Oswald Spengler sprach vom Untergang des Abendlandes und der Zeitgenosse Jared Diamond nennt es schlichtweg Kollaps. Historiker, die sich mit dem Untergang von Gesellschaften beschäftigen, betrachten die Vorgänge aus unterschiedlichen Perspektiven, die ihrerseits wiederum vom Kenntnisstand der eigenen Periode geprägt sind. Umso erstaunlicher, dass bestimmte Konstanten in der Beobachtung bei der gleichen Überschrift Bestand haben. Gesellschaften, die dabei sind, das Zeitliche zu segnen, weisen untrügliche Analogien auf.
Wenn sich die Verhältnisse, in denen sich die Gesellschaft selbst bewegt und die Umstände, die ihr Umfeld charakterisieren dramatisch ändern, keimt der Wunsch auf, das Erreichte und Geschätzte zu bewahren. Insofern ist es folgerichtig, dass nicht versucht wird, durch Anspassungsstrategien an die Veränderungen sich auf neue Verhältnisse einzurichten, sondern am Bekannten festzuhalten. Untrüglich fällt einem in diesem Kontext Darwins Schrift Über die Entstehung der Arten ein, in dem er das Überleben in Entwicklungsstürmen denen dokumentiert, die die höchste Anpassungsintelligenz und Anpassungsfähigkeit aufweisen.
Besonders Gesellschaften, die aus einer pluralen Offenheit entstanden sind, verhärten sich merkbar, wenn diejenigen, die die institutionelle Macht repräsentieren, sich auf das Festhalten am Bekannten verständigen und mit Gewalt jedwede Strategie der Anpassung an die Verhältnisse zu blockieren suchen. Die Folge ist eine dramatische Verengung der Perspektiven. Die einstmals kollektiv vertretenen Werte verkommen in einem satirisch-dogmatischen Disput, die Vergrößerung der Kluft zwischen Armut und Reichtum wächst exorbitant und die Abkapselung der Mächtigen vom Rest der Gesellschaft nimmt paranoide Züge an.
Die Beschreibung dieser Phänomene gleicht einer Bestandsaufnahme der aktuellen Entwicklung. Mehr noch, vieles von dem, was momentan zu erleben ist, scheint bereits einen Höhepunkt der gesellschaftlichen Spaltung in der alles entscheidenden Frage zu sein, wie den dramatischen Veränderungen im Weltgefüge zu begegnen ist. Während ein Großteil der Bevölkerung zumindest aus dem Bauch heraus weiß, dass die als sicher gewussten Konstanten nicht mehr gelten, inklusive der internationalen Bündnisse, setzt die administrativ-herrschende Fraktion, die längst nicht mehr die demokratische Legitimation besitzt, auf Blockade und such in einem dramatischen historischen Rückschritt ihr Heil. So stehen sich Suchende und Beharrende diametral gegenüber. Und bevor es zu einer Möglichkeit kommt, über Anpassungsstrategien zu streiten, wird der suizidale Kollaps in Kauf genommen. Die momentan Handlungsbevollmächtigten können als Garanten dieser bedrohlichen Option gewertet werden, ohne dass sich eine systemimmanente Lösung für das gesellschaftliche Fortleben noch anböte.
Im Gegensatz zu der geschilderten Aporie ist es hilfreich, Gesellschaften zu betrachten, die auf dem Weg nach oben sind. Und, um nicht gleich in einem Gezeter über real existierende Staaten unterzugehen, bietet sich eher ein historischer Vergleich an. Seit dem achten Jahrhundert vor Christus galt Sizilien für die antiken Griechen für lange Zeit als die Neue Welt. Dorthin ging man, wenn einem die Handlungsgrenzen im eigenen Land zu eng wurden. Sizilien bot alles, was das Herz begehrte: Freiheit und die Möglichkeit, sich die nötigen Subsistenzmittel zu beschaffen. Folglich entstand eine große Dynamik, die sich in Bezug auf die urbane Entwicklung, das Ausprobieren neuer Formen der Regierung und der Entwicklung des Wohlstandes äußerte. Empedokles, der bereits im sizilianischen Agrigent geboren wurde und demnach als ein Kind dieser Neuen Welt bezeichnet werden muss, wurde von einem Besucher aus dem alten Griechenland gefragt, wie er denn die Bewohner Agrigents beschreiben würde. Die eine mit Perspektiven ausgestattete Gesellschaft nicht besser kennzeichnende Antwort ging in die Geschichte ein:
Sie bauen, als wollten sie ewig leben. Und sie essen, als müssten sie morgen sterben!
