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Krieg, Subjekt und Objekt

Wer immer noch in dem Glauben ist, bei dem Krieg in der Ukraine ginge es um den Kampf einer jungen, immer noch brüchigen Demokratie gegen einen übel riechenden Dämonen, der sei zu seinem guten Glauben beglückwünscht. Das, was anfangs tatsächlich so aussah, wie die Invasion eines imperialistischen Nachbarn in ein gerade von diesem unabhängig gewordenes Land, entpuppt sich mit Fortschreiten der militärischen Auseinandersetzungen und aus etwas gröberer Distanz als ein Machtspiel, dessen Ende alles andere als eindeutig ist. Bei allen verständlichen Emotionen, die uns täglich durch die von einer Kriegspartei offerierten und dankend angenommenen Bilder entlockt werden, ganz so einfach ist es nicht.

Die Geschichte, die zu der Eskalation führte, die haben andere bereits unzählige Male in beeindruckender Weise erzählt. Sie noch einmal in Gänze zu rekapitulieren würde auch deshalb nichts bringen, weil sie der zur herrschenden Meinung modellierten Sichtweise entgegensteht. Was jedoch eine Betrachtung wert wäre, ist ein Perspektivenwechsel, der ein immer weiter ins Verderben rutschendes Europa aus der scheinbar Regie führenden Position herausholt und es dahin verweist, wohin es momentan tatsächlich gehört: in die Rolle eines Statisten.

Das Brett, auf dem gespielt wird, heißt Europa, die Spieler jedoch sitzen in Moskau und Washington. Im Moment! Aus russischer Sicht, die, wohlgemerkt, immer eine kontinental-imperialistische war, auch und gerade in sowjetischen Zeiten, geht es im die Restauration vergangener Macht- und direkter Einflusssphären. Sie gingen verloren mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Gründung einer ramponierten Russischen Föderation. Die aus dem Einfluss Moskaus entkommenen Staaten gingen mit der Erfahrung, einem despotischen System entkommen zu sein. Diese Erfahrung sitzt immer noch tief und erklärt die nahezu uniforme und aggressive Ablehnung gegenüber allem, was Russisch ist. Dass der Zusammenbruch der Sowjetunion  Millionen von Russinnen und Russen auf plötzlich fremden Territorien hinterließ, ist der eigentliche Sprengstoff. Ihn durch Rechte, Verbindlichkeiten und Verträge zu entsorgen, kann als eines der schwerwiegenden Versäumnisse angesehen werden. Dass der Westen, an den sich die unabhängig gewordenen Staaten wendeten, das Problem nicht erkannte oder erkennen wollte, lag an dessen aus dem vermeintlichen Sieg entsprungenem Triumphalismus.

In Washington hingegen wird das Schachbrett, auf dem gegenwärtig die Figuren stehen, von jeher als eine Partie angesehen, die entscheidend ist zum Erhalt der Weltherrschaft. Da geht es um die Abspaltung Russlands von Europa, besonders von Deutschland. Die Union von mitteleuropäischer Technologie und russischen Rohstoffen ist der Alptraum, den die maritime Weltmacht immer wieder träumt. Nachdem sich das Baltikum in den westlichen Militärkordon eingereiht und damit die Ostsee für Russland endgültig blockiert hatte, kam mit dem gelungenen Putsch in der Ukraine 2014 endlich die Chance, es auch endgültig vom Schwarzen Meer abzuschneiden. Dass mitten durch die Ukraine auch eine kulturelle Grenze verlief, wusste bereits Henry Kissinger, spielte aber bei dem geostrategischen Kalkül keine Rolle. Der jetzt dort geführte Krieg ist ein Tribut an diesen Schachzug, der aus us-amerikanischer Sicht den Vorteil mit sich bringt, sowohl Russland als auch Deutschland erheblich schwächen zu können. Je länger dieser Krieg dauert, desto vorteilhafter die Lage für die Hegemonie-Pläne der USA.

Im Grunde genommen geht es also um das Rangeln zweier imperialistischer Mächte um geopolitisch erforderlichen Einfluss. Was sich an der vorhandenen Aufstellung zeigt, sind die unterschiedlichen Fraktionen in unserem eigenen politischen Spektrum. Ohne auf die Selbstvergessenheit, mit dem ein karrieregeiler Mob die eigenen Interessen opfert und sich einer der imperialistischen Mächte ohne jedes Wenn und Aber verschreibt, besonders eingehen zu wollen: Essenziell wäre die Frage, wie Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen aus der Rolle des Objektes in die eines Subjektes gelangen könnte. Alles andere ist Augenwischerei.   

Eskalation: Zweifel am Selbsterhaltungstrieb

Heute Morgen hatte ich zwei Bilder in meiner Post, die mir ein Freund geschickt hatte. Sie zeigten das Zentrum von Tripolis in Libyen kurz vor und nach den Bombardements durch die amerikanische und britische Luftwaffe. Die Bilder glichen denen, die wir nun seit einem Monat aus der Ukraine gezeigt bekommen. Sie zeigen die Verheerungen des Krieges. Unabhängig davon, ob ein Krieg formal dem Prozedere des Völkerrechts entspricht oder nicht, das Ergebnis für die Bevölkerung ist immer das gleiche: Tod, Zerstörung, Flucht. Wer dort, und deshalb bin ich meinem Freund für die Erinnerung sehr dankbar, wer dort beginnt zu relativieren oder im einen Falle kalt und bleibt und im anderen hitzig wird, der ist verführt oder führt nichts Gutes im Schilde. Umso verwerflicher ist es, dass man die eigenen Taten totzuschweigen gedenkt, während die der anderen Seite an den Pranger gestellt werden. Unaufrichtigkeit ist ein Gift, das den Krieg begünstigt. Im Kleinen wie im Großen. Vergessen Sie das nicht!

Was den Krieg in der Ukraine angeht, so erleben wir noch einmal etwas, das wie ein Anachronismus wirkt. Nicht, weil es sich um einen Krieg handelt, denn der hat die Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg immer wieder begleitet, von Vietnam bis nach Afghanistan. Aber, was sich in der Art und Weise, Kriege zu führen, seitens des Westens geändert hat, findet sich wieder in dem Slogan „No Boots on the Ground“, keine Bodentruppen, solange nicht sichergestellt ist, dass  durch vorherige Luftschläge der Boden einigermaßen sicher gemacht wurde. Es hat etwas damit zu tun, dass sich die führenden Länder des Westens, allen voran die USA, in der Wahrnehmung von Kriegen verändert haben. Sie befinden sich, wie es so treffend formuliert wurde, bereits in einem postheroischen Stadium. Der Slogan, alles für die Gemeinschaft, die Nation oder die Heimat zu geben, gilt seit langem nicht mehr als Konsens, um in Konflikte gehen zu können. 

Das, was sich heute auf dem Territorium der Ukraine abspielt, ist das gegenteilige Konzept. Da trifft eine sich noch im Zeitalter des Heroismus befindliche russische Armee mit den Stiefeln direkt in der Ukraine und stösst dort auf einen Widerstand, der dokumentiert, dass die Ukraine sich noch längst nicht im postheroischen Stadium befindet. Auch dort herrscht nach wie vor der Heroismus. Demzufolge steht vor allem das westliche Publikum staunend vor diesem Geschichtsfilm, der das Vorgehen wie das Grauen eines antiken Krieges noch einmal vor Augen führt. Breitete er sich aus, ergriffe er auch das betrachtende Publikum, dann würde sich die Qualität sehr schnell ändern, denn ohne Heroismus gibt es keinen nennenswerten Widerstand. Und wenn die Mentalität fehlt, dann glaubt man, dieses essenzielle Gut durch Technologie ersetzen zu müssen. Das Ende einer solchen Logik ist final, genaue gesagt, letal.

Das begreifen die Betrachter, die die öffentliche Meinung formen, in der Regel nicht. Sie meinen, die westliche Zivilisation, die durch ihre Doppelmoral bereits zersetzt ist und die sich im postheroischen Stadium befindet, könne einen Krieg gegen heroisch konstituierte Nationen gewinnen. Es ist ein Irrglaube, der zur größten Gefahr avanciert ist. Die Eskalation ist der falsche Weg. Betrachtet man die Nonchalance, mit der zunehmend jede auf eine Friedensordnung fokussierte Stimme zum Schweigen gebracht werden soll, dann können, nein, dann müssen Zweifel am Selbsterhaltungstrieb aufkommen.  

Im Nebel der Propaganda?

In einem heutigen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung wurde die Zustimmung der meisten Russen zu dem Vorgehen der eigenen Streitkräfte in der Ukraine darauf zurückgeführt, dass die russische Bevölkerung im Nebel der staatlichen Propaganda die Orientierung verloren habe. Das mag so sein, es mag aber auch daran liegen, dass das Empfinden von Sicherheit aus einer tiefen kollektiven Erfahrung resultiert, die in den Angriffen auf das eigene Land und die damit verbundenen Leiden verwurzelt ist. Die Geschichte macht sich immer wieder bemerkbar, auch wenn wir in Zeiten leben, in denen das hier, im sich immer wieder als frei bezeichnenden Westen,  gerne geleugnet wird. Ähnlich verhält es sich im Falle Chinas. Auch dort sind die Demütigungen und Plünderungen des Kolonialismus und Imperialismus längst nicht vergessen. Die Unterstützung, die die chinesische Führung genießt, entspringt unter anderem dem Versprechen, dass sie dafür sorgen werde, eine Wiederholung der eigenen Erniedrigung mit allen Mitteln vermeiden zu wollen.

Die Geschichte ist der Faktor, der in unserer Sphäre als störend empfunden wird. Auch im Falle der Ukraine.  Wer heute behauptet, dass es sich bei diesem Land mit seiner jetzigen Regierung um einen Staat handelt, der in seiner Verfasstheit, seiner Praktizierung von Regierung und bei seiner Vorstellung von Demokratie den westlichen Idealen entspräche, hat das Geschichtsbuch längst zugeschlagen. Und es ist die Frage, ob das aggressive Ausklammern und Verhindern von Geschichte und den Lehren daraus nicht auch der Ausdruck eines Nebels ist, der versprüht wird, um eine rationale, interessenbasierte Politik zu verhindern. 

Grundlage einer jeden Friedensordnung ist die ist die Benennung der eigenen Interessen und die Akzeptanz, dieses auch bei allen anderen Verhandlungspartnern zuzulassen. Wer viel von Werten redet, aber alles, was Frieden ermöglicht, als im guten Falle Träumerei und im schlechten Falle als Kollaboration mit dem Feind stigmatisiert, hat weder mit Werten im globalen Maßstab noch mit dem Frieden etwas im Sinn. Und wer sich bei unzähligen Verletzungen des Völkerrechts, begangen aus den Reihen des eigenen Lagers, in Schweigen hüllt und bei dem gleichen Delikt durch andere Länder lautes Entsetzen zur Schau stellt, hat sich nicht zu Werten, sondern zum imperialistischen Prinzip bekannt. 

Was wir momentan erleben, ist keine Zeitenwende. Es ist die Anwendung der gleichen völkerrechtswidrigen Prinzipien, die in den eigenen Reihen längst zur Regel geworden sind. Die zahlreichen Kriege, in die Staaten des westlichen Bündnisses, immer und allen voran die USA, verwickelt waren oder die sie initiiert haben, sollen aus dem Gedächtnis verschwinden. Jetzt, so die staatlichen wie privaten Meinungsmaschinen, ist alles ganz anders. Jetzt geht es um die Demokratie und Werte wie die Menschenrechte. Um herauszufinden, was damit gemeint ist, sollte man die jetzt so verhassten Russen fragen. Wie es war, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der freie Westen ins Land kam, sich mit Oligarchen verbündete und das Tafelsilber als Kriegsbeute verteilte, während sich unten, dort, wo die gemeinen Leute leben, der Hunger breit machte. Wer glaubt, das sei vergessen und man warte diesseits und jenseits des Urals nur darauf, dass diese Zeiten wiederkämen, hat sich mächtig verspekuliert.

Kühl betrachtet sind wir Zeugen eines Kampfes verschiedener Oligarchien, die um den Zugriff auf Ressourcen, Arbeitskräfte und geostrategische Vorteile kämpfen. Um in diesem Kampf die Oberhand zu gewinnen, riskieren sie selbst die Vernichtung der Zivilisation. Ja, um in der Typologie zu bleiben, die Oligarchen sitzen auch in Brüssel und in Washington. Ihnen geht es nur um die eigene Freiheit, das sollte man nie mit den eigenen Bedürfnissen verwechseln. Es sei denn, man hat bereits die Orientierung im Nebel der Propaganda verloren.