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Krieg und Frieden

In einem monumentalen Werk beschrieb er ein monumentales Ereignis. Leo Tolstoi hat mit Krieg und Frieden eine Erzählung geschaffen, die einzigartig ist. Sie ist einzigartig, weil sie ein historisches Ereignis beschreibt, die Invasion der napoleonischen Armee nach Russland, und weil Tolstoi es vermocht hat, wahrscheinlich unter Tränen, diesen großen, und für alle Seiten so verheerenden Krieg zu beschreiben, ohne Partei im klassischen Sinne zu ergreifen. Er schrieb als Russe nicht für Russland und als Kritiker des Zarismus nicht für Napoleon. In Krieg und Frieden ergriff Tolstoi nur Partei für die Menschlichkeit, die in diesem wie in anderen Kriegen auf allen Seiten bedroht ist und vor die Hunde geht. Auch die Sieger zahlen ihren Preis und auch ihre Konten sind nach dem Krieg voll mit Leid und Groll. Auch die Guten waren böse und auch die Bösen haben gute Taten vollbracht. Das menschliche Leid, so muss das eine große Vermächtnis aus Tolstois Werk paraphrasiert werden, ist die einzige Konstante in einem Krieg.

Es ist töricht, allein aus dieser Erkenntnis heraus der Welt als Verzweifelter zu entschleichen. Immer wieder gibt und gab es Situationen, die nur durch einen Krieg im Hinblick auf eine sinnvolle Zukunft aufgelöst werden konnten. In der jüngeren Geschichte waren das zum Beispiel der Krieg gegen das faschistische Deutschland, der Krieg der Vietnamesen gegen Frankreich und dann die USA, der Krieg der Indonesier gegen die Niederlande oder auch der Krieg der Iren gegen Großbritannien. Eine zentrale Komponente bei diesen Kriegen war, auch im Kampf gegen Hitler, das Recht auf Selbstbestimmung. In keinem der genannten Kriege ging es um diese oder jene Staatsform, um keine Situation der Menschenrechte und um keinen Zustand des Rechtswesens.

Im Unterschied dazu sind die Kriege, die in der Historie als ungerecht einzustufen sind, immer ein Kampf um Ressourcen, Märkte oder geostrategische Vorteile gewesen. Die verehrte Leserschaft möge das durchdeklinieren, die Übung wird sie überzeugen. Insofern ist der Konflikt um die Vorkommnisse in der Ukraine, einmal abgesehen von der ungeheuren Brisanz, mit der sie auf Europa wirken, eine schöne Übung. Die Position des Westens ist insofern interessant, als dass sie versucht, den Aspekt der Selbstbestimmung in den Vordergrund zu stellen, aber den der Ressourcen (Russlands Öl und Gas), den der Märkte (Ukraine, vielleicht auch Russland) und den der Geostrategie (den Gürtel um Russland enger schnallen) nicht deutlich kommuniziert.

Selbstverständlich ist Russland keine Demokratie im bundesrepublikanischen Sinne, selbstverständlich werden in Russland Menschenrechte verletzt und selbstverständlich verfolgt Russland derweilen eine imperiale Politik. Aber mit diesen Merkmalen steht Russland auf der Welt nicht allein. Da könnte man auch gegen China, Indien oder, das wäre für einige ein Fest, auch den USA den Krieg erklären. Aber im Moment geht es um die Ukraine. Wenn es ein Diktum aus dem Westen geben muss, dann ist es das der Selbstbestimmung. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist ein hohes Gut und in diesem, und nur in diesem Fall, ist es angebracht, dem Tribunen Putin die Schranken zu weisen. Aber bellizistische Pläne mit seiner Regierungsführung zu begründen, das ist geistiges Tollhaus. Da böten sich bessere Felder. Zum Beispiel Ungarn. Was dort in Sachen Menschenrechten exerziert wird, sollte uns alle beschämen. Oder Bayern! Was dort in der Justiz passiert, passt in das Format orientalischer Despotien. Warum schicken wir keine NATO-Truppen nach Bayern? Das wäre bei den Begründungsansätzen, mit denen momentan mögliche militärische Interventionen unterlegt werden, sogar konsequent.

Deutsche Systeme und brasilianische Suggestion

Es existiert ein Phänomen in Deutschland, das bis in das tägliche Arbeitsleben reicht und weit in unsere Geschichte zurück geht. Es hängt zusammen mit dem Denken in großen Systemen, die alles erklären und – vermeintlich – keine Fragen mehr offen lassen. Es lässt sich verfolgen bis in die Religion und die verbissenen Kämpfe um sie, wird aber am deutlichsten bei Betrachtung der klassischen deutschen Philosophie. Ob Fichte oder Schelling, Kant oder Hegel, sie alle schufen komplexe, alles erklären wollende Systeme, die letztendlich so wuchtig wurden, dass ihnen kaum noch jemand folgen konnte. Was sie alle gemein hatten: auch wenn sie es reklamierten, sie gingen nicht vom Menschen, sondern immer von einem Gott oder einer Idee aus, die übermächtig war.

Heute treffen wir auf dieses Phänomen in den Niederungen des Arbeitslebens. Es wird ein Idealzustand proklamiert, und gemäß der Beschreibung werden dann Anforderungsprofile für die formuliert, die diesen Idealzustand erreichen sollen. Nicht die Potenziale der konkreten Menschen, sondern die Erfordernisse des Normativen bestimmen dann alle Aktivitäten, die folgen. Das geht so bis in die Teamentwicklung und geht meistens nicht gut aus. Übertreibt man dieses Vorgehen, dann entweicht jegliche menschliche Kreativität und es macht sich große Unsicherheit breit.

Bundestrainer Löw war bei dem bisherigen Turnierverlauf auf diesem Trip, zumindest solange, bis ihn der kollektive Aufschrei der Nation nach dem Spiel gegen Algerien selbst an seinem einsamen Strand erreicht hat. Er hatte sich den Idealzustand, seinen Idealzustand, skizziert und war dabei, die Potenziale der Einzelnen den restriktiven Anforderungen seines idealtypischen Systems zu opfern. Gegen Frankreich ließ er sich gnädig stimmen und setzte nicht nur die individuellen Ausnahmekönner dort ein, wo sie am besten sind, sondern er lockerte auch die teutonischen Variante des Tiki Taka, Ballbesitz und Kontrolle um jeden Preis, auch wenn das komplette Publikum in Ohnmacht fällt. Spiel wie Ergebnis überzeugten, die Frage, die bleibt: entscheidet er sich gegen Brasilien nun für das System oder das Potenzial und reagiert er ängstlich auf den Gegner, ein tödlicher Fehler bei der Letzten Europameisterschaft oder formuliert er Ziele entsprechend der Potenziale. Mit dieser Frage steht Löw nicht allein, er repräsentiert einen Diskurs, der uns alle betrifft.

Brasilien zeigte hingegen wieder einmal, wie sehr es getragen wird von dem Wunsch und dem unbedingten Willen einer ganzen Nation, letztendlich diese Trophäe im Land zu behalten. Das Diktum hat den Charakter des Spiels in diesem Land und in diesen Tagen völlig verändert, das schöne Spiel, das immer durch Kategorien wie Ästhetik und Artistik zu überzeugen wusste, ist einer brachialen Willenserklärung gewichen. Das Team von Kolumbien, geformt und instruiert von dem Fußballphilosophen José Pekerman, wurde einfach überrollt und seiner Gestaltungsmöglichkeiten beraubt. Es wurde schlichtweg mit Wucht und Emphase niedergerungen. Der suggestive Impetus der brasilianischen Nation scheint bis dato die stärkste Kraft des Turniers zu sein und wer das bezweifelt, der sehe sich noch einmal das Tor von David Luiz an, es war purer Wille und Voodoo zugleich. Die große Schattenseite des Spiels war der spanische Schiedsrichter, der durch seine Nachlässigkeit bei der Ahndung von gezielten Fouls die psychologische Möglichkeit der Inquisition Neymars erst schuf. Nach Logik der FIFA wird der Übeltäter Zuniga wahrscheinlich seine Karriere überdenken müssen und der Schiedsrichter geht mit einem verklausulierten schriftlichen Hinweis nach Hause.

Die Szene des wiederum amerikanischen Duells war nach dem Spiel, als der Voodoo-Schütze Luiz den zusammenbrechenden Rodriguez in den Arm nahm und tröstete und dabei von Marcelo unterstützt wurde. Wer aus den Favelas kommt, der kennt die Übermacht der Enttäuschung und den Schmerz, der daraus resultiert. Es bleibt bewegend.

Der Fall des Hochmuts

Es gibt Situationen im Leben, da ändert sich alles. Da musst du dich beweisen und stehst ganz allein. Und es hilft dir nichts und niemand. Alles, was du an Hilfsmitteln so sehr schätzt, zählt nichts, jede Technik und Taktik gilt plötzlich nichts mehr. Alles, was du hast, bist du selbst. Und wenn du diese Herausforderung meisterst, dann deshalb, weil du alles gegeben hast, wozu du in der Lage bist. Denkst du zulange nach, ist es schon vorbei, reklamierst du Hilfe von außen, hast du ebenfalls keine Chance. Nur du bist entscheidend und alles, was du in diesem Moment mobilisieren kannst. Muhammad Ali, der Größte, hat solche Situationen auf den Sport umgemünzt. Aber diese Beschreibung ist so treffend, dass sie auch im zivilen Leben hilft. Champions, so seine kluge wie gültige Definition, Champions haben eine Vision, sie sind schnell, sie können und sie wollen, aber der Wille ist wichtiger als das Können.

K.O.-Spiele simulieren die beschriebene Situation, in der es auf alles in nur diesem einen Moment ankommt. Und vor einer solchen stand gestern das deutsche Team. Bemüht man Alis Definition von Champions, dann ist die Messe schnell gelesen: Sie können, aber sie haben wohl keine Vision, sie sind nicht schnell und von Wille war erst sehr spät etwas zu spüren. Die meiste Zeit des Spiels war für uns Betrachter so gruselig, dass sie keine Zeile verdient. Algerien präsentierte sich als eine wunderbare Mannschaft, die eine Vision hatte, zuweilen schnell war, konnte und wollte. Dass sie nicht erfolgreich war, lag daran, dass die Deutschen spät begriffen, dass sie kämpfen mussten, ohne die Verluste im Vorhinein zu kalkulieren. Sie verließen für einige Augenblicke ihre Schwarzwälder Sparclub-Mentalität und hatten unsägliches Glück. Dass sie davon überhaupt noch etwas beanspruchen konnten, verdankten sie dem verlorenen Sohn im Tor, der über den Platz fegte wie ein American Footballspieler und sich damit als eine der spielerisch schillerndsten Figuren des Turniers empfahl.

Alles andere ist ein Desaster. Das Bilanzieren ist der Worte nicht wert. Wer sich mit dieser Mentalität durchsetzt, nimmt dem Turnier seinen bisherigen Glanz und reklamiert für sich den Coup. Das hat Holland gegen Mexiko bereits praktiziert, Frankreich in Grenzen gegen Nigeria, eine Partie, die auch zu Beschäftigungen in der nahegelegenen Küche stimulierte, und nun, in seiner ganzen Peinlichkeit, das deutsche Team. Nun verrät sich auch, in den Gesprächen danach, mit wem wir es im eigenen Lande zu tun haben. Wer jetzt davon faselt, es hat doch gereicht, den kann man als Bündnispartner für aktive Gestaltung des Lebens abschreiben. Die deutschen Edelathleten haben sich mit Algerien zu einem Ringkampf getroffen, sich hinein begeben und als sie nicht mehr weiter wussten, den Revolver aus dem Strumpf gezogen und abgedrückt.

Vor dem Turnier wurde in ernster zu nehmenden Kreise bereits darüber reflektiert, ob diese Generation von Deutschen, inklusive Trainer, noch das Gen besitzen, das sie in der Vergangenheit nicht nur im Fußball ausmachte: Kämpfen und, wenn es sein muss, zurückzukommen. Wir wissen es immer noch nicht. Aber egal, was noch passiert, sie haben sich schäbig präsentiert, auch wenn sie erfolgreich waren. Es war der Abend Algeriens. Chapeau, Respekt, und Bismillah, euer Gott war nicht bei euch, aber ihr, ihr allein habt den Fußball in dieser Nacht gerettet!