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Transatlantische Weltmachtpläne

Peter Orzechowski. Der direkte Weg in den Dritten Weltkrieg

Wenn die Welt ins Wanken gerät, schießen die Versuche, den Wandel zu erklären, wie Pilze aus dem Boden. Und je gehöriger das Wanken ist, umso größer der Anteil der Erklärungsmuster, die durchaus zu dem gerechnet werden können, was im Allgemeinen als Verschwörungstheorie bezeichnet wird. Dass die Destabilisierung der alten, vielleicht noch vor zwei bis drei Jahrzehnten existierenden Weltordnung in einem Kontext mit Plänen steht, die aus den USA stammen, dürfte mittlerweile allerdings auch bei denen angekommen sein, die eine solche Anschuldigung zunächst als Verschwörungstheorie abgetan hatten. In Zeiten derartig gewaltiger Irritationen ist es besonders wichtig, einerseits bei den Fakten zu beginnen und sich dann auf Erklärungsversuche zu fokussieren, die auf den Fakten basieren. In Zeiten von Werbeagenturen, die beauftragt werden, um die Volksseele auf kriegerische Handlungsbereitschaft hoch zu kochen, kein leichtes Unterfangen.

Der Autor Peter Orzechowski hat nun ein Buch mit dem Titel „Der direkte Weg in den dritten Weltkrieg. Wie uns NATO und USA in den Dritten Weltkrieg führen und warum Deutschland eine Schlüsselrolle dabei spielt“ vorgelegt. Durch Aufbau und Struktur gelingt es dem Autor, zumindest seine Thesen so zu untermauern, dass dabei nicht mehr von einer gewagten These oder einer Verschwörungstheorie gesprochen werden kann. Zu deutlich sprechen die Fakten, zu offensichtlich sind die Kausalitäten.

Die wesentlichen Aspekte, denen sich Orzechowski widmet, sind die geostrategischen Überlegungen aus den Brain Trusts der amerikanischen Weltmacht, die ökonomischen Hebel, derer sich die USA bedienen, die bündnispolitischen Allianzen, die immer mehr erweitert werden und die Durchsetzung des Kriegszustandes durch heiße und kalte Phasen.

„Der Weg in den Dritten Weltkrieg“ hat eine klare Kontur: Wer die Welt beherrschen will, so die us-amerikanische Doktrin, der muss das Heartland Eurasiens unter seine Kontrolle bringen. Das, was heute dem Territorium Russlands entspricht, auf dem vor allem strategisch wichtige Bodenschätze in großem Ausmaß liegen, muss beherrschbar gemacht werden. Denn wer die strategischen Rohstoffe, vor allem die energetischen und die dazu gehörige Logistik beherrscht, kann die Welt dominieren. Und, dazu gehört es, ein Bündnis zu verhindern, das mit der amerikanischen Weltherrschaft relativ schnell kurzen Prozess machen könnte, nämlich die Allianz zwischen dem wissenschaftlich-technisch-industriellen Stronghold Deutschland und dem Rohstoffgiganten Russland.

In diesem Kontext sind die bisher erfolgreichen Versuche zu sehen, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer einen NATO-affinen feindlichen Kordon zu bilden, der Russland bedroht und Deutschland und Russland in zwei Lager trennt. Deutschland selbst wiederum, das in der Europäischen Union eine dominante Rolle spielt und sich aufgrund seiner Stärke immer noch zu eigenem Denken veranlasst sah, wird nun durch die Nachwehen einer hoch riskanten Bankenrettung und einer im Nahem Osten durch Zutun der USA erzeugten großen Migrationsbewegung geschwächt. Ein Tor, wer all das als zufällige Koinzidenzen betrachtet.

Das Derangement der Ordnung vergangener Tage erzeugt eine Menge Unsicherheiten, die das Buch in eine gewisse Ordnung bringt. Und das ist sein Verdienst: Es stellt eine These auf, die man teilen oder ablehnen kann und ordnet dieser These theoretische, wirtschaftliche, soziale, ethnisch-kulturelle und politische Aspekte unter. Es führt dazu, dass ein klareres Bild der globalen Entwicklung entsteht. Es ist das des Divide et impera, des teile und herrsche. Für alle, die sich seit der Krise um die Ukraine und das Aufbauen neuer Feindbilder hierzulande unwohl fühlen und einen rationaleren Zugang zu der konkreten Politik verschaffen möchten, ist das Buch eine gute Alternative.

Bündnis Jo-jo

Eskalationsstufen können in einem wohl kalkulierten Szenario durchaus ihren Sinn haben. Sie sind meistens sogar erforderlich, wenn deutlich wird, dass eine Seite in einer Interaktion oder einem Spiel die Befindlichkeit oder die Interessen einer anderen partout nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will. Dann muss eine Seite noch etwas drauf legen, um zu einem Hoppla-Effekt zu kommen. Gefährlich hingegen wird es, wenn eine der beteiligten Seiten immer wieder eskaliert, und sich dessen nur zum Teil bewusst ist. Der Volksmund hat dafür eine sehr betreffende Formulierung mit dem Satz Da spielt das Kind mit dem Feuer.

Letzteres trifft nur zum Teil zu, denn die eine oder andere Provokation ist anscheinend eine Maßnahme, die tiefer Überzeugung entspringt und in direkte Verbindung zum eigenen Weltbild gebracht wird. Das Schlimme bei der wachsenden Eskalation zwischen vor allem dem europäischen Westen, dort wiederum Deutschland an der Spitze, und Russland, ist die Tatsache, dass bei beiden Kontrahenten keine ausreichenden Gründe vorliegen, um von Gut hier und Böse dort zu sprechen.

Die Informationssysteme beider Parteien arbeiten zwar fleißig an Feindbildern und Russland ist ein Imperium mit allen Konvokationen ungerechter Herrschaft, aber der Westen eben auch, und zudem in den letzten 25 Jahren auf dem europäischen Kontinent der Aggressor. Die Destabilisierung und Privatisierung aller Republiken um die alte Sowjetunion herum war kein Appeasement, sondern Wirtschafts- und Militäraggression. Die spirituellen Früchte können derweilen in Polen und Ungarn bereits geerntet werden und keine der russischen Prophezeiungen hinsichtlich der Entwicklung dieser Länder war drastisch genug, um diese beschämende Bilanz vorwegnehmen zu können.

Und es ist nicht nur Eskalation, sondern auch Inkonsistenz. Vor wenigen Monaten noch bekannte sich eine Bundesverteidigungsministerin völlig enthusiasmiert zur kurdischen Peschmerga. Sie befürwortete deren Ausbildung und Aufrüstung durch die Bundeswehr ausdrücklich und bezeichnete sie als die Boten der Freiheit im Syrien-Konflikt. Heute lässt das Verteidigungsministerium verlauten, dass AWACS-Einsätze der Bundeswehr geplant sind und zum NATO-Bündnisfall gehören, um den Partner Türkei zu unterstützen. Das ist in vielerlei Hinsicht starker Tobak. Zum einen war davon in der Bundestagsdebatte um den Einsatz in Syrien, der übrigens, und es kann nicht oft genug wiederholt werden, ohne jegliches internationales Mandat stattfindet und somit nicht dem Völkerrecht entspricht, nicht die Rede, was der Absicht entspricht, das Parlament zu täuschen. Zum anderen ist nach dem Zwischenfall zwischen der Türkei und Russland ein Backing der türkischen Luftwaffe durch die deutsche eine neue Eskalationsstufe gegenüber Russland vorprogrammiert. Und letztendlich ist es ein Fakt, dass die Türkei den Syrienkonflikt nutzt, um sich des Kurdenproblems zu entledigen.

Das alles geschieht in einer an Diffusion kaum zu überbietenden Öffentlichkeit in der Bundesrepublik. Kritik an den halsbrecherischen, lebensgefährlichen Schlingerstrategien der Bundesregierung ist, wenn überhaupt, von der Linken zu hören. Die Grünen haben den Teil der Friedensbewegung, der absolut war, längst aus ihren Reihen verbannt und benutzen nur noch die moralische Keule, um Aggressionen zu rechtfertigen. Die Sozialdemokraten machen alles mit, nach dem altbekannten Prinzip, das Schlimmste verhindern zu wollen. Sollten allerdings mehr und mehr Menschen zu dem Gefühl vordringen, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann, dann ist die Prognose nicht zu gewagt, dass in nicht allzu weiter Ferne die Linke, einst Derivat der SPD, den Mutterstamm überragt. Aber das sind Nebenwirkungen. Die einzige Instanz, die das zunehmend ramponierte Bild der deutschen Außen- und Wirtschaftspolitik wieder richten kann, ist massiver Widerstand im eigenen Land.

Der Russe rüstet auf!

Lügenpresse ist ein populistischer Begriff. Mit ihm wird vereinfacht und emotionalisiert. Dass sich immer mehr Menschen politisch mit diesem Begriff der Medienkritik identifizieren, hat jedoch Ursachen, die nicht einfach mit der Zuordnung zum Populismus entkräftet werden können. Denn leider haben sich die großen Tageszeitungen, Wochenjournale sowie die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten zu Institutionen entwickelt, die in einer sehr tendenziellen Manier mit Informationen umgehen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Lügen zu tun, aber dahinter stecken Interessen, die mit der Platzierung von Informationen unterfüttert werden.

Als Beispiel mag die jüngste Meldung über die neueste Veröffentlichung des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri hinsichtlich der Tendenzen im weltweiten Waffenhandel gelten. Die Meldungen, die die meisten Zeitungen und Rundfunkanstalten aus dem Bericht machten, hatten folgenden Kernsatz: Der weltweite Waffenhandel hat abgenommen, nur die russischen Waffenexporte haben zugenommen. Die tatsächlichen Informationen, die durch den Stockholmer Jahresbericht zugänglich sind, verraten bei Recherche folgendes:

Die Weltrangliste der Waffenexporteure wird nach wie vor von den USA mit 31 Prozent Anteilen angeführt, gefolgt von Russland mit 27 Prozent. Der chinesische Waffenhandel weist enorme Steigerungen auf und befördert die Volksrepublik auf Platz drei der Weltrangliste, allerdings mit einem Anteil von 5 Prozent. Die Bundesrepublik Deutschland steigerte ebenfalls die Waffenexporte und landet vor Frankreich auf Platz 4. Bei den Exporten der Bundesrepublik fällt noch auf, dass auf Rang 1 der Abnehmer deutscher Waffen die USA stehen, gefolgt von Israel und auf Rang 3 Griechenland. Letzteres bestätigt die Thesen, wozu die Kredite, an deren Tilgung die griechische Gesellschaft zu zerschellen droht, tatsächlich benutzt wurden.

Die Meldung, der weltweite Waffenhandel nehme ab, nur der russische explodiere, ist angesichts der aufgeführten Informationen und Zahlen, die in dem erwähnten Bericht stehen, in hohem Maße irreführend. Die Beteuerung, dass eine solche Aufbereitung von Information nicht intendiert sei, sondern das Werk von fehlbaren Individuen, ist vielleicht das einzige Segment in einer Reihe von abgestimmten Handlungen, das als Lüge bezeichnet werden könnte. Weitaus kritischer zu betrachten ist das System, nach dem operiert wird. Es geht um Reduktion von Komplexität, Überakzentuierung eines einzigen Aspektes und die Mobilisierung von Emotion. Bei diesem steht am Schluss der Information das Gefühl der Bedrohung durch Russland. Alle werden friedlicher, nur die Russen nicht. In der Quintessenz ist das Propaganda.

Das Beispiel illustriert ein Schema, das weit verbreitet ist, in vielen Varianten publiziert wird und als so etwas wie ein Modul des Mainstreams in der breiten Berichterstattung bezeichnet werden muss. Die Dechiffrierung der Systematik dieser Art von Meinungsbildung führt zu einem wachsenden Vertrauensverlust, der etwas zerfrisst, was als spirituelle gesellschaftliche Kohärenz bezeichnet werden kann. Gleichzeitig, parallel zur Etablierung eines Feindbildes, wird mit Mustern gearbeitet, die in ihrer Anwendung eine ethische Erosion inszeniert. Es handelt sich dabei um das System der Double Standards, der unterschiedlichen Bewertung von Gut und Böse bei gleicher Wahl der Mittel.

Das beste Beispiel dafür ist das Getöse, welches um die Annektion der Krim durch Russland veranstaltet wurde, natürlich unter Berufung auf das Völkerrecht, was aufgrund der Historie de jure eventuell gemacht werden kann, de facto aber auf keinen Fall. Nun, wenige Monate später, steigen deutsche Tornados mit dem Ziel Syrien in die Lüfte, gegen jede Form des Völkerrechts, ohne internationales Mandat. Konnotiert wird die kriegerische Handlung als gute Tat. So wird nicht nur manipuliert und Vertrauen zerstört, sondern die Gesellschaft zerrissen. Schlimmer als leidliche Lügen.