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Das freie Spiel der Kräfte

Regelwerke und Konventionen haben den Zweck, die im Spiel befindlichen Akteure legitimiert handlungsfähig zu machen. Wer sich nicht an die vereinbarten Regeln hält, bekommt eine Strafe, im Wiederholungsfall wird er aus dem Spiel verbannt. Bei Regelverletzungen kommt es vor, dass unterschiedliche Akteure unterschiedlicher Auffassung über die Deutung der Regel sind. In einem solchen Fall, wenn das Spiel komplex ist und seine Fortführung allen am Herzen liegt, wird dann der Aufwand einer Schiedskommission betrieben, die entscheidet. In bestimmten Situationen kann es auch vorkommen, dass alle Beteiligten die Regeln verletzen, aber nur das zu ahnden bereit sind, was in ihrem Interesse besteht und das eigene Vergehen bagatellisieren. In einem solchen Fall ist es absurd, noch irgend ein Schiedsgericht anzurufen, denn das hätte nur noch die Aufgabe, das Spiel als solches als für beendet zu erklären.

Das Völkerrecht ist eine solche Spielregel, die momentan vor einer desaströsen Bilanzierung steht. Ihm unterliegen die wichtigsten und mächtigsten Nationen dieser Erde durch freiwillige Einwilligung. Das Problem, das sich im Laue der letzten zwanzig Jahre in dem Spiel der Völker nahezu zur Tagesordnung etabliert hat, sind die permanenten Regelverletzungen durch viele Seiten.

Die ärgsten Verstöße sind in diesem Zeitraum seitens der USA zu verzeichnen gewesen, sie selbst wiederum versuchte in starkem Maße, in bestimmten Fällen Russland und China, Iran und Irak und Afghanistan desselben zu bezichtigen. Zum Teil traf das zu, es enthüllte aber auch eine komplexe Irritation: Die USA, selbst Mitspieler, wähnten sich gleichzeitig als Schiedsgericht. Aus der Perspektive des Imperiums ist eine solche Sichtweise verständlich, mit einem Schiedsgericht, das über die Legitimität internationaler Aktionen wacht, hat es nichts zu tun. Um es deutlich zu sagen, das Spiel ist seit langem aus, weil es keinen Sinn mehr macht. Wer selbst einen asymmetrischen Krieg wie z.B. mit Drohnen führt, der kann den individuellen Terror, der von radikalen Islamisten gegen die Zivilbevölkerung begangen wird, nicht mehr anklagen, wer die Annexion der Krim als Völkerrechtsbruch anprangert und selbst ohne Kriegserklärung in Syrien operiert, der hat die Regeln erst gar nicht mehr im Kopf.

Was, so der logische Gedanke, wenn die Debatten des schönen Scheins über das hehre Völkerrecht nicht mehr ziehen, weil deutlich wird, dass die mächtigen Akteuere in dem Spiel sich alle nicht mehr daran halten. Dann kann das Völkerrecht nur noch zur Benebelung der eigenen Bevölkerung herhalten. Der kollektive Bruch des Völkerrecht bedeutet Krieg. Es ist, noch nicht, so ein Krieg, wie ihn sich viele vorstellen, aber die zivilisierenden Kräfte des Völkerrechts wirken nicht mehr. Das Regelspiel ist zu einem Todesspiel geworden, bei dem es darum geht, dass einzelne Akteure tot vom Stuhl fallen sollen.

Es ist deutlich geworden, dass die USA dieses regellose Spiel eingeleitet haben und sehr darauf erpicht sind, den nächsten Schlag auf Russland zu richten. Das geht und ist kalkulierbar, solange die europäischen Lakaien mitspielen, sonst wäre die Gefahr einer Fraternisierung mit Russland zu groß. Zumindest die Spaltung Europas ist gelungen. Bleibt für die USA die Frage, wie es im pazifischen Raum aussieht und ob China sich mit ansehen wird, was das Imperium in Europa treibt. Hält es still und wartet auf die nächste Runde, wenn man nur noch zu zweit am Tisch sitzt, oder interveniert es und beschert dem Imperium einen Zweifrontenkrieg? Dann läge auch der Initiator am Boden.

Konzertierte Aktion von UEFA und NATO

Es heißt, internationale Fußballturniere sind hervorragend dazu geeignet, um bestimmte Dinge politisch über die Bühne zu bringen. Immer wieder einmal wurde eine unangenehme Rentenreform, die Aufhebung von Individualrechten, die Verschärfung von Polizeigesetzen oder ein umstrittenes Bankengesetz genau dann im Bundestag verabschiedet, wenn die Deutschen während eines Turniers um Titel kämpften. Denn wenn der Ball rollt, dann ist hierzulande Ausnahmezustand. Dann geht es primär um das Thema Fußball und sekundär um die Frage, wie alles um den Fußball herum organisiert werden kann, von der Arbeit bis zur Familie. Was sich da im Parlament tut, ist für das Gros außerhalb des Aufmerksamkeitsfokus.

Was es bisher nicht gab war der Versuch, Politik direkt über die Kommunikation des Fußballereignisses selbst machen zu wollen. Das Sujet ist zu heikel, als dass es hinter dem Rücken der Bevölkerung vollzogen werden könnte. Um letztendlich kriegerische Handlungen vorbereiten zu können, muss vorher emotional richtig aufgeladen werden. Die Krawalle, verursacht durch Hooligans, sollen den Vorwand liefern, um Aktionen zu rechtfertigen, die von psychologischer Kriegsführung bis hin zur harten Kriegsvorbereitung reichen.

Drei Tage lang hielten englische Fans die Stadt Marseille in Atem. Zumeist betrunken randalierten sie im öffentlichen Raum und legten sich sowohl mit französischen Sicherheitskräften als auch mit französischen Fans an. Am dritten Tag, dem des Spiels gegen Russland, trafen die russischen Fans ein, die an Gewaltbereitschaft den englischen Hooligans nicht nachstanden. Die Folge waren bürgerkriegsähnliche Zustände in der Stadt. Als beim Abspielen der Hymne die russische von englischen Fans gnadenlos niedergepfiffen wurde und sich viele englische Journalisten noch für das inakzeptable Verhalten entschuldigten, hätte klar werden sollen, dass da etwas inszeniert wurde, was nachher mit Bildern leider nicht belegt werden konnte. Fazit: Die Russen waren die Krawallmacher.

Die UEFA hat prompt reagiert und den russischen Verband relegiert, sollten sich derartige Ereignisse wiederholen. Von den englischen Hooligans und ihren Taten ist seitdem nicht mehr die Rede. Ziel ist es, Russland die für 2018 geplante Fußballweltmeisterschaft wieder wegnehmen zu können. Zeitgleich mit der Verkündung der UEFA-Entscheidung ließ die NATO die Verlegung von 4.500 Soldaten direkt an die russische Grenze verlauten. Rund tausend Soldaten werden deutsche sein.

Die Grundlage der Wiedervereinigung Deutschlands war die Zusage sowohl der USA als auch der damaligen Bundesrepublik, dass sich die NATO nicht nach Osten Richtung russischer Grenze erweitern werde. Heute, 25 Jahre später, steht die NATO vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer mit Ausnahme der Ukraine überall direkt an der russischen Grenze. Dem Wortbruch folgte die kollektive Geschichtsvergessenheit, eskortiert von einer immer massiver werdenden Kriegspropaganda. Gegen die Verfolgung gewalttätiger Fußballhooligans ist nichts einzuwenden. Nur wenn, dann sollte das Recht für alle gelten. In diese Krawalle die Zementierung von Feindbildern zu inszenieren, wie dieses derzeit auch wieder von den deutschen Medien geschieht, ist kriminell. Statt aufzuklären, säen sie Hass.

Die konzertierte Aktion von UEFA und NATO dokumentiert eine neue Qualität in der Massenmanipulation und Volksverhetzung, gepaart mit einer zunehmend aggressiven, kriegstreibenden Politik. Es sind diese Aktionen, die so impertinent und dreist sind, die dazu führen sollten, den korrupten Fußballverbänden und überlebten Militärbündnissen die Existenzfrage zu stellen. Fußball wird auch ohne UEFA gespielt werden können und die größte Bedrohung für den Frieden in Europa ist gegenwärtig die NATO. So viel Nachdenken muss in der Halbzeit erlaubt sein!

Ein Tor für die Hall of Fame und Kollektivkunst aus Italien

Der Verlauf der EM hat eigentlich keine Überraschungen zutage gefördert. Kühl betrachtet, haben die großen Stämme ihr erstes Ritual absolviert. Frankreich, England, Spanien und Deutschland haben das mit der Ausnahme Englands ganz routiniert abgewickelt. England ist traditionell die Ausnahme, in der eigenen Sprache könnte man es das Big-Mouth-Phänomen nennen, sie fahren mit großen Vorschusslorbeeren zu einem Turnier und sind sehr schnell auf dem Boden der Tatsachen zurück. Gegen Russland spielte England im Gegensatz zu früheren Weisen erfrischend, aber es reichte dennoch nicht gegen ein monolithisch dastehendes Russland.

Bei Frankreich wird sich zeigen, welches Tempo es noch aufnehmen kann, wahrscheinlich mehr als Spanien, das sich sehr schwer tat. Dennoch ist die spanische Substanz nicht zu unterschätzen, aber die These ist, dass dort vieles vom Zufall abhängen wird. Die deutsche Mannschaft zeigte Höhen und Tiefen, aber mit den beiden Toren genau die Qualität: die Jungen rücken bereits nach und die Alten sind noch lange nicht abgemeldet. Weder Angriff noch Abwehr überzeugten, aber beide Reihen zeigten Qualität in Stresssituationen. Das Mittelfeld, in dem neben den Spielern, die überzeugen konnten immer noch das Özil-Potenzial schlummert, das außer bei dem grandiosen Zuspiel beim 2:0 nicht aufleuchtete, weist auch noch Perspektiven nach vorne.

Das 2:0 durch Sebastian Schweinsteiger war das erste richtige Highlight des Turniers, weil es den Stoff barg, aus dem Legenden geformt werden. Der verletzte, der lädierte Held von Rio, der in der post-heroischen Ära noch einmal gezeigt hatte, dass es mit Brillanz und Hedonismus alleine eben nicht geht, dieser Held, auf den die zu Unrecht gehandelten Experten keinen Pfifferling mehr gaben, der kam drei Minuten vor Schluss auf den Platz und war 120 Sekunden später der Held des Abends. Zu Recht. Schon jetzt steht dieses Tor bereits in der Hall of Fame. Da fällt, ganz im Sinne des zitierten Heroismus, eben doch das alte Lied ein, Old soldiers never die, they just fade away…

Den mannschaftlich grandiosen Akzent jedoch setzte Italien. Die große, die ganz große Fußballnation hat mit ihrem Auftritt gegen die hoch gehandelten und von den Marktschreiern wieder einmal als Geheimfavorit titulierten Belgier eine alte Regel bemüht und eiskalt verifiziert: Wenn Italien vor einem Turnier schlecht gehandelt wird und es bei niemandem auf dem Zettel steht, dann sind sie plötzlich da und spielen sich in den Himmel. Das hochkarätige belgische Individualistenensemble wurde relativ hilfloses Opfer gegen taktische Finesse, technische Präzision, strategische Genialität und einen guten, überzeugenden Mannschaftsgeist. Das war nicht mehr die große Oper, die noch mit einem Pirlo versucht wurde zu inszenieren, sondern Kollektivkunst, die aber dennoch in der Lage war, ästhetische Qualität hervorzubringen, denn beide Tore waren eine Augenweide. Italien spielte zwar kein neues, sondern ein sehr altes System, aber es wählte diese Variante, um genau den Gegner, der auf dem Platz stand, die Zähne zu ziehen. Einfach, genial und erfolgreich.

Die EM bleibt ein Abbild des Kontinents. Wenig Innovation, große Bemühungen, Besitzstände zu verteidigen, aber auch große Traditionen und wunderbares Handwerk. Es gilt, mit diesem Mix wohl über eine bestimmte Zeit hinweg leben zu müssen. Zumindest bis zum Ende dieses Turniers.