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Chiffrierte Realität

Manfred Zach. MONREPOS oder Die Kälte der Macht.

Macht es Sinn, einen Roman zu lesen, der gar keiner ist? Ein Buch, das vor einem Vierteljahrhundert erschien und sich mit tagespolitischen Ereignissen beschäftigt, die längst etwas für die Geschichtsbücher sind? Einen Autor, der sich aus der Welt, die er geschildert hat, konsequent verabschiedet hat? Die Antwortet lautet: Ja! 

Manfred Zach war nicht irgendwer, sondern Pressesprecher des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Späth. Also einem Politiker, der wie kein anderer den Übergang vom Honoratiorenpolitiker zum Manager versinnbildlichte, mit sehr viel Licht, und mit ebenso viel Schatten. Zach kam als junger Jurist und Beamter des Höheren Dienst auf eigenen Wunsch in den Verwaltungsapparat des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger, bei dem er schon bald reüssierte. Nach dessen Sturz über seine Vergangenheit als Marinestabsrichter arbeitete er unter seinem Nachfolger, Lothar Späth, als Pressesprecher, Redenschreiber und Buchautor. Zwölf Jahre später, als Späth nach dem missglückten Putsch gegen den damaligen Kanzler und Bundesvorsitzenden der CDU, Helmut Kohl, nach Parteispenden und zahlreichen von Industriellen gesponserten Reisen und Flugdiensten strauchelte, quittierte Zach seinen Dienst und verschwand. Wenige Jahre später erschien sein Buch „MONREPOS oder Die Kälte der Macht“.

Das als Roman klassifizierte Buch stellt sich bereits nach wenigen Seiten der Lektüre als etwas anderes heraus. Es handelt sich um einen Bericht chiffrierter Realität. Nichts, was auf den 495 Seiten berichtet wird, ist von der von Zach erlebten Realität in der präsidialen Schaltzentrale der Macht zu trennen. Alles lässt sich belegen, nur die Personen werden nicht bei ihrem eigenen Namen genannt, sondern laufen unter Chiffren. Da heißt der Ministerpräsident Filbinger dann Breisinger, aus Lothar Späth wird ein Oskar Specht und aus dem schillernden Minister für Kultus- und Sport, Mayer-Vorfelder, wird ein Herr Müller-Prellwitz. Zach hat sie alle erlebt und er war mittendrin. 

Was das Buch, das am besten als Erzählung, basierend auf einem chiffrierten Bericht klassifiziert werden kann, auszeichnet, sind gleich mehrere Qualitäten. Sprachlich auf hohem Niveau, vereint es Faktisches mit gelungenen Metaphern, gelingt es, komplizierte politische Zusammenhänge in ihrer Verwobenheit mit den Persönlichkeiten der handelnden Personen zu schildern und trotz der eigenen, persönlich durchaus intensiven Erfahrung des Autors, vermag er es, die notwendige Distanz des Erzählers zu wahren, was verhindert, dass das Buch den bitteren Beigeschmack einer  Abrechnung bekäme.

Exzellent sind die Typologien derer beschrieben, die das Tagesgeschäft ministerialer Arbeit ausmachen. Da sind die Beamten, deren Horizont sich auf rechtliche Absicherung und Zuständigkeitsabgrenzung erstreckt. Da sind die Taktierer, die ausschließlich mit der Macht gehen. Da sind die Ehrgeizigen, deren Fokus auf tatsächliche politische Wirkung gerichtet ist. Da sind die vielen Fleißigen, die niemand sieht und von denen keiner spricht. Und da sind die Karrierebürokraten, die ihrerseits von allem etwas mitbringen, sich tatsächlich aufreiben, aber den politischen Auftrag mit dem Tag ihrer Ernennung nicht mehr so richtig auf dem Schirm haben. Und im Zentrum eben jener Oskar Specht, der als der Prototyp des Wandels hin zu den Politikern, die heute die Mehrheit ausmachen, bezeichnet werden kann. Ein rhetorisch begabter Kommunikator, ein Entfacher neuer Programme, ein ständiger Unruheherd in den gesetzten Strukturen, dem es letztendlich um die Selbstinszenierung geht und der außer zu sich selbst niemandem gegenüber loyal ist.

Mir ging es bei der Lektüre so, dass ich zunächst versuchte, mich an die beschriebene Vergangenheit zu erinnern, dann aber mich immer öfter dabei ertappte, das so vorzüglich Geschilderte mit den Akteuren und der Politik von heute zu synchronisieren. Da kam keine Langeweile auf. Glauben Sie mir!

CDU: Opfer der eigenen Erzählung

Kennen Sie das? Da erzählt jemand eine Geschichte, packend, mit Witz und ernsten Passagen. Sie reißt so richtig mit, und alle, die sie hören, wissen, dass sie nicht so ganz stimmt, dass da bestimmte Sachen ignoriert und andere überbetont werden. Aber alle finden die Geschichte so toll, dass sie das beiseite lassen. Denn sie möchten, dass die Geschichte tatsächlich so gewesen ist, wie sie gerade erzählt wird. Und deshalb halten alle auch an dieser Version fest. Immer wieder wird sie erzählt, bis, ja, bis fast alle glauben, dass die Version, die erzählt wird, sich mit der historischen Wahrheit deckt. Und wenn es das Schicksal will, dann kommt irgendwann, zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn er ist in einem solchen Fall immer ungünstig, dann kommt die Wahrheit zutage und zerstört die allseits so geliebte Geschichte, die man sich bei jeder Gelegenheit erzählt hat. Das Mindeste, was dann dahin ist, ist die eigene Glaubwürdigkeit. Für menschliche Wesen eine ganz gefährliche, existenzbedrohende Angelegenheit.

Wer hätte je gedacht, dass es ausgerechnet die CDU einmal ereilen würde! Sie, die sich selbst immer als die Mitte der Gesellschaft definiert hat. Sie, die stets bei politischen Gegnern sehr schnell von Rändern sprach und dazu immer eine Theorie parat hatte, nämlich die des Totalitarismus. Rechts wie links agierten die Feinde der Demokratie und die CDU war die große Kraft des Maßes und der Integration. Und die anderen, in deren Gesellschaft man schnell kommen konnte, wenn man sich nicht der CDU anschloss, die anderen konnten im Handumdrehen zu Feinden der Demokratie abgestempelt werden, wenn sie unbedacht handelten.

Und nun, ausgerechnet in einer ohnehin schon turbulenten Zeit, kommen genau die Fakten wieder hoch, die in dem Narrativ der Partei nie eine Rolle gespielt haben. Denn die Funktionseliten, die in jeder Partei, in der sehr viel organisiert werden muss, eine dominante Rolle spielen, diese so genannten Funktionseliten stammten historisch gleich mehrmals aus dem Arsenal des Totalitarismus. Die erste Welle kam nach dem Krieg in die West-CDU und spielten eine dominante Rolle. Hans Globke, Mitverfasser der Rassegesetze, Kurt-Georg Kiesinger, antisemitischer Propagandist im Rundfunk des Außenamtes, Hans Filbinger, Marinestabsrichter; Kanzlerberater, Kanzler und Ministerpräsident, sie hatten das Parteiabzeichen der NSDAP getragen, waren dort in mächtigen Positionen und wurden zu Markenzeichen der Nachkriegspartei der Mitte. Eine Aufarbeitung dieser Geschichte fand nie statt, weil sie in dem Narrativ, das alle so lieben, nie vorkam.

Und hätte eine Partei nicht genug mit dem Totalitarismus einer Generation zu tun, bei der großen Stunde der Wiedervereinigung wurde die komplette Ost-CDU, ihrerseits in der indigenen Bevölkerung des inhalierten Gebietes auch gerne als Blockflöten tituliert, mit einem kräftigen Zug einverleibt. Auch deren kooperative Ausmaße mit dem SED-Regime wurden nie erwähnt, auch das fand in der Erzählung, die alle so gerne hören, nie statt. Und was nicht stattfand, muss bekanntlich nicht aufgearbeitet werden. 

Umso emsiger wird aus den Reihen der großen Totalitär-Kontingente der Vorwurf gegen alle anderen laut formuliert. Nahezu grotesk mutet es an, wenn ausgerechnet diese Partei der Linken vorwirft, sie verkörpere den Totalitarismus der einstigen DDR. Ehrlich gesagt, im Vergleich zur CDU hat die Linke unerbittlich und schmerzhaft über die eigene Geschichte nachgedacht und ihre Schlüsse gezogen. Es heißt nicht, dass sie nicht so manchen Reflex noch pflegte, der aus den alten Tagen stammt. Aber, auch personell, lassen sich keine Parallelen zur CDU, bei der nahezu flächendeckend die kompletten Organisationseinheiten umgewidmet wurden und über Nacht die Absolution erhielten. Und wer die hat, der hält besser die Schnauze, wie es so treffend heißt. 

Die schöne und so gerne erzählte Geschichte von der Mitte ist leider auserzählt. Es sind Zeiten für Menschen mit guten Nerven!