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Die große Gelassenheit

Es wird immer wieder die Geschichte kolportiert von dem Revolutionär, der sich so müde fühlte. Jahrelang hatte er auf sein Ziel, den großen Umsturz, hingearbeitet. Tausend Entbehrungen und Schmähungen hatte er hingenommen. Viele seiner Weggefährten hatten ihr Leben lassen müssen, viele Freunde hatten ihn verlassen, und die Frauen um ihn, die ihm etwas bedeutet hatten, waren verschwunden. Dann, über Nacht, in wenigen Stunden, hatte sich der Lauf der Dinge beschleunigt, plötzlich brannte das so lange und geduldig geschürte Feuer lichterloh und die Verhältnisse begannen zu tanzen. Es war seine Stunde. Er wurde überall gefeiert und gefragt und es begann eine Zeit, in der er von einer mächtigen Bewegung getragen wurde. Alles schien leicht von der Hand zu gehen, manchmal reichte ein Wort, und Berge wurden versetzt. Die Zeit raste, die Welt änderte sich und der Revolutionär war immer an maßgeblicher Stelle dabei.

Ganz langsam, kaum merkbar, änderten sich Kleinigkeiten. Hier etwas weniger Resonanz und Begeisterung, dort die eine oder andere kritische Frage mehr. Und Dinge, die mit so viel Schwung verändert worden waren, begannen wieder zu funktionieren wie vor der großen Umwälzung. Die Routinen, die sich herausgebildet hatten, rochen genauso wie die Routinen, die man geglaubt hatte zerschlagen zu haben. Und plötzlich sah der Revolutionär wieder in Gesichter, die nicht von einer Idee, sondern von Status und Ansehen inspiriert waren. Phlegma und Eigensinn machten sich breit, das Feuer war erloschen.

Das war die Stunde, als der Revolutionär große Müdigkeit verspürte. Alles, was gestern noch grandios funktionierte und leicht von der Hand ging, war nun fehlerhaft und mühselig. Er selbst wollte immer noch die Dinge verändern und den Fortschritt herbeiführen, aber er sah sich umgeben von einem Trott, den er nach all den Jahren, die ihn von der Entbehrung bis zum Erfolg geführt hatten, nicht mehr ertrug.

Und der Revolutionär begann zu grübeln. Er konnte sich das leisten, denn die Macht war in seinen Händen. Verschiedene Optionen gingen durch seinen Kopf. Sollte er, müde, wie er war, dem aktiven Leben den Rücken kehren und sich in die private, vielleicht gelehrte Sphäre zurückziehen? Oder sollte er versuchen, da Feuer wieder zu entfachen? Indem er auf die Jugend setzte? In dem er auf die erneute Verfettung mit anklagendem Finger deutete? Oder sollte er kurzerhand den Apparat in Bewegung setzen und diejenigen, die den erneuten Rückschritt verkörperten, aus den Ämtern drängen und zur politischen Passivität verdammen? Alle diese Dinge hatte die Geschichte schon erlebt, und der Revolutionär kannte sie. Er wusste, dass alle Varianten ihre Fehler hatten und dass es keine Lösung gab, die er vorbehaltslos hätte wählen können.

Da saß er nun, müde, enttäuscht, gereizt und auch traurig. Nicht, weil er sich mit etwas auseinandersetzen musste, was er auch hätte als Rückschlag deuten können. Denn mit einem Rückschlag wäre er gut ausgekommen. Das kannte er und steckte er weg, wie er zu sagen pflegte. Aber das, was er jetzt erlebte, das nagte am Sinn. Er sah das Motiv seines ganzen Lebens angefressen von den Mäusen des Müßiggangs und der Routine. Sollte das immer so sein? Diese Frage beschäftigte ihn. Aber, auch wenn es ungewohnt war, sie interessierte ihn immer mehr. Manchmal, wenn er räsonierte, kam sogar das Feuer zurück. Dann taten sich ihm neue Horizonte auf. Denn, so dämmerte es ihm, wenn es ein Bewegungsmuster für Revolutionen gab, das so aussah, wie er es nun selbst erlebte, dann hatte auch die Müdigkeit ihren legitimen Platz im Lauf der Dinge. Der Platz war zwar klein, und die Dauer nicht groß, aber irgendwie nahm dem Revolutionär diese Erkenntnis die Traurigkeit. Sein Umfeld berichtete, fortan habe er sehr gelassen gewirkt.

Routine und Veränderung

Manchen erscheint sie sogar wie der Sinn des Lebens. Andere wiederum sehen sie als ein nützliches Utensil, um sich einzuschwingen auf das eigentlich Essenzielle und andere sind von ihr angewidert. Für sie ist sie eine Zumutung des Daseins, die ihre Fähigkeiten beleidigt und den Raum für den großen Geist verengt. Aber, trotz dieser unterschiedlichen Handhabung und Wertschätzung existiert sie bereits so lange wie der Mensch selbst und, da wird er machen können, was er will, er wird sie auch nie wieder los werden. Die Routine, von der hier die Rede ist, hat etwas human Existenzielles. Sie verrät vieles über uns und unsere Zeitgenossen, und ein Blick auf unser Verhältnis zur Routine liefert einen wertvollen Schlüssel zu unserer eigenen Deutung.

Die erwähnten Typologien sind demnach auch die drei Grundmuster, die Erkenntnisse zu liefern in der Lage sind. Diejenigen, die ihr Leben einzig und allein an Routinen ausrichten, laufen in hohem Maße Gefahr, in ihnen den einzigen Sinn des Daseins zu sehen. Die Routinen erhalten durch diese Betrachtung einen Selbstzweck und entwickeln sich für alle Beteiligten zu einer Bürde, ja vielleicht zu einem diktatorischen Gerüst, das den eigentlichen Sinn des Lebens überstrahlt. Beispiele dafür gibt es unzählige. Sowohl im Kleinen, d.h. im täglichen Leben als auch in der so genannten großen Politik sind sie zu finden. Die Zuchtmeister der Routinen bestehen auf ihre Einhaltung und jede Abweisung oder Hinterfragung des Systems wird als Blasphemie diskreditiert.

Das Gegenteil zu diesem Modell ist eine Art Libertinage derer, denen die Routinen zuwider sind. Sie fühlen sich nicht nur nicht auf sie verpflichtet, sondern sie sind sogar der Auffassung, dass sie das Feld derer sind, die vom wahren, hohen Leben nichts verstehen. Sie halten die Routinen für das lästige Werk der anderen Zeitgenossen und nicht selten sprechen sie mit Verachtung über diejenigen, die sie einhalten und ausfüllen. Ihnen fehlt in der Regel die Legitimation aus Sicht der anderen, und die Mittel, sich aller Routinen zu entledigen, sind nicht selten die der Macht.

Die Symbiose scheint in diesem Fall das Ideal. Auch kreative und schöpferische Menschen sind sich dessen bewusst, dass die Routinen zum Leben gehören, sie aber nicht seine Essenz sind. Sie nutzen die Routinen, die nichts anderes sind als die Grundordnung, die Infrastruktur und der Rahmen dessen, was das eigentliche Leben ausmacht. Schöpferische Menschen nutzen die Routinen, um sich der Ordnung, in der sie sich bewegen, bewusst zu werden, sich zu sammeln und aus dieser Übersicht heraus zu handeln. Ein solches Vorgehen ist das, was die Briten Craftsmenship nennen, eine Art Meisterschaft des Daseins.

Nur, wer in der Lage ist, die Routinen zu pflegen, wird ein Bild davon gewinnen, wo ihre Grenzen sind und wo sie sich im Laufe der Zeit abgeschliffen haben und nutzlos geworden sind. An diesem Punkt beginnt die Gestaltung. Nicht nur Gestaltung im Geist der bestehenden Ordnung, sondern auch Gestaltung im Sinne einer neuen, zeitgemäßeren Ordnung. Dann, wenn Ordnung, Infrastruktur und Rahmen dokumentieren, dass sie nicht mehr den Bedürfnissen entsprechen, ist der Zeitpunkt gekommen, sie zu ändern. Das können nur die, die sich mit einem entsprechenden Horizont ihrer bedienen und in ihnen bewegen. Denjenigen, die die Routine als Dogma betreiben und diejenigen, die sich ihrer gänzlich entledigen, werden zu diesem Schluss nicht kommen. Die Veränderung wird von denen kommen, die in der Lage sind, neue Ideen zu entwickeln und die Grenzen der alten Ordnung aus eigener Erfahrung kennen.

Der Konnex von Subvention und Mut

Es liegt in der Natur der Sache, dass Pressemeldungen verkürzen. Nähme man sie als Maßstab für die hinter ihnen verborgene Komplexität, so käme man zu einer Interpretation der Welt, die nur unter der Überschrift „Irrtum“ Bestand hätte. So ist es auch in diesen Tagen, in denen über eine große Koalition in Deutschland verhandelt wird. Beide Parteien, die momentan am Pokertisch sitzen, haben ihre Agenda. Und beide Parteien verfügen über Programme, mit denen sie einerseits nach ihren Vorstellungen das Land weiterbringen und zum anderen ihre eigene Klientel bedienen wollen. Darüber zu lamentieren ist zwecklos. So funktioniert die Veranstaltung, die für sich den Namen Demokratie reklamiert.

Eine Frage jedoch sollte beunruhigen. Betrachtet man die Verhandlungslisten der beiden Parteien, dann steht dort vieles, was selbstverständlich in Angriff genommen werden sollte, aber nichts, was als eine Investition in die Zukunft bezeichnet werden könnte. Auch Themen wie Bildung und Infrastruktur, zweifelsohne die Zukunftsthemen par excellence, stehen nur deshalb auf der Liste, weil sowohl die bundesrepublikanische Infrastruktur einen beträchtlichen Investitionsstau aufweist als auch der Bildungssektor als ein System bezeichnet werden muss, in dem in den letzten Jahrzehnten die Partikularinteressen diverser Lobbygruppen kollektiv eine Veränderung zu mehr Qualität verhindert haben. Es handelt sich um Nachholbedarf, um Versäumtes, das vielleicht dafür sorgt, dass bereits heute vieles nicht mehr ohne gewaltige Kraftakte gerichtet werden kann. Mit der Frage nach Zukunft hat das dennoch alles nichts zu tun, dieses Feld wird nahezu systematisch gemieden, da Investitionen in Zukunft die Frage aufkommen lassen müssen, wie man das finanziert. Und da könnten aktuelle Besitzstände gefährdet sein, da ginge es an die Heiligtümer des Zeitgeistes.

Aber auch die gegenwärtigen Agenden der Parteien müssen finanziert werden. Glaubt man den Pressemeldungen, dann will die CDU das mit Haushaltsdisziplin, die SPD hingegen mit Steuererhöhungen. Der Akt der Steuererhöhung wiederum soll eine Geste der Gerechtigkeit sein, weil die Besserverdienenden zur Kasse gebeten werden sollen. Alles d´accord, so könnte man sagen, wäre letzteres nicht ein Indiz für die Unlust, sich mit einem Zeitgeist auseinanderzusetzen, der letztendlich eine Weiterentwicklung des Landes verhindert. Die Volksfront nämlich, die sich dafür einsetzt, dass alle Formen der Zuwendung für immer so bleiben, seien es Steuervorteile oder Abschreibungsmöglichkeiten, seien es direkte oder indirekte Subventionen, seien es Aufwandspauschalen oder Sonderrechte. Wenn man so will, ist die Republik im Laufe ihrer Entwicklung zu einem subtilen System der Massenkorruption verkommen, das kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Gedanken der sozialen Intervention zugunsten der Schwachen zu tun hat. Da sind regelrechte Industrien entstanden, die sich mit misslungener sozialer Integration oder dem Versagen des Bildungssystems und im Bildungssystem beschäftigen. Und diese Subsysteme sind so stark geworden und haben eine solche Eigendynamik entwickelt, dass sie jegliche konstruktive Veränderung verhindern.

Unabhängig von der Einkommenssituation hat sich eine Erwartungshaltung gegenüber den Leistungen des Staates etabliert, die es sehr schwer macht, auf das Eigentliche zu verweisen: Welche Investition aus Steuern bringt das Gemeinwesen voran, und welche ist nur dazu da, den Futterneid der anderen Subventionsempfänger zu beruhigen. Leider findet sich im Moment keine Partei, die das offen artikuliert. Es wäre sinnvoller, dem System der Massenkorruption den Kampf anzusagen als sich über neue Geldbeschaffungsmethoden Gedanken zu machen. An Geld fehlt es nicht in diesem Land. Aber an Mut.