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Alles Lüge?

Alles Lüge? Alles Propaganda? So einfach ist es nicht! Die Kritik an der Berichterstattung über die Ereignisse und Begebenheiten auf dieser Welt durch staatlich gesicherte Institutionen ist vielseitiger, als viele in ihrer berechtigten Kritik noch wahrnehmen. Immer wieder sind Quellen und Sendungen zu registrieren, die einen durchaus qualifizierten und kritischen Zugang zu den Phänomenen erlauben. Sie sind versteckt, entweder auf Kanälen, die nicht massentauglich sind oder sie werden ausgestrahlt zu Zeiten, während derer viele bereits im Bett liegen.

Ein anderer Aspekt, der tatsächlich durch die Unterstellung der bewussten Unterlassung oder Fehlinformation gut beschrieben ist, ist die politische Manipulation. Auch die findet statt, und zwar zu den Hauptsendezeiten. Ein aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung über die Protestbewegung und den Streik gegen Macrons Rentenpläne in Frankreich. Da wird ganz klassisch im Sinne der Propaganda gearbeitet: die Franzosen dürfen schon viel früher aufhören zu arbeiten, ihr Rentensystem ist ein riesiger bürokratischer Apparat und sie streiken halt gerne. Schön gesprochen. Dabei handelt es sich um einen Unsinn, der auch im I. Weltkrieg aus deutschen Schützengräben hätte kommen können. 

Was die vereinigte Gilde der Nachrichtenmacher nicht machen, außer durch das Vorenthalten von Fakten und die Inszenierung bewusster Emotionalisierung, ist zu erklären, was jedermann, der sich mit dem Thema beschäftigt, sofort sieht, ist die Erklärung der Bilder. Auf denen, und zwar nahezu allen, die zahlreich verfügbar sind, führen die Streikenden als große schwarze Ungeheuer dargestellte Figuren und Transparente mit, auf denen Black Rock steht. Dass diese Tatsache darauf schließen lässt, dass es bei diesem heftigen Kampf um die Privatisierung der Rentenkassen geht, diesen Schluss konnte man bis heute nicht hören. Die Qualifizierung dieses Vorgehens als politische Propaganda ist durchaus zulässig.

Und neben der tatsächlich guten Recherche und deren bewusster Unterdrückung kommt zunehmend noch ein Phänomen hinzu, das aus vielleicht am besten als ein Schreiben und Berichten im Trend genannt werden kann. Dabei handelt es sich um die unreflektierte Übernahme bestimmter Erklärungsmuster, die gesellschaftlich en vogue sind. Das beste Beispiel dafür ist die Behauptung, die Waldbrände in Australien seien auf den Klimawandel zurückzuführen. Es hört sich plausibel an, ist als ein Teilaspekt nicht auszuschließen und stösst auf allgemeine Zustimmung. Was es verschleiert, ist die Tatsache, dass die Verheerungen durch die Privatisierung von Wasser ausgelöst werden. 

Der Wasservorrat in Australien stammt aus den immer noch vorhandenen Reservoirs aus dem tropischen Teil. Dort wurden allerdings die unterirdischen Quellen angezapft und das Wasser in privat betriebene Stauseen geleitet. Als Folge blieben alle Flüsse trocken und somit dörrte das Land dort aus, wo es zwar klassisch saisonal brennt, es aber durch eine Grundfeuchtigkeit nicht zu solchen Folgen kam. Übrigens ein analoges Phänomen wie in Kalifornien, wo die Wasserprivatisierung ähnlicher Natur dafür sorgt, dass die Wälder brennen und die Swimmingpools voll sind.

Die Reaktion auf diese aus Unwissenheit resultierenden Berichterstattung sind Debatten über die eigene Verantwortung der hiesigen Bevölkerung in Bezug auf ihr Konsumverhalten. Auch diese Frage ist berechtigt, aber sie lenkt gewaltig ab von den tatsächlichen Ursachen der mehr und mehr um sich greifenden global relevanten Umweltkrisen. Alles ist zulässig, nur nicht die Schlussfolgerung, dass die freie Wirtschaft und die in ihr aktiven Kräfte der rücksichtslosen Gier etwa mit der Zerstörung des Planeten zu tun hätte.

Ja, es ist komplex. Mal ist es Propaganda, mal ist es guter Journalismus und mal ist es grenzenlose Naivität. Die Zeit für eine solche Unterscheidung sollte man sich nehmen, sonst ist man schnell in einem Strudel, in den man einfach nicht gehört.  

Schlimmer als im Kalten Krieg

Der Westen, so die Sage, sei die Heimat des Kritischen Rationalismus. Gemeint ist mit dieser Feststellung nicht unbedingt die sich dahinter verbergende positivistisch durchtränkte Lehre des Carl Popper, sondern ein phänomenologischer Kotau. So nach dem Motto, wir sind nicht nur Kritisch, sondern auch rational. Wir, d.h. der Westen, wir lassen uns nicht einfach etwas vorsetzen und nehmen es für die unbestreitbare Realität. Nein, wir, der Westen, hinterfragen alles kritisch und finden auch des Wesens Kern oder das Wahre hinter dem schnöden Schein.

Vielleicht ist es diese Art der subjektivistischen Weltverzerrung, die zunehmend zu einer Selbstwahrnehmung führt, die, gelinde gesagt, nur noch von denen geteilt wird, die der selben optischen Täuschung unterliegen, nicht aber vom Rest der Welt. Es erfordert keine anstrengenden Reisen mehr und auch keine gefährlichen Missionen, um in die Winkel der Welt zu kommen, wo die Erfahrungen mit unserem goldenen Westen eher rostig sind und man auch ohne Umschweife ein Urteil bekommt, das der Realität näher kommt als unsere eigene Selbstverliebtheit.

Und wenn man schon mal da ist, in den anderen Winkeln der Welt, sollte auch die Chance genutzt werden, um das Wahre und Schöne dort zu identifizieren. Ohne hochbezahlten Reiseführer und ohne die immer wieder angedrohte Selbstverleugnung bietet diese eine Welt dem wirklich Reisenden nämlich eine Erkenntnis frei Haus: Unsere Welt besitzt nicht nur eine Wahrheit, diese Welt ist multi-polar und diese Welt kann auf sehr verschiedene Weise gelebt wie interpretiert werden.

Der Spiegel, dieses Blatt, das schon einmal als das Sinnbild des Affronts gegen die Selbstgefälligkeit galt, aber nun zum Hause Springer gehört und folglich zielgerichtet zur Kontaminierung menschlicher Hirne beiträgt, injiziert am heutigen Tag folgende Schlagzeile: „Militärische Muskelspiele. Putin weitet „SAPAD“ Manöver an NATO-Ostgrenze aus.

Dabei handelt sich um ein Verteidigungsmanöver auf russischem oder russisch alliiertem Boden gegen mögliche NATO-Angriffe. Und schon sind wir bei der Selbsttäuschung hinsichtlich des kritischen Rationalismus in unseren Breitengraden. Einem Land vorzuwerfen, es betreibe eine Aggression – wie es tatsächlich in dem Spiegel-Text geschieht -, weil es auf eigenem Territorium die Verteidigung des eigenen Bodens übt, ist derartig vermessen, dass es sich nur um eine pathologische Verirrung handeln kann. Gleichzeitig werden die NATO-Verbände, die direkt an der russischen Grenze stehen und ihrerseits tausende von Kilometern von ihrer national-staatlichen Bestimmung stehen, als Friedensstifter charakterisiert.

Mit Verlaub. Die ideologische Verbrämung des Westens ist seit dem II. Weltkrieg zu keinem Zeitpunkt als dem jetzigen derartig fortentwickelt gewesen. Die Aussagen, mit denen das Publikum in diesen Zeiten konfrontiert wird, haben eine Dimension von Chuzpe angenommen, die hinter den Tiraden der Gerhard Löwenthals und Eduard von Schnitzlers im Kalten Krieg hervorragen wie nicht zu versteckende Monumente. Oder anders ausgedrückt: Diese Art von Berichterstattung, die aus sehr sachlichen Erwägungen nichts anderes verdient als die Bezeichnung Propaganda, ist in den Ideologie-Labors des Nationalsozialismus entstanden.

Wer die historischen Fakten, die fälschlich und vorschnell als Wahrheit bezeichnet werden, dermaßen malträtiert, um seine perfiden, bellizistischen Botschaften abzusetzen, hat eine gesellschaftliche Gefahrenquote, die hinter der der so einig kritisierten AFD nichts nachsteht. Wer sich Geschichten wie die heutige im Spiegel gefallen lässt und sie als alltägliche Nachlässigkeit durchwinkt, der braucht den Kamm gegen die AFD nicht zu stellen. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin.