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Der falsche Blick auf das richtige Leben

Ganz nach Pliviers Romantitel „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“, so scheint sich jetzt der nahezu kollektive Abgang von Parteivorsitzenden zu gestalten. Nach Merkel geht es Seehofer so. Von der SPD gar nicht zu sprechen, denn dort ist der Parteivorsitz im letzten Jahrzehnt zu einem Schleudersitz geworden. Was manchen insgesamt dramatisch erscheint, ist es nur zum Teil.  Eigentlich ist ein Generationenwechsel im Gang. Das ist normal und selbstverständlich. Dramatisch ist das, was sich als Momentaufnahme dahinter verbirgt: Der Wunsch nach Wandel. Doch danach sieht es gar nich aus.

Mit Ausnahme der Grünen, die durch den Wechsel ihrer Spitzenkandidaten auch die politische Programmatik geändert haben und nun mit einem Pragmatismus einer neuen bürgerlichen Mitte werben, ist bei der SPD trotz der erfolgten personellen Wechsel keine neue, deutlich von der Vergangenheit absetzbare neue Kontur zu erkennen. So wenig wie die alte umrissen war, von allem ein bisschen, von Neuem wenig bis gar nichts. Nun die CDU. Und da entpuppen sich die  aussichtsreichsten Kandidaten entweder als die Perpetuierung des Alten oder der Revisionsmus des ganz Alten. Und bei der CSU sieht es so aus, als rüsteten die Kannibalen zum finalen Staatsstreich.

Das Bild, das sich ergibt, ist keine Werbung für das Parteiensystem. Anscheinend wirkt die auch durch die Verfassung garantierte mächtige Stellung der Parteien mit ihren Rechten und Privilegien nun, in Zeiten einer sich verstärkenden Krise, hemmend auf die vorhandenen Innovationskräfte. Es ist zu beobachten, dass die vermeintlichen Kurswechsel angelehnt sind an Zeiten, in denen es den Parteien in Bezug auf ihre Resonanz in der Gesellschaft noch gut ging. Verkannt wird dabei, dass diese Zeiten nicht dadurch zurückgeholt werden können, indem man die alten Muster reaktiviert. Der große Haken bei diesem Kalkül ist die Tatsache, dass sich die Gesellschaft gewaltig geändert hat. 

Das klassische Proletariat ist nicht mehr in der alten Dimension vorhanden, es existiert ein wesentlich größeres Heer von sozial Abgehängten, für die in den Wertschöpfungsketten kein Platz mehr ist, der Mittelstand besteht zunehmend aus Erfolgsmodellen der kreativen Branche und das Unternehmertum spaltet sich in müde Monopolisten, finanzspekulative Couponschneider, einen hochtechnologischen Mittelstand und eine alternative Konsumkultur. Da ist es für die in den traditionellen Parteien sozialisierten Funktionäre schwer, sich neu zu orientieren. Denn die Maximen und Standards der heutigen Wertschöpfungsprozesse wurden aus unmittelbarer Nähe nie erlebt.

Längst formieren sich neue politische Kräfte jenseits der die Aufmerksamkeit absorbierenden parlamentarischen Auseinandersetzungen von Gestern. Dazu beigetragen hat auch die bleierne Erfahrung aus gefühlten Jahrzehnten großer Koalitionen. Immer mehr drängen die Bürgerinnen und Bürger in Foren, die direkte Beteiligung versprechen. Es geht darum, das konkret aus politischen Entscheidungsprozessen Hervorgehende direkt in seiner praktischen Umsetzung mit zu beeinflussen. Unzählige neue Formen sind bereits entstanden, Zukunftsmärkte, Bürgerforen, Town-Hall-Versammlungen, bis hin zu von der Verwaltung moderierte kommunale Strategieprozesse. Das, so scheint es, ist als Information von den herrschenden nationalen Institutionen kaum wahrgenommen. Doch dort, wo diese Prozesse bereits laufen, wird berichtet, dass der Grad der Partizipation in hohem Maße und in hoher Zahl positiv bewertet wird.

In diesem Kontext von Politmüdigkeit zu sprechen, dokumentiert allenfalls einen falschen Blick auf das richtige Leben. Wer zu lange im Türmchen sitzt, darf sich nicht wundern, dass irgendwann die Landschaft, die er beim Eintritt in die abgeschottete Welt im Kopf hatte, ganz anders aussieht. 

Das harte Brot des Wandels

Es ist mal wieder Zeit für Prinzipielles. Ein Umstand, der tatsächliche oder gefühlte Krisen so unschätzbar wertvoll macht. Denn liefe alles so, wie gewünscht, dann fiele der Stachel der Erkenntnis einfach so zu Boden und eine gewisse Mentalität führte zu einer allenfalls außergewöhnlichen Wurstigkeit. Ein Geist, der seine Unruhe verloren hat, verliert seine Seele und tendiert zur Beliebigkeit. Ob die Krisen unserer Tage tatsächlich neue Ideen hervorbringen, sei dahingestellt. Aber sie veranlassen zumindest die staatlich wirkenden Pädagogen, grundsätzlich alles noch einmal zu erklären.

Und so wurden wir im Falle Griechenlands darüber unterrichtet, dass Schuldenmachen schlecht sei, ein Staat relativ überflüssig und der Markt eigentlich alles regele. Nicht hier, versteht sich, im Kombinat der Guten Hoffnung, aber im Rest der Welt. Da ist die Lehre des Wirtschaftsliberalismus und des Monetarismus, die erfunden wurde an der Chicago School of Economics, namentlich von deren Mentor Milton Friedman. Aufgrund dieser Genese wird alles, was aus diesem Dunstfeld kommt, etwas verniedlichend den Chicago Boys zugeschrieben, obwohl es sich um Vernichtungsfeldzüge gegen die Armen dieser Welt handelt.

Der wohl schlimmste Verfechter dieser Lehre in den USA selbst war George W. Bush, der über zwei Legislaturperioden nicht nur diverse Kriege in Übersee, sondern auch einen Krieg gegen das eigene Volk geführt hat. Dann wurden er und seine Partei in den Wald geschickt, weil die Zeichen auf Wandel standen. Und dann, mit einer Regelmäßigkeit, die phänomenal ist, mit der bekannten Verzögerung von einer Dekade, hat die Lehre in Europa und vor allem in Deutschland Fuß gefasst und wird bis zum Exzess gelebt. Kann es da beruhigen, dass in den USA längst wieder ein Keynesianismus herrscht, der auf soziale Abmilderung des ewigen Kapitalismus setzt? Wann kommt das Umdenken hier an, und wie schizophren und tautologisch kann die hiesige Sozialdemokratie noch werden, beim Tauschen von Prinzipien, die gar keine mehr sind, zumindest nicht für sie?

Und im Falle der Flüchtlinge, da hat das Prinzipielle fast schon den Charakter einer Daseinsfrage. Sein oder Nicht-Sein, so stellt sie sich, wenn zu bedenken ist, ob eine alternde, müde, besitzorientierte Gesellschaft noch die Kraft aufbringt, eine Verjüngungskur durchzustehen, die vieles von ihr abverlangen wird oder ob sich die durchsetzen, die mit einer künstlichen Hüfte und dritten Zähnen auf einer Geldkassette sitzen und bis zur letzten Kugel die schreckliche Tapete in ihrem Wohnzimmer verteidigen wollen? Da helfen keine altruistischen Gesten, wie so sanft empfohlen, sondern nur noch Alternativfragen: Ja oder Nein, willst du sein im Land der Zukunft, dann kämpfe für etwas Neues, und willst du mit dem belanglosen Wohlstand, in dem du schwelgst, in das Land des Tantalus fahren, dann tue das, aber ohne den Namen des Landes, dessen du nicht würdig bist.

Denn alles, womit diejenigen, die sich mit der Reflexion der Möglichkeiten, und nicht der der Gefahren, beschäftigen, hat etwas damit zu tun, dass es erfordert, wie man in der angelsächsischen Welt so schön formuliert, dass die eigene Komfortzone verlassen werden muss. Leben heißt kämpfen, ja, das haben schon so mancher Opa und manche Oma gesagt, aber genau das war das Erbe, das nicht vergessen werden sollte. Denn sie konnten nicht so nonchalant formulieren, dass sie sind, weil sie erkennen. Für sie galt eine härtere Regel: Ich verspüre Schmerzen, also bin ich!

Kann der Wandel verstetigt werden?

Es reicht nicht aus, die Guillotine zu schmieren und das Personal auszuwechseln. Abgeschlagene und neu installierte Köpfe garantieren nicht unbedingt das neue Denken. Die Frage, wie der Wandel festgehalten werden kann, bewegt seit je die Gemüter. Was ist erforderlich, um das Neue auf Dauer zu implementieren? Eine Revolution ist ein Paradigmenwechsel. Es werden die Grundlagen des Denkens, der damit verbundenen Logik und die entscheidenden Bewertungen für gesellschaftliches Handeln verändert. Die Frage, wie das, was programmatisch gefordert wird, über die stürmischen Tage des Umschwungs hinweg gerettet werden kann, ist es wert, genauer betrachtet zu werden. Denn es ist klar, dass ein Machtwechsel alleine die beabsichtigte Veränderung nicht zu sichern vermag. Wenn es um neues Denken und eine neue Ethik geht, dann muss sich menschliches Verhalten ändern. Geschieht dieses nicht, dann sind Restaurationserscheinungen die Folge, wie sie so treffend in George Orwells Roman Die Farm der Tiere beschrieben wurden. Die Bezeichnungen und Erscheinungsformen haben sich geändert, aber die Wirkungsmechanismen sind die gleichen geblieben.

Die Verstetigung des Wandels ist folglich nur durch eine sehr konsequente Vitalisierung von Verhaltensmustern zu erreichen. Nur, wenn das neue Denken vorgelebt wird und wenn das Vorleben entsprechend im sozialen Vergleich gelobt wird, sind die Voraussetzungen für einen gegeben, der die Voraussetzung für einen tatsächlichen Wandel ist. Eine Organisation, die sich mit der Abbildung einer neuen Struktur und personeller Neubesetzungen der geschaffenen Funktionen begnügt, wird sehr schnell die alten Verhältnisse unter neuem Namen wieder herstellen. Eine Organisation, die nie neuen Strukturen dazu benutzt, um das neue Verhalten in ihnen zu üben und permanent zu überprüfen, hat hingegen die Voraussetzung für einen Wandel in Denken und Verhalten geschaffen. Das Scheitern im Neuen, die kritische Reflexion dieses Scheiterns und die erneute Erprobung der korrigierten Vorgehensweise ermöglichen einen Erkenntniszuwachs, der der neuen Organisation und den neuen Zielen zu Gute kommt. Allerdings nur dann, wenn das temporäre Scheitern als eine Notwendigkeit auf dem Weg zu Verbesserung kommuniziert wird.

Die Lernprozesse des Wandels müssen dem neuen Denken, der neuen Sittenlehre und den neuen Verhaltensmustern verpflichtet sein. Folglich sind die zu initiierenden Lernprozesse mit einem sehr hohen pädagogischen und didaktischen Aufwand verbunden. Auch die Art und Weise, wie das Neue vermittelt wird, muss sich von den Gepflogenheiten der Vermittlung des Althergebrachten unterscheiden. In einem System, das davon ausgeht, dass die einzelnen Glieder des Ganzen ein hohes Maß an Autonomie genießen, ist es erforderlich, dass auch die Lernprozesse in der Umgebung großer Unabhängigkeit stattfinden. Der ständige, dringende und penetrante Wunsch der Technokraten, die Lernprozesse genau monitoren und kontrollieren zu wollen, korrespondiert nicht mit der Freiheit, die Gestaltung voraussetzt.

Die Lerninhalte sind anders, die Methoden sind neu und die Zeiträume zur Internalisierung des Gelernten sind länger als diejenigen, die zur Verinnerlichung des bereits Bekannten, Eingeübten erforderlich sind. Sind diese Erkenntnisse auch nicht sonderlich aufregend, so sind für die tradierte technokratische Betrachtungsweise dennoch neu. Für die Technokratie ist die Angelegenheit des Wandels mit der Übertragung der Macht erledigt. Die tatsächliche Verstetigung des Wandels vollzieht sich jedoch nur durch langanhaltende, langwierige und intensive Lernprozesse mit ihrer eigenen Pädagogik. Ihre Dimensionen erstrecken sich auf Inhalte, Methodologie und Verhalten. Und einer Reflexion des Prozesses selbst., d.h. die Reflexion des Wandels findet in einer Kategorie der zweiten Ordnung statt. Auch das ist neu und löst großes Unbehagen aus.