Schlagwort-Archive: Dr. Gerhard Mersmann

Die Schmerzen der Emanzipation

Jörg Thadeuz. Steinhammer

Ein Buch schreiben zu können, das unter verschiedenen Aspekten unter die Haut zu gehen vermag, ist ein großes Vermögen. Jörg Thadeusz ist dieses zumindest mit dieser Erzählung gelungen. Unter dem schlichten Titel „Steinhammer“, der Name einer Straße in Dortmund-Lütgendortmund, einem historischen Arbeiterviertel des Ruhrgebiets, erzählt er die Geschichte dreier Jugendlicher in der Nachkriegszeit. Präzise trifft er das, was als Lokalkolorit bezeichnet werden kann. Da tauchen Dialoge auf, die jeder kennt, der in dieser historischen Phase im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und sie repräsentieren die geistige Lage nach dem Krieg und beim Wiederaufbau, mit all seinen Rudimenten von Traumata, Verdrängung, unverbrüchlichem Optimismus und Traurigkeit in einem. Allein diese Milieustudien sind die Lektüre wert, wären da nicht die drei biographischem Verläufe der Protagonisten. Ein Mädchen aus gutem Hause, die der Krieg in das Viertel verschlagen hat, der Sohn eines Kriegsversehrten, der einen Kiosk betreibt und die letztendlich entscheidende Hauptfigur. Der Stiefsohn eines Onkels, der dem Vater versprochen hat, falls er im Krieg fällt, sich seines Sohnes anzunehmen. Dieser selbst eine schillernde, aber typische Figur, seinerseits Inhaber eines Frisörsalons mit mehr oder weniger angegliederter Kneipe, in der mächtig getankt wird. 

Es geht um die Beziehung der drei Freunde untereinander. Die Liebe zwischen dem Ziehsohn des Frisörs und dem Mädchen und die Freundschaft beider mit dem Sohn des Kioskbesitzers, der seinerseits alleinerziehend ist, weil seine Frau früh verstarb. Es geht um erfüllte und unerfüllte Wünsche, es geht um den Drang, der Enge wie Engstirnigkeit zu entfliehen und es geht um das Band, das trotz unterschiedlicher Wege bis zu deren Tod bestehen bleibt. 

Das Mädchen geht nach Hamburg und schlägt eine bürgerliche Karriere ein, den Sohn des Kioskbesitzers treibt es nach Amerika und der eigentliche Protagonist, dessen Vorlage der real existierende Maler Norbert Thadeusz ist, wird zunächst Dekorateur und schafft es dann in die Kunsthochschule in Düsseldorf und avanciert zu einem angesehenen Maler. 

Das alles ist gewoben in einer gekonnt erzählten Handlung, die Spannung nicht missen lässt und das Werk wirklich zu einem Pageturner macht. Die Nachkriegsepoche im Pott wird exzellent eingefangen, genauso wie die Aufbruchstimmung der jungen Künstler in Düsseldorf, das in dieser Periode mit Figuren wie Joseph Beuys eine Strahlkraft entwickelte, die bis in die etablierten internationalen Metropolen der Kunst hineinreichte. 

So ganz nebenbei bekommt die Leserschaft einen Eindruck, welch großes Glück es war, über Kunst und Bildung dem von Kohle und Dreck geprägten Milieu zu entkommen. Und gleichzeitig fand diese Emanzipation unter großen Schmerzen statt, die geprägt waren von dem Gefühl des Verlustes aus der Not geborener menschlicher Nähe und der Selbstbezichtigung des Verrats. Keine der Biographien, die Jörg Thadeusz da mit empathischer Feder nachzeichnet, verläuft glatt und kein Befreiungsschlag gelingt ohne Wunden. 

Das alles macht „Steinhammer“ zu einem einfühlsamen, grundehrlichen Buch mit intellektueller wie mentaler Weite, aber immer fest im Griff der rauen Hand mit den dreckigen Fingernägeln, die im Ruhrgebiet dieser Zeit die Regie führte. Ich zumindest hatte lange Zeit kein Buch mehr in der Hand, das mich so in den Bann zog und berührt hat.

Ukraine: Nicht im Bett einer Kriegspartei

Patrik Baab, Auf beiden Seiten der Front. Meine Reise in die Ukraine

Der mittlerweile als Dritter Golfkrieg klassifizierte Angriff der USA auf den Irak mit dem Ziel, den damaligen Herrscher Saddam Hussein zu entmachten und schließlich zu ermorden, brachte neben einem weiteren Bruch des Völkerrechts noch eine Innovation mit sich. Aufgrund der negativen Erfahrungen mit unabhängigen Kriegsreportagen ersann man ein System, das mit dem Terminus Embedded Journalism bezeichnet wurde. Was mit der Einbettung von Journalisten gemeint war, wurde sehr schnell deutlich. Sie bekamen nur eine Akkreditierung, wenn sie sich vom amerikanischen Militär führen ließen und exklusiv über das berichteten, was diese Militärs ihnen zeigten. Die Unabhängigkeit der Berichterstattung war dahin und die staatlich sanktionierte Propaganda wurde zum Standard. Was damals zu einem Aufschrei im Gewerbe des Journalismus führte, gilt heute als normal.

Der Krieg in der Ukraine ist ein Paradebeispiel für diese Art des Paradigmenwechsels. Jeden Tag kann beobachtet werden, wie der Journalismus zur Partei verkommen ist – auf beiden Seiten. Und man könnte die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen und verzweifeln, gäbe es nicht ab und zu Ausnahmen, die zu wichtigen Einsichten führen. Patrik Baab, noch vor dem Erscheinen seines Buches vom vereinigten Propagandakonsortium bis hin zu Versuchen der existenziellen Vernichtung diskreditiert, hat sich der Gefahr ausgesetzt und sich die Mühe gemacht, beide Seiten der Front zu besuchen. In seinem Buch „Auf beiden Seiten der Front. Meine Reise in die Ukraine“ schildert er nicht nur die Auswirkungen, sondern auch die Entstehung des Krieges aus beider Sicht. Letzteres haben bereits andere zur Genüge dargelegt, was bei Baab allerdings besticht, ist die Präzision, mit der er die wirtschaftlichen Verflechtungen und Interessen beschreibt, die neben dem Aspekt der Geostrategie eine immense Rolle spielen. 

Das Panorama, das angesichts von Baabs Beschreibungen entsteht, ist alles andere als eindeutig und dazu geeignet, das Bild von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse zu zeichnen, welches die eingebetteten Journalisten jeden Tag bis zur Erschöpfung von sich geben. Was auffällt, ist die Dominanz der USA in der Regie wie in der Vertretung von Interessen: sowohl in Bezug auf wirtschaftliche Vorhaben als auch unter dem Aspekt von Geostrategie. Die jahrelangen Aktivitäten der NATO wie die zahlreichen Verträge durch amerikanische Konzerne sind ein Portfolio, das man unbedingt im Auge haben muss, wenn man sich ein Urteil bilden will. 

Neben Geschichten von Einzelschicksalen, die immer dazugehören und die Baab in empathischer und stilistisch packender Weise zu erzählen weiß, sind die vielen Fakten des vorliegenden Buches eine echte Herausforderung. Dass er bei all den Details den Blick für das große Bild nicht aus den Augen verliert, beweist das letzte Kapitel, das den unheilvollen Titel trägt: Jalta: Promenade der Schlafwandler.

Das dort dargelegte Resümee sollte alle anregen, die noch nicht den Verstand verloren haben aufgrund der täglichen Beschallung durch den Eingebetteten Journalismus, der sich für keine unreflektierte Parteinahme zu schade ist. Patrik Baab liegt nicht im Bett einer Kriegspartei. Das macht die Lektüre so aufschlussreich.