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Es geht keinesfalls um Werte

Wenn die Verharmlosung eines weiteren großen Krieges weiterhin so betrieben wird, dann wird die überforderte Öffentlichkeit bald nicht mehr in der Lage sein, richtig von falsch zu unterscheiden. Das wird wahrscheinlich auch das Ziel derer sein, die auf einen heißen Krieg in Europa hinarbeiten. Und die befürchtete Entwicklung , von der hier gesprochen wird, ist keine Hysterie. Historisch sind die Truppen- und Waffenbewegungen im oberen Feld der Wahrscheinlichkeit tatsächlicher Waffengänge. Da kauft Polen mal eben US-Raketen für 3.8 Milliarden Dollar und stellt sie an Russlands Zaun auf und da verkauft Deutschland einer im ungerechtfertigten Krieg befindliche Türkei weiterhin Waffen, ebenso wie an Saudi Arabien, dass militärisch in hohem Maße für das Elend im Jemen verantwortlich zeichnet. Vieles passt nicht zusammen, ideologische Begründung und tatsächliches Handeln liegen weit auseinander. Da ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu behalten.

Das Muster ist immer dasselbe. Kriegsministerien von der Leyen, die scharf alle militärischen Aktivitäten der Bundeswehr rechtfertigt und so nebenbei angekündigt hat, dass die deutsche Militärpräsenz in Afghanistan noch lange dauern könnte, wird nicht müde, den Aggressor Russland zu kritisieren. Der war ja auch mal als Olympiaausrichter boykottiert worden, weil er in Afghanistan einmarschiert war. Aber das liegt lange zurück und wenige erinnern sich an die Empörung. Und was für andere gilt, hat keinen Wert auf sich selbst bezogen. Außerdem sind die Deutschen nur als Ausbilder dort. Für was auch immer, aber in einem Proporz von 1500 Soldaten auf 30 Ausbilder.

Als selbige Ministerin, die als eines der Top-Sicherheitsrisiken im eigenen Land ausgemacht werden muss, in Mali für eine Erweiterung der deutschen Militärpräsenz warb, fuhr der damalige und wieder berufene Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit ihr noch mächtig in die Parade und sprach davon, man solle keine Soldaten, sondern Lehrer, Ärzte und Ingenieure schicken, wenn man das Land stabilisieren wolle. Aber die Vernunft hat in diesem Konsortium allenfalls die Validität von einer Viertelstunde.

Obwohl der westliche, die Mobilmachung gegen Russland intonierende Chor zumeist einstimmig daher kommt, blitzen zuweilen Dissonanzen auf, die zeigen, wie unterschiedlich die Interessen zuweilen doch sind. Die aber auch zeigen, dass die handelnden Akteure nicht mehr um logische Konsistenz bemüht sind. Sie reden daher, was gerade passt, unberührt davon, ob das noch das Prädikat der Glaubwürdigkeit verdient. Auf deutscher Seite haben wir soeben den Fall der Genehmigung der Erdgasleitung Euro Stream II, die Deutschland mit russischem Gas versorgen soll. Das ärgert wiederum die USA und ihre europäischen Chiwawas, die gerne das amerikanische Flüssiggas importieren wollen, was sich für Deutschland aus quantitativen wie logistischen Gründen als keine Option herausgestellt hat. Dass man am liebsten direkt auch über russische Gasquellen etc. die Regie hätte, scheint bei dem bellizistischen Gebelle kein absurder Gedanke mehr zu sein.

So ist das Leben und so funktioniert das System. Es darf nicht vergessen werden, worum es jeweils geht: Im Kampf um die Vorherrschaft in Nahen Osten geht es momentan vor allem um den Zugriff auf die Gasfelder von Katar. Mit Russland geht es um die größten natürlichen Ressourcendepots des Planeten und in Afghanistan geht es um Seltene Erden und die Brücke zwischen dem Iran und Russland. Es geht um alles, was sich unter dem Strich in Dollar- oder Eurozeichen darstellen lässt. Und es geht keinesfalls um Werte.

Die Kultivierung von Konflikten

Jedes Individuum kennt die Situation, aber auch nahezu jede Organisation und es geht hoch bis zum Staat oder Staatenbündnissen. Irgendwann entsteht ein Konflikt mit einer anderen Partei. Der Konflikt kommt aber nicht gleich zum Ausbruch und wird nicht durch eine einmalige Handlung gelöst. Entweder fällt es den beteiligten Seiten zu schwer, sich in Verhandlungen zu begeben, um die unterschiedlichen Interessen auszugleichen. Oder der Aufwand und die befürchteten Verluste einer gewaltsamen Lösung, ja eines Krieges werden als zu hoch erachtet, um den Konflikt zu beenden. In beiden Fällen bleibt der Dissens, aber man richtet sich auf allen Seiten darauf ein, mit diesem Konflikt, der ein ständiger Missklang bleibt, auf unbestimmte Zeit weiterzuleben. Was bleibt, ist das Versprechen, den Konflikt dann zu lösen, wenn die Verhältnisse es erlauben.

Und so entsteht auf jeder Seite mit der Zeit eine Legende, die alles beinhaltet: die Genese des Konfliktes, seine Ursachen, die Beantwortung der Schuldfrage, die sich immer wieder aufdrängenden Belege der eigenen Deutung und die Liste der Versprechungen darüber, wie und wann und mit welchen Folgen der Konflikt zu den eigenen Gunsten gelöst werden wird. Heute nennt man so etwas ein Narrativ. Nahezu jede Familie weist ein solches Narrativ auf, viele politische Parteien, und immer wieder Staaten und Staatenbünde.

Auffallend ist, dass es gefühlt immer mehr tödliche Konflikte gibt als tatsächlich wie auch immer gelöste. Und auffallend ist auch, dass die Bereitschaft, sie wie auch immer zu lösen, in keinem Verhältnis zu den Schäden steht, die sie auslösen. Es muss also ein Kraft geben, die den Konflikt in etwas verwandelt, das aus einer bestimmten Perspektive Sinn macht und dafür sorgt, dass er weiter schwelt.

Analysiert man vor allem die Befindlichkeiten auf den betroffenen Seiten eines bereits lange andauernden, unversöhnlichen Konfliktes, so lässt sich beobachten, dass die erwähnten Narrative nicht nur Sinn machen, sondern auch für eine große Kohärenz im jeweiligen Lager suchen. Immer wieder versichert man sich der Kompanie, der Solidarität und der Waffenbrüderschaft, immer wieder identifiziert man sich mit den gleichen Symbolen und den gleichen Feindbildern. Und immer wieder wird auch deutlich, dass die Fähigkeit, sich über die Befindlichkeit des Konfliktes hinwegzusetzen und auf die andere Seite zuzugehen mit der Fortdauer der Zelebrierung des Zerwürfnisses tendenziell unwahrscheinlicher wird. Je länger der Konflikt dauert, desto irrationaler wird seine Begründung.

Die große Chance, die in der Auflösung derartiger Konflikte zeitgleich besteht, ist die Beantwortung der Frage nach den tatsächlich noch vorhandenen Ursachen. Oft ist das gar nicht mehr möglich. Manchmal, und das scheint die Ironie der Geschichte zu sein, manchmal ist das deshalb so schwer, weil sich die verfeindeten Parteien mit der Fortdauer des Konfliktes durch ihr eigenes Verhalten angenähert haben. Wie hieß es sich schön in einem der großen politischen Konflikte im 20. Jahrhundert?: Wandel durch Annäherung.

Die Kultivierung von Konflikten hat immer den Vorteil, im eigenen Lager für Kohärenz zu sorgen. Sie führt mit ihrer eigenen Fortdauer zu einer steten Entfernung von den eigentlichen Ursachen. Darin liegt dann die Chance, einen Versuch der Lösung zu unternehmen. Darin liegt aber auch die Gefahr, dass das Irrationale zur Normalität wird. Und diese Gefahr ist groß.

Wenn alles zu zerbrechen droht

Es gibt die Momente. Plötzlich taucht das Unheil auf, wütet, und hinterlässt nichts als Trümmer. Die Generationen, die ihrerseits einen Krieg miterleben mussten, wissen sehr genau, wovon die Rede ist. Sie können sich noch daran erinnern, wie es sich anfühlte, aus der Fabrik, vom Fußballtraining oder aus der Schule zu kommen und auf der Straße zu erfahren, dass der Krieg ausgebrochen war. Da war die alte, zivile Welt auf einen Schlag vernichtet. Und dann, dann kam im Laufe der Zeit noch die Steigerung. Obwohl die Entwicklung immer wieder dazu einlud, sich täuschen zu lassen. Denn zuerst fühlte sich der Krieg noch wie Frieden an, alles ging seinen Gang und irgendwie sah man nichts Schlimmes. Erst mit der Zeit tauchten die ersten Zeugen des heißen Krieges auf, und sie raunten einem, mit ängstlichen Blicken Ausschau haltend, zu, dass man nicht glaube, was sie gesehen hätten. Und dann tauchten die Flugzeuge am Himmel auf, die tonnenweise die Vernichtung abwarfen und die tatsächlichen Trümmer schufen.

Auch wenn wir uns das gerne einreden, die beschriebene Entwicklungslinie ist nicht ausschließlich die der heißen Kriege, sondern sie ist auch sehr oft identifizierbar bei ganz normalen Vorgängen. Handelt es sich nun um Konflikte im Arbeitsfeld, in der Familie, im Verein oder wo auch immer. Irgendwann wird deutlich, dass etwas passiert ist, das die Lager innerhalb einer Gemeinschaft zu spalten in der Lage ist. Und es folgt auf dem Fuß der Schock. Der ist heftig und lässt böse Ahnungen über die Folgen hochkommen. Zumeist stellen sich diese dann aber gar nicht so schnell ein. Auch die mentalen Systeme brauchen Zeit, um sich auf Krieg zu justieren. Ist dieses jedoch geschehen, dann ändert sich vieles im einstigen Miteinander und die Zeit der Vernichtung feiert Triumphe.

Menschen ertragen vieles und in ihrem Leben sind sie immer wieder mit Situationen konfrontiert, die dafür sorgen, dass ad hoc eine Katastrophe befürchtet wird, diese aber dann nicht gleich eintritt und erst später folgt. Oder auch nicht. Das hängt davon ab, wie die Menschen damit umgehen. Oft ist nämlich nicht einmal entscheidend, von wo ursächlich die schlechte Atmosphäre ausging und welches Fehlverhalten zu dem Konflikt führte. Die Frage ist, in welchem psychologischen Umfeld das Ganze zu wirken beginnt. Sollten die Konfliktparteien in der Lage sein, das einzelne Ereignis zugunsten des großen Ganzen auszublenden, dann sind sie auch in der Lage, sich erneut zu arrangieren. Geht es aber um das Festhalten an einer ganz besonderen Sichtweise, die die andere Seite nicht so teilen kann, dann ist der Korridor zu einer dauerhaften Verwerfung offen.

Es ist relativ schnell ersichtlich, in welche Richtung sich Konflikte entwickeln. Sind sie an dem großen Rahmen interessiert, in dem die beteiligten Akteure engagiert sind, dann sind die Aussichten auf eine erneute gemeinsame Lösung durchaus vorhanden. Beharren sie, oder auch nur eine Seite, auf Details oder Spezifika, dann ist der Ausgang so wie bei einem heißen Krieg. Irgendwann bleibt nichts als verbrannte Erde und eine immense Bitterkeit. Und dann fragen sich alle, Beteiligte wie Beobachter, wie es nur so weit kommen konnte.

Ist der große Rahmen in Sicht, darf nichts unterlassen werden, um das Gemeinsame zu retten. Geht es dogmatisch ums Detail, lohnt es sich nicht einmal zu kämpfen, dann ist der schnelle Rückzug eine kluge Entscheidung.