Schlagwort-Archive: Zynismus

Zynismus in der Wohlfühlzone

Blendende Zeiten für Diagnostik. Da speien Journalisten regelrecht ihren Unmut gegen die momentane Entwicklung in den USA in die Mikrophone, die ansonsten jede Kritik an diesem Land als platten Antiamerikanismus abgetan haben. Da schimpfen Regierungspolitiker über ebendiesen neuen amerikanischen Präsidenten, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie sie mit ihm umgehen wollen und wie ihre Politik aussehen wird. Und dass es, aus der subjektiven Sicht, hier richtig demokratisch zugeht, zeigen doch die vielen Demonstrationen, die am Wochenende in der ganzen Republik noch einmal das auf die Beine gebracht hat, was immer kämpft, wenn etwas sehr weit weg ist, aber eigenartig dumpf und passiv bleibt, wenn es vor der eigenen Haustüre passiert. Der radikal-demokratische Mittelstand, den die chevalereske Rhetorik eines Siebzigjährigen zum Kochen bringt, der sich aber zur gleichen Zeit nicht daran stört, dass die deutschen Truppen in Mali aufgestockt werden. Warum auch?

Bleiben wir doch bei den Tatsachen. Die Migrationsbewegungen der letzten beiden Jahre gingen zurück auf bewaffnete Konflikte, in die die Republik direkt oder indirekt oder gar multiple verwickelt war. Afghanistan ist die Geschichte eines Misserfolgs der eigenen militärischen Beteiligung. Die Distanzierung von denen, die mit den Deutschen kooperiert haben, ist zudem ein moralisches Zeugnis, das so nur Barbaren verdienen. So etwas hat es in den USA übrigens noch nie gegeben. Wo sind da die Werte? Und In Syrien hat die Bundeswehr ein bisschen die Peschmerga ausgebildet, sich an Aufklärungsflügen beteiligt und Saudi-Arabien, welches seinerseits den IS unterstützt, massiv mit Waffen beliefert. Ansonsten Fehlanzeige.

Nachdem es gelungen war, die Immigration zum republikanischen Problem Nummer Eins hochzuschreiben, weil die neuen Okkultisten von Rechts darin eine Chance sahen, aus existierenden Ängsten eine fette Rendite zu machen, sprach die Regierung davon, direkt in den Krisenherden im Nahen Osten, in Afghanistan und in Afrika an den Ursachen für die Emigration arbeiten zu wollen. Bis heute ist davon nichts zu spüren, außer dass man an dem bereits bestehenden Kurs festhält, und dass ist der der militärischen Intervention.

Das einzige Mitglied der Bundesregierung, das eine Vorstellung davon hat, wie Ursachen für Not, Flucht und die Affinität zum Terror bekämpft werden können, ist der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ja, ein CSU-Mitglied fordert auf, das zu tun, was Sinn ergibt, nämlich in diesen Ländern zu investieren. Investieren in Infrastruktur, in Bildung und in Technologie. Aber davon ist die Bundesregierung weit entfernt. Mit einem dem Wirtschaftsliberalismus inquisitorisch verbundenen Finanzminister und einer auf Konfrontation gepolten Verteidigungsministerin hat diese Bundesregierung nur eine Maxime: Export und der Schaffung seiner Voraussetzungen wie dessen Absicherung. Hier sitzt ein ganzes Land auf dem Geldsack und die Banken finanzieren jeden denkbaren wie undenkbaren Hokuspokus, während die Welt brennt und etwas getan werden muss. Das ist ein Zynismus, der alles toppt. Wer in diesem Kontext die Chuzpe hat, über andere moralisch urteilen zu wollen, der hat ein nur noch mit therapeutischen Mitteln zu behandelndes Problem.

Ach, was fühlen sich alle wieder wohl, im großen moralisch-kulturellen Kontext gegen Trump. Da werden einerseits alte, völlig vermoderte Klischees bedient und da wird eine Haltung gepriesen, die im eigenen Land gar nicht existiert. Wer Toleranz und Liberalität nur für sich reklamiert, mit einer anderen Weltsicht jedoch nicht mehr umzugehen weiß als mit den gleichen Methoden des so lautstark kritisierten Populismus, dessen Prognose für die nahe Zukunft ist nicht gut.

Von armen Mäusen und fetten Katzen

Die Prediger des Juvenilen schlechthin haben eine schnelle Erklärung für die mal zynische, mal depressive, mal defätistische und mal suizidale Stimmung, die aus vielen Kommentaren zum Zeitgeschehen spricht. Sie werden es mit der demographischen Kurve erklären und sagen, die vielen Alten, die jetzt die besten Plätze wegnehmen, die sind dafür verantwortlich, dass die Szenarien in puncto Zukunft eher düster ausfallen. Denn wer das Ende vor Augen hat, der bekommt den Zug des Bitteren. Das ist zwar ein plausibles Argument, aber so ganz zu stimmen scheint es nicht, zumindest exklusiv nicht, weil die jungen Generationen nicht gerade den Eindruck vermitteln, als wollten sie den Himmel stürmen. Zukunftseuphorie sieht anders aus.

Andere wiederum, die sich nicht auf den demographischen Hokuspokus verlassen, argumentieren mit der Dekadenz. Manche bewegen sich sogar selbst am Rand des Zynismus, wenn sie darauf verweisen, dass es nach 70 Jahren ohne Krieg und allgemeinem Wohlstand völlig normal sei, dass der Trieb zur Optimierung einschlafe und nur der schläfrige Konsum als allgemeiner Zustand verstanden werden könne. Da fällt es schon schwerer, sich dieser Logik zu erwehren, auch wenn genug Menschen unterhalb des saturierten Spektrums ihr Dasein fristen müssen, aber eine Bewegung Richtung Revolte und Neugestaltung ist auch dort nicht zu spüren.

Das sprichwörtliche Dilemma in deutschen Landen ist die Attitüde des Ihr da oben und Wir da unten. Die da, das sind immer die, die für alles verantwortlich sind und wir, das sind die armen Mäuse, mit denen die fetten Katzen nach Lust und Laune spielen. Wer so argumentiert, der ist immer sehr schnell fein heraus und kann sich das Schauspiel des politischen Prozesses vom Sofa aus mit Bier und Frikadelle zu Gemüte führen und bei Bedarf mit dem Daumen nach unten zeigen.

Wenn schon über die Zukunft geredet werden soll, was nicht nur dringend erforderlich, sondern gar lebenswichtig ist, dann muss, neben aller Kritik an dem großen Rahmen, auch diese Haltung vernichtet werden, die im Keim die Wollust auf das Tyrannentum in sich trägt. Wer eh immer verliert, dem kann es auch richtig besorgt werden und trotzdem behält er am Ende immer Recht, weil er es ja von vorneherein immer gewusst hat. Das ist die Krönung des Defätismus und steht ganz in der Aura eines Romans von Heinrich Mann, der die Seele dieser Nation wie kaum ein anderes Buch getroffen hat: Der Untertan.

Tief im Inneren scheint so etwas wie die reine Form der Misanthropie zu schlummern, eine Form des Menschenhasses, der aus der Verachtung seiner Schwäche resultiert und daraus den falschen Schluss zieht. Denn die Schwäche ist die Voraussetzung des Prozesses der Stärkung, des Lernens und letztendlich des Meisterns. Wer das Leben liebt, der kann nicht im Zustand dieser Misanthropie verharren, sondern der muss sich selbst ändern, um zu einer positiven Einstellung im Leben insgesamt zu finden. Nur wer die positiven Möglichkeiten sieht, ist in der Lage, eine Strategie zu entwickeln, mit der das Leben geändert werden kann. Und das beginnt mit Artikulation und Einmischung.

Auch wenn es schwer fällt zu glauben: Im Reich der Hoffnung geht die Sonne nicht unter. Der Ausweg aus der tiefen Depression der eigenen Unzulänglichkeit beginnt in der Regel mit dem Humor und er endet in der Vision von einer besseren Welt.

Im Haus der Spekulanten sind noch Zimmer frei!

Vor fünf Jahren wurde das erste „Hilfspaket“ für Griechenland geschnürt. Es handelte sich um den ersten Akt einer Insolvenzverschleppung mit bundesrepublikanischer Beteiligung. Dass mit der heute zu beschließenden Maßnahme mittlerweile das dritte Kapitel dieses nach bundesrepublikanischem Recht schwere Vergehen aufgeschlagen wird, zeigt, wie immun die Öffentlichkeit gegen jede Art der Pervertierung von Politik geworden ist. Die Verschleppung der griechischen Insolvenz geschah und geschieht vor allem, um private Gläubiger, die größtenteils aus dem Bankensektor stammen, eine Rückversicherung zu geben für die eigene windige Kreditpolitik. Die Bürgschaften hierfür stammen aus den Etats der restlichen europäischen Steuerzahler. Deshalb ist es verständlich, wenn sich großer Unmut gegen diese Art der Bürgschaft in Europa breit gemacht hat und macht.

Was der Regierung gelungen ist, war den Eindruck zu vermitteln, dass die „Schuld“ für das griechische Debakel bei den Griechen liegt. Das stimmt sogar insofern, als dass Griechenland, übrigens wie der Rest Europas auch, über eine stark unpatriotische Elite verfügt, der die eigene Gefräßigkeit wesentlich wichtiger ist als das Befinden des Landes. Diese Elite, sowohl auf Seiten des Finanzsektors wie auf Seiten der Politik, ließ sich die Kredite von IWF, Weltbank und EU in den weit aufgerissenen Rachen werfen und blickte sich später unschuldig um, als die Rückzahlungsforderung ins griechische Haus trudelte. Zahlen sollten jetzt die Armen, während die Konsumenten der Üppigkeit begannen, ihre geklauten Revenuen auf dem Londoner oder Berliner Immobilienmarkt in witterungsfestes Futter zu verwandeln.

Der Zynismus aus Deutschland, der sich noch in der Wahlnacht auf die neu gewählte Regierung von Syriza ergoss, hatte etwas Tragisches an sich, weil er genau das Programm vorzeichnete, das in ganz Europa gefahren werden muss, um den Hasardeuren und Bankrotteuren, die in den mächtigeren Staaten momentan die Regierungsviertel dominieren, den Weg heraus zu weisen. Die Berliner Protestantengarde, eben noch Komplizen von den Schuldnerkabinetten, forderten Syriza nun auf, mit einer streng kommunistischen Politik dem griechischen Großkapital den Kampf anzusagen. Tragisch für die Ratgeber wird sein, dass sich der Zynismus in reale Programme verwandeln wird, weil die Massenbasis für die Politik wie die Demagogie derselben rasant schwindet. Das ist heute bereits in Athen, Rom, Madrid und Lissabon zu spüren. Erst wenn man in Berlin des Morgens den heißen Mistral irritiert zur Kenntnis nimmt, wird deutlich werden, dass das Spiel zu Ende ist.

Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist zu einem herausragenden Destabilisator in Europa geworden. Griechenland ist ein aktuelles Beispiel, der Balkan ein älteres, das jetzt verdeutlicht, wie die Welle der Zerstörung zurückkommen wird. Und zwar in jedem Fall, der noch folgen wird. Die Destabilisierung Jugoslawiens, zunächst durch die Genscher-Diplomatie und dann durch Fischers Kriegslogik, hat zu einem beherrschbaren, aber ebenso gefährlichen Provisorium geführt, das momentan durch Fluchtbewegungen auf sich aufmerksam macht. Die Reaktionen aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal werden ebenfalls folgen, und die aus der Ukraine erst recht.

Und in diesen Fällen führt der Weg zurück zu dem Zynismus, der in Berlin in der Nacht von Syrizas Wahlsieg formuliert wurde: Nehmt doch die Verursacher in die Verantwortung! Das ist ein guter Ratschlag, um auch hier, im Land der Designer, mit einem Programm zu starten, das bereits die Kontur für ein Europa der Zukunft trägt. Die Opfer der Destabilisierungspolitik, die nun als Flüchtlinge über die Grenze kommen, sind konsequent in den Quartieren der Verursacher unterzubringen. Im Haus der Spekulanten sind noch Zimmer frei! Es wäre allerdings nur ein Anfang.