Archiv für den Monat November 2009

Good Governance

Manche Begriffe, die der internationalen Diskussion entspringen, muten auf den ersten Blick etwas abstrus an. Good Governance ist so einer, bedeutet er doch gute Regierungsführung, die aus Sicht der meisten Bürgerinnen und Bürger weltweit weniger häufig vorkommt wie die schlechte. Darüber zu diskutieren wäre müßig, suggerierte es doch, es gäbe ein Rezept für das richtige Regieren, was wiederum einer gefährlichen Illusion gleichkäme. Sieht man sich an, was die Vereinten Nationen unter dem Begriff verstehen, so wird deutlich, dass es dabei nicht um eine qualitativ hoch stehende und optimal demokratische Form des Regierens geht, sondern dass die Definition entsprungen ist einer Analyse schlechter Regierungsführung. Unter der schlechten Regierungsführung wird alles verstanden, was nicht so ganz legal und anrüchig ist. Es bezieht sich auf Korruption, Kontraktion, Kollusion und Nepotismus. Und als Gegenmittel wird ein anderer Begriff genannt, der der Accountability, unter dem man nicht nur Transparenz und Verbindlichkeit, sondern auch eine bestimmte, sittlich begründete Handlungsweise versteht.

So gibt es auf der ganzen Welt Initiativen für Good Governance und die Ziele solcher Appelle gehen von Nigeria bis Indonesien, von Rumänien bis Paraguay und von Brasilien bis China. Es existieren geförderte Projekte mit international etablierten Experten, die sich in Entwicklungs- und Schwellenländer begeben und sie propagieren demokratische, legale und ehrenwerte Regierungsführung. Auch die Bundesrepublik Deutschland geht mit Good-Governance-Projekten hinaus in die Welt, um anderen Ländern zu zeigen, wie man es macht. Dagegen spräche gar nichts, wenn sich die Konzentration auf die so genannten Rogue States, die Schurkenstaaten, richten würde, denn Tyrannen oder oligarchische Cliquen sind nun einmal so, wie sie sind. Die Projekte bewirken bei ihnen allerdings auch nichts. Bei Ländern, deren Regierungen guten Willens sind und die sich in einer schwierigen Entwicklung befinden, mag das eine oder andere Projekt positive Impulse geben.

Fatal ist jedoch die Wirkung von Good-Governance-Initiativen in den exportierenden Ländern. Durch die Tatsache des Exports selbst wird suggeriert, dass die Verhältnisse im eigenen Land rein sind von Bestechung, Vetternwirtschaft und dunklen Machenschaften hinter den Kulissen. Doch es wäre naiv, diese Botschaft unkritisch zu belassen. Besonders im Kontext der Finanzkrise wissen wir, dass wir im eigenen Land zuweilen Lichtjahre von dem Zustand entfernt sind, den wir gerne als Good Governance beschreiben würden. Zum jetzigen Zeitpunkt ein Produkt zu exportieren, dass das eigene Land freispricht von den Kontaminationen des Egoismus, gleitet ab in einen Akt der Propaganda.

Good Governance ist erst dann ein gutes Programm, wenn es eingesteht, dass eine gute Regierungsführung ein Idealzustand ist, an dem alle Länder zu arbeiten haben und keines das Privileg genießt, die Reinigungskur bereits für alle Zeiten hinter sich zu haben. Zudem erhöht die kritische Reflexion der eigenen Verhältnisse die Glaubwürdigkeit.

Inklusion und positive Diskriminierung

Eigenartige Begriffe schleichen sich in die öffentliche Diskussion. Niemand weiß bis dato so recht, was sie bedeuten. Irgendwo zwischen Altbekanntem tauchen sie plötzlich auf und tragen zur allgemeinen Verunsicherung bei, die ihrerseits ein Dauerzustand geworden ist. Das Auftauchen neuer Begrifflichkeiten folgt gewöhnlich einem Schema. Zunächst sind sie plötzlich da, weil irgendeine exponierte Person sie benutzt hat, andere verwenden sie dann auch. In einer nächsten Phase nähert sich die Öffentlichkeit ihrer Bedeutung an, zumeist wird zunächst auch von konkurrierenden Interessengruppen darum gerungen, wer die so genannte Bedeutungshoheit erlangt. Das heißt, welches von Interessen geleitete System bestimmt, was mit dem neuen Begriff gemeint ist. Manchmal schaffen es neue Begriffe auch nicht, weil sie zu artifiziell sind, nur der Propaganda dienen, einer Mode folgen oder eigentlich nichts aussagen und somit nicht weiter helfen.

Ein gescheiterter Begriff war das Prekariat, der ausdrücken sollte, dass Menschen, die durch das soziale Netz fallen oder nur an einer letzten Faser desselben hängen bleiben, in unzumutbaren Verhältnissen existieren müssen. Natürlich sind solche Verhältnisse misslich, schwierig und heikel, was mit dem Adjektiv prekär beschrieben wird, aber die Intention war, das Heikle zu dramatisieren, was sich durch die Einführung eines neuen Begriffs nicht realisierte.

Richtige Schwergewichte neuer Begrifflichkeiten sind dagegen die der Inklusion und der positiven Diskriminierung. Sie signalisieren eine neue Denkweise mit extrem ausgeprägten politischen Konsequenzen. Die positive Diskriminierung bedeutet, dass bestimmte Eigenschaften oder Neigungen, Veranlagungen oder Handicaps von Menschen, die jenseits des Durchschnitts liegen und gewöhnlich dazu führen, dass diese Menschen oder Gruppen gesellschaftliche Nachteile erleben, besonders behandelt werden, um eben die eigentliche Diskriminierung zu verhindern. In der Pädagogik und Psychologie ist eine derartige Negation eines zunächst negativen Begriffs nichts Außergewöhnliches. Verwendet in der öffentlichen, politisch geführten Diskussion, wird es schwierig sein, große Missverständnisse zu vermeiden. Die Inklusion basiert eigentlich auf der positiven Diskriminierung, geht aber weiter, weil sie das Verständnis, welches der positiven Diskriminierung zugrunde liegt, generalisiert. Die Inklusion bringt alles mit, um begrifflich ein neues Zeitalter einzuläuten.

Rein etymologisch bedeutet Inklusion nichts anderes als Einschluss, oder Enthalten Sein. In der gegenwärtigen Anwendung ist damit gemeint, dass es als Anspruch formuliert wird, keinen Menschen, der die normativen Erfordernisse, die an ihn gestellt werden, nicht erfüllt, verloren zu geben. Das bedeutet, dass die nicht ausreichenden standardisierten Verfahren der Bildungssozialisation, die nicht geeignet sind, diese Menschen mitzunehmen, um hoch individualisierte Angebote erweitert werden müssen. Die Pädagogik steht damit vor einer Revolution, und sollte der Begriff es bis in die Sphären der politischen Philosophie schaffen, wird auch das politische Denken eine Revolutionierung erfahren.

Sprachkompetenz als Mittel der Emanzipation

Im Jahre 1956 verfasste Theodor W. Adorno zum 100. Geburtstag von Heinrich Heine einen Beitrag für den Westdeutschen Rundfunk. Er nannte ihn „Die Wunde Heine“. Darin führte er anhand der Sozialisation und Biographie Heines aus, was den Düsseldorfer Juden, in dessen Elternhaus Jiddisch gesprochen wurde, dazu veranlasste, sich zu einem der blumenreichsten und bis heute gewaltigsten Vertreter der Deutschen Sprache gemacht hatte. Es war ein tiefes Gefühl des Ausgestoßenseins, des nicht Dazugehörens und der Gettoisierung. Der junge Heine hatte unter dem Stigma gelitten, durch seine von Dialekt und Argot gefärbte Sprache sich dem Spott derer ausgesetzt zu sehen, die zur gebildeten Gesellschaft gezählt wurden. Heinrich Heine unternahm vieles in seinem Leben, um sich den Eintritt in die Gesellschaft der Bildung zu verschaffen. Er ging sogar soweit, dass er vom Judentum zum Christentum übertrat, er wechselte die Stadt und ging in das wesentlich aufgeklärtere Hamburg und er studierte Jura. Alles waren nur scheinbare Fortschritte, zumal er mit seinen revolutionären Gedanken die Türen wieder zuschlug, die er durch seine willentlichen Integrationsversuche gerade geöffnet hatte.

Die Wunde, die Adorno in seinem Beitrag beschrieb, saß tief und war letztendlich Auslöser für die Besessenheit, mit der Heine die Deutsche Sprache in sich aufsog und ihn zu einem Meister des Ausdrucks machte. Keiner wie er schuf derartig viele Bilder, die die Wirren der Jahrhunderte überlebten, niemand kreierte eine so hinreißende Metaphorik wie er. Im Pariser Exil, welches bis zu seinem Tod währte und das nicht aufgrund seines Judentums, sondern wegen seiner revolutionären Gesinnung notwendig geworden war, reifte die Erkenntnis, dass er zu einem Heimatlosen geworden war, was die Nation anbetrifft, aber eine Heimat gefunden hatte, die nicht in Paris, sondern in der Sicherheit der Deutschen Sprache lag. Obwohl er auch eine exzellente Sprachkompetenz im Französischen erwarb, blieb die Heimat seiner Gedanken das Deutsche, und ohne diesen Umstand wäre die Deutsche Literatur um eines ihrer Hauptkapitel unverzeihlich ärmer.

Adorno wiederum sprach von der Wunde Heine, weil er nicht nur das Stigma mangelnder Sprachkompetenz erkannte, sondern die gesellschaftlichen Zustände seiner Kritik unterzog, die das Stigmatisieren geradezu provozieren. Dem muss man genauso wenig hinzufügen wie der brillanten Dialektik, die aus der Negation des menschlichen Subjekts den Antrieb der Negation der repressiven Verhältnisse erwachsen lässt, der es ermöglicht, sich zu emanzipieren und Großes zu schaffen.

Die Aktualität von Heines persönlicher Geschichte im Erwerb von Sprachkompetenz wie Adornos Note besteht darin, dass die meist negativ besetzten Diskussionen um Sprachdefizite bei Migranten wie autochthonen Deutschen ihrer defätistischen Botschaft beraubt werden können. Es ist eine Aufgabe ungeheurer gesellschaftlicher Wichtigkeit, den Individuen wie den ethnischen und sozialen Gruppen deutlich zu machen, dass sie sich Chancen verschaffen können, die ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechen, soweit sie sich motivieren, die Herausforderung einer Sprachkompetenz anzunehmen, die über das Mittelmaß hinaus geht. Das ist anspruchsvoll, aber welche Form der Emanzipation wäre das nicht?