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Die Komplexität unserer Welt in einer einfachen Geschichte erfasst!

Jenny Erpenbeck, Gehen, Ging, Gegangen

Ich hatte mich, wieder einmal gewundert. Kaum hatte ich gelesen, dass man in den USA von einer gewissen Jenny Erpenbeck, einer Deutschen, als der vielleicht nächsten Nobelpreisträgerin für Literatur lesen konnte, flammte die Meldung auf, dass Besagte den diesjährigen Booker Prize in London bereits bekommen hatte. Zusammen mit Michael Hoffman, dem Übersetzer ins Englische. Der Roman, für den sie prämiert wurde, ist der mit dem Titel „Kairos“. Da hatte ich mir schon ein anderes Werk von Erpenbeck gekauft und zu lesen begonnen. Dabei handelt es sich um den Roman „Gehen, Ging, Gegangen.“ Und der hatte mich nach wenigen Seiten bereits in seinen Bann gezogen.

Worum es geht? Um die Geschichte der Migration in unseren Tagen. Um Menschen, die Not und Mord und entsetzlicher Armut entflohen sind. Die irgendwann, nach wahrhaftigen Irrfahrten mit vielen Toten, hier aufschlagen. In den Metropolen von reichen Staaten mit einem bürokratisierten  Gemeinwesen. Und es geht um Menschen von hier, die auch Reisen hinter sich haben. Weniger geographisch, aber geschichtlich und ebenso kulturell. Zum Beispiel von der DDR zur vergrößerten BRD. Die vieles haben genießen können, aber bei den immensen Veränderungen vielleicht auch ihre eigene, vorherige Identität vergessen haben.

In einer klugen Inszenierung treffen diese Welten in dem Roman aufeinander. Die einen kämpfen um Verständnis. Nicht nur für sich, sondern auch getragen von dem Willen, die Welt verstehen zu wollen, in die sie gekommen sind. Und da bietet sich ein Übersetzer an, der, cum grano salis, eine ähnliche Reise bereits hinter sich hat. Sein Vorteil besteht darin, dass er den Neuankömmlingen, für die er sich interessiert, Fragen stellt, die einfach sind, die auf der Hand liegen, und die von denen, die sich als die Statthalter dieser Welt, für die Berlin eine wunderbare Metapher darstellt, begreifen, die sich aber so schwer tun, sie zu beantworten. Warum? Weil sie den Perspektivenwechsel nicht gewohnt sind. Ihr Ausguck auf die Welt scheint betoniert und unberührt von den Stößen zu sein, von denen das Mobile des Globus in Bewegung gehalten wird.

Mit einem scheinbaren Alltagsproblem, das durchaus strukturell ist und das so viele Gemüter erhitzt, gelingt es Jenny Erpenbeck, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Überheblichkeit, sondern anhand eines sich immer weiter entwickelnden Fragebogens, die Statik der Betrachtung freizulegen und als ein Problem darzustellen, dessen Lösung aussteht. Alle Beteiligten ihrer Geschichte geben ihr Bestes, um einander zu verstehen, um einender zu helfen oder um sich oder das mit der Präsenz der Ungebetenen auftauchende Problem zu ignorieren. Der Weg, den sie beschreiten, ist gepflastert mit vielen Steinen tiefer Menschlichkeit und feiner Gesinnung, aber auch mit abgründiger Enttäuschung und Verzweiflung.

„Gehen, Ging, Gegangen“ ist ein Roman, der die Komplexität unserer Welt mit einer einfachen Geschichte erfasst, der die deutsche Sprache in ihrer subtilen Dimension zur Geltung bringt und der anhand der so schlauen wie einfachen Fragen, die er aufwirft, mehr ist als nur Romanlektüre. Da ist eine große Schriftstellerin, deren Qualität im eigenen Land noch nicht so richtig zur Würdigung gelangte. Das nächste Buch von ihr liegt bereits auf dem Tisch.

“We have“!?

Da war es und schimmerte auf wie ein freudiges Ereignis aus längst vergangenen Zeiten. Es zeigte mir, wie schnell und unwiederbringlich der falsche Weg eingeschlagen ist. Da spielt dann das, auf was man sich beruft, gar keine Rolle mehr und es überwiegt eine Eigendynamik, die rapide das angenommene Selbstbildnis zu einer Fratze entstellt. Doch eins nach dem anderen! Die, nicht umsonst im eigenen Land spärlich beachtete Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, die momentan durch den ihr in London zugesprochenen International Bookerprize etwas mehr in den Fokus geraten ist, wurde bereits vor einiger Zeit in der New York Times gewürdigt. Und wie nannte man sie dort? „Erpenbeck is among the most sophisticated and powerful novelists we have.“ Was mir gleich ins Auge stach und sich nicht auf die lobenden Attribute bezog, war das „we have“! Es drückte eine Zugehörigkeit aus, die man in New York, in den Vereinigten Staaten, zu einer deutschen Schriftstellerin aussprach. Das war das, was an Zeiten erinnerte, in denen es positive Identifikationen gab. Mit Kultur, Literatur, Musik, mit Sport, mit technischen Errungenschaften, mit Liberalität. 

Es mutet an wie eine Totenklage, dass eine derartige Formulierung so etwas auslöst wie ein retrospektives Glücksgefühl. Als Gemeinsamkeit noch formuliert wurde als etwas Positives, das im Bereich der menschlichen Kreativität liegt. Gesellschaften, bis hin zu Hemisphären, die zu so etwas in der Lage sind, haben nicht nur einen Status von hoher Attraktivität, auch für andere, sondern sie können auch von sich behaupten, eine gute Zukunftsprognose zu haben. Denn wenn Wettstreit als ein Metier beschrieben wird, in dem die Gemeinschaft gewinnt, dann ist vieles möglich.

Wie spröde und dürr wirken dagegen die Zeiten, in die wir herab geglitten sind. In denen exklusiv die Feindbilder regieren. In denen niemand von denen, die die offiziellen Texte sprechen, darüber reden können, was gelingt, was fasziniert und was das Leben lebenswert macht. Stattdessen werden Dystopien beschrieben, werden Register menschlicher Untaten erstellt, wird dem Belzebub das Gesicht des Fremden gegeben. Der Preis für diese Abgleitung ins Negative ist die wachsende Unmöglichkeit, das Gelungene hervorzuheben. Immer mehr misslingt im eigenen Verantwortungsbereich, stattdessen werden zunehmend Parolen geschrien, die die eigene Überlegenheit anpreisen. Nur Beispiele, wo und durch wen das gelingt, Beispiele werden nicht mehr gefunden. Und, wie es so ist, wenn nur noch reklamiert, aber nichts geliefert wird, die Stimmung im eigenen Ressort wird immer schlechter und die Betrachter von außen schauen nicht mehr fasziniert, sondern zunehmend verständnislos und angewidert auf das Schauspiel, das ihnen geboten wird. 

Ich kann mich nicht daran erinnern, eine Formulierung, die der aus der New York Times gleichkäme, in den Journalen aus dem in Rage geratenen Germanistan in den letzten Jahren gelesen zu haben. Der Abgrund, dem Nietzsche die Fähigkeit zuschrieb, auch in die zurückschauen zu können, die auf ihn hinunterblicken, hat dieses bereits getan. Die Faszination, die Attraktion, die von etwas ausgehen könnte, das kritisch, kreativ, verstehend und Fragen stellend Möglichkeiten beschriebe und Perspektiven aufzeigte, ist dahin. Mediokre Schreihälse reklamieren in unsäglicher Banalität eine Überlegenheit, die es nicht mehr gibt. Das „we have“ ist in weiter Ferne.