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USA, Europa, wie das Kaninchen vor der Schlange?

Die Zustände werden durchaus treffend beschrieben. Da ist von einer tief gespaltenen Gesellschaft die Rede. Auf der einen Seite die Verlierer, zumeist Arbeitslose, die ihren Job aufgrund der Globalisierung verloren haben. Oder solche, die sich dem Mittelstand zugehörig empfunden und dann alles in der großen Immobilen- und Finanzkrise verloren haben. Auf der anderen Seite diejenigen, die sich Nischen suchen konnten im Rahmen der Liberalisierung des Rechts- und damit des Gesellschaftssystems. Die Kreativen, wie sie gerne genannt werden, die eine tolerante Atmosphäre brauchen wie die Luft zum Atmen. Und dann natürlich die richtigen Gewinner, die durch Lobbyismus ihre Interessen immer durchgesetzt, die die wertschöpfende Arbeit im Rahmen der Globalisierung in ferne Länder exportiert haben.

Und dann, dann existieren noch die lokalen Unterschiede, die auf den sozialen basieren und noch mehr als alles andere verdeutlichen, wie sehr die Gesellschaft gespalten ist. Wer Detroit oder den Rust Belt von Philadelphia gesehen hat, der weiß, dass Industriepolitik verheerender als Kriege wirken kann. Dort ist die Hoffnung dahin, dort sterben Jugendliche, bevor sie erwachsen sind, im Krieg auf den Straßen. Und, auf der anderen Seite, in Palm Beach, da residieren diejenigen, die zu dem einen Prozent gehören, denen die Hälfte der amerikanischen Werte gehören. Welches Königreich der Vergangenheit, so möchte man fragen, hat die sozialen Unterschiede so auf die Spitze getrieben wie die sich im imperialen Zustand befindliche älteste Demokratie der Moderne?

Bevor dass alte Europa die Nase rümpft, sollte es bestimmte Entwicklungen, die auch auf diesem Kontinent bereits zu verzeichnen sind, nicht nur der amerikanischen Dekadenz zuschreiben. Die Globalisierung hat die Korridore geöffnet, dass die Nationalstaaten unterminiert werden und das Kapital mit seinen Verwertungsinteressen keine Grenzen mehr kennt. Die Entstaatlichung, die in den USA immer ausgeprägter und präsenter war als in Europa, ist hier wie dort fortgeschritten. Die europäischen Versuche, das durch eine vereinigte Anstrengung einerseits zu forcieren und andererseits durch die neue Struktur dem Allgemeinwohl ein essenzielles Primat zuzuschreiben, sind gescheitert. Die nationalen Regierungen, vor allem der Länder, in denen die Produktivkraft blüht, hängen am Bändchen der Lobbys und sind ratlos.

Die Bevölkerung, sowohl in den USA als auch hier, das wird sich im Wahljahr 2017 zeigen, weiß ziemlich genau, was sie nicht mehr will, aber sie weiß nicht oder noch nicht, wohin sie politisch will. Das macht die Lage spannend und gefährlich zugleich. Aber es sind nicht die einfachen Leute, die durch ihre so zynisch genannte Bildungsferne den Populisten auf den Leim gehen. Das ist eine neue Legende, die so gerne erzählt wird. Der Populismus ist das Kind einer Politik, die sich nicht mehr um das Schicksal derer schert, die unter der Akzentlosigkeit einer sozial unverantwortlichen Politik geschreddert werden.

Vielleicht wären Bescheidenheit und Redlichkeit eine Reaktion, die viele erwarten und die neues Vertrauen schaffen könnten. Wie wäre es, zuzugeben, von den Herausforderungen der Globalisierung und der Macht der ewigen Gewinner überfordert zu sein? Was wäre, wenn es zu einer gemeinsamen Beratung von Bevölkerung und den politischen Mandatsträgern käme, die ein gemeinsames Programm gegen den Sozialkannibalismus zum Ziel hätte? Wahrscheinlich kein Rezept, denn Rezepte sind außer in der Medizin mit Vorsicht zu genießen. Aber vielleicht so etwas wie eine gemeinsame Perspektive? In den USA, da werden Antworten auf diese Fragen folgen, und es wäre einmal eine Neuerung, wenn das kollektive Deutschland nicht wie das Kaninchen vor der Schlange säße und zehn Jahre später alles kopiert.

Wann kommt der deutsche Trump?

Die Empörung ist groß. Immer, wenn der Name Donald Trump fällt, sind sich die Beobachter hierzulande schnell einig, dass diese Figur nicht nur ein Ärgernis darstellt. Nein, oft folgt im gleichen Atemzug die Äußerung, dass es sich bei diesem Gegenentwurf eines Politikers um ein typisches amerikanisches Dekadenzphänomen handelt. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Trumps Gegenkandidatin Hilary Clinton in diesem Vergleich viel zu gut wegkommt, denn ihre Vita beinhaltet vieles, was vor allem europäische Friedensfreunde in hohem Maße beunruhigen sollte, ist die Aussage mehr als blauäugig. Denn der bisherige Erfolg Donald Trumps kann auch als eine Warnung angesehen werden. Er ist ein Vorbote für einen dramatischen Wechsel im politischen Geschäft weltweit.

Die Globalisierung mit ihren heutigen Konnotationen ist eine Epoche, die exorbitant viel von denjenigen verlangt, die sie noch lesen und verstehen wollen. Die einstige Nationalstaatlichkeit hilft schon lange nicht mehr dabei, das zu verstehen, was jedermann betrifft. Längst reichen nationale Aktionen nicht mehr aus, um dem zu begegnen, was die Globalisierung bewegt. Ein Grund dafür ist die Assistenz vieler nationaler Politiken, dem Agieren der Global Player aus einem nationalen Interesse zu begegnen. Ohne Gegenwehr wurde die Ideologie des sich selbst regulierenden Marktes übernommen und der Untergang ganzer sozialer Klassen begünstigt. Das Gesetz der maximalen Verwertung bei Plünderung nationaler Ressourcen von Mensch bis Materie wurde flankiert von einem Defätismus bei der Beteiligung derer an den entstandenen lokalen Kosten, die als die Gewinner aus diesem Prozess herausgingen, hat zu einer Demontage vieler Gemeinwesen geführt. Letztere wären jedoch der letzte Garant bei der Regulierung der gesellschaftlichen Kosten, die durch die ungezügelte individuelle Bereicherung entstehen.

Monokausale Ansätze zur Erklärung der destruktiven Prozesse nützen nichts mehr, denn sie greifen zu kurz. Das Verständnis der Globalisierung setzt die Fähigkeit voraus, Komplexität zu erfassen, Interdependenzen zu erkennen und die Verhältnisse nach den konvergierenden oder sich entgegenstehenden Interessen zu strukturieren. Mit dieser Aufgabe sind viele überfordert. Flankiert wird diese wachsende Unfähigkeit, die von der Klasse der Politiker über die Gruppe vieler Wissenschaftler bis hin zu den Wählerinnen und Wählern reicht, durch eine atemberaubende Erosion von Bildung und Wissen. Die Globalisierung hat mit der Digitalisierung der Kommunikation ein Höllentempo der Informationsweitergabe geschaffen, das vermeintlich keine Zeit mehr lässt für die ruhig und kühl angelegte Analyse. Dass letztere auch in den Bildungsinstitutionen ad acta gelegt worden ist, macht die desolate Situation perfekt.

Was passiert, wenn die Menschen zwar täglich die ganze Wucht der Veränderungen zu spüren bekommen, aber nicht mehr in der Lage sind, zu erklären, warum das so ist und woher das kommt? Sie suchen nach schnellen Erklärungen, die Sicherheit zurückbringen. Diese Erklärungen sind jedoch zumeist falsch und treffen das Phänomen nicht, aber sie beruhigen die Emotion und führen zu der vermissten Sicherheit. Die Reduktion von Komplexität kann bei der Analyse der Phänomene zwar helfen, aber die Komplexität selbst bleibt davon unberührt. Wem das ob des eigenen Vorteils egal ist, der haut in diese Kerbe.

Donald Trump ist so einer und die amerikanische Gesellschaft auch. Auch sie hat gerade in den letzten zwanzig Jahren traumatische Erlebnisse hinter sich und sucht nach Sicherheiten. Das liegt in der Natur der Sache und es wird dazu kommen, dass analoge Erscheinungen auch in der deutschen Gesellschaft greifen werden. Der Reflex gegen eine Politik, die die harten sozialen Schläge gegen wachsende Minderheiten mit sich bringt und die Unfähigkeit, die multiple Kausalität zu lesen, wird auch hier Figuren dazu animieren, den Trump zu machen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Die Quacksalber der Globalisierung

Dass die Welt immer komplexer wird, gehört zu den Grundsätzen von Erkenntnis, die vorhanden sein sollte, wenn eine Diskussion über mögliche Gestaltungsmöglichkeiten mit Aussicht auf Erfolg geführt werden soll. Das Medium der Gestaltung dieser Welt ist und bleibt die Politik. Keine noch so avancierte Fachdisziplin und keine noch so elaborierte Philosophie werden in der Lage sein, die Millionen von losen Enden so zusammenzuführen oder auch zu separieren, um sinnhafte soziale Beziehungen daraus zu formen. Auch wenn es für so manchen Zeitgeist kaum noch zu ertragen ist, die Res Publica bleibt auch in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung das höchste Konstrukt, mit dem sich das soziale Wesen Mensch zu befassen hat.

Und genau so, wie sich die immer schneller werdende Kommunikation von den tatsächlichen Wegen des materiellen Vollzugs dieser Kommunikation hinweg bewegt, genau so viel Zeit liegt zwischen der Aktualität der politischen Erklärungsmuster und den tatsächlichen sozialen Bewegungen. Um es deutlich zu sagen: So schnell die Kommunikation auch sein mag, der Weg von Manila nach Rotterdam, der erforderlich ist, um den vielleicht an der Börse vereinbarten Handel zu vollziehen, beträgt auf dem Seeweg immer noch vier bis sechs Wochen. Und so schnell bestimmte politische Fakten geschaffen sind, bis die Fähigkeit in Form einer Theorie diese neuen Fakten zu erklären entwickelt ist, vergehen wahrscheinlich einige Jahre, ein Zeitraum, der angesichts des atemberaubenden Tempos technokratischer Faktizität nahezu unerträglich erscheint.

Es macht gar keinen Sinn nach Schuldigen zu suchen. Es gibt sie schlicht nicht. Die Kluft zwischen realer Lebenswelt und hinreichender theoretischer Erklärung gab es immer, und ob sie tatsächlich angesichts der binären Beschleunigung noch größer geworden ist, muss sich noch herausstellen. Was sich angesichts der Säugung des Menschen durch die digitalen Instrumente dramatisch verändert hat, ist die Fähigkeit des letzteren, mit unerklärten Phänomenen umzugehen. Angesichts dieser Perspektive war der Mensch des Mittelalters ein glücklicher, weil er sowohl Leidensfähigkeit und Geduld mit sich brachte. Geduld ist heute eine aussterbende Tugend und deshalb haben sich die Tore weit geöffnet für ein bestimmtes Metier, das sehr verwandt ist mit den Schamanen und Spökenkiekern, den Voodoo-Zauberern und den Drogenphilosophen der Vergangenheit.

Ihre Konjunktur entstammt der als groß empfundenen zeitlichen Lücke zwischen realen Fakten und Politikerklärung. Das hat zum einen objektive Gründe, zum anderen entspringt es der wachsenden Unlust der politischen Klasse, ihr eigenes Geschäft zu betreiben, indem sie darauf verzichten, die politisch komplexe Welt noch erklären zu wollen. In dieses Gap springen nun die Quacksalber der Neuzeit. Es handelt sich dabei nicht einmal mehr um spirituelle Sinnstifter oder narkotisierende Trostspender, sondern um Triebtäter im Namen einer Spezialwissenschaft. So ist es auch die Aura der Wissenschaftlichkeit, welche ihnen beim großen Publikum die notwendige Legitimation verschafft. Im Zeitalter des Szientismus haben die Wissenschaften längst den Status von Zivilreligionen erreicht, die entgegen ihren kritischen Wurzeln zu Dogmatismus und Besserwisserei neigen.

Im Moment sind es vor allem Vertreter aus der historischen Wissenschaften und, schlimmer noch, der Ökonomie, die im Brustton der Überzeugung die komplexe Welt der Politik erklären und keinen Widerspruch dulden. Ihre Inthronisierung als diejenigen, die die Welt zu erklären in der Lage sind, ist ein fataler Rückfall in die Vor-Aufklärung. Die Politik ist das einzige Medium, das in der Lage ist, die sozialen Konstrukte dieser Welt zu gestalten und zu erklären. Es wird Zeit, dass sie den Quacksalbern der Globalisierung das Handwerk legt.