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Nur Wanderjahre führen zur Meisterschaft

Irgendwann galt es als antiquiert. Es passte nicht mehr in eine Zeit, in der alles nicht schnell genug gehen konnte. Das Heranreifen eines Menschen sollte im Schnellverfahren geschehen, weil die Verhältnisse andere geworden waren. Im Wahn der sinkenden Halbwertzeiten technischer Innovationen reifte die fixe Idee, mit den Verfahren, mit denen der Fortschritt beschleunigt wurde, auch die Menschen zu traktieren. Und diese ließen sich von dem Gedanken verführen, mit höherem Tempo ans Ziel zu kommen. Wobei das Ziel immer verschwommener wurde. Ganz nach Goethe begannen alle den Genuss der Höhe zu verherrlichen, ohne sich der Anstrengung des Aufstieges unterziehen zu wollen. Das Ergebnis sind zumeist Funktionsträger, die das eigentliche Leben gar nicht mehr begreifen. Weltfremd administrieren sie große Apparate, ohne die Sprache derer, die sie administrieren, zu verstehen und ohne deren Probleme zu erkennen. Dieses System ist zu einer Garantie des Versagens herangereift und viele, die zwar begreifen, dass da etwas nicht mehr funktioniert, sehen sich ratlos an.

Manchmal hat man das Glück, irgendwo im Straßenbild noch Handwerker zu sehen, die mit einem Bündel auf dem Rücken auf Wanderschaft sind. Sie haben ihren Beruf gelernt, und die Überlieferung des Gewerbes fordert von ihnen, auf Wanderschaft zu gehen und ihre Dienste anzubieten. Diese Wanderschaft ist der Reifeprozess zur Meisterschaft. Mit keinen Mitteln außer ihrem Können müssen sie sich an fremden Orten unter ungewohnten Bedingungen durchschlagen. Sie lernen andere Regionen, andere Kulturen und andere Menschen kennen. Von letzteren werden sie aufgrund ihrer Leistung anerkannt und sie erhalten dafür einen Lohn. So ist neben dem Prozess, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten in unterschiedlichen Kontexten anwenden zu lernen noch eine weitere unschätzbare Lehre mit im Rucksack. Nämlich die, dass die eigene Leistung zählt. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um im späteren Leben bestehen zu können und Kenntnisse weiter geben zu können, die niemand erhält, der sich nur den mittelbaren Lernmedien hingibt.

Nicht umsonst sind die Zünfte derer, die manchmal auf der Straße noch aufscheinen wie eine letzte Illusion, vom Aussterben bedroht. Der Grund hierfür sind andere, unzählige Male revolutionierte Produktionsweisen oder die schlichte Verlagerung dieser Arbeiten in andere Regionen dieser Welt, wo sie noch in vollem Umfang gewürdigt werden, aber wesentlich billiger sind. Was jedoch fälschlicherweise untergegangen ist, das ist die Vorstellung davon, wie die Persönlichkeit eines Menschen reifen kann. In übertragenem Sinne ist es nach wie vor erforderlich, unmittelbar zu erleben, wie es sich anfühlt, nicht über Apparate und Strukturen zu verfügen, wie es wirkt, in der Fremde zu sein und sich einbringen zu müssen in eine Welt, die nicht die eigene ist. Und wie förderlich es ist, aufgrund eigener Leistung und Erfahrung eine Akzeptanz zu erhalten, die durch kein Gesäusel der Wertschätzung und Fremdmotivation herbeigeführt werden kann. Der wirksamste Treibstoff für die menschliche Motivation ist der eigene Erfolg und die Gewissheit, auch unter widrigen Bedingungen bestehen zu können, ist der Zaubertrank, der das Selbstwertgefühl beflügelt.

Nur Wanderjahre führen zur Meisterschaft. Nehmen wir es als Metapher für die Wege, die Menschen gehen müssen, um irgendwann Verantwortung für Aufgaben übernehmen zu können, von denen das Schicksal von Menschen und Organisationen abhängt. Führung aus der Retorte ist verhängnisvoll. Nur wer den beschwerlichen Weg erlebt hat, begreift das Wesen des Daseins. Nichts, gar nichts kann diesen Weg ersetzen.

Die agrigentinische Weisheit

Die Aporie scheint vorgegeben. Wie erhalten wir noch Lebensfreude in einer Welt, die sich im Augenblick berauscht, aber heruntergerissen wird durch das schlechte Gewissen hinsichtlich einer Zukunft, an die keiner mehr glaubt? Die Inflation des Begriffs der Nachhaltigkeit ist ein eindringliches Symptom für das Auseinanderklaffen eines auf den Moment fokussierten Hedonismus und eine Abstinenz auf eine kollektive positive Prognose. Einmal abgesehen von den Zweifeln, ob die Vergeudung von Ressourcen und die Enthüllung aller weltlichen Geheimnisse tatsächlich zu einer Erhöhung des Genusses führt, die Nonchalance auf die Zukunft ist Abgrund tief.

Es hilft in der Regel nicht, auf historische Entwicklungen zu verwiesen, die den gegenwärtigen Zustand erklären. Zumindest nicht in Bezug auf eine Lösung des Problems. Alles war schon irgendwann mal da und nichts könnte durch eine neue Undurchdringlichkeit überraschen. Gewiss ist, dass die Beschleunigung des Kapitalismus zunächst zu einer Entzauberung und dann zu einer Entsinnlichung der Welt geführt hat. Es ist kein Zufall, dass ernst zu nehmende Kulturkritiker, die jenseits des Mainstreams zu denken gedenken, von einer kollektiven Phase der Pornographie sprechen: Die Gesellschaft als ein Artefakt der totalen Entblößung, die die Aura, den Zauber und den Eros mit einem Schlag ins Jenseits befördert.

Die Pornosemantik tut sich schwer, über den Augenblick hinaus eine Welt zu denken, in der Freiräume existieren, die es ermöglichen, nicht Vorhersehbares Wirklichkeit werden zu lassen. Die Transparenzgesellschaft hat es zur Meisterschaft gebracht, wenn es darum geht, jegliche Form der Existenz in grellem Lichte auszustellen, aber sie hat in gleichem Atemzug zu dieser Meisterschaft die Dynamik der einzelnen Existenzen selbst genau der Zone beraubt, die erforderlich ist, um kreativ wirken zu können. Es handelt sich um den Bereich des Negativen, des Widersprüchlichen, des Absurden, welches nicht positiv darstellbar ist und insofern nicht sein darf. Der Mensch ist verkommen zum Ausstellungsstück, das nicht mehr Mensch sein darf samt seiner Geheimnisse und Gelüste.

Auch wenn die Geschichte nicht immer hilft, so kann sie dennoch auf Augenblicke verweisen, in denen ein heute als modern begriffenes, aber vielleicht auch schon immer vorhandenes Makel in der lichten Stunde einer besonderen Beobachtung aufgehoben wurde. Einer, der sich schon immer im Zwielicht aufhielt und überall, nur nicht in der Eindeutigkeit lokalisierbar war, ist der Kosmogoniker Empedokles. Vor nunmehr 2500 Jahren wirkte er, dachte quer und wurde aus seiner Heimat vertrieben. Er strandete im heutigen Sizilien, für das damalige antike Griechenland die Neue Welt. In Agrigent ließ er sich nieder und war fasziniert von der Lebenseinstellung seiner neuen Landsleute. Sie waren nicht verloren im Kampf um Besitzstand, sie hingen dem Traum einer besseren Welt nach, der geprägt war von dem Wunsch nach der Teilhabe am Augenblick und beseelt von der Mission, etwas schaffen zu wollen, auf das die Nachwelt noch mit Begeisterung schaut.

Empedokles, der vergleichen konnte mit seiner Heimat, in der die Vision erloschen war, drückte seine Bewunderung und Liebe zu den Agrigentinern in einer Beschreibung aus, die bis heute fasziniert und eine Botschaft in sich trägt, die den Zusammenhang von einer sozialen Vision und augenblicklicher Genussfähigkeit so auf den Punkt bringt, eine, Definition, die bis heute Leuchtkraft besitzt. Die Agrigentiner, so Empedokles, bauen, als wollten sie ewig leben, und sie essen, als müssten sie morgen sterben. Schöner kann man es nicht sagen.

Der Geist von Kamtschatka

Irgendwie ist bei uns alles knorke. Während in anderen Ländern Europas die Staatsquote noch viel höher ist, oder die Politiker alle korrupt oder clownesk, oder die Geschäftsmodelle zu oberflächlich und so gar nicht nachhaltig, oder die Sozialsysteme viel schlechter und die Steuerloyalität ein Desaster, die Infrastruktur ein Fiasko und die berufliche Bildung ein Abklatsch unseres weltmeisterlichen dualen Systems, während all dem und noch viel mehr sind wir, wie eigentlich immer, die wahren Weltmeister. Das, was wir hier der Welt vormachen, kann man nirgendwo in dieser Güte so hautnah begutachten und in seiner Komplexität und Verwobenheit ist es noch einzigartiger. Schaut man auf die Berichterstattung von der Wirtschaft bis zum Sport, überall tummeln wir uns weltmeisterlich und nirgendwo ist ernsthafte Konkurrenz am Horizont. Da drängt sich doch die alt bekannte und so bewährte Formel auf, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. Spaß beiseite: In unseren Medien meinen die das ernst.

Komisch, könnte der begriffsstutzige Otto Normalverbraucher da sagen, wenn das alles so ist, warum haben wir hier eigentlich so schlechte Stimmung? Ausländer, die das Land der Weltmeister besuchen, sind entsetzt über das Mienenspiel im Alltag. Straßenbahnen, die die Menschen morgens zu ihren Sensationsjobs bringen, sehen aus wie Loren in die Zwangslager von Kamtschatka, Fragen fremder Passanten nach dem Weg werden weggeschnarrt wie übertriebene Bitten von Häftlingen und zur Schau getragene gute Laune wird als öffentliche Provokation geahndet. Irgendwas, so muss man leider feststellen, scheint nicht zu stimmen im Himmel der Erstklassigkeit. Entweder ist das Selbstbild falsch, oder die Seele unheilbar krank oder beides.

Was dem geschulten Blick der Psychologen natürlich sofort ins Auge sticht, sind die Bacchanale des Größenwahns. Immer und immer wieder die Bemühung des Superlativs, Weltmeister, Weltmarktführer, Weltspitze. Und selbst, wenn man nicht das Privileg besitzt, zu reisen und zu vergleichen, fällt doch auch diese Art der Titulierung wie brüchiger Putz von der Wand, wenn man näher hinschaut. Die Infrastruktur hat längst bessere Zeiten gesehen, Innovationen werden systematisch verhindert, in der Bildung zeigen internationale Vergleiche, wo die ehemalige Kaderschmiede der Nobelpreisträger heute steht. Das Parteiensystem bietet längst keine Alternative mehr zu Zentralismus und Hyperregulierung, die Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger ist allerdings weltmeisterlich und die Anzahl der angemeldeten Patente, ob in China oder den USA, spricht eine andere Sprache. Selbst beim Fußball wird es lausig, wenn es darauf ankommt, und vielleicht hatte die spanische Zeitung El Pais nach dem Aus der Deutschen bei der Europameisterschaft 2012 über den Fußball hinaus Recht als sie schrieb, aus den arroganten Siegertypen vergangener Tage seien liebenswerte Verlierertypen geworden.

Was Meister ausmacht, ist nicht nur fachliches Können und Fertigkeiten, sondern auch eine soziale Kompetenz, die es möglich macht, in Konflikten Regeln einzuhalten und nie den distanzierten Blick auf sich selbst zu verlieren. Distanz ohne Emotion, Objektivierung trotz eigener Interessen, das sind meisterliche Tugenden, die dem Maulhelden fremd sind. Ein Meister reflektiert zunächst die eigenen Fehler, bevor er andere ins Visier nimmt und er geht mit sich weitaus strenger um als mit seinem Gegenüber. Es ist das, was man in der alten Sprache Demut nannte, das Wissen um das Privileg der eigenen Existenz und um die einfache Wahrheit, dass das Sein etwas immer wieder neu zu Leistendes ist. 2000 Lightyears from Home!