Archiv für den Monat November 2009

The Dark Side Of The Moon

Australien wird hierzulande fast ausschließlich mit positiven Adjektiven konnotiert. Der fünfte Kontinent als Land mit den tausend Gesichtern, die unglaubliche Natur von den Tropen bis zur Wüste, die vielfältige Flora und Fauna, die tollen Städte, die netten Menschen, die Extremsportarten, Nicole Kidman und ACDC. Kritische Stimmen kommen nur im Ansatz vor, zum Beispiel wenn ein Mannheimer Kabarettist mit türkischen Wurzeln, der mit einer Aborigine verheiratet ist, darüber berichtet, er habe erst gelernt, was Diskriminierung sei, als er mit seiner Frau Australien besucht habe.

Schaut man genauer hin, dann ist das Land die dunkle Seite des Mondes. Zusammengefasst handelt es sich bei Australien um das weißeste Land in einer zunehmend bunter werdenden Welt. Einmal abgesehen von der frühesten Funktion einer großen Gefangeneninsel für das British Empire, wovon sich die Bezeichnung der Australier als PROMEs, als Prisoner of Mother England ableitete, standen ethnische Diskriminierungen zumeist im Zentrum. Die Geschichte der Aborigines ist halbwegs bekannt, bis heute dürfen sie nicht arbeiten, sie werden nach wie vor
gettoisiert, man hat einer ganzen Generation von ihnen die Kinder abgenommen. Die Konzentrationslager, die man in der Vergangenheit für sie gebaut hat, wohin man sie brachte, um sie in der Vergangenheit eingehen zu lassen, sind heute Ferienanlagen für den Mittelstand. Einwanderer aus Asien ließ man nicht zu, Flugzeuge, die aus Asien kamen, wurden samt Insassen chemisch desinfiziert. Noch beim letzten Premier Howard setzte man Bootpeople, die um Asyl bitten wollten, in seeuntüchtige Miniboote und warf sie den Haien vor. Die Geschichte scheint unendlich.

Nun, in der letzten Woche, erreichten uns Nachrichten über eine andere Gruppe von Menschen, deren Vergangenheit noch im Dunkeln lag. Tausende von Kindern armer, mittelloser Briten wurden im letzten Jahrhundert ihren Eltern in England entrissen und mit Schiffen nach Australien gebracht, wo sie in Heimen landeten, in denen sie militärischer Drill, harte Arbeit, drakonische Strafen und häufig auch sexueller Missbrauch erwartete. Immerhin hat der jetzige Premier, Kevin Rudd, auf einer großen Veranstaltung dieser Geschändeten sich offiziell entschuldigt. Und nur wenige Tage später, nämlich heute, erhalten wir die Meldung von Asylbewerberaufständen von den australischen, vor der indonesischen Küste liegenden Weihnachtsinseln, die gar nichts Gutes vermuten lassen. Das Land scheint einfach von seiner Tradition des rassischen Rigorismus und einer weiß-britischen Intoleranz nicht loszukommen. Keine westliche Demokratie weist derartig viele Verstöße gegen die Menschlichkeit, keine derartig ausgeprägte Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit und einen Obskurantismus in Bezug auf die Aufklärung der Vergangenheit auf wie Australien.

Das bei uns als das sonnige und mit unbegrenzter Freiheit assoziierte Australien hat sehr viel aufzuarbeiten, um sich als Demokratie zu etablieren. Mit der Mystifikation, welche die Prospekte der Reisebüros verbreiten, ist dem Land und seinen Menschen nicht geholfen.

Die Renaissance der Vulgärökonomie

In einer Ära, in der der beschwerliche Weg der wissenschaftlichen Betrachtung aus der Mode gekommen ist und die schnelle Frisur dem Modell namens Phänomen mit einem Wording verpasst wird, dass die eingehende Betrachtung ersetzt, muss man sich auf vieles gefasst machen. Die jüngste Weltfinanzkrise ist von diesem Styling nicht ausgespart. Grundlage der Analysen, soweit man das Werk der so genannten Analysten noch derartig bezeichnen mag, sind die Phänomene. Letztere werden als Axiome verstanden und daraus erwachsen dann Erklärungen, die märchenhafter nicht sein könnten. Das wäre alles auch nicht mehr als ein beiläufiges Phänomen seinerseits, fänden diese Gruselgeschichten nicht Eingang in die Planung und Durchführung praktischer Politik mit sehr konkreten Folgen.

Selbst wenn sehr vieles, was wir bis heute über die Entstehungsphase der Weltfinanzkrise aus den Etagen des Managements gehört haben Anlass zur Erschütterung über die charakterliche Disposition vieler dieser Funktionsklasse gab, ihr riskantes Verhalten, ihre Bonussysteme und ihre Verantwortungslosigkeit, so sind sie nicht mehr als Phänomene, aber eben nicht die Ursache. Die Tatsache, dass in vielen Ländern des Kapitalismus zu viel Geld in den Händen der Institute war, ist zurückzuführen auf eine schwere Strukturkrise des wirtschaftlichen Systems. Überschüssiges Kapital, d.h. Geldmasse, die nicht in die Investition neuer Produktionsprozesse läuft, erweist sich als Problem, weil die Renditen außerhalb des produktiven Bereichs gesucht werden müssen, was ein Widerspruch in sich selbst ist. Das probateste Mittel der dann notwendigen Kapitalvernichtung ist historisch gesehen der Krieg. Bis auf die USA jedoch, die kräftig im Irak und in Afghanistan dieses betrieb, konnte keine andere Nation mit analogen Problemen folgen.

Eine andere Form der Kapitalvernichtung bietet in den westlichen Demokratien die friedliche Enteignung von Volksvermögen. Dieses geschieht dadurch, dass neben dem überschüssigen, nach Investition suchenden Kapital aus dem Wirtschaftsprozess auch die Spareinlagen der Bevölkerung dadurch vernichtet werden, dass sie in traumhafte Investitionsfelder gelockt werden, die sich als spekulativ und desaströs entpuppen. Letzteres ist in der Bundesrepublik geschehen. Spareinlagen und unzählige Rentenabsicherungen wurden Opfer einer groß angelegten Kapitalvernichtung, nicht ohne zu bemerken, dass die kleinbürgerliche Gier nach astronomischen Renditen bei vielen der Opfer kräftig an dem Desaster mitgewirkt hat.

Aus dem Akt der Kapitalvernichtung, die, wie gesagt, aus einer Investitionskrise resultierte, nun die Theorie zu schmieden, man müsse die Gemeinwesen belasten, um ein günstiges Investitionsklima zu schaffen, dokumentiert, dass da Statik mit Dynamik und Logik mit einem psychedelischen Trip verwechselt wird. Die Krise der Produktivität und ihrer kapitalmäßigen Reinvestition mit einer zweiten Welle der Volksenteignung lösen zu wollen, ist die Renaissance der Vulgärökonomie, wie Marx das Herumspintisieren an Phänomenen nannte. Man könnte auch noch drastischere Formulierungen finden!

Ode an eine Ostküstenfreundschaft

Louis Begley: Ehrensachen

Der 1933 in Polen geborene und nach dem Krieg in die USA übergesiedelte Louis Begley studierte Literaturwissenschaften und Jura in Harvard und arbeitete von 1959 bis 2004 als Anwalt in New York, wo er bis heute lebt. Erst spät betätigte er sich als Romancier und hatte mit Lügen in Zeiten des Krieges und Schmidt große Erfolge, die auch verfilmt wurden. Seine Bücher sind sehr stark von biographischen Erlebnissen beeinflusst und überzeugen durch eine große Authentizität und epische Qualität. Mit dem 2007 erschienen Roman Ehrensachen veröffentlichte Louis Begley den wohl persönlichsten Roman bezüglich seiner reichhaltigen Erfahrungen in den USA.

Die Handlung beginnt mit der Schilderung des Aufeinandertreffens dreier junger Studenten in Harvard. Dem Ich-Erzähler Sam Standish, Adoptivsohn einer neuenglischen Mittelstandsfamilie, Archie Parker III, Nachkomme einer Offiziersdynastie und Henry White, Kind polnisch-jüdischer Einwanderer aus Brooklyn. Die drei finden sich in einer von der Universitätsverwaltung zugewiesenen gemeinsamen Wohnung ein, wo sie sich kennen lernen und allmählich näher kommen. Keiner der drei ist ohne Sozialisationstrauma, Sam kennt seine richtigen Eltern nicht und leidet unter einer durch Belanglosigkeiten und Alkoholmissbrauch geführten Ehe der Adoptiveltern, Archie unter dem Druck seiner Mutter, die ihn in eine den Ambitionen der Dynastie entsprechenden Musterkarriere zwängen will und Henry unter dem gefühlten Stigma seines Judentums.

Gemeinsam entwickeln die sich näher kommenden Freunde ihre Strategien, um das jeweils angestrebte und sehr anspruchsvolle Studium zu meistern, ohne aus den Augen zu verlieren, was junge Männer in ihrem Alter bewegt. Es ist die Mitgliedschaft in einfußreichen Clubs, der Kampf verschiedener Peer Groups um die Campushoheit, die intellektuelle Konkurrenz und die Suche nach attraktiven Frauen. Schon bald wird deutlich, wie unterschiedlich die Lebenswege verlaufen werden, ohne den alles überdauernden Konsens des gemeinsamen Lernens in den Hintergrund zu drängen.

Im Verlauf der Handlung, die sich von den fünfziger Jahren bis ins Heute zieht, wird Sam zu einem selbstzweifelnden, aber disziplinierten Romancier, der seine Traumata literarisch verarbeitet, treibt es Archie in eine schnelllebige Juristenkarriere mit zuviel Alkohol, schrillen Frauen und zu schnellen Autos, die ihm letztendlich durch einen tödlichen Unfall zum Verhängnis werden und Henry in einen kometenhaften Aufstieg als Wirtschaftsanwalt, der nur getrübt wird durch eine nie mit dem Bündnis gekrönte Liebe zu einer Tochter der New Yorker Finanzbourgeoisie. Henry White, der noch als Weiss aus Polen geflohen war, taucht zuletzt als Leblanc in Frankreich unter und entsagt dem zählbaren Erfolg zugunsten einem Leben in der Provinz.

Louis Begley gelingt es, seine eigene Identität als Schriftsteller und die des erfolgreichen jüdischen Juristen in zwei Figuren zu platzieren, sehr subtil und mit großem Fingerspitzengefühl. Es ist ein von menschlichen, solidarischen Gefühlen geprägtes Buch, das die Geschichte und ihre Moden nicht außen vor lässt und dennoch das Archetypische am Wesen der Freundschaft zu finden sucht. Ein großartiges, lesenswertes Buch über die Freundschaft, die sich speist aus Empathie und Erkenntnis.