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Entmachtet die Oligarchen!

Jean Ziegler. Ändere die Welt!

Eines muss man ihm lassen: In seiner langen politischen Karriere hat er viele Menschen in hohem Maße an- und aufgeregt. Insgesamt 28 Jahre saß er als Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratie, er war ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Genf und ständiger Gastprofessor an der Pariser Sorbonne. Sein Renommee jedoch verdankt er seiner über die Jahrzehnte betriebenen Kritik an der Schweizer Geldwirtschaft und an der Globalisierung. In zahlreichen Publikationen enthüllte er die Machenschaften windiger Oligarchen, er klagte die zu Systematik gereiften Verletzungen gegen die Menschlichkeit an, brachte Licht vor allem in postkoloniale afrikanische wie südamerikanische Verhältnisse und schonte die Strippenzieher in den Metropolen dieser Welt nicht. Dafür bekam er UN-Mandate zum Handeln, woraufhin die Aufregung wiederum groß war. Dieser streitbare und umstrittene Mann ist nun 81 Jahre alt, denkt noch lange nicht an Ruhestand und hat gerade ein Buch publiziert, mit dem er noch einmal aufrütteln will.

Jean Zieglers neuestes Werk, Ändere die Welt. Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen, kann und muss verstanden werden als das politische Vermächtnis dieses überaus streitbaren Mannes. So beginnt das erste der insgesamt 10 Kapitel auch mit der Frage „Was nützt ein Intellektueller?“, womit Ziegler sein Selbstverständnis klärt. Dass er als Prolog Brechts Lob des Lernens zitiert, in dem wiederholt der einprägsame Satz „Du musst die Führung übernehmen“ auftaucht, dokumentiert Zieglers Selbstverständnisses. 

Was dann folgt, ist ein mehrmals wiederholter Perspektivenwechsel zwischen historischem Abriss, philosophischer Grundsatzbetrachtung, politischer Analyse und Appell. Die Qualität der einzelnen Kapitel ist aufgrund dessen sehr unterschiedlich bzw. der Übergang vom einen zum anderen ist oft unvermittelt. Für Ziegler spricht, dass er nicht in der sterilen Sprache der Wissenschaft unterwegs ist, sondern wechselt zwischen Erlebnisbericht und dem Verweis auf literarische Vorlagen. Das ist kurzweilig und von teilweise hoher Qualität. 

Die politischen Aussagen des Buches hingegen lassen keine Zweifel zu. Nach Ziegler existieren weltweit Klassengesellschaften unterschiedlicher Prägung, und wie man sie auch nennen mag, es ist ein Kampf von Arm gegen Reich. Die Epoche der zeitgenössischen Globalisierung hat diesen Kampf verstärkt. Skrupellose Oligarchen hintertreiben die Ordnung der existierenden Nationalstaaten, sie betreiben ein Hase und Igel-Spiel mit den nationalen Gesetzgebungen und ziehen sich immer auf die Terrains zurück, auf denen Korruption und zivilisatorische Defizite herrschen. In Exkursen zu Max Weber, Karl Marx, Jean-Jacques Rousseau greift er auf die bürgerliche Moderne und ihren Einfluss auf die heute noch existierenden Institutionen zurück. Teilweise interpretiert er die so genannten Klassiker neu, teilweise unterstreicht er ihre weiterhin wirkende Gültigkeit. Anhand zahlreicher Beispiele sucht Ziegler seine Thesen zu belegen, was nicht immer gelingt, weil die Beweisführung zuweilen sehr sprunghaft ist.

Bemerkenswert ist der vor allem im Resümee vertretene Optimismus. Der lebenslange Aktivist sieht durchaus Möglichkeiten, die globale Herrschaft der Oligarchen zu brechen. Darin kann und sollte man ihm folgen, wenn man den Verstand nicht frühzeitig verlieren will und sich die realen Kräfte vor Augen führt, die unter dieser Herrschaft leiden und was sie auszurichten vermöchten, wenn sie mobilisiert werden könnten.

Ändere die Welt! Ist ein dringlicher Appell eines Menschen, der jenseits seiner teilweise brüchigen Theorien anhand seiner Biographie eindrücklich bewiesen hat, dass es tatsächlich möglich ist.

Hollands Schwarzer Peter

Ach ja, eine Kommission der UNO hat festgestellt. dass der niederländische Nikolaus, Sinterklaas, und seine Begleitung, der Zwarte Piet, rassistische Züge tragen. Wer weiß, dass Sinterklaas mit dem Schiff daherkommt, so die holländische Besonderheit, und jede Menge Geschenke an Bord hat, der kann sich denken, woher die kommen. Denn zu den großen Zeiten der Niederländer fuhren die Schiffe nirgendwohin, ohne mit gefüllten Bäuchen zurückzukommen. Man nannte diese Zeit den Kolonialismus und die Niederlande haben mit ihrer Ostindischen Kompanie, einem halbstaatlichen Handelshaus, Südostasien ausgeplündert nach allen Regeln der Kunst. Das ging bis kurz nach dem II. Weltkrieg, da verjagten tapfere javanische Rebellen unter dem juvenilen General Sudirman die Niederländer von ihrer Insel und es war bald vorbei mit all dem Tee, dem Tabak, den Edelhölzern, den Gewürzen, dem Gummi und dem Gold.

Jedes Land hat seine eigene Geschichte und es schleppt mit ihr die Gewohnheiten und Betrachtungsweisen hinter sich her, die aus dem Prozess der Erfolge und Misserfolge, der Irrungen und Wirrungen entstanden. Der Kolonialismus war eine nach den Maßstäben der Aufklärung schlimme Zeit. Umso mehr verwundert, dass es zum Teil gerade des Kolonialismus bedurfte, um der Aufklärung das Licht anzuzünden. Geschichte ist zwiespältig. Es gibt keine Guten und keine Schlechten. Das Gute geht zumeist in Kompanie mit dem Schlechten auf seinen Siegeszug und das Schlechte hat zumeist gewaltige Teile an Wahrheit als Alliierte. Das mag einem schmecken oder nicht, aber jedes Geschichtsbuch belegt diese These.

Die Sitten und Gebräuche, die Gesellschaften aus ihrer Geschichte entwickeln, können nun mal nicht anders, als die Irrungen und Wirrungen auf dem argen Weg der Erkenntnis zu manifestieren. Irgendwann, wenn die Erkenntnis zum Allgemeingut geworden ist, dass sie nicht mehr zum Selbstgefühl der Gesellschaft passen, dann legt die Gesellschaft diese Bräuche ab. Betrachtet man die jüngere Geschichte vor allem Zentraleuropas, dann haben sich gewaltige Veränderungen ergeben, was die Rituale aus der eigenen Geschichte anbetrifft. Europa, und vor allem auch die offenen und liberalen Niederlande, haben in der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit immens schmerzhafte Entscheidungen getroffen. Und sie haben eines nicht gemacht: sie haben nicht verleugnet oder verdrängt.

Dass nun eine UNO-Kommission mit der völlig überraschenden Erkenntnis, so ganz passend zur Vorweihnachtszeit, auf den Markt kommt, der niederländische Nikolaus und sein Gefolge habe rassistische Züge, ist ein Tribut an die jüngere Entwicklung der Niederlande. Eine zu sehr auf Political Correctness und moralischen Rigorismus setzende Politik hat dazu geführt, dass sich immer größere Teile der Bevölkerung von der liberalen, offenen Politik ab- und sich den politischen Kräften zuwenden, die die dunklen Seiten des Kolonialismus glorifizieren. Der Prozess, der gegenwärtig in den Niederlanden zu beobachten ist, hat in den USA bereits stattgefunden, als Clinton durch Bush abgelöst wurde und er wird Nachfolger finden, so ist zu befürchten, auch in Deutschland. Nichtsdestotrotz ist es ein Diskurs, der mit den Mitteln der Demokratie begann und auch fortgesetzt werden wird.

Und es ist kein Zufall, dass der Moralismus, der die aufgeklärten Gesellschaften vergiftet, nun auch in die internationalen Organisationen hochgespült wird. Nicht, dass die Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Imperialismus und Krieg nicht auf der Tagesordnung stünde. Was aber auch auf der Tagesordnung stehen muss, ist das Versagen derer, die in der postkolonialen Ära die Verantwortung in den ehemaligen Kolonien übernommen haben. Diese Geschichte ist leider schwärzer als die des zwarte Piet, sie stellt sich dar als ein monumentales Kompendium, in dem Aberglaube, Mord, Folter, Menschenhandel, Korruption, Krieg und Vertreibung die größten Kapitel darstellen. Wenn wir uns die Köpfe heiß reden wegen des niederländischen Nikolaus, sollten wir uns fragen, ob uns die wahren Missstände gar nicht besorgen.