die regionalen Dominanzen längst aufgelöst. Energie wird weltweit produziert, im pazifischen Raum entstehen technisch brillante Automobile ebenso wie im alten Zentraleuropa, wissenschaftliche Dienstleistungen sind in Indien ebenso erhältlich wie an der amerikanischen Westküste, Logistik- und Transportkompetenz in Jakarta und Singapur nicht minder existent wie in Hamburg oder Rotterdam.

Die globale Gleichzeitigkeit von Verfügbarkeit produktiver wie distributiver Prozesse hat zur Folge, dass in den einzelnen Nationalstaaten die Frage erörtert werden muss, in welchen Segmenten man die Herausforderungen der bestehenden Konkurrenz wird erfolgreich annehmen können. Im Falle Deutschlands existieren Domänen, die gehalten werden können, wenn die Basis ihres Erfolges, nämlich qualifizierte und motivierte Menschen, auch in Zukunft zur Verfügung stehen werden, um an diesem Standort in den Bereichen hoch entwickelter Werkzeuge, Mobilität, Energie, Kommunikation und qualifizierter Dienstleistungen erfolgreich zu sein. Darüber hinaus wird sich die Frage stellen, inwieweit die Menschen, die nicht in diesen Sektoren werden tätig sein können, vor dem Abschieben ins soziale Aus bewahrt werden können.

In beiden Bereichen wird es darum gehen, mit einer qualifizierten Bildung, die fachlich, methodisch, sozial, strategisch und ethisch auf das zukünftige Agieren vorbereitet, die politischen Fragen, die uns heute so beschäftigen, wird beantworten können. Die gegenwärtige Antwort aus der Politik, in Bildung sei auf jeden Fall zu investieren, greift da zu kurz. Sie dokumentiert das Fehlen von Analyse und Strategie. Und sie zeigt, dass man geneigt ist, vor der Beschäftigung mit den eigentlichen Problemen zurückzuweichen.

Der Tod eines Torwarts

Der Schock setzt ein, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt, wenn es keine Vorzeichen gibt, wenn ein Zustand, von dem man glaubt, dass er stabil ist, sich plötzlich in das Gegenteil verkehrt. Die Nachricht von dem wahrscheinlichen Freitod Robert Enkes ist so ein Erlebnis. In der Öffentlichkeit war Robert Enke ein Mann der leisen, aber eindeutigen und bestimmten Töne. Er wirkte stets, als hätte er ein inneres Kraft- und Ruhezentrum, das nichts zu erschüttern vermag, zumindest nicht im Sportlichen. Die Verweise, die nach seinem Tod gereicht werden, deuten auf Schicksalsschläge hin, die allesamt trotz ihrer Schwere wohl kaum ausreichen, um seine desaströse Ultima Ratio zu erklären.

Robert Enke kam aus Jena in Thüringen, begann dort seine Karriere als Torwart, schaffte es früh als einer der wenigen Ostdeutschen in die Bundesliga zu Borrussia Mönchengladbach. Danach spielte er in verschiedenen erstklassigen europäischen Clubs, bei Benfica Lissabon, wo er zur Kultfigur wurde, bei Istanbul und dem großen CF Barcelona. Dort legte man gestern bei einem Spiel eine Schweigeminute ein, ein schnelllebiger Weltklasseclub gedachte eines Torwarts, der seit fünf Jahren gar nicht mehr da ist. 2004 kam er zurück in die Bundesliga und würde die Leitfigur von Hannover 96.

Torwarte gelten als exzentrisch, irgendwie durchgeknallt, es sind die Draufgänger und Exoten, die in großem Maße dazu beitragen, dass der Circus Fußball funktioniert. Die Schumachers, Lehmanns und Kahns waren allesamt bunte Vögel, die anders lebten und auf dem Platz agierten als der Durchschnittsprofi, die Skandale produzierten und durch ihre Aktionen auf dem Platz für viele Fußballbegeisterte dafür sorgten, dass man die ganze Woche, bis zum nächsten Spieltag, heißen Gesprächsstoff hatte.

Robert Enke war anders. Von seinem Naturell wirkte er zu komplex für diese Show, in der vereinfacht und polarisiert wird, in der die Extroversion und Zuspitzung zum Markenzeichen gehört. Irgendwie wirkte dieser Torwart immer mit seinen Höchstleistungen wie selbstverständlich, von der Performance wie guter, unspektakulärer Durchschnitt, obwohl die Wirkung erstklassig war. Robert Enke lebte ein Leben jenseits des Sports, er galt als belesen und politisch interessiert, er war engagiert in sozialen Belangen, ohne diese Seiten zu vermarkten. Sein Charakter eignete sich nicht, um als Rampensau zu agieren, er war der Zurückgenommene, hinter dem mehr steckte als bei allen andern, die das grelle Licht der Publicity genossen.

Die Reaktionen auf den Tod dieses Torwarts bezeugen, dass das Stille und Faire, und auch das Komplexe in der oft als einfältig und abgeschmackt kritisierten Welt des Fußballs eine große Wertschätzung erfahren. Dass eine menschliche Tragödie zu dieser Erkenntnis verhelfen musste, deutet trotz allem auf die Dominanz des Oberflächlichen.

„Ein Diadem erkämpfen ist g r o ß. Es wegwerfen ist g ö t t l i c h.“

Friedrich Schiller, der Titan des deutschen Idealismus, der Hofsänger des Aufruhrs und der Darsteller der tragischen Geste, das flammende Herz und die gebrochene Seele, Friedrich Schiller, der Dichter und Dramatiker eines Volkes, das ständig auf der Suche ist und selten zu sich findet, Friedrich Schiller würde heute 250 Jahre alt. Und als sei es der Meister des Dramas selbst gewesen, so fällt sein Geburtstag immer auf den Tag, nachdem das Schicksal der Deutschen eine entscheidende Zäsur erhielt. Allein im 20. Jahrhundert dreimal, am 9. November jeweils, 1918, 1938 und 1989. Einmal brach das Kaiserreich zusammen und die Republik wurde ausgerufen, einmal wurden die bestialischen Triebe der wahren Untermenschen in der Reichspogromnacht entfesselt und einmal fiel die Berliner Mauer, nachdem sie 28 Jahre die Stadt Berlin geteilt hatte. Schillers Geburtstag am Tag danach kann die Reflexion dieser kometischen Geschichtsschläge erleichtern.

Friedrich Schiller, der Mediziner, der enzyklopädische Kompetenzen aufwies und sich als Dichter, Dramatiker, Historiograph und Protagonist einer ästhetischen Theorie einen Namen gemacht hat, in einer Qualität, die heute Demut erzeugt, war trotz seiner kognitiven Potenz getrieben von seinem Herzen. Genau dieses macht ihn zu dem Dichter der Deutschen, denn die Trennung der Ratio von dem benebelnden Ratschlag des Blutes ist die Sache der Deutschen nicht. Schiller wurde getrieben von Sehnsüchten und Zuneigungen, von Ehre und Trotz, und die kalte Ratio lag ihm so fern wie manche Orte, an denen seine Stücke bis heute gespielt werden.

Als im Januar des Jahres 1782 in Mannheim Die Räuber uraufgeführt wurden, fielen sich die Menschen im Publikum in die Arme, sie jubelten und weinten vor Freude. Schiller war es gelungen, vermittels einer später noch theoretisch fundierten Dramaturgie der Leidenschaft, den Menschen das Gefühl des Aufruhrs und der Läuterung zu injizieren. Was das Begehren der Deutschen nach Freiheit angeht, so war der 13. Januar 1782 in Mannheim eine Sternstunde, der Aufbruch Zentraleuropas in das bürgerliche Zeitalter. Und über zweihundert Jahre später, zu Ende der achtziger Jahre, kurz vor dem gestern noch gefeierten Fall der Mauer, war es eine Aufführung des Don Karlos zu Dresden, der die Menschen in Wallung brachte. Bei dem berühmten Satz: „Gewähren Sie Gedankenfreiheit!“ riss es alle Theaterbesucher von den Sitzen und tosender Applaus setzte ein. Es war ein Trompetenstoß, der den Untergang der Tyrannen einleitete.

Die Koinzidenz des deutschen Schicksals mit Friedrich Schiller ist nicht von ungefähr. Sie resultiert aus dem unbezwingbaren Bedürfnis, nach Freiheit zu streben und dieses mit einer heroischen Geste zu tun, die vieles erschwert. Die Devise ist das Alles oder Nichts, glänzender Sieg oder schmachvoller Untergang. Der Starke, Erfolgreiche, ist der Verschwendung verpflichtet, und gelingt ihm diese Geste nicht, so ist der Glanz des Erfolges eine schnöde Leihgabe. Schillers Freiheitsbegriff ist in der Komplexität der Moderne kaum einzulösen, aber dennoch wird unser Schicksal immer mit seiner Vision verbunden sein. „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, reihe seinen Jubel ein!“