Schlagwort-Archive: Türkei

Bauernopfer

Die Stadt Kobane, wie sie zumindest von ihren zumeist kurdischen Einwohnerinnen und Einwohnern genannt wird, wird wahrscheinlich als Bezeichnung eines tragischen Ereignisses in die Annalen eingehen. Vieles spricht dafür, dass die mittlerweile durch Flüchtlinge auf 100.000 angestiegene Bevölkerung in einem grausamen Spiel agierender Mächte geopfert werden wird. Das aus der Ferne betrachtete Chaos sich bekämpfender Mächte hat eine relativ klare Struktur. Es geht um Interessen, die auch in der Ukraine präsent sind und die wohl versteckt werden hinter dem Schicksal der jeweiligen Zivilbevölkerung.

Der seit zwei Jahren tobende Bürgerkrieg in Syrien hat etwas mit der Infrastruktur der Ölwirtschaft zu tun. Genau genommen geht es darum, ob eine Liaison von Syrien, Iran und Russland den Zugang für eine Pipeline ans Mittelmeer bekommt bzw. optional behält. Das steht den Interessen vor allem der USA und Saudi Arabiens entgegen, die ihrerseits diesen Zugang ein für alle Mal verhindern wollen. Um diese Interessen durchsetzen zu können, wurden vor allem Schergen sunnitischer Couleur protegiert, die diesen ökonomisch motivierten Auftrag politisch und religiös interpretieren. Dass letzteres dazu geführt hat, dass die einfachen Kämpfer nun auch gegen die USA mobilisieren, ist ein Kollateralschaden, der einst auch bei Al Qaida in Afghanistan zu verzeichnen war und der wohl einfach nicht auszuschließen ist.

Die Mobilmachung der öffentlichen Meinung in den USA, in Großbritannien und in Frankreich setzte erst ein, als jeweilige Landsleute von ISIS-Mitgliedern vor laufender Kamera geköpft wurden. Das ging auf die Galle, die Zigtausend zählenden Opfer im Irak, die dem voraus gingen, reichten im Emotionsdepot nicht aus, um eine militärische Intervention gegen ISIS zu begründen. So funktioniert das, selbst die moralische Entrüstung hat einen zentralen rassistischen und nationalistischen Aspekt. Dass bei dem Vormarsch von ISIS nun ausgerechnet die Kurden um ihre Existenz bangen müssen, hat einen besonderen Geschmack. Denn die Kurden waren vor allem im letzten Jahrzehnt in der Region der treueste Bündnispartner der USA in der Region.

So wundert es nicht, dass die USA offiziell vorgeben, Kobane vor der ISIS-Invasion retten zu wollen, andererseits aber eigenartigerweise mit ihren Drohnenschlägen dort nichts mehr treffen. Und die benachbarte Türkei, ihrerseits NATO-Vollmitglied, begreift erst jetzt, dass die Hinnahme des sunnitischen Blutrausches gegen die Kurden in der Grenzstadt den Bürgerkrieg im eigenen Land zu Folge haben kann. Es wird deutlich, dass insgesamt einige Verwirrung entstanden ist bei der Inszenierung des Chaos. Big Oil, bzw. Big Oils Kommissionäre sind gegenwärtig gezwungen, die verschiedenen Bündnispartner zu priorisieren. Dabei kann es vorkommen, dass die eine oder andere Volksgruppe dem fundamentalistisch begründeten Flächenbrand zum Opfer fallen kann. Es wird deutlich, dass die wirtschaftlichen Interessen alles andere dominieren, sozusagen im vollen Spektrum.

Umso schwieriger wird es nun, die geplanten militärischen Operationen moralisch zu begründen bzw. die Nicht-Intervention zu erklären. Letzteres wird momentan mit grotesk schwachen Phänomenen erläutert. Das Weiße Haus erzählt der staunenden Weltgemeinde, dass die Drohnen ihre Ziele verfehlen und die hiesige Verteidigungsministerin stellt sich vor die Kameras und erzählt dem verwirrten Publikum, die Flugzeuge der Bundesluftwaffe schafften es aufgrund technischer Mängel nicht bis an die kurdische Grenze. Nein, da wird eine Stadt geopfert, um danach moralisch begründet noch einmal so richtig aufrüsten zu können. Aber es sollte klar sein, dass es weder um Moral noch um Menschen geht. Es geht um die Legitimation gewaltsamen Zugriffs, jenseits von Wert und Moral. Um das zu erreichen, wird Kobane geopfert.

Brennender Halbmond

Man kann es sich auch leicht machen. Manchen soll es ja helfen, das Dasein besser zu verkraften. Ob es dadurch auch besser wird, ist mehr als fraglich. Nach diesem Schema verlaufen gerade wieder Berichte und Kommentare über das Auftreten der Isis-Dschihadisten im irakischen Mossul. Es ist ein Debakel: Städte, die Marksteine in der Menschheitsgeschichte ausmachten wie Aleppo und Mossul, einst leuchtende Beispiele für gelebte Konkordanz, sind dabei im terroristischen Feuer zu verbrennen. Wir reden nicht mehr von lokalen Konflikten. Wir reden von einem Flächenbrand, der von Gaza über den Libanon, den Irak und Syrien bis in die Ränder der Türkei lodert und der bald das Kaspische Meer erreicht hat. Es ist eine vorderasiatische Katastrophe. Es ist sicherlich en vogue, als Erklärungsmuster den amerikanischen Krieg gegen den Irak aus dem Jahr 2003 anzuführen. Aber leider greift dieser Ansatz bei weitem zu kurz.

Schwierig war die Region schon immer, weil in ihr kulturelle, religiöse und ethnische Gegensätze aufeinanderstießen. Aber schwierig bedeutet nicht destruktiv. Ganz im Gegenteil, die antike Blüte dieser Region resultierte aus dieser Diversität. Der Kolonialismus und die Kriege, an deren Ende am Reißbrett willkürlich Grenzen gezogen wurden, sind eine Ursache für die schon seit Jahren schwelenden Brände. Damit einher gehen die Kämpfe um die Dominanz im Lager des islamischen Kulturkreises. Letztere haben eine Vehemenz, die in der Wahrnehmung Europas nicht stattfinden zugunsten einer Kritik an der sehr volatilen Rolle der USA, die überzeichnet wird. Alle Interventionen der USA in dieser Region sind Operettenauftritte allein gegen den Krieg zwischen Iran und Irak, dem eine Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Der Dschihadismus, die Taliban, der suizidale Terrorismus, egal welche verbale Variante die angebrachte zu sein scheint, diese Bewegungen haben ihre Ursprünge in einem Konflikt mit der einstigen Großmacht UdSSR in Afghanistan. Und sie alle haben ihre materiellen Quellen in Saudi Arabien. Was einst als Befreiungskrieg gegen die Sowjetunion gefeiert wurde, wurde danach zum anti-imperialistischen Kampf gegen die USA, was im Westen zu mancher Sympathie führte. Letztere sollten die überdenken, die es mit einem selbstbestimmten Leben in einer gewissen Würde ernst meinen. Auch post-traumatische Aversionen gegen die USA sollten nicht dazu führen, in einem Machtkampf von Finsterlingen, die allenfalls in die Vorstellungswelt der heiligen Inquisition passen, für irgendwen dieser Protagonisten Sympathie zu entwickeln.

Der Kampf, der soeben in Syrien und nun auch im Irak tobt und der den Libanon seit Jahrzehnten zu einem Ort der Tristesse gemacht hat, ist der Kampf im die Hegemonie im islamischen Kulturkreis, der Kampf um die Vormachtstellung durch Saudi Arabien. Man bedient sich einer zeitgenössischen Version der Kreuzritter, bewaffnet mit moderner Technologie und ohne die psychischen Hemmschwellen, die die letzten 1000 Jahre menschlicher Zivilisation den Destruktionspotenzialen gesetzt haben. Es ist ein Drama für die islamische Welt, was dort passiert. Die Kultur, die in einem bestimmten Glauben Ausfluss findet, steht an der notwendigen Schwelle zu einer Aufklärung, die über das Überleben eben dieser Kultur entscheidet. Gelingt die Aufklärung nicht, wird die bestehende Form des Obskurantismus unter lautem Getöse und millionenfachem Mord untergehen. Das ist die Sorge, die uns umtreiben sollte und die uns dazu bewegen muss, die Kräfte zu unterstützen, die sich der inneren Unterdrückung widersetzen: In der Türkei, in Syrien, im Irak, im Iran, natürlich in Afghanistan und im Libanon. Und wir sollten uns fragen, ob wir weiterhin das letzte Refugium der Sklavenhaltergesellschaft, Saudi Arabien, so behandeln wie wir das tun. Es ist zum Speien. Es geht um die Wiege der Menschheit und es geht um uns.

Die gaucksche Normalverpeilung

Es ist abenteuerlich. Während man sich hierzulande über die Verstöße gegen diplomatische Gepflogenheiten seitens Russlands echauffiert, reist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik in die Türkei und zeigt der Welt, was er unter Diplomatie versteht. Die Art und Weise, wie er dies tat und die Anlässe, die er wählte, sind beredte Dokumente für ein Paradigmenwechsel in der deutschen Politik. Der Schwenk von einer säkularen Strategie in der internationalen Politik zu einer irrationalen Kreuzfahrermentalität ist vollzogen. Das, was der Priester aus Rostock in der Türkei abgezogen hat, ist dazu geeignet, die Bundesrepublik international zu isolieren. Und das zu Recht.

Der erste Anlass war ein gut gemeinter: Der Präsident besuchte ein Flüchtlingslager an der syrischen Grenze und lobte die Türkei für die zweifelsohne großen Anstrengungen ihrerseits, um den Flüchtlingen aus dem kriegerischen Nachbarland zu helfen. Doch dann machte Gauck sich, von allen guten Geistern verlassen, bei einem Besuch der deutschen Truppe vor Ort, die zum Nato-Krisenmanagement gehört, über Russland her und klage dessen Doppelzüngigkeit und Zynismus angesichts der Situation in der Ukraine an. In der Türkei! Vor einer Formation des deutschen Militärs! Eine Anklage gegen Russland! Ohne Vorlage von Beweisen! Das sind „diplomatische“ Akte, die das Zeug haben, in tödliche Spiralen zu führen. Chapeau!

Dann, einen Tag später, hat Gauck den nächsten Auftritt, in einer Universität, vor handverlesenen Studenten, hält er einen Vortrag über das Wesen von Demokratie, über die Rolle einer kritischen Presse und über die Bedeutung einer unabhängigen Justiz. Er, der Mann aus der zweiten deutschen Diktatur in einem einzigen Jahrhundert, fährt mal eben zum Bosporus und erklärt den zurück gebliebenen Anatolen, wie die Demokratie funktioniert. Chapeau!

Dass dieser Mann ins Amt gekommen ist, weil sein aus Eitelkeit verklebter Vorgänger bei seinen Auftritten nur noch kollektiven Schmerz auslöste, macht ihn tatsächlich nicht automatisch zu einer qualitativ besseren Alternative. Vielmehr ist die Nominierung Gaucks zu einem Indikator für eine politische Entwicklung in der Bundesrepublik geworden, die die Schwelle zu kriegerischen Handlungen absenkt. Dieses hat mit der Moralisierung der internationalen Politik zu tun. Im Mittelpunkt stehen tatsächlich nicht mehr staatliches Handeln, die Verfolgung nationaler Interessen und die Respektierung des Prinzips der gegenseitigen Nichteinmischung, sondern die Strategie der Belehrung, der Skandalisierung und notfalls der Intervention. Beide Auftritte Gaucks in der Türkei sind ein beredtes Dokument für diese These und in der Beschreibung möglicher Konsequenzen scheint nichts mehr übertrieben zu sein.

Vergegenwärtigt man sich die derzeitigen, angesichts des einhundertjährigen traurigen Jubiläums der Entstehung des I. Weltkrieges geschriebenen neuen Geschichtsbücher und Dokumentationen, fragt man sich schon, ob wir es mit einer kollektiven Amnesie zu tun haben, dass kein Aufschrei durchs Land geht, wenn der Präsident derartig Amok läuft oder der Außenminister ganz nonchalant darüber plaudert, im Falle der Ukraine sei man in eine unvorhersehbare Sache geschliddert. An diesem Wesen wird kein Land genesen. Nicht das eigene, und andere schon gar nicht.

Als der türkische Ministerpräsident Erdogan vor zwei Jahren Auftritte in Köln und Berlin hinlegte, bei denen er vor den dortigen türkischen Communities davor warnte, sich im Gastland zu assimilieren, da sprachen viele nicht zu Unrecht von einer groben Verletzung diplomatischer Gepflogenheiten und von einer Attitüde imperialer osmanischer Phantasie. Nun, nach Gaucks Auftritt in der Türkei, könnte man von einer imperialen deutschen Geste sprechen. Oder vielleicht doch nur von einer typisch gauckschen Normalverpeilung? Wären da nicht so fatale Konsequenzen!