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Defizite im technokratischen Raumschiff

Die Protagonisten unserer Zeit, ob in Politik, Wirtschaft, im Kulturgewerbe oder im Sport werden aus der Perspektive der zuschauenden Masse nicht selten für ihr Fehlen an einem tiefen, sozialisierten Verständnis für die profanen Belange des Daseins kritisiert. Nicht zu Unrecht, denn wie oft fragen wir uns, wie es sein kann, dass Dinge in der Öffentlichkeit verhandelt werden, die mit den tatsächlichen Lebens- und Existenzbedingungen der großen Masse nichts zu tun haben? Die Ursachen dafür sind vielschichtig und nicht einfach damit zu erklären, dass Macht zu Zynismus verleitet.

Eine der Ursachen für die beklagte Weltfremdheit liegt sicherlich an den Existenzbedingungen der Mächtigen selbst. Egal wie sie dorthin gekommen sind, wo sie sich befinden, sie werden in der Regel sehr schnell in ein System integriert, das sie selbst abschirmt. Wie in einen Kokon eingehüllt werden sie gedämmt von den Gravitationskräften eines Alltags, der aus Widrigkeiten, Widerständen und Beschwerlichkeiten besteht. Wie viele derer, die wir beobachten, benötigen nicht einmal mehr ein Portemonnaie, um ihre Kosten zu bestreiten, wieviele von denen müssen sich nicht um ihre Mobilität kümmern, um sich fortzubewegen, Räume anmieten, in denen sie wirken können oder in einer Schlange stehen, um Karten für ein Konzert zu bekommen? Sie sind eingewoben in ein Netz der Gefälligkeiten, das ihnen das wahre Leben fern hält.

Ein anderes Phänomen der Entwirklichung resultiert aus den Formen der Sozialisation. Letztere führt in vielen Fällen nicht mehr über die Navigation durch ein beschwerliches Leben, sondern sie besteht aus Anforderungsprofilen für die Position der Macht, die diesen Weg nicht mehr vorsehen und geringschätzen. Eingebettet in institutionalisierte Karrierepfade, die aus den Zauberworten der modularen Qualifikation und der Netzwerkbildung bestehen, wird eine systematische Entfremdung aus dem profanen Dasein vorprogrammiert. Das, was bei charismatischen Persönlichkeiten in den noch wenigen zu beobachtenden Fällen vorliegt, ein Instinkt für Situationen, die weder vorhersehbar sind noch eingeübt werden können, resultiert aus einem zuweilen schmerzhaften Prozess von Irrtum und Niederlage. Nur, wenn derartige Erfahrungen gemacht werden und eine gewisse Lernfähigkeit aus diesen Erlebnissen entwickelt wird, entsteht ein Sinn für nicht deklarierte Umstände und non-verbal erahnte Empathie für Gefahr, Bedürfnis und Verständnis. Wird dieser epistemologische Dreck nicht gefressen, helfen auch keine Bücher oder Seminare über Empathie oder soziale Intelligenz. Die Anzahl dieser Publikationen und Veranstaltungen sind eher ein Indiz über fehlerhafte Sozialisationsprozesse, die das profane Leben nicht mehr vorsehen.

Die Frage, die sich in diesem Kontext stellt, ist die nach einer notwendigen Abkehr von den normativen, technokratischen Modellen folgenden Anforderungsprofilen und Auswahlprozessen. Solange Wert darauf gelegt wird, eine institutionalisierte Vorgabe im Sinne technischer Fertigkeiten und Befähigungen auszurichten, wird die Metapher des Zauberlehrlings weiterhin Gültigkeit besitzen. Menschen, die, um einen treffenden Begriff Jean Paul Sartres zu aktivieren, als Techniker des Geistes firmieren, ohne die soziale Tiefe ihrer Operationen zu erahnen, werden die Kluft zwischen der Ausübung von Gestaltungsmacht und denen, die ihre eigenen Daseinsformen ignoriert sehen, nur noch vergrößern. Die Bedingung, die demokratisch definierte Systeme in ihre Auswahl derer, die die Gestaltung des Gemeinwesens voran treiben sollen, muss streng gebunden sein an eine Sozialisation, die die Erfahrung vermittelt hat, dass der Kampf um die tägliche Existenz der eigentliche Konsens ist, der dynamischen Gesellschaften die notwendige Kohärenz verschafft. Dazu gehören soziale Traumata genauso wie eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit, die weit über den restringierten Code des technokratischen Raumschiffes hinausgeht.

Ein morbider Tanz um den Heiligen Gral der Börse

Martin Scorsese. The Wolf Of Wall Street

Hollywood-Produktionen lösen beim kritischen Publikum nicht zu Unrecht Zweifel aus. Cineastische Werke, deren Herstellungsbedingungen industriell sind und deren Zweckbestimmung die Massenvermarktung ist, tragen schwerlich revolutionäre oder kritisch enthüllende Botschaften mit sich. Es gibt nur wenige Protagonisten im Ensemble Hollywoods, die es mit einem eigenen Label so weit gebracht haben, dass sie sich den Gestus des Epatez-le-Bourgeois leisten können, ohne dass die notwendigen potenziellen Investoren von vornherein die Rote Karte zeigten. Martin Scorsese ist so einer. Ihm verdankt das weltweite Publikum Filmproduktionen, die nicht mit affirmativer Ideologie langweilen, schlecht gemacht sind oder in der Belanglosigkeit versinken. Martin Scorsese steht für den Schock, er steht für Action und geniale Komposition von Bild und Musik.

The Wolf Of Wall Street ist sein neuestes Produkt. Mit der für Hollywood typischen Marketingmaschine angekündigt und einem Namen, der den Nerv des Zeitunbehagens trifft, greift Scorsese mit Jordan Belfort eine tatsächlich historische Figur auf, die in den achtziger Jahren mit ihren unkonventionellen Methoden die Wall Street aufmischte und Furore machte. Ein Mann aus der Working Class entschied sich, Broker zu werden, machte am ersten Tag nach seiner Zulassung mit dem ganzen Laden Pleite und dealte sich danach aus einem Garagenunternehmen mit Penny Stocks nach ganz oben, bis er den Neid der Konkurrenz und das wachsame Auge des FBI auf sich zog und der kometenhafte Aufstieg in mächtige Turbulenzen geriet.

Im Grunde ist es das, was der Film erzählt. Insofern nichts Neues und kaum der Rede wert, wäre da nicht die Art und Weise, wie es Scorsese erzählt und Leonardo DiCaprio darstellt. Das kongeniale Arrangement zielt mit Präzision und Tempo auf die Psychodynamik der Akteure des Wertpapierhandels, der tatsächlich in den achtziger Jahren einem Wandel unterlag und sich endgültig abkoppelte von einer tendenziell vorliegenden Prognostik für die Entwicklung realer Werte zu einer illusionsgesteuerten Machtphantasie, mit der gehandelt werden kann. In diesen Kreisen geht es um die Macht, und nur um die Macht. Hin und her geschobene Geldwerte bilden nur noch den Schmierstoff für die Beschaffung der Trieb eskalierenden Mittel zur Realisierung der Allmachtsvisionen. Das, was sich in den immer größer werdenden, in immer edler gelegenen Stockmärkten des Jordan Belfort abspielt, ist ein einziges Happening, ein höllisches Gesamtkunstwerk aus Kokain, Alkohol, Psychopharmaka und Prostitution. Belfort, der König der Broker ohne Werte, belohnt seine Krieger mit archaischen Riten des Überflusses und der Verschwendung. Ihre Macht beschränkt sich auf Geld, Rausch und Verfügbarkeit über den Sex, befeuert und immer wieder angetrieben werden sie von einer Rhetorik totalitärer Qualität.

Die routinemäßigen Ansprachen Belforts vor seinen Brokern allein sind es Wert, sich den Film anzusehen. Sie sind in ihrer charismatischen Qualität genial, in ihrer Vernichtung sozialer Werte diabolisch. Er appelliert an den archaischen Instinkt der Macht und ihm gelingt es, aus Hinterhoffuzzis regelrechte Killermaschinen zu machen. Belforts Reden sind Oden an die Kraftzentren der Macht und des Wahns, sie treiben eine koksfüsilierte Horde auf die Expropriationsbeutezüge gegen den solide erwirtschafteten Wert. Grunzend und sabbernd geht die Meute auf die Einfaltspinsel los, die so naiv sind, für ihr Auskommen überhaupt noch zu arbeiten. Und der Wolf wäre kein Artefakt Scorseses, wenn nicht immer wieder Passagen wie Smokestack Lightning von der Urgewalt des bluesigen Howlin‘ Wolf zu hören wären und klirrende Gitarrenriffs den morbiden Tanz um den Heiligen Gral der Börse begleiteten. Nein, das ist nicht abgedroschen, das ist wirklich großes Kino.

Macht, Intrige und tiefe Melancholie

Rom. Die zweite Staffel

Die zweite Staffel der Serie Roms greift den Faden nach Caesars Ermordung auf und führt in die Machtkämpfe, Wirren und Intrigen um die Nachfolge des großen Imperators. Es bilden sich kongeniale Konkurrenzpaare wie Marc Anton und Octavian, deren Gemeinsamkeit mit dem Niedergang des Brutus endet, wie Atia und Cleopatra, die eine eine virtuose Intrigantin, die andere eine trunkene Jongleurin der Macht selbst, aber auch die so unterschiedlichen Freunde Vorenus und Pullo.

Was sich bereits in der ersten Staffel angedeutet hat, wird in der zweiten eine richtige Stärke: Die Fähigkeit, die in den Büchern festgehaltene Weltgeschichte als Problemstellung des Alltags bei den kleinen Leuten erkennen zu können. Die Vorstellung, es gäbe auf der einen Seite die große Bühne der Mächtigen, deren Stück nichts mit dem des gemeinen Volkes zu tun hat, wird nachdrücklich verneint. Die Machtkämpfe und familiären Intrigen einer Atia, die Balance zwischen Eitelkeit und Staatsräson eines Cicero und die Nonchalance eines Marc Anton finden durchaus ihre Entsprechungen in der Berechnung, mit der die Sklavin die Liebe des Pullo zerstört, oder in der Staatsräson, die aus Vorenos Rede zugunsten der Ordnung auf dem Appenin hält oder der Libertinage, der sich die wohl erzogenen Töchter aus dem Quartier hingeben.

Das, was sich die große Geschichte nennt, verliert in der zweiten Staffel immer mehr an Bedeutung, die Niederlage des Brutus oder Mark Antons sind noch Zäsuren, die in der Handlung eine formale Funktion haben, das eigentlichen Sittengemälde des Großen Roms jener Zeit wird auf der Leinwand der Profanität gemalt. Die Wirkung ist stark, denn die Leere Abstraktion mancher Historiographie weicht zugunsten einer strukturalistischen Betrachtung der real existierenden Lebenswelt.

Wir sehen Graffitis an den Wänden der römischen Gassen, die in ihren politischen Aussagen beißender sind als das, was wir heute kennen. Wir erleben Geschäftsabsprachen, die die Modalitäten der Mafia, Camorra oder Ndrangheta vorwegnehmen, am ägyptischen Hof (sic!) bekommen wir in Form von Orgien und Drogenkonsum das zu sehen, was heutzutage oft als spät-römische Dekadenz diffamiert wird. Und wir sehen einen Nachrichtensprecher, der vor dem Forum steht und eine Ahnung davon vermittelt, wie groß die Rolle der Rhetorik war in einer Welt, in der die Botschafter noch nicht entleibt waren durch technische Medien, sprich die Botschaft noch etwas Humanes hatte, und nicht zu einer objektiven Größe ohne Grund mutiert war.

Das alles sind Gaumenschmäuse, die nur ein Vergleich mit tradierten filmischen Darstellungen Roms als historischem Paradigma zulässt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino, weil es dazu anregt, sich großer Geschichte philosophisch zu nähern, mit einem großen Verständnis für die alles beherrschende Rolle des Alltäglichen.