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Nur ohne die schöne neue Welt!

Die Radikalisierung der Politik hin zu dem, was unzutreffend Populismus genannt wird, ist eine Erkenntnis, die zu einer gewissen Genugtuung führen müsste. Genugtuung ist allerdings keine Qualität, die in der Bewertung politischer Tendenzen ein Motiv sein sollte. Was dennoch in einen positiven Kontext passt, ist die weltweite Abwendung von großen Bevölkerungsteilen von den großen Mythen des Wirtschaftsliberalismus, die im letzten Vierteljahrhundert unangefochten in die globalisierte Welt hinausposaunt wurden und die im wesentlichen die Politik bestimmt haben. Die Litanei ist bekannt: Der Markt wird es richten, je weniger Staat desto besser, Privatisierung von allem, was nötig ist, Senkung von Steuern, De-Regulierung, De-Regulierung, De-Regulierung.

Das Mantra der radikalsten Form des Kapitalismus hatte sich nach der Auflösung der bipolaren Welt mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in alle politischen Parteien geschlichen und selbst die sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien der westlichen Welt brauchten nicht lange, um auf den Trip des Wirtschaftsliberalismus zu kommen. Nun, nachdem die Pflöcke dieser Doktrin in den meisten Gesellschaften eingeschlagen sind, wird die Kontur dieser schlichten Architektur immer mehr Menschen bewusst.

Es gehört nicht viel dazu, sie zu identifizieren, denn das Rezept ist so einfach, dass seine lange Faszinationsphase schockiert. Es geht schlichtweg darum, dass der Prozess der Bereicherung von wenigen Individuen staatlich begünstigt wird. Die kometenhafte Anhäufung von Reichtum korrespondiert mit der massenhaften Verarmung auf der andren Seite. Diese Tendenz kann immer weniger von den Gemeinwesen abgefedert werden, weil diese gleichzeitige demontiert wurden.

Und nun, nach dem das alles sichtbar wird, ist es zum ersten nicht verwunderlich, dass alle politischen Kräfte, die an diesem Prozess der Flankierung des Krieges von Reich gegen Arm beteiligt waren, in den Augen der Verlierer desavouiert sind. Dieses Mindestmaß an Intelligenz sollten die Beteiligten dem Volk schon noch zugestehen. Wenn man sich die rätselvollen Gesichter mancher aus dem politischen Geschäft ansieht, wie sie sich die Abwendung von den Parteien der Globalisierung erklären, dann ist zu erkennen, dass dieser Grundrespekt vor den Wählerinnen und Wählern fehlt. Sie halten sie anscheinend für so dumm, dass sie den Wirkungszusammenhänge zwischen ihrer Politik und der eigenen Marginalisierung nicht erkennen. Tun sie aber doch.

Dass sich das Vertrauen der Enttäuschten zunächst den Vereinfachern und Propagandisten zuwendet, die mit einem bewussten Affront gegen auch die positiven Werte einer pazifistischen Weltkultur auftreten, gehört zum Geschäft des Schocks, den viele für nötig halten. Das wirklich Positive an dieser weltweit zu beobachtbaren Tendenz ist die Abwendung von der Ideologie der grenzenlosen Bereicherung und der Zerstörung von Staaten und Politik. Die Chance, die sich aus dieser Tendenz ergibt, zu nutzen, liegt an denen, die tatsächlich an einer grundlegenden Veränderung interessiert sind.

Es wäre falsch zu sagen, dass auch für die politischen Kräfte, die zumindest zum Teil dieser irrsinnigen Politik der Vernichtung öffentlichen Gutes gefolgt sind und an der Erosion politischen Bewusstseins beteiligt waren, die Möglichkeiten ausgereizt sind. Doch eine politische Alternative, die dem Wirtschaftsliberalismus den Kampf ansagt, muss sich deutlich durch ihr Handeln auszeichnen. Es existieren genug Kräfte, die sich dieser Programmatik zugehörig fühlen und sich nicht mit der welken Rhetorik der nationalistischen und neofaschistischen Hetzredner anfreunden können. Diese haben derzeit allerdings ein Gefolge, weil sich bis dato keine Kritiker von Format an den bestehenden Zuständen profiliert haben. Das ist jetzt deren Stunde. Wer allerdings glaubt, die bestehenden Zustände schönreden und gleichzeitig den Protest neutralisieren zu können, der ist auf dem berühmten Holzweg.

Die Globalisierung stößt das Tor nach Europa auf

Es ist einfach. Und es ist plausibel. Dennoch tut sich ein ganzer Kontinent furchtbar schwer damit. Als alles noch so war, wie es scheinbar immer war, da war die Welt Europas noch in Ordnung. Als die Züge in die weite Welt von Europa ausgingen und sie in die entlegensten Winkel dieser Welt führten, um danach wieder zurückzukehren, wenn möglich wie in dem berühmten Refrain beschrieben, schwer mit den Schätzen des Orients beladen. Die Entdeckung der Welt war die Kolonisierung derselben von Europa aus. Die Europäer bereisten die Welt und kehrten bereichert nach Europa zurück. Das gefiel. Und so hätte es bleiben können. Zumindest aus Sicht der Europäer. Aber so ist es nicht geblieben. Deshalb herrscht jetzt Chaos. In Europa.

Man kann das ja auch einmal anders sehen. Aus Sicht der fälschlich als Indianer bezeichneten Ureinwohner Amerikas, aus Sicht der Aborigines oder Papua, aus Sicht der Zulu. Für sie war das, was als Periode der langanhaltenden Globalisierung in die Geschichte eingegangen ist, keine Reise in die weite Welt, sondern eine Heimsuchung. Sie kamen von irgendwo, diese Langnasen, sie ergriffen Besitz von ihrem Land und sie gingen nicht mehr fort. Die, die heimgesucht wurden, hatten sich zu arrangieren mit den Neuen, die anders sprachen, die andere Sitten hatten und die sich nicht anpassten an die Umgangsformen ihrer Gastgeber.

Nun, spätestens im 21. Jahrhundert, ist aus der globalen Kolonisation endlich eine Globalisierung geworden. Die Reiseströme sind keine Einbahnstraßen mehr. Vorbei die Standorte, von wo die Reise ausgeht und wohin sie, bereichert, wieder führt. Sondern es geht drunter und drüber, auch Europa ist ein Ziel geworden, massenhaft, von Menschen, die andere Sprachen sprechen, andere Sitten haben und nur bedingt gewillt sind, die Umgangsformen derer anzunehmen, als deren Gäste sie sich vielleicht fühlen. Willkommen! Die Welt hat das Tor der Globalisierung nach Europa aufgestoßen!

Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler hatten die von Europa ausgehende technische Modernisierung der Welt und die Reaktion auf sie in den heimgesuchten Kulturen so vortrefflich beschrieben. Die Ängste, die vorhanden seien gegenüber dem Neuen, die psychische Überforderung der großen, ungebildeten Massen und ihre Neigung, dem Reflex eines anachronistischen Fundamentalismus zu folgen. Das war alles so logisch abgeleitet, und wer, mit einem aufgeklärten Hintergrund, wollte diesem Deutungsmuster nicht folgen?

Ach Europa, wie es einmal so schön hieß, wie menschlich bist du doch geworden, angesichts der tatsächlichen Durchsetzung der Globalisierung. Jetzt, wo du auch heimgesucht wirst von Besuchern aus anderen Teilen der Welt, da sind politische Muster auf deiner Landkarte identifizierbar, die doch nur in den unterentwickelten Regionen dieser Welt bekannt waren. Da wären, sofern sie unbestechlich wären, die Urteile der Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler gefragt, die erklären könnten, warum die hier psychisch überforderten, ungebildeten Massen plötzlich wie die Wilden irgendwelchen atavistischen Predigern folgten, die einem anachronistischen Fundamentalismus huldigten.

Ja, der europäische Fundamentalismus, welcher auf die weltwirtschaftliche Modernisierungswelle im XX. Jahrhundert folgte, lief unter der Maske des Faschismus durch die Nacht. Der Durchbruch der Globalisierung nach Europa verursacht gerade wieder einen Fundamentalismus, der, analog zu seinem Vorläufer, die Tatsachen der neuen Geschichte mit den Ordnungsprinzipien der gerade zerstörten Welt bändigen will. Illusionärer geht es nicht. Menschlich verständlich ist es schon. Aber es führt trotzdem nicht weiter.

Von den Schlachthöfen Chicagos zum iPad auf dem Balkon

Der erste Mai als institutionalisierter Kampftag der Arbeiterklasse war bereits Ausdruck der Stärke derer, die sich für das Recht auf Arbeit und auf die Rechte derer, die arbeiten, gleichsam einsetzten. Vor allem die europäische Arbeiterklasse in den Industriehochburgen war eine Macht, an der sich nicht mehr vorbei agieren ließ. Zumindest nicht wirtschaftlich. In den entscheidenden historischen Momenten blieb die große politische Qualität aus, die Parteien, die eng mit den Arbeitergewerkschaften liiert waren, ließen sich im Kampf der Imperialismen gegeneinander ausspielen. Aber die wirtschaftliche Macht blieb bis zu den ersten massiven Krisen des Industrialismus erhalten.

Vor allem die letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben die Welt der Arbeit massiv verändert. Das, was unter den Begriffen von Digitalisierung und Globalisierung verstanden wird, hat die Grundform von Lohnarbeit und Kapital nicht abgeschafft. Immer noch existieren die Besitzer von Produktionsmitteln und immer noch gibt es die Armee derer, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und dieses auch tun. Was sich in exponierter Form in der Welt der Arbeit verändert hat, ist ihr Wandel vom fassbaren kollektiver Charakter zum gefühlten Individualismus und in vielen Fällen hat sich die erfahrbare Gegenständlichkeit der Arbeit verabschiedet. Es müssen nicht mehr alle, die an ein und demselben Produktionsprozess beteiligt sind, dieses in ein und demselben Gebäude verrichten. Und es wird immer schwieriger, die Komplexität des Gesamtzusammenhangs auch der Perspektive der Interessen derer, die daran beteiligt sind, zu identifizieren.

Vor allem seit der Jahrtausendwende liegen gesicherte und massenhafte Erkenntnisse darüber vor, was die digitalisierte und globalisierte Arbeit ohne eine neue Form der Interessenvertretung derer, die sie vollziehen, bewirkt. Die Möglichkeit, den tatsächlichen Anteil des Individuums am Prozess der Wertschöpfung zu ermitteln, wird immer geringer und der Prozess der Entfremdung, d.h. der Sinn- und Identitätsverlust im Prozess der Arbeit wird signifikant größer, was sich an der Explosion psychosomatischer Erkrankungen zeigt. Zudem hat die Verteilung des Reichtums eine Dimension angenommen, die vor wenigen Jahrzehnten noch dem Genre des Science Fiction zugeschrieben worden wäre. Das stehen sich die diplomierten jungen Armen in der Kreativwirtschaft und die börsennotierten ehemaligen Startups von Facebook, Paypal und Google brutal gegenüber.

Die Notwendigkeit der Organisation von Arbeit aus der Perspektive ihrer klassischen Interessen ist größer denn je. Das, was als die große Stunde des Individualismus und der Unabhängigkeit verkauft wird, entpuppt sich ökonomisch noch jedesmal als ein ungleicher Kampf um die Durchsetzung der Interessen. Die Schimäre der individuellen Freiheit im Kontext der digitalisierten Wertschöpfung ist das erste, was in einem solchen Prozess der Neuorientierung zerstört werden muss. Jede Form der Wertschöpfung hat bis dato immer noch die Möglichkeit in sich getragen, den Anteil der Arbeit am Prozess der Wertschöpfung zu quantifizieren. Zwar existieren Zeiterfassungssysteme, aber es existieren keine synchronisierten Systeme hinsichtlich der Entstehungsgeschichte und der Wertanteile von extrem arbeitsteiligen Produkten.

Die entscheidende Frage ist nicht die mangelnde technische Möglichkeit, den modernen Formen der Arbeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Die entscheidende Frage ist das Bewusstsein derer, die sich ihrerseits als Anbieter von Arbeit in dem Wertschöpfungsprozess befinden. Fühlen sie sich wie freie Unternehmerinnen oder Unternehmer, auch wenn sie 60 Stunden in der Woche arbeiten zu einem Entgelt, das jeder tatsächlichen Relation spottet oder begreifen sie sich als Mitglieder eines Kollektivs, dass der nahezu absoluten Dominanz entgegensteht? Wann beginnen diese Menschen Apps zu programmieren, die die Interessen der Arbeit vergegenständlichen? Es sei die These erlaubt: Alle Malaisen dieser unbefriedigenden Welt resultieren aus dem Rückgang der Interessenvertretung der tatsächlich Produktiven.