Die ersten lauten Töne des Wahlkampfes lassen nichts Gutes erwarten. Wer sich vorgestellt hatte, es ginge bei den bevorstehenden Wahlen um die wirklichen Probleme, mit der die Menschen in dieser Republik zu kämpfen haben, wird aller Voraussicht nach – wieder einmal – enttäuscht werden. Dass dem so ist, ist einer in die Formationen der einzelnen Parteien abgerutschter Journalismus. Dieser setzt bestimmte Themen, die alles mitbringen, nur nicht das Wesentliche. Oder er greift die Abstrusitäten auf, mit denen der eine oder andere somnambule Stimmenfänger unterwegs ist. Und darin ist das mediale besonders virtuos, das beliebte Swinger-Spiel, wer mit wem in Zukunft koalieren wird, wird jenseits aller politischen Inhalte bis zum Exzess durchgespielt. Ziel der gesamten Veranstaltung ist es, von den Themen abzulenken, um die es tatsächlich geht.
Man kann es auch anders formulieren. In der Symbolpolitik befinden wir uns auf höchstem Niveau. Noch gestern las ich, dass von den 5,5 Millionen Menschen, die Bürgergeld empfangen, lediglich 13,5 Tausend dezidiert als Arbeitsverweigerer registriert sind. Viele von denen, auch das ist eine negative Referenz für sich, sind dennoch in unterbezahlten Jobs unterwegs und bekommen deshalb Bürgergeld, weil die Plackerei zum Leben nicht reicht. Hier eine Front aufzumachen, verknüpft mit dem Abbau tariflich abgesicherter Rechte von tatsächlich aktiven Beschäftigten bei gleichzeitiger Forderung nach Steuersenkungen für die Unternehmen zeigt schlichtweg die eindeutige Orientierung. Man könnte hinterher rufen: Nein, 20 Jahre knallharter Wirtschaftsliberalismus waren nicht genug, und die Krisen wären weniger heftig, wenn die soziale Entwicklung noch stärker hin zu einem Oligarchenland gegangen wäre. Dass alle in diesen Chor mit einstimmen, zeigt die mentale Krise des politischen Systems.
Eine andere Variante des Symbolisch-Verkommenen zeigt die vor allem von dem seichten Vertreter des Reformhaus-Milieus angekündigte drastische Aufstockung der Militärausgaben. Unterstützt von der Presse, fallen alle in den Chor mit ein und räsonieren über Prozentzahlen. Jetzt sind zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes nicht mehr genug. Der Grüne Kandidat soll 3,5 Prozent fordern. Alle Zahlen sind willkürlich und kein einziger Vertreter des Qualitätsjournalismus hat einmal recherchiert, aufgrund welcher Fakten sie zustande kommen. Wenn man sich die Militärausgaben der NATO insgesamt und die der USA im Besonderen ansieht, dann kommt man, beim Vergleich mit den russischen und chinesischen, eher auf die Idee, dass man sich anscheinend auf einen Angriff vom Mars vorbereitet. Wer bei Militärausgaben in diesen Dimensionen denkt, und ein Problem im Bürgergeld sieht, sagt dem Großteil der Gesellschaft den Kampf an. Und wer solche Aspiranten wählt und keine Aktien bei Rüstungsunternehmen hat, hat seinen politischen Verstand leichtfertig in die Biotonne gekippt.
Eine mehr als einhundert Jahre alte Karikatur macht immer wieder die Runde. Auf ihr wird ein Restaurant gezeigt, in dem an vielen Tischen die Vertreter der unterschiedlichen gesellschaftlichen Sparten sitzen, der Bildung, des Sozialen, der Kultur, der Gesundheit etc., alles ärmlich gekleidet und abgemagert, vor einem kargen Mahl, während alle Kellner mit Platten, beladen mit Köstlichkeiten, um einen Dicken scharwenzeln, dessen Tisch sich bereits biegt. Es ist der Krieg.
Wenn ein Konsens darüber herrscht, dass dieser unvermeidlich und ohne Alternative ist, dann lasst alle Hoffnung fahren. Vorerst!


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