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Die agrigentinische Weisheit

Die Aporie scheint vorgegeben. Wie erhalten wir noch Lebensfreude in einer Welt, die sich im Augenblick berauscht, aber heruntergerissen wird durch das schlechte Gewissen hinsichtlich einer Zukunft, an die keiner mehr glaubt? Die Inflation des Begriffs der Nachhaltigkeit ist ein eindringliches Symptom für das Auseinanderklaffen eines auf den Moment fokussierten Hedonismus und eine Abstinenz auf eine kollektive positive Prognose. Einmal abgesehen von den Zweifeln, ob die Vergeudung von Ressourcen und die Enthüllung aller weltlichen Geheimnisse tatsächlich zu einer Erhöhung des Genusses führt, die Nonchalance auf die Zukunft ist Abgrund tief.

Es hilft in der Regel nicht, auf historische Entwicklungen zu verwiesen, die den gegenwärtigen Zustand erklären. Zumindest nicht in Bezug auf eine Lösung des Problems. Alles war schon irgendwann mal da und nichts könnte durch eine neue Undurchdringlichkeit überraschen. Gewiss ist, dass die Beschleunigung des Kapitalismus zunächst zu einer Entzauberung und dann zu einer Entsinnlichung der Welt geführt hat. Es ist kein Zufall, dass ernst zu nehmende Kulturkritiker, die jenseits des Mainstreams zu denken gedenken, von einer kollektiven Phase der Pornographie sprechen: Die Gesellschaft als ein Artefakt der totalen Entblößung, die die Aura, den Zauber und den Eros mit einem Schlag ins Jenseits befördert.

Die Pornosemantik tut sich schwer, über den Augenblick hinaus eine Welt zu denken, in der Freiräume existieren, die es ermöglichen, nicht Vorhersehbares Wirklichkeit werden zu lassen. Die Transparenzgesellschaft hat es zur Meisterschaft gebracht, wenn es darum geht, jegliche Form der Existenz in grellem Lichte auszustellen, aber sie hat in gleichem Atemzug zu dieser Meisterschaft die Dynamik der einzelnen Existenzen selbst genau der Zone beraubt, die erforderlich ist, um kreativ wirken zu können. Es handelt sich um den Bereich des Negativen, des Widersprüchlichen, des Absurden, welches nicht positiv darstellbar ist und insofern nicht sein darf. Der Mensch ist verkommen zum Ausstellungsstück, das nicht mehr Mensch sein darf samt seiner Geheimnisse und Gelüste.

Auch wenn die Geschichte nicht immer hilft, so kann sie dennoch auf Augenblicke verweisen, in denen ein heute als modern begriffenes, aber vielleicht auch schon immer vorhandenes Makel in der lichten Stunde einer besonderen Beobachtung aufgehoben wurde. Einer, der sich schon immer im Zwielicht aufhielt und überall, nur nicht in der Eindeutigkeit lokalisierbar war, ist der Kosmogoniker Empedokles. Vor nunmehr 2500 Jahren wirkte er, dachte quer und wurde aus seiner Heimat vertrieben. Er strandete im heutigen Sizilien, für das damalige antike Griechenland die Neue Welt. In Agrigent ließ er sich nieder und war fasziniert von der Lebenseinstellung seiner neuen Landsleute. Sie waren nicht verloren im Kampf um Besitzstand, sie hingen dem Traum einer besseren Welt nach, der geprägt war von dem Wunsch nach der Teilhabe am Augenblick und beseelt von der Mission, etwas schaffen zu wollen, auf das die Nachwelt noch mit Begeisterung schaut.

Empedokles, der vergleichen konnte mit seiner Heimat, in der die Vision erloschen war, drückte seine Bewunderung und Liebe zu den Agrigentinern in einer Beschreibung aus, die bis heute fasziniert und eine Botschaft in sich trägt, die den Zusammenhang von einer sozialen Vision und augenblicklicher Genussfähigkeit so auf den Punkt bringt, eine, Definition, die bis heute Leuchtkraft besitzt. Die Agrigentiner, so Empedokles, bauen, als wollten sie ewig leben, und sie essen, als müssten sie morgen sterben. Schöner kann man es nicht sagen.

Die Leere im öffentlichen Raum

Ein Blick auf die Objekte im öffentlichen Raum reicht aus. Nichts, was nicht auf eine epochale Entwicklung hindeutete. Die Ära, in der wir uns befinden, ist die des Eklektizismus. Stilrichtungen mit einem unverbrüchlichen Charakter, einer deutlichen Ästhetik und einer frappierenden Sinngebung ist unter den gegebenen Umständen eher die Ausnahme. Das Geniale der Individuation einer Klasse ist der sozialen Diversifikation zum Opfer gefallen und die großen Ideen, die ganze Zeitalter gefesselt haben, werden zu oft verscherbelt an den opportunistischen Deal der da heißt Konsensdemokratie. Darunter leidet nicht nur die mentale Volksgesundheit, sondern auch die platzierte Architektur, die in ihrer Mediokrität noch eskortiert wird von Planfeststellungs- und Anhörungsverfahren, die nicht unbedingt zur Schönheit beitragen.

Was will man erwarten, wenn Ideen vom Prinzip her so verwässert werden müssen, dass sie nichts mehr aussagen, wenn Positionen so vernebelt werden müssen, dass sie nicht mehr zu orten sind und das Werte so verwischt werden müssen, dass sie nicht mehr darstellbar sind. Man hat das Gefühl, als seien alle Metaphern zum Teufel gejagt. Alles, was große Ideen vergegenständlichen könnte, gilt als Blasphemie, als wären wir in einer intellektuellen Phase der radikalen Islamisierung. Vergegenständlichung von Ideen allein über die große Idee sind bereits Gotteslästerung. Doch während im Islam hinter dem Verbot der Vergegenständlichung unübersehbar das Gebot der Demut sichtbar wird, ist die Auflösung der Metaphern im Orkus der Postdemokratie wohl eher die Sinnentleerung der politischen Vision zu vermuten.

Kunst im öffentlichen Raum war immer das Koordinatensystem für das Denken und Werten der sich darin bewegenden sozialen Wesen. Ihre Ängste, Flüche und Visionen ein Rekurs auf die Verarbeitung der konkreten Geschichte im kollektiven Lernprozess. In den Gesellschaften von Pionieren deutet vieles auf Schlichtheit und Stärke, in den kulturell gesetzten Formationen verrät diese Architektur das Sublime und eine hohe Stufe der Zivilisation, in den totalitären Staaten das Monströse und in den Niedergehenden die konzeptionelle Inkonsistenz und das Nichtige.

Sehen wir uns die aktuelle Architektur im öffentlichen Raum an, dann müssen wir leider feststellen, dass der Pioniergeist nirgendwo, das Gesetzte allenfalls sporadisch und das Nichtige flächendeckend zu verzeichnen ist. Die Botschaft, die wir mit jedem Mahnmal der Nichtigkeit und des Eklektizismus, das wir aufstellen und an die Nachwelt senden, ist der Verweis auf den mentalen Niedergang einer Gesellschaft, die von den zischenden Fragen der Zeit, die an sie gestellt werden, maßlos überfordert ist. Da ist keine Idee in Sicht, unter deren Leitung die Expeditionen in die Problemlösung beginnen könnten, da ist keine große Vision, von der Individuen oder Klassen besessen wären, die die Rolle von Treibern gerne übernähmen. Da lauert die Missgunst in jeder Fuge und die entsprechende Ästhetik ist die des Überdrusses.

Selbst das Wagnis in das Unbekannte lässt sich nicht mehr darstellen, die Reise in eine Sphäre, von der noch niemand weiß, wie man in ihr überlebt. Kein Überleben in der Höllenqual und kein Bacchanal auf einem neuen Stern. Nein, die soziale Utopie scheint allenfalls in Archiven, aber nicht mehr im öffentlichen Raum unserer Breitengrade anzutreffen zu sein. Der Flaneur, das gedachte Subjekt der assoziativen Moderne, lebt in schlechten Zeiten, wenn er durch unsere Straßen und über unsere Plätze schreitet.