Schlagwort-Archive: Kolonialismus

Zorn und Schuld

Goddamn! Jetzt liegt der Churchill im Bassin! Natürlich nicht er, sondern seine Statue. Der Charismatiker, der es als letzter vermocht hat, das fallende Empire noch einmal zu einen im Kampf gegen Hitlers Großmachtpläne zu stellen. Keep calm and carry on! Mit dem Slogan appellierte er an die Briten, die noch etwas gaben auf ihre Nation. Es ging denen, die er motivieren konnte, nicht um das Empire, es ging um ein Überleben in Selbstbestimmung. Diejenigen, die das längst  untergegangene Empire repräsentierten, sie zählten zu seinen größten Gegnern. Sie hätten, so bezeugen es die historischen Dokumente, lieber mit den Deutschen verhandelt, weil sie nicht mehr an die Widerstandsfähigkeit des eigenen Landes glaubten. Churchill, der große Rhetoriker, hat es vermocht, noch einmal zu mobilisieren. Das Bild, das in den Geschichtsbüchern steht, zeugt von dieser Leistung, aber es zeigt auch rigorose Seiten, wie das Zitat, in dem er nach dem großen Krieg bedeutete, man habe mit den Deutschen das falsche Schwein geschlachtet. Gemeint waren die Russen, sie waren die neue Bedrohung. Imperialismus, Rassismus und Antikommunismus waren in Großbritannien nichts Neues. Das war immer die Grundlage des Empires. Dass das jetzt auffällt, innerhalb der alten Mauern von GB, ist bemerkenswert.

Dass sich die Nachfahren derer, mit denen man weltweit Handel als Arbeitssklaven trieb, deren Länder man entbeinte wie gares Geflügel, dass sich diese Nachfahren jetzt erheben und Hatz auf alles machen, was historisch den Rassismus und Kolonialismus verkörpert, kommt spät. Denn die Zeiten, wo das in dem Ausmaß betrieben wurde, wie es die Figuren, die jetzt vom Sockel fallen symbolisieren, sind aus britischer Sicht lange vorbei. Die ideellen Nachfahren derer, die mit der Peitsche in Indien und mit Opium in China ihre Geschäfte betrieben, sitzen heute in Glas-Stahl-Komplexen und blicken über eine klinisch reine City of London auf den Horizont der Finanzmärkte. Auch sie verwüsten den Planeten, nur eben unsichtbarer und smarter. So ungerecht ist die Welt. Und so geht es weiter. Dass jedoch ein Land, dass den Falkland-Krieg gegen Argentinien noch im euphorischen Blutrausch begleitete, eine Sekunde innehält und die Symbole der alten imperialen Glorie zertrümmert, weil sich andere Nachkommen von Arbeitssklaven jenseits des Atlantiks gegen alltäglichen Terror zur Wehr setzen, verweist auf etwas, das die herrschende Geschichtsschreibung eigentlich nicht vorsieht: das kollektive Gedächtnis.

So, wie es scheint, haben nicht nur Nationen ein kollektives Gedächtnis, sondern multinationale Schicksalsgemeinschaften ebenso. Die Rebellion gegen das Rassisch-Koloniale ist Ausdruck dieses Phänomens und es sendet eine Botschaft, die die erschöpften Eliten des alten Europas wie des neuen Imperiums in Schrecken zu versetzen in der Lage ist. Denn wenn alles, was die Dynamik, den Fortschritt und die Zivilisationen dieser Nationen begleitete, nämlich der Preis, den andere dafür zu bezahlen hatten, irgendwann doch auf der Rechnung erscheint, dann wird es hässlich. Hässlich für die, die die Feder führten bei der Niederschrift der Annalen einer vermeintlich dominanten Zivilisation. Keine Errungenschaft ohne Opfer. Und kein Opfer ohne Preis.

Dass die Angst tief sitzt, zeigten dieser Tage, als der überschwere Churchill vom Sockel stürzte, Bilder aus dem überseeischen New York. Dort, in Manhattan, hatten die Eigentümer der großen, etablierten, glänzenden Geschäfte ihre Auslagen in Sicherheit gebracht und alles vernagelt. Die Angst ist berechtigt und sie zeigt, dass nicht nur die, die jetzt aufbegehren, sondern auch die, die sich davor fürchten, in ihrem kollektiven Gedächtnis auch die Seiten aufbewahrt haben, die in den offiziellen Geschichtsbüchern nicht stehen und die zu der dunkeln Seite ihrer Zivilisation gehören. So, wie es aussieht, stehen in den Bilanzen, um die es gerade geht, nicht Soll und Haben, sondern Zorn und Schuld.   

Wir sind alle Mörder!

Was bedeutet es, wenn das Elend, je weiter es von der betrachtenden Person entfernt ist, besonders berührt? Der darbende und entrechtete Mensch in der Ferne weckt tiefe Gefühle, während die Not vor der Haustür eisige Kälte erzeugt. Welcher Art sind die Handlungen, die aus einer solchen Absurdität erwachsen, oder, besser gefragt, welche Verhältnisse stecken dahinter?Was macht den Menschen so erratisch, dass er sich als sozial empfindet, wenn er die Vorgänge, die Not erzeugen, kaum beeinflussen kann? Und warum ist er imprägniert gegen Bedürftigkeit, wenn er sie förmlich riechen müsste? Das Phänomen, diese Beobachtung kommt verschärfend hinzu, ist nicht das Krankenbild vereinzelter Individuen, sondern ein Massenphänomen vor allem der deutschen Gesellschaft. Zumindest könnte man, quasi als mildernden Umstand gelten lassen, dass es überhaupt noch eine Regung gibt, die als soziales Gewissen klassifiziert werden könnte. Nur, und das ist wiederum ein belastender Umstand, nur weh tun darf es nicht.

Um eine steile These voranzuschicken: Das Verschwinden der Arbeiterklasse, zumindest als politisch handelndes Subjekt, hat dazu geführt, dass das, was als eine Opposition von unten bezeichnet werden könnte, nicht mehr vorhanden ist. Was blieb, ist eine aus der vor einem halben Jahrhundert stattgefundenen Jugendrevolte hervorgegangene Mittelschicht, die sich düster an ihre Anfänge erinnert, aber wirtschaftlich wie politisch nicht mehr agiert, sondern ihre posttraumatischen Schimären durch das Feuilleton jagt. und eine aus diesem sozialen Orkus hervorgegangener Brei politisch Unbewusster, die allen Ernstes glauben, sie könnten durch ihr Konsumverhalten die Welt ändern. 

Was bleibt, sind die, die unter dem Tisch liegen geblieben sind. Als Prekariat verhöhnt, sind es die, die das Gefühl des Hungers, das der Obdachlosigkeit und das der Würdelosigkeit sehr gut kennen, was den oben Beschriebenen nur aus Büchern bekannt ist. Zur Beruhigung aller, die an dem konservierten Stillstand verzweifeln, kann die statistische Gewissheit übermittelt werden, dass die Anzahl derer, die als sozialer Untergrund am besten bezeichnet werden, rapide steigt. Wer das nicht glauben mag, sehe sich die französischen Zustände an. Das, was dort an Widerstand gegen den Krieg des smarten Macron gegen die arbeitende Bevölkerung entstanden ist, kam von eben jenem sozialen Untergrund. Und wir wissen, warum wir davon so wenig gehört haben in der Öffentlichkeit. Diejenigen, die diesen Echoraum gestalten, fürchten einen Aufstand, wie er von den Gelbwesten begonnen wurde, wie den Tod. Und, ehrlich gesagt, das sollten sie auch.

Denn außer dem sozialen Untergrund scheint es keine politisch relevante Kraft mehr zu geben, die eine erfolgreich Veränderung bewirken könnte. Der Rest ist beteiligt an dem gewissenlosen Ausplündern der restlichen Welt. Im Monat März, so sagt man, hat die Bundesrepublik Deutschland jedes Jahr ihren Anteil an der weltweiten Verpestung verbraucht, wenn man so rechnen wollte. Alles, was danach kommt, geht auf Kosten anderer. Und die smarten Protestler gegen dieses Phänomen laufen mit Smartphones herum oder skaten mit E-Rollern durch die Städte, zu deren Funktion und Antrieb Kinder in anderen Regionen der Welt in Kobalt- und Litium-Minen getrieben werden und um die bereits dreckige Kriege geführt wurden. Geht es noch? Diese Kohorte wagt es, von Werten zu schwadronieren und sich über das Unrecht in der Welt zu beklagen? Nein, das geht nicht mehr. Aus der Sicht derer, auf deren Zukunft die ästhetisch anmutenden Konsumdiskussionen stattfinden, wird jedes Verbrechen, das begangen wird, ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Da wird nichts mehr getilgt werden können. Das Spiel ist irgendwann aus. Alles kommt zurück. Frag sich nur, wann. Die Zeit, sich mit Alibis zu exkulpieren, ist abgelaufen.

Jean Paul Sartre, der viel Geschmähte, sei, weil er Franzose war, doch noch einmal zitiert. In Bezug auf sein eigenes Land und dessen Kolonialismus hatte er immer wieder entlarvt, wie sich das System des Kolonialismus, der Entmündigung und Ausbeutung Dritter, zu einem greifbaren Massenphänomen in dem kolonisierenden Land auswächst. Sartre kam zu dem schlichten Fazit: Wir sind alle Mörder!