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Biden/Harris: The Thrill Is Gone

In den westlichen Demokratien existieren drei Termine, an denen Bilanz gezogen wird. Nach den ersten 100 Tagen der Amtsführung, nach einem Jahr und vor den nächsten Wahlen. In den USA jährt sich momentan die Amtseinführung des demokratischen Präsidenten Joe Biden und seiner Stellvertreterin Kamala Harris. Auch aus europäischer Sicht ist es interessant, dieses Datum zum Anlass zu nehmen, um einen Blick auf die amerikanischen Verhältnisse zu werfen. Und obwohl es eine unzulässige Einschränkung der Perspektive ist, wenn man sich exklusiv auf Umfrageergebnisse stützt, so beschreiben solche zumindest gewisse Tendenzen. Und, folgt man den Demoskopen, dann ist die bisherige Bilanz alles andere als ermutigend, zumindest für die Amtsinhaber und ihre Parteien. Denn die Zustimmungswerte sind sowohl für den Präsidenten als auch, und bei ihr noch weitaus drastischer, für die Vizepräsidentin dramatisch zurückgegangen. Und das nicht nur bei den parteilosen Wählerinnen und Wählern, sondern auch bei den Mitgliedern des eigenen Lagers. 

Erklärt wird das mit Mehrheiten im Kongress und im Senat, mit Corona und mit der Spaltung des Landes, an der sich nichts geändert habe. Das trifft sicherlich alles zu, aber es bleibt zu sehr an der Oberfläche. Aber wie könnte man von der hiesigen Berichterstattung mehr erwarten als von der us-amerikanischen? Die USA befinden sich in einem eigenen, inneren Klärungsprozess, der noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, dessen Ausgang völlig offen ist und der auch die hiesigen Verhältnisse in dramatischer Weise mitbestimmen wird. 

Nicht, dass es nicht Stimmen in den USA gäbe, die sich dessen nicht bewusst wären. Ganz im Gegenteil: in der selbstkritischen Analyse der eigenen Identität und Rolle sind bestimmte Teile der Gesellschaft bereits weit fortgeschritten. Festzustellen ist, dass die globale hegemoniale Monopolstellung der USA ihren Zenit überschritten hat. Dies gilt in militärischer wie in ökonomischer Hinsicht und der erreichte Zustand wird mit dem Begriff der strategischen Überdehnung beschrieben, d.h. die Kräfte, die erforderlich sind, um zumindest den Schein der Full Spectrum Dominance aufrechtzuerhalten, übersteigt den tatsächlichen Nutzen. Hinzu kommt eine tiefe soziale wie politische Spaltung des Landes, der Unterschied zwischen Reich und Arm ist so groß wie nie, wobei die Definition von Armut bereits auf einem Level ansetzt, das aus fremdländischer Perspektive bereits an Irrsinn grenzt, aber es spiegelt die Verhältnisse die ihrer Dramatik treffend wider.

Die beiden miteinander konkurrierenden Parteien, Demokraten wie Republikaner, haben eines gemeinsam: sie zweifeln beide nicht an der Notwendigkeit, das einzige, alles beherrschende Imperium bleiben zu wollen. Insofern sind beide Parteien eine Garantie für alle globalen Verwerfungen, die daraus resultieren, unabhängig von der Rhetorik, mit der die Demokraten im Wahlkampf gegen den vormaligen Präsidenten Trump angetreten sind. Was eine andere, sozialere und tolerantere Gesellschaft anbetrifft, so kann dem nicht entsprochen werden, wenn der frei durch die Zonen des Globus wabernde Finanzkapitalismus, der die Notwendigkeit billigen Zugriffs auf Ressourcen mit sich bringt, inklusive der Ressource Arbeitskraft im eigenen Land. 

Nach einem Jahr hat sich für viele Wähler herausgestellt, dass sich an dem für sie verhängnisvollen Pfad der Entwicklung auch unter neuer Führung nichts ändern wird, egal welche Rhetorik sie anwendet und unabhängig von immigrantisch genealogischen Referenzen. Imperium bleibt Imperium. Und in Imperien weiß man,  dass bei schwierigen innenpolitischen Situationen ein Krieg, möglichst weit weg vom heimischen Herd, vieles zu übertünchen in der Lage ist. Etwas, was man sich hier in Europa besonders vor Augen führen sollte, will man sich nicht auf einem Opfertischchen bei einem östlichen Picknick wiederfinden.

Der König geht, der König lebt

Ja, über ihn kann sehr viel geschrieben werden. Und ja, sein Leben gibt Geschichten her, die so schön die Klischees bedienen, dass sie umso lieber erzählt werden. Sein Name war ein Artefakt. B.B., der Blues Boy King, alles so falsch und nichtig wie die Identität der Sklavennachfahren im Delta des großen Mississippi. Da passte einfach alles. Der Underdog aus einer Sklaven- und Baumwollpflückerdynastie, der anfing, auf einer eher als Katastrophe denn als Gitarre durchgehenden Instrumentenkopie zu spielen. Der sich hoch kämpfte durch harte Arbeit und Disziplin, der verstand, wie das Geschäft funktionierte und der es mehr als ein halbes Jahrhundert beherrschte. Der Blues Boy, der den Blues neu erfand und spielte, war auch ein Geschäftsmann und Machtmensch. Kalt und knallhart. Das war ihm eigen wie allen, die von ganz unten kommen. Sie verzeihen weder sich selbst noch ihrem Umfeld Nachlässigkeiten.

Die meisten Nachrufe werden überschrieben sein mit den Titeln seiner großen Erfolge. Mehrheitlich mit The Thrill Is Gone und Lucille. Das reduziert einen Musiker, der unzählige Alben über die Jahrzehnte eingespielt hat. Aber es charakterisiert den Musiker B.B. King dennoch sehr gut. The Thrill Is Gone, ein Stück, das einer bestimmten Generation in den nicht löschbaren Gedächtnisspeicher eingebrannt ist, war der Ausdruck eines Lebensgefühls, das eintrat, als die große Periode der Illusionen seinem Ende zuging. Nein, es ging dem empathischen B.B. in diesem Song nicht nur um die Liebe, es ging um das Erwachsenwerden einer Generation, die zu lernen hatte, dass das Leben keine endlose Party war. Deshalb die Emotion, die sich Bahn bricht, sobald es ertönt.

Und dann Lucille! Der Name seiner Gitarre, die zum Weltlabel dank ihres mächtigsten Interpreten wurde. Der große, überschwere B.B. kokettierte mit der Vorstellung, dass er seine Gitarre behandelte wie eine Frau. Sie immer im Auge behaltend, mal streichelnd, mal hart anfassend, ihr immer wieder kleine Pausen gönnend und nur in den höchsten Tönen von ihr redend. Das war wahrscheinlich das Geheimnis des großen Statthalters des Blues. Seine Metaphern waren wie das echte Leben. Mit Lucille übertrug er die Botschaft, die sein ganzes Werk prägte: Was du nicht liebst, das kannst du nicht beherrschen und was du beherrschst, kannst du nicht lieben. Du musst es respektieren, dann lernst du es zu lieben. Das war seine zutiefst humane Metaphysik aus dem sumpfigen Delta.

Und dann, ja, und dann die Pausen. B.B. erkannte man daran, wie er die kleinen Pausen setzte, um seine Töne wirken zu lassen. Niemand außer ihm hat das so vermocht und niemand außer ihm hat dem Blues diese Note gegeben. Seine Pausen waren allesamt Blue Notes, er kreierte ganze Symphonien im Ruhezustand. Wenn die Leute sagen, sie erkennten den großen B.B. an der Art und Weise, wie er Gitarre spiele, dann trifft das nur die halbe Wahrheit. B.B. erkennt man vor allem daran, wie er die Pausen setzt. Das Sein und das Nichts. Wieder so eine metaphysische Botschaft aus dem Delta.

B.B., der großartige Bluesmusiker, der Geschäftsmann und Machtmensch, der alles so sanft in sich vereinte, die Muße, die Muse und die Disziplin, die Weisheit und die Berechnung, der Koloss, der immer wie ein lieber Junge daher kam, der unsere Biographien so sehr begleitet hat, der ist nun von uns gegangen. The Thrill Is Gone. Aber das wussten wir schon lange, dank B.B.!