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Wie lapidar ist doch der Frieden!

James Salter. All That Is

Der 1925 unter dem bürgerlichen Namen James Horowitz in New York geborene Schriftsteller wurde in seiner Profession unter James Salter bekannt. Als Resident der in der Nähe der Metropole gelegenen Hamptons kann er dem saturierten Ostküstenbürgertum zugerechnet werden. Selbst Absolvent der renommierten Militärakademie West Point, blickt er auf eine Karriere als Jagdflieger im II. Weltkrieg zurück. Wie alle guten Erzähler hat er seine Welt und seine Erlebnisse zu dem Stoff gemacht, aus dem seine literarischen Werke geformt sind. Übermäßig produktiv war er in seinem langen Leben nicht, doch das, was er teilweise immer wieder nach langen Pausen veröffentlichte, fand in den USA große Beachtung. Hier in Europa wurde er relativ spät entdeckt. Die daraus resultierende Veröffentlichungsdichte gerade in den letzten Jahren vermittelt einen falschen Eindruck. Was für Salter spricht ist die Ruhe, mit der er sein literarisches Schaffen anging.

Mit dem 2013 erschienenen Roman All That Is wurde er vor allem in Deutschland sehr gefeiert. Attribute wie großer Epiker oder Meister der lakonischen Sicht sind noch die seriösesten. Doch der Literaturbetrieb vermittelt leider nicht unbedingt immer das, was sich tatsächlich hinter den Zeilen der Werke verbirgt. Oft geht es leider nur um Etikette, denen zugeschrieben wird, bedingte Reflexe auszulösen, die zum Kauf animieren. Bei All That Is wird zum Beispiel gerne darauf verwiesen, dass es sich um die Darstellung der Krise der Institution Ehe handelt. Vordergründig mag das stimmen, weil es mit der spärlichen Handlung des Buches korrespondiert. Den Kern trifft die These jedoch nicht.

Ohne die Handlung verraten zu wollen, muss es erlaubt sein, in drei Sätzen den Rahmen zu skizzieren. Es geht um die Jahre nach dem II. Weltkrieg, aus dem der bei Okinawa in schwere Kämpfe verwickelte Marineoffizier Philipp Bowman zurückkehrte. Aus dem bürgerlichen Milieu stammend, fasst er dort als Verleger von Literatur Fuß und ihm gelingt die Etablierung in der kulturellen Nomenklatura der Ostküste. Die Jahre plätschern dahin und seine Ehe, Beziehungen und die Schicksale von Menschen, die in seinem Leben eine Rolle spielen, schleichen durch eine scheinbar völlig unspektakuläre Zeit. Das ist der ganze Handlungsrahmen. Vermeintlich geht es um verfehlte Ehen und enttäuschte Lieben. Das literarisch wirklich Gelungene bei dieser Spärlichkeit von Aktionen ist der tatsächlich lakonische Erzählstil, der befremdend wirkt, weil es bei der Wahl einer Darstellung in dem einen oder anderen Fall auch dazu gereicht hätte, aus dem Erzählten tatsächlich große Dramen zu machen. Was Salter hier gelingt, ist ein Empfinden der Nichtigkeit zu erzeugen, das in erschreckendem Maße täuscht.

Denn kaum eine Zeit hat die Veränderung innerhalb der USA so beschleunigt wie das Vierteljahrhundert nach dem II. Weltkrieg, aus dem das Land als Weltmacht hervorging. Es tat sich etwas in der Verfügbarkeit von Macht und dem Aufbau eines institutionell gesicherten Imperiums und es gab ungeheure Veränderungen in der Sozialstruktur des Landes. Was James Salter hier thematisiert, ist das Schicksal von Kriegoffizieren, die im Frieden zurück nach Hause kommen. Auch wenn ihre Resozialisierung formell gelingt, emotional sind sie für immer verloren, teilweise mit der erschreckenden Nebendiagnose, dass ihnen das selbst nicht bewusst ist. Nach den emotional hochgeladenen und immer wieder existenziell entscheidenden Erlebnissen des Krieges erscheinen die gesellschaftlichen wie privaten Ereignisse im Frieden schlichtweg lapidar. Diese Diskrepanz ist schlichtweg nicht überwindbar. Da fließt alles ineinander und alles ist gleich belanglos. Das darzustellen, ist Salter allerdings meisterhaft gelungen.

Unregierbarkeit als Hinweis auf zukünftige Qualität

Nicht nur in den Tropen existiert die Metapher vom Dschungel für die große, unkontrollierbare Stadt. Es geht nicht um klimatische Dimensionen, sondern um Menschenströme, Armut, Kriminalität, informelle Sektoren und Zonen der Gesetzlosigkeit, die teilweise das Format exterritorialer Gebiete annehmen. Der Dschungel Großstadt ist zum einen das Genre für Kriminalliteratur und Kriminalfilme, zum anderen das Bild, von dem die Theorie der Unregierbarkeit ausgeht. Lange Zeit hatte, zumindest aus der deutschen Perspektive, New York das Monopol auf dieses Image, bevor die Weltmetropole von einer protestantischen Law-and-Order-Politik überzogen wurde und dadurch vieles ihrer einstigen Vitalität eingebüßt hat. Die Metropolen mit der größten Dynamik waren allerdings auch schon zu Zeiten der medialen Dominanz New Yorks Städte wie Sao Paulo, Rio de Janeiro, Karatschi, Jakarta, Bangkok, Istanbul, Shanghai oder Vancouver. Die Dynamik dieser Städte resultierte vor allem aus Migrationsströmen, die für schnelle Anpassung und Veränderung verantwortlich sind.

Die Metropolen des Westens sind m Vergleich zu den oben genannten bereits in hohem Maße saturiert, d.h. die Migrationswellen sind abgeebbt bzw. nichts im Vergleich zu südamerikanischen oder asiatischen Migrationswellen, sie verfügen über eine etablierte Infrastruktur und die Institutionalisierung der vitalen Funktionen des Gemeinwesens ist so gut wie abgeschlossen. Es existieren von Stadtparlamenten beschlossene Budgets, die Ressorts gehen ihrer Arbeit nach, Straßen, Schulen, Stadien und Parks sind gebaut, die soziale Landkarte hat eine klare Kontur und die bereits in dieser Gemarkung sozialisierten Bewohnerinnen und Bewohner haben die existierende Ordnung im Wesentlichen akzeptiert. In diesem Falle ist aus der Sicht der politischen Klasse die Welt in Ordnung, d.h. derartige Städte gelten als regierbar.

Das Attribut der Unregierbarkeit wiederum erwerben sich urbane Agglomerationen, in denen der Zustrom an neuen Bewohnern nicht regulierbar ist und quantitativ jede Art von bewusster Stadtentwicklung aushebelt. Der Zustrom von Menschen, die frei von der in der Metropole existierenden Ordnung sind, sorgt für die Auflösung dieser Ordnung und die damit verbundene wachsende Wirkungslosigkeit der etablierten Institutionen. Kinder gehen nicht mehr zur Schule, die Polizei ist überfordert, Brände werden nicht mehr gelöscht, die Wahlregister sind nicht aktuell, die Müllentsorgung funktioniert nicht mehr. Viele der Alteingesessenen beklagen die Auflösung der von ihnen geschätzten Ordnung und die neu Hinzugezogenen bekommen von der ganzen Diskussion vielleicht gar nichts mit, weil sie auch die etablierten Kommunikationskanäle nicht einmal kennen. Sie sind damit beschäftigt, ihr eigenes Überleben zu sichern, in dem sie sich Jobs im informellen Sektor suchen und selbst die Initiative ergreifen, um gesellschaftliche Funktionen, die benötigt werden, selbst zu organisieren. Das beginnt beim Kindergarten und endet vielleicht bei einem quartierbezogenen Wachdienst. Die Selbstorganisation ersetzt das öffentlich-rechtliche Monopol und nicht jede Form der Eigeninitiative hat das Stigma der mafiösen Struktur verdient.

Wenn also von der Unregierbarkeit einer Stadt die Rede ist, handelt es sich, kühl betrachtet, um die wachsende Selbstorganisation der Stadtgesellschaft bei gleichzeitiger Erosion der etablierten Institutionen. Der als politische Krise bezeichnete Zustand schafft allerdings Korridore für Potenziale, die für die Weiterentwicklung der Stadt eine immense Bedeutung haben kann. Zum einen liefern die informellen Sektoren Menschen mit einer ungeheuren intrinsischen Motivation, was bei Etablierten tendenziell nachlässt, zum anderen entstehen im Raum der „Gesetzlosigkeit“ nicht selten Lösungskonzepte und Verfahren, die der Zukunft den Weg weisen können, Kollateralschäden inbegriffen. Wenn also die Rede ist von der Unregierbarkeit einer Stadt, so ist dieses in Bezug auf den gestalterischen Aspekt auch ein Hinweis auf zukünftige Qualität. Fortsetzung folgt.

Die Kommune als Mikrokosmos politischer Theorie

Mit dem bürgerlichen Zeitalter nahm das Schicksal der Kommune so richtig Fahrt auf. Nicht, dass zumindest in der okzidentalen Welt schon weit früher die Stadt als Referenzmodell für das Zusammenleben eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Das antike Athen muss als die Wiege angesehen werden für das Räsonnement über politische Theorien, die die Staatsform reflektierten. Dass eine Stadt den Mutterboden für die Demokratie bildete, kam nicht von ungefähr. Nirgendwo ist gesellschaftliches Treiben so kondensiert wie in der Stadt. Hier treffen die unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen direkt aufeinander, nirgendwo ist die Dynamik der sozialen Interaktion größer. Dass mit der Moderne die Rolle der Stadt hinsichtlich der Reflexion politischer Theorie noch größer wurde, ist ebenso evident. Die globale Entwicklung und die Modernisierung der Welt geht einher mit der Verstädterung von Gesellschaften. Bis zum Jahr 2050, so die Prognose, wird die rasende Verstädterung weltweit weiter gehen. Und sie wird dann nicht zu Ende sein, weil irgend eine Trendwende einsetzte, sondern weil dann der Großteil der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Die Bauernarmeen sind schon heute nur noch eine historische Größe. Und die großen Metropolen dieser Welt liegen mittlerweile in den Schwellenländern, wo diese Bewegung in Echtzeit studiert werden kann.

Das erwähnte Referenzmodell Athen gilt als Wiege der Demokratie. Als Blaupause für die späteren Theorien zur Demokratie gilt Athen aber nur in Bezug auf die Entscheidungsfindung und die Teilung der Gewalten. Schon bei den Formen bürgerlicher Beteiligungsrechte litt Athen unter der Einschränkung, dass es sich um eine Sklavenhaltergesellschaft handelte. Letztere fanden in dem Modell schlichtweg nicht statt, was historisch erklärbar ist, aber eine wesentliche Überlegung hinsichtliche moderner Metropolen schlichtweg ausblendet. Gerade der Umgang mit dem Massenphänomen der Migration, welches in unseren Tagen die großen Städte herausfordert, entscheidet über die Entwicklung der Kommune in hohem Maße. Athen war die Macht der Bürger und wie sie sich konstituierte. Athen ist das formale Modell für Entscheidungsprozesse des Bürgertums unter Laborbedingungen. Heute existiert diese Art von Labor nicht mehr.

London galt als die Weltmetropole des 18. Jahrhunderts, Paris als die des 19. Jahrhunderts, Berlin spiele diese Rolle zumindest kulturell in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde seinerseits abgelöst durch New York. Heute, im 21. Jahrhundert existiert auch das nicht mehr. Genannte Metropolen spielen immer noch eine Rolle, Wachstumschampions sind aber Städte wie Jakarta, Rio de Janeiro, Shanghai oder Istanbul. Die letzt genannten würden mit ihrer Dynamik die Stadtplaner in den erst genannten in den Freitod treiben. Dennoch funktionieren sie und es muss im weiteren gefragt werden, warum. Die Kommunen unserer Tage haben nicht die Zeit, so könnte man meinen, sich Gedanken über das theoretische Gerüst zu machen, die das Zusammenleben beschreiben. Stattdessen werden sie umschrieben mit Begriffen wie Chaos, Anarchie, Korruption, Kriminalität, ungezügeltem Wachstum, Umweltkatastrophen und Gewalt. Zumeist gelten sie als unregierbar, es sei denn, sie werden beherrscht von einer politischen Macht, die ihrerseits mit Gewalt den Dampf im Kessel zu halten sucht.

Festzuhalten ist jedoch die Tatsache, dass die modernen Großstädte und Metropolen trotz der großen Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, weiter existieren und weiter wachsen. Diejenigen, die kommen, sehen immer noch in ihnen eine bessere Perspektive als sie dort herrschte, wo sie vorher waren. Und zumeist haben sie sogar Recht. Dennoch stellt sich die Frage, welches Prinzip die Städte der Gegenwart am Leben hält und wieso es einigen gelingt, sich zu neuen Modellen zu entwickeln und andere sich Bildern nähern, die dem der Hölle auf Erden entsprechen. Fortsetzung folgt!