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Angst und Macht

Um dem Umgang mit Autoritäten auf den Grund zu kommen, ist es sinnvoll, in der eigenen Erinnerung zu kramen. Ja, die eigene Sozialisation ist nicht selten ein guter Schlüssel zu abstrakten Begriffen. Weil sie sich im eigenen Werden als ganz konkrete Erscheinungen manifestieren. Bei mir waren es neben meinem Vater bestimmte Lehrer. Im Gegensatz zu ersterem, der zwar streng sein konnte, aber nie ungerecht war, waren bestimmte Lehrer ein ganz anderes Kaliber. Diejenigen, die wir mochten und von denen wir etwas gelernt haben, überzeugten durch ihr unprätentiöses Verhalten, durch einen Blick auf unsere Sorgen und unsere Bedürfnisse. Und diejenigen, die bis heute als Autoritäten in Erinnerung geblieben sind, waren nicht selten üble Tyrannen, die es genossen, Macht auszuüben, völlig gleich, was sie damit bewirkten. Es war der Gestus allein, der sie berauschte.

Was diese Autoritäten nicht sahen, war ihre Wirkung. Natürlich flößten sie Furcht ein und natürlich verursachten sie Schmerzen. Aber sie trieben uns auch dahin, wohin sie uns gar nicht haben wollten. Irgendwann waren wir an dem Punkt, an dem wir uns überlegten, was wir tun mussten, um ihnen das Handwerk zu legen oder ihren Fängen zu entgleiten. Aus Sicht der Tyrannen war so etwas das größte Kapitalverbrechen, dessen wir uns schuldig machen konnten. Und dennoch trieben wir, d.h. die Gruppe derer, die es einfach nicht ertrugen, unausweichlich auf diesen Punkt zu. Der Punkt hieß Rebellion oder Ausbruch.

Und so, als wohnte diesem Prozess der Ent-Terrorisierung etwas Mystisches inne, rochen die Tyrannen geradezu den beginnenden Verlust ihrer Autorität. Ihr Misstrauen wuchs genau denen gegenüber, die sich im bis dahin heimlichen Widerstand am meisten profilierten. Und so, als verströmten sie eine Aura der Zersetzung, versuchten sie, die heranreifenden Rebellen noch einmal durch besondere Schikanen zu demoralisieren. Aber es half nicht. Ganz im Gegenteil, für jeden Schlag ins Gesicht, für jede Strafe, für jede Demütigung wuchs eine Kraft, die die Überzeugung der Notwendigkeit des Aufbegehrens stärkte. 

So infantil diese Erfahrungen auch waren, so sehr lehrten sie bereits über den Charakter jener Autorität, die nicht aus einer Kompetenz, sondern der Macht alleine resultiert und die so sehr verstört. Die Macht an sich übt auf der einen Seite eine sehr hohe Anziehungskraft auf jene aus, die entweder immer zu schwach sein werden, sich mit dieser Macht zu messen oder die nicht von ihrem destruktiven Charakter per se bedrängt werden. Das Gespür für das Unbändige, Destruktive, führt zu einer nahezu sexuellen Aufwallung bei jenen, die sich lediglich an der Peripherie des Machtzentrums aufhalten. Diejenigen, die nicht die notwendigen Kräfte zum Widerstand mobilisieren können, werden durch ihr Wirken auf Dauer traumatisiert und sie finden nicht selten bis ans Ende ihrer Tage keine Erlösung. Das ist bitter, aber diese Erfahrung ist auch verantwortlich für die Energie derer, die sich gegen das Destruktive der Macht zu stemmen vermögen.

Wer sich im Bannkreis der Macht bewegt und darüber sinniert, gegen sie aufzubegehren, dem ist das Gefühl der Angst vertraut. Nicht nur die Enttäuschten und Mutlosen, sondern auch die Kämpferischen und Mutigen kennen die Angst aus dem FF. Doch das Verhältnis zu ihr wird geklärt in einem Urerlebnis, das nur die Durchleben, die als erstes gegen sie aufbegehren. Nur wer sich gegen sie erhebt, wird die Erfahrung sammeln, dass sie sich nicht mehr gegen ihn stellen kann. Wer einmal die Angst überwindet, der wird ihr nicht mehr begegnen. 

Warum Tyrannen nicht weichen

Warum, so werden sich viele fragen, ist es für den Präsidenten Mubarak so schwer, sich aus seinem Amt zu verabschieden, obwohl doch Hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen laut protestierend durch Kairos, Alexandrias und Luxors Straßen laufen, ihre Verachtung für diesen Mann zum Ausdruck bringend, in dem sie mit Schuhen winken? Hat er nicht genug Macht und Ansehen in seinem Leben genossen, hat er nicht Unsummen – man redet von 40 Milliarden Dollar – ins Ausland geschafft? Was will ein Mann, der das achte Lebensjahrzehnt hinter sich hat, denn noch erreichen? Welcher Lohn steht bereit für einen, der alles hat?

Zum Verständnis des als störrisch erscheinenden Noch-Premiers Ägyptens kann gereichen, dass er nicht der erste Herrscher und Tyrann ist, der sich schwer tut, den richtigen Zeitpunkt für den eigenen Abgang zu finden. Die vor ihm sind sogar Legion, seit den Erzählungen aus der Bibel, den Suren des Koran, seit den Annalen der chinesischen Kaiser und seit der Antike und den Tagen Roms gab es immer wieder diese gewaltsamen Herrscher, die anscheinend selbst in einem Alter, das der Weisheit vorbehalten ist, durch Brutalität und Engstirnigkeit glänzten.

Und auch in unseren Tagen, das heißt, in der so genannten jüngeren Geschichte haben wir genügend Namen im Gedächtnis, die uns auf das Phänomen der martialischen Herrschaft und den Willen der Unsterblichkeit hinweisen: Indonesiens Soeharto, Marcos von den Philippinen, Duvalier aus Haiti, Saddam Hussein aus dem Irak, aber auch Spaniens Franco, Chiles Pinochet, Ugandas Idi Amin, Zaires Mobutu und viele mehr. Allein beim Schreiben dieser Namen durchläuft den Autor ein Schauder und gleichzeitig wird das Gedächtnis wach, da sich laufend neue Namen melden, die dem Kriterium entsprächen.

So müssen wir gar nicht erst so tun, als handele es sich bei dem, was wir in Ägypten momentan erleben, um etwas Neues oder Einzigartiges. Wir sind konfrontiert mit einem Phänomen, das zur Typologie von Herrschaft gehört wie vieles andere. Das Verwunderliche für Beobachter aus Demokratien ist das Unverständnis derer, um die es sich handelt, dass die Zeit der Herrschaft vorbei ist. Während in Demokratien der Gedanke der Machtausübung immer an eine zeitliche Limitierung gebunden ist, sind in Strukturen absoluter Macht aus der inneren Befindlichkeit heraus keine Grenzen vorgesehen.

Ein anderes, noch wesentlicheres Motiv der absoluten Herrscher ist ein intrinsisches. Von der Typologie her eignen sich für das Dasein von Autokraten nur autoritäre Charaktere. Ihr Wesen ist in der Regel definiert durch die Möglichkeit unbegrenzten Waltens, und sie definieren sich selbst ausschließlich über die Fülle der Macht. Je mehr sie davon haben, desto bedeutender, je weniger, desto unbedeutender fühlen sie sich. Beobachten wir, selbst bei mächtigen Präsidenten aus Demokratien, dass diese durchaus noch anderen Neigungen nachgehen und Kompetenzen pflegen, die sie für die Machtausübung gar nicht benötigen, aber für ihre zweite, bürgerliche Existenz als sinnstiftend wichtig erachten, so weisen absolute Herrscher dieses fast nie auf. Herrschaft auf Zeit zwingt zu personaler Vielfalt, ewige Herrschaft verdammt zu Monotonie und Monomanie. Deshalb treten sie nicht freiwillig ab, die Tyrannen. Und deshalb ist die Demokratie ein Modell der Zukunft!