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Aus Fehlern lernen?

Der Prozess des Lernens ist existenziell für die menschliche Entwicklung. Es gehört zu den einfachen, schwer zu erkennenden Wahrheiten, dass das Scheitern von Handlungen die Grundvoraussetzung für die meisten Lernprozesse ist. Wenn etwas nicht gelingt, was man sich vorgenommen hat, muss die kritische Reflexion folgen. Woran hat es gelegen? Waren es die Rahmenbedingungen, die eigenen Unzulänglichkeiten, waren es falsche Hypothesen, oder hat man andere Akteure unterschätzt? 

Das größte Debakel fehlgeleiteten menschlichen Handelns sind Kriege. Sie zerstören, sie vernichten und sie schaffen in den seltensten Fällen Bedingungen, die besser sind als vor der Anwendung von Gewalt. Die große Ausnahme sind Befreiungskriege. Sie beinhalten zumindest die Chance, nach einer Fremdherrschaft die Bedingungen für selbstbestimmtes Handeln zu schaffen. Aber auch diese Ausgangslage führt nicht immer zum Erfolg. Summa summarum ist die Anwendung von Gewalt eine schlechtes Mittel, um kollektive Lernprozesse in Gang zu setzen. Und wenn, dann nur im Kontext der Schlussfolgerung, dass Destruktion die denkbar schlechteste Form ist, um die Zivilisation weiterzubringen.

Das Debakel von Afghanistan wäre eine Gelegenheit, sich zurückzulehnen und zu reflektieren, was da schief gelaufen ist. Das Fazit ist relativ einfach zu ziehen: Die Rahmenbedingungen waren denkbar schlecht, denn ein Land wie dessen Bewohner, die über einen extrem langen Zeitraum mit kriegerischen Interventionen konfrontiert waren, haben sich erfolgreich in der Kunst der asymmetrischen Gegenwehr qualifiziert. Die eigene Unzulänglichkeit bestand aus dem Irrglauben, die eigene Vorstellungswelt mittels Gewalt auf ein Gebiet übertragen zu wollen, das historisch, kulturell wie sozial in einer komplett anderen Welt lebt als die Invasoren. Somit war auch die Hypothese falsch, dass ein Regime-Change-Krieg das probate Mittel ist, um die Verhältnisse zu ändern. Und dass die Akteure, mit denen es man zu tun hatte, nichts anderes seien als hysterische Freischärler war eine von der technologischen Überlegenheit erzeugte Hybris.

Das alles sind keine Mysterien, sondern sehr nachvollziehbare Zusammenhänge. Das Debakel, das dem militärischen nun folgt, ist, man mag es kaum glauben, weitaus verheerender als das offensichtliche. Es ist die Weigerung, aus den Geschehnissen zu lernen und sich mit anderen Optionen auseinanderzusetzen. Die Verlautbarungen aller, die an dieser zwanzigjährigen Intervention beteiligt waren, lässt den Schluss zu, dass Lernfähigkeit wie Lernwille nicht vorhanden sind. Die Erklärungen, die vom amerikanischen Präsidenten, den Vertretern der NATO wie der beteiligten deutschen Bundesregierung zu hören sind, verweisen auf die Unfähigkeit der afghanischen Bevölkerung, auf kleinere taktische Unzulänglichkeiten, auf Verrat in den eigenen Reihen und böse Mächte, die sich nun die Hände reiben. Das war nicht anders zu erwarten, schlägt sich aber umso mehr in der negativen Bilanz nieder.

Was geschieht in der Regel, wenn sich Individuen wie Kollektive weigern, aus dem eigenen Scheitern die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Prognose ist einfach: es wird nicht lange dauern und sie werden sich daran machen, die gleichen Fehler in einem anderen Zusammenhang zu wiederholen. Es wird wieder versucht werden, an einem nächsten Ort, mittels Krieg eine neue Doublette der eigenen Verhältnisse herstellen zu wollen. Wie das ausgehen wird, zeigt ein Rückblick auf die Bilanz der letzten Jahrzehnte. Zerstörung, Chaos und endlose kriegerische Auseinandersetzungen werden die Folge sein.

Es ist ratsam, sich bei der Entscheidung, wem man politische Verantwortung für die Zukunft übertragen will, genau hinzusehen, ob die Kandidatinnen und Kandidaten fähig und gewillt sind, aus Fehlern zu lernen. Sind sie es nicht, dann gibt es kein Argument, dass dafür spräche, sie zu beauftragen.

USA: Die lupenreinen Demokraten

Wie die Hunde schlagen sie an. Die Vertreter der Wahrheit und die Prediger der demokratischen Presse. Endlich, ja endlich haben sie ihn. Den, der keine politische Kultur hat und über alles mit jedem zockt. So falsch ist die Einschätzung nicht. Was jedoch dabei aus dem Blick gerät, ist das, worüber er verhandelt hat. Es geht um das Telefonat von US-Präsident Donald Trump mit dem neu gewählten Präsidenten der Ukraine, Selenskyj. Trump soll bereits zugesagte Militärhilfen in Milliardenhöhe davon abhängig gemacht haben, ob Selesnkyj seinerseits kooperiere. Wobei? Bei der Untersuchungen von Verwicklungen des Sohnes des möglichen Präsidentschaftskandidten der amerikanischen Demokraten Joe Bidens, Hunter Biden, in Geschäfte, denen das Stigma der Korruption anhaftet. Die ganze Angelegenheit ist klebrig. Auf allen Seiten.

Erstens: Indem so nebenbei erwähnt wird, dass die Ukraine seitens der USA Militärhilfe in Milliardenhöhe erwarten, wird deutlich, wie tief die USA in der direkten Konfrontation mit Russland bereits stecken. Der Krieg in der Ostukraine ist also längst keine Auseinandersetzung der Ukraine mit dem Nachbarn Russland mehr, sondern eine mit US- und NATO-Beteiligung. Dass dieses nicht bemerkt wird, spricht für sich.

Zweitens: Dass Hunter Biden bereits 2014 im Vorstand einer ukrainischen Ölfirma saß, deren Geschäftsfeld die Ölgewinnung durch Fracking in der Ostukraine war, zeigt, wie sehr neben den geostrategischen auch direkte Wirtschaftsinteressen bestimmter US-Kreise in der Ukraine eine Rolle spielten. Die Entscheidung des dann geflohenen Präsidenten Janukowytschs, doch nicht der EU und der NATO beizutreten, bedeutete sein Todesurteil bei den Lobbyisten in Washington. Alles, was folgte, bis hin zu den denkwürdigen Auftritten des damaligen Senators McCain auf dem Maidan, sind Belege für eine Aggression gegen die Unabhängigkeit der Ukraine. Alles, was seitdem folgte und als Argumentation für eine harte Haltung gegen Russland hervorgebracht wurde, ist in diesem Licht eine wunderbare Beweisführung für die von Washington aus lancierte Aggression.

Drittens: Dass die us-amerikanischen Demokraten nun den Versuch Trumps anprangern, diese Tatsache ans Licht zu bringen, selbstverständlich aus der Motivation heraus, diesen auch etwas ans Zeug zu flicken, zeigt jedoch deutlich, wes Geistes Kind auch diese sind. Das hat mit dem ganzen Gerede von Menschenrechten und Völkerrecht nichts zu tun. Die Demokraten echauffieren sich nicht etwa über das Agieren eines Hunter Biden, der am Fracking in der Ostukraine verdienen wollte, sondern an einem Präsidenten, der Interventionsgelder zurückhalten wollte, um herauszufinden, was es mit der Sache auf sich hat. 

Es zeigt, dass nicht nur Präsident Trump ein rücksichtsloser Geschäftemacher, unabhängig von den Nebenwirkungen, ist, sondern auch, dass die Demokraten, die sich gerne als die moralisch Überlegenen darstellen, aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Bleibt man bei der lupenreinen demokratischen Terminologie, dann sind beide Seiten gleich frevlerisch. Der eine will von einer auch militärisch unterstützten Intervention eines Drittlandes profitieren und dort mit ökologisch fragwürdigen Methoden Profite machen. Und der andere will wissen, was es damit auf sich hat, um die eigenen Schweinereien in einem milderen Lichte erscheinen zu lassen. Da hat sich ein wunderbares Konsortium gefunden, dass nur noch durch eine dritte Partei komplettiert wurde.

Diese sitzt in der Redaktionsstuben der so genannten vierten Gewalt und übernimmt ohne Abstriche die Version der Demokraten, die ihrerseits dokumentieren, dass sie beim besten Willen keine Alternative zu der so verfluchten Trump-Administration darstellen. Wofür Joe Biden steht, sollte er denn als Präsidentschaftskandidat bestätigt werden, ist hiermit dokumentiert. Wofür die Parteinahme für ihn steht, ist auch ebenso deutlich geworden.

Krieg und Frieden

In einem monumentalen Werk beschrieb er ein monumentales Ereignis. Leo Tolstoi hat mit Krieg und Frieden eine Erzählung geschaffen, die einzigartig ist. Sie ist einzigartig, weil sie ein historisches Ereignis beschreibt, die Invasion der napoleonischen Armee nach Russland, und weil Tolstoi es vermocht hat, wahrscheinlich unter Tränen, diesen großen, und für alle Seiten so verheerenden Krieg zu beschreiben, ohne Partei im klassischen Sinne zu ergreifen. Er schrieb als Russe nicht für Russland und als Kritiker des Zarismus nicht für Napoleon. In Krieg und Frieden ergriff Tolstoi nur Partei für die Menschlichkeit, die in diesem wie in anderen Kriegen auf allen Seiten bedroht ist und vor die Hunde geht. Auch die Sieger zahlen ihren Preis und auch ihre Konten sind nach dem Krieg voll mit Leid und Groll. Auch die Guten waren böse und auch die Bösen haben gute Taten vollbracht. Das menschliche Leid, so muss das eine große Vermächtnis aus Tolstois Werk paraphrasiert werden, ist die einzige Konstante in einem Krieg.

Es ist töricht, allein aus dieser Erkenntnis heraus der Welt als Verzweifelter zu entschleichen. Immer wieder gibt und gab es Situationen, die nur durch einen Krieg im Hinblick auf eine sinnvolle Zukunft aufgelöst werden konnten. In der jüngeren Geschichte waren das zum Beispiel der Krieg gegen das faschistische Deutschland, der Krieg der Vietnamesen gegen Frankreich und dann die USA, der Krieg der Indonesier gegen die Niederlande oder auch der Krieg der Iren gegen Großbritannien. Eine zentrale Komponente bei diesen Kriegen war, auch im Kampf gegen Hitler, das Recht auf Selbstbestimmung. In keinem der genannten Kriege ging es um diese oder jene Staatsform, um keine Situation der Menschenrechte und um keinen Zustand des Rechtswesens.

Im Unterschied dazu sind die Kriege, die in der Historie als ungerecht einzustufen sind, immer ein Kampf um Ressourcen, Märkte oder geostrategische Vorteile gewesen. Die verehrte Leserschaft möge das durchdeklinieren, die Übung wird sie überzeugen. Insofern ist der Konflikt um die Vorkommnisse in der Ukraine, einmal abgesehen von der ungeheuren Brisanz, mit der sie auf Europa wirken, eine schöne Übung. Die Position des Westens ist insofern interessant, als dass sie versucht, den Aspekt der Selbstbestimmung in den Vordergrund zu stellen, aber den der Ressourcen (Russlands Öl und Gas), den der Märkte (Ukraine, vielleicht auch Russland) und den der Geostrategie (den Gürtel um Russland enger schnallen) nicht deutlich kommuniziert.

Selbstverständlich ist Russland keine Demokratie im bundesrepublikanischen Sinne, selbstverständlich werden in Russland Menschenrechte verletzt und selbstverständlich verfolgt Russland derweilen eine imperiale Politik. Aber mit diesen Merkmalen steht Russland auf der Welt nicht allein. Da könnte man auch gegen China, Indien oder, das wäre für einige ein Fest, auch den USA den Krieg erklären. Aber im Moment geht es um die Ukraine. Wenn es ein Diktum aus dem Westen geben muss, dann ist es das der Selbstbestimmung. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist ein hohes Gut und in diesem, und nur in diesem Fall, ist es angebracht, dem Tribunen Putin die Schranken zu weisen. Aber bellizistische Pläne mit seiner Regierungsführung zu begründen, das ist geistiges Tollhaus. Da böten sich bessere Felder. Zum Beispiel Ungarn. Was dort in Sachen Menschenrechten exerziert wird, sollte uns alle beschämen. Oder Bayern! Was dort in der Justiz passiert, passt in das Format orientalischer Despotien. Warum schicken wir keine NATO-Truppen nach Bayern? Das wäre bei den Begründungsansätzen, mit denen momentan mögliche militärische Interventionen unterlegt werden, sogar konsequent.